23.10.1972

POLIT-KUNSTAlles ordentlich

Mit ironischen Aufrufen, CDU zu wählen, und Schein-Attacken gegen die SPD greift der Heidelberger Graphiker Klaus Staeck in den Wahlkampf ein.
Klaus Staeck, 9, war so verwirrt, daß er zum Fremdwörter-Lexikon griff. In seinem Herbstzeugnis 1947 hatte der Drittkläßler ein Wort gelesen, das er noch nicht kannte. "Klaus", stand da, "ist zynisch".
Das ist er bis heute geblieben -- für seine Gegner. Vor allem die CDU hat den Heidelberger Graphiker, Galeristen und Rechtsanwalt Staeck, inzwischen 34, als "Verleumder", "Panikmacher" und "Hetzer" durchschaut.
Denn Staeck, seit 1960 Mitglied der Heidelberger SPD, treibt, mit Ironie und lebhaftem Echo, einen Solisten-Wahlkampf gegen die Christen-Union -auf Plakaten.
So fordert er im Groß-Format "Die Reichen müssen noch reicher werden" -- und empfiehlt: "Deshalb CDU." So mahnt er "Die Mieten müssen steigen" -- und weiß auch Remedur: "Wählt christdemokratisch." So warnt er deutsche Arbeiter: "Die SPD will euch euere Villen im Tessin wegnehmen."
Solch politischer Schabernack zu Lasten der frommen Partei wird in den nächsten Wochen hunderttausendfach an Litfaß-Säulen und Anschlagtafeln, in Klassenzimmern und Studenten-Buden, als Mini-Aufkleber an Windschutzscheiben, Ladenfenstern und Bauzäunen oder als politischer Postkartengruß im Briefkasten auftauchen.
Denn Staecks Wahl-Hilfen sind begehrt, seit es dem Graphiker gelang. hunderttausend Wahl-Prospekten der SPD sein Poster-Angebot (Einzelpreis: fünf Mark; bei Sammel-Aufträgen Ermäßigung auf eine Mark) beizulegen. Nun kann sich der schmächtige Künstler. der im Einmann-Unternehmen seine Werke selbst verlegt und vertreibt, vor Bestellungen kaum mehr retten. 10 000 "Tessin"-Plakate beispielsweise orderte der SPD-Landesverband Baden-Württemberg; eine Wählerinitiative in Köln will 3000 Blätter plakatieren; Oberhausens Jusos können "erstmal 1000" gebrauchen.
"Mit brüderlichem Gruß" bittet der Iserlohner SPD-Bildungsobmann um 50 Poster, und ein Lehrer aus
dem Niedersachsen-Dorf Oberbillingshausen verlangt "noch einmal 50 Stück". um sie "im Vorbau unseres Hauses so zu placieren" daß die Kirchgänger sie beim Verlassen der Kirche studieren" müssen. Schüler betteln -- "wenn möglich mit Autogramm" -- um Staecks Stücke und ermuntern ihn gelegentlich mit einem "PS: Nur weiter so."
Kein Zweifel: Klaus Staeck ist ein Star der sozialdemokratischen Wahl-Hilfskampagne. Seine oft in Biedermanns-Pose vorgebrachte Hinterlist. (Staeck: "Alles ganz ordentlich") ist über Nacht zum Hit geworden. Schon wähnt Staeck sich. melancholisch, auf dem "Höhepunkt meiner Popularität".
Begreiflich -- denn innerhalb kurzer Zeit hat Staeck allein mit seinen Aufklebern eine Auflage von fast 200 000 Stück erreicht. Bestseller mit 130 000 Exemplaren: Ein als "Bedienungsanleitung" getarntes Löwenthal-Photo mit der -- ernstgemeinten -- Anweisung "Abschalten. wenn dieses Bild erscheint" (siehe Seite 89).
Den künstlerischen. satirischen und organisatorischen Aufwand betreibt Staeck "praktisch zum Selbstkostenpreis". Der "Gerechtigkeits-Typ" (Staeck über Staeck). der bescheiden und "immer auf der Kippe" in Heidelbergs Altstadt lebt. will aus "meiner politischen Überzeugung und meiner Popularität keinen Profit" schlagen, um "nicht auch auf diesem Gebiet noch die Heuchelei" einzuführen.
Das Bedürfnis zu kritisch-ironischem Gegen-Denken entwickelte der im sächsischen Pfefferkuchen-Städtchen Pulsnitz geborene. in Bitterfeld aufgewachsene Sohn eines pommerschen Rentmeisters in seiner DDR-Jugend als "benachteiligtes Mittelstandskind". Weil er Filmregisseur werden wollte. aber Maurer werden sollte, ging er 1956 in die Bundesrepublik, studierte Jura und wurde Rechtsanwalt in Heidelberg.
Zur Kunst neigte er, autodidaktisch, eher nebenher. Zum erstenmal machte er auf sich aufmerksam, als er im betulichen Heidelberg die Mischkunst-Veranstaltung "Intermedia 69" zuwege brachte, dabei ein Kaufhaus-Gemälde erfolgreich einem vollen "Constructa"-Waschgang unterzog und so "Platz für die wahre Kunst" machte.
Noch mehr Aufsehen erregte Staeck. als er zwei Jahre darauf eine alte Frau mißbrauchte: Mitten in die Dürer-Euphorie klebte er ein Pamphlet-Plakat an Nürnberger Litfaß-Säulen mit der vergrößerten Dürer-Zeichnung der alten, arg zerknitterten Künstler-Mutter und fügte, so listig auf die Kluft zwischen Kunstverständnis und sozialem Anstand deutend, einen Satz hinzu: "Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?"
Solche Lakonie, den "Mut zur Binsenweisheit", entlehnte Staeck der aufklärerischen Methodik des größten deutschen Polit-Künstlers: John Heartfield (1891 bis 1968), bürgerlich Helmut Herzfeld aus Berlin.
Heartfield hatte als Mittel zur künstlerisch-politischen Enttarnung des deutschen Bürgers vor allem der frühen Nazi-Zeit die Photomontage erfunden und die lapidare Verbindung von Photos und entlarvendem Text ohne jeden Kunst-Schwulst so genial genutzt, so daß auch "einfache Leute" den satirischen Angriff verstanden.
Heartfield im Herzen, wagte Staeck im vergangenen Frühjahr den ersten politischen Einsatz für die SPD im baden-württembergischen Landtags-Wahlkampf -- mit gemischtem Erfolg. Aufgebrachte rechte Wahl-Bürger bedrohten ihn telephonisch und anonym: "Du Schwein, dich machen wir fertig." Sein Plakat "Die Reichen müssen noch reicher werden -- deshalb CDU" empfand die Union als "Diffamierung einer großen Volkspartei" und ließ es, aus "namensrechtlichen Gründen" (so Jurist Staeck), verbieten. (Staeck druckt es, bislang unbeanstandet, weiter -- mit dem Ersatz-Aufruf: "Wählt christdemokratisch".)
Kollegen-Rat aus diesem Anlaß nahm Staeck ernst: Als ein CDU-Anwalt den Künstler ermahnte, statt ironischer Polit-Parolen "doch lieber lyrische, romantische Sachen zu malen", zum Beispiel "das Heidelberger Schloß, das ist doch auch schön", reagierte Staeck prompt: Seine Edition vertreibt eine "Original-Postkarte" -- Titel: "Schloß, Innenhof" -- mit einem zum Gruppenphoto aufgereihten SA-Sturmtrupp aus dem Jahre 1936.
Zum Bundestags-Wahlkampf hat Staeck, durchaus in Erwartung neuer Auseinandersetzungen mit CDU-Wählern und CDU-Juristen. sein Repertoire erweitert: Er bietet nicht nur Gedrucktes, sondern auch Geschmiertes -- "Dr. Barzel"s Schmierseife" ("schmier-aktiv", "schleimdynamisch"), die der Käufer "dick auftragen" soll.
Dick auftragen ("damit die Leute es merken") will Staeck auch, wenn er in Kürze die CDU-Wahlplattform besteigt und sich auf einem Plakat mit dem "ordnungspolitischen Wahn" der Christenunion auseinandersetzt. Nämlich so: "Entmannt alle Wüstlinge." Dazu, freilich, unerläßlich: "Wählt christdemokratisch."

DER SPIEGEL 44/1972
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