23.10.1972

PERSONALIENRainer Barzel, Heribert Mugler, Christine Schuberth, Dieter Heck, Werner Finck, Ben Wargin

Rainer Barzel, 48, Christ-Candidatus, hatte im Fernsehen nichts zu fürchten. Als die Hamburger Windrose-Dumont-Produktion für den TV-Spot "Parteien zur Wahl" den CDU-Führer durch "gut zwei Dutzend wacher Studenten" (Regisseur und Produzent Walter Knoop) kritische Fragen über Hochschulpolitik und Innere Sicherheit stellen lassen wollte, präsentierte CDU-Pressechef Willi Weiskirch dem Team "nur sieben bis acht" -- darunter den Jura-Studenten (und Bruder des Bonner CDU-MdB Alo Hauser) Norbert. Der Studiker, der seinem Bruder "hin und wieder den Ghostwriter macht" und der Jungen Union Bad Godesberg vorsitzt: "Es war nichts abgesprochen."
Heribert Mugler, 33, Testfahrer bei den Grazer Puch-Werken. geriet mit seiner Kehrseite zum Kunstwerk. Für ein Handgeld von 400 Schillingen (etwa 60 Mark) hatte er mit lockerem Hosenbund Mitgliedern einer werksinternen Photogruppe Modell gestanden -- ohne indes zu ahnen, daß die Kollegen die rückwärtige Ansicht den Veranstaltern der örtlichen Avantgarde-Festspiele "Steirischer Herbst" als Plakatmotiv andienen würden (Abb.). Als das Manns-Bild dann Prospekte und Litfaßsäulen zierte -- "Herbst"-Generalsekretär Paul Kaufmann: "Es soll dynamische Aufbruchstimmung ausdrücken" -, widerfuhr dem Fahrer nichts als Unbill: Bekannte begannen zu hänseln, seine Ehefrau drohte mit Scheidung. Letzte Woche entschloß sich Mugler, auf eine Million Schilling (140 000 Mark) Schadenersatz zu klagen.
Christine Schuberth, 28, Hauptdarstellerin ("Josefine Mutzenbacher"), beschäftigt mit "an echten Plattn-Hit" Wiener Untersuchungsrichter. Grund: Ein Doppelalbum originaler Mutzenbacher-Texte, Anfang letzten Jahres von dem österreichischen Sex-Starlet in ihrer Heimat-Hauptstadt aufgenommen und durch die Frankfurter Plattenfirma Bellaphon in bisher 5000 Exemplaren (Preis: 29 Mark) vorzugsweise über Sexläden vertrieben, kollidiert mit alpenländischen Pornographie-Paragraphen. Das Wiener Gericht begann allerdings erst zu ermitteln, nachdem ein "Anzeiger vom Dienst" (so der zuständige Richter) Anstoß genommen hatte: Vorletzten Freitag lud es sowohl Leinwand-Liebhaberin Schuberth als auch Tonstudiobesitzer Gerhard Bronner zur Vernehmung. Die Mutzenbacherin -- "kleiner Busen, kleiner Po, bei mir sagt keiner 'whow', wann er mi siacht" -- weiß bislang nicht, ob es überhaupt zum Prozeß kommt: "Was kann ma denn da kriagn?" -- höchstens sechs bis zwölf Monate Kerker.
Dieter "Thomas" Heck (bürgerlich: Carl-Dieter Heckscher), 34, Funk- und TV-Lautsprecher, ist mit einem Kollegen "fertig", weil der "sich wieder mal wichtig machen" wollte: Sänger Drafi Deutscher. Barzel-Anhänger Heck, der seit Wochen mit einer "Hitparade-Schar zweitklassiger Unterhaltungskünstler im Dienst der CDU durch deutsche Lande zieht, gastierte vergangenen Montag in Hamburgs Musikhalle -- diesmal ohne Christdemokraten-Auftrag, was der platte Plauderer "fairerweise" zu Beginn des Abends kundtat. Am Schluß aber griff Interpret Deutscher -- bei der CDU-Tingel-Tournee nicht dabei, weil Barzels PR-Stab am bewegten Vorleben des Jungmannes Anstoß genommen hatte -- noch einmal zum Mikrophon und rief in den Saal: "Hallo Leute, Willy wählen!" Christen-Freund Heck, der "für den Jungen immer derartig viel getan" hatte, stürzte wütend von der Bühne. Deutscher hinterher: "Ich habe mich geärgert, daß dieser Heck dauernd mit einer Tasche herumläuft, auf der ein CDU-Slogan steht"
Werner Finck, 70, Kleinkünstler, fand in "Bild" Falsches von Finck. Vergangenen Dienstag vermeldete das Springer-Blatt, dem Kabarett-Altmeister sei "ein Gag für die Bundestagswahl eingefallen": "Ich bin zwar Mitglied der SPD, kann aber die Ostverträge nicht akzeptieren. Deshalb wähle ich diesmal CDU. Im übrigen bin ich aber mit der SPD zufrieden und werde auch nicht aus ihr austreten." Finck, der niemals eingetreten ist: "Völlig aus der Luft gegriffen. Ich werde die wählen, die mir keinen Ärger machen, wenn ich sie nicht wähle." Ein "Bild"-Redakteur über die Falschmeldung: "Ein Übermittlungsfehler."
Ben Wargin, 42, "Macher" (Wargin über Wargin), nahm "eine politische Ersatzhandlung" vor: Weil es "mir stinkt", daß bei den Bundestagswahlen "zwei Millionen Berliner stimmlos sind", ließ sich der Kunstclown unter den Bildhauern der Halbstadt vergangenen Dienstag vor Schloß Bellevue, dem Amtssitz des Bundespräsidenten, mit einem Tuch den Mund verbinden (Wargin: "Als Zeichen politischer Entmündigung") und startete ein "höchst parteiisches" Schildkrötenrennen (Photo). Die Kriechtiere mit Partei-Emblemen auf den Panzern sollten die Bewerber für Bonn symbolisieren, denn: "Bei den Parteien geht es auch nicht schneller." Ergebnis: Nach "vier Durchgängen" lag "die CDU knapp vorn". Wargin ward nicht zufrieden: Noch drei Stunden zuvor hatte das SPD-Tier bei einer Generalprobe als erstes den Einlauf beendet.

DER SPIEGEL 44/1972
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