21.11.1972

ORKANDicker Hund

Unerwartet hat sich „ein ganz normales Tief der gemäßigten Breiten“ entgegen der Norm verhalten. Die Folge: 63 Tote in Westeuropa.
Am Sonntag vor der Wahl griff Dr. Heinrich Kruhl, Leiter der Wetterdienstabteilung im Seewetteramt Hamburg, zum Telephon, um sich bei seinem Amt nach der Wetterlage zu erkundigen. Der diensthabende Meteorologe meldete dem Chef; "Da kommt ein ganz dicker Hund ran."
Kruhl war nicht beunruhigt. Der "Hund" war schon zwei Tage vorher östlich von Neufundland ausgemacht worden: ein heranziehendes atlantisches Tiefdruckgebiet, wie es sich jedes Jahr viele Male bildet, von "den Wetterfachleuten als "ganz normales Tief der gemäßigten Breiten" registriert. Solche unheilträchtigen Wetterzonen, Regen und Sturm andräuend, entladen sich in der Regel über dem Atlantik -- und auch diesmal schien sich das Tief nach dem Lehrbuch zu entwickeln.
Gleichwohl taten die Meteorologen, was sie in dieser Situation immer machen, so etwa auch im Februar des Jahres 1962 vor jener Flutkatastrophe, die dann 315 Norddeutsche umbrachte: Sie warnten -- am Sonntag um 14.45 Uhr -pflichtgemäß ihre "Warnkunden": Behörden, Polizei, Feuerwehr und Abonnenten der Wirtschaft. Und auch die Gewarnten reagierten wie sonst in dieser Situation, so etwa auch im Februar 1962: Sie zurrten ein paar Kräne fest, aber sie nahmen die Warnung nicht sonderlich ernst.
Um diese Zeit schon brach Unheil, ausgehend von jenem "Lehrbuch-Tief", über Europas größte Inseln herein: Irland und England meldeten die ersten Unwettertoten. Im Südwesten Englands, wo unter Kaskaden von Regenstürmen der Fluß Afan über die Ufer trat, ließ an diesem "Floody Sunday" ("Daily Mirror") die "schlimmste Flut seit Menschengedenken" (so Port Talbots Bürgermeister Warren) Hunderte von Wohnungen absaufen.
Zur gleichen Zeit preschten in Hamburg, dem leidgeprüften Zentrum der Hochwassernot von 1962, Dutzende von Feuerwehrzügen durch die Straßen -- aus Jux. Berufliche Brandbekämpfer und freiwillige Dorfwehren rissen für das Publikum die Löschzughallen und Spritzenhäuser auf und feierten das hundert jährige Jubiläum organisierter Feuerwehr. Auf Feuerwehrbällen, so im Hotel "Atlantic"" schwangen die frohen Brandmeister das Tanzbein. Vom Atlantik her nahte unterdes eine andere Musik.
Und seltsam genug, wenngleich menschlich verständlich: Als keine 24 Stunden später der Orkan mit Windgeschwindigkeiten bis zu 200 km/h -- fast dem Höchsttempo eines Porsche-Sportwagens -- in den nordwestdeutschen Regionen die Dächer abzuheben begann, rechneten selbst in Hamburg viele amtliche Katastrophenschützer immer noch mit einer Art Routine-Übel. Ein Brandmeister räumte ein: "Es war genau wie bei der Flut, keiner nahm es ernst, wir dachten: Na ja, es kommt ein Sturm."
In Wahrheit kamen just zum hundertjährigen Jubelfest der Feuerwehr "die schwersten Unwetter, die seit hundert Jahren in Deutschland registriert wurden" (so die "Welt"). 63 Westeuropäer fanden den Tod, am schwersten betroffen wurden Niedersachsen (21 Tote) und die DDR (18 Tote); die angerichteten Sachschäden, auf viele hundert Millionen Mark geschätzt, waren auch Ende letzter Woche noch nicht voll übersehbar.
Die Schneise der Zerstörungen auf dem Kontinent -- stürzende Häuserwände, Dächer, Gerüste und Bäume -reichte von Holland, wo in rasendem Tempo die Windmühlen durchdrehten, bis zum fernen Posen, wo die blasende Windsbraut die Miliz aus den Kasernen jagte. Der Sturm fauchte schwere Laster von den Autobahnen, knickte Kräne, DDR-Wachttürme, den 245 Meter hohen Ost-Berliner Sendemast zu Königs Wusterhausen, und er beschädigte zahlreiche Kirchen -- vergleichsweise gering noch in Hildesheim, wo sich plötzlich Gläubige und Ungläubige von dem herabsausenden zentnerschweren Turmkreuz der katholischen Kreuzkirche bedroht sahen.
In Bochums Sternwarte wurde der Parabolspiegel so stark beschädigt, daß er zum Mondflug von "Apollo 17" am 6. Dezember wohl nicht funktionsfähig sein wird. Im nahen Essen-Mülheim sah sich die dreiköpfige Notbesatzung mit ihrem zur Bier-Reklame verwendeten Luftschiff plötzlich hochgerissen. Die entsetzten Luftschiffer ließen das Gas ab, ihr Flugkörper ging in Trümmer.
In der Luft, wo sich die Mehrheit der Bürger besonders unsicher fühlt, in einem der durch den Orkan torkelnden Passagierflugzeuge, die außer bei "Crosswind"-Situationen selbst in brüllendem Sturm noch starteten oder landeten, kam indes niemand zu Schaden. Die meisten Orkan-Opfer starben zu Lande -- und das häufig genug durch unvorsichtiges, gewiß sorgloses Verhalten.
An der amerikanischen Ostküste, wo jedes Jahr im Durchschnitt drei bis neun Hurrikane heranbrausen, kamen -- anders als früher -- in den letzten Jahren nur verhältnismäßig wenige Menschen durch die Wirbelstürme zu Tode. Ein ausgeklügeltes Warnsystem informiert die Bevölkerung bedrohter Landstriche unablässig über Kurs und Stärke des Sturmes, und die Bedrohten verhalten sich entsprechend -- sie gehen in Deckung.
Eindringlich gewarnt wurden auch die sturmgefährdeten Deutschen in Ost und West. Die Ost-Berliner zum Beispiel sahen sich aufgefordert, in den Häusern zu bleiben oder jedenfalls die U-Bahn zu benutzen. In Niedersachsen appellierte der Rundfunk an die Lehrer, die Kinder in den Schulen festzuhalten. Radio Bremen mahnte wenigstens Alte und Gebrechliche, nicht ins Freie zu gehen, wo stürzende Bäume und umherfliegende Trümmerbrocken sie gefährdeten. Der Norddeutsche Rundfunk verbreitete unter Hinweis auf zu erwartende "Windstärken zehn bis zwölf" eine Warnung. die von den Meteorologen "nur sehr selten" ergeht, um die Hörer nicht zu immunisieren: "Achtung, Unwetterwarnung für ganz Nordwestdeutschland."
Aber "die Bevölkerung", deren Mehrheit den Wetterprognosen so oder so nicht traut, "nimmt diese Warnungen nicht ernst genug" (so Meteorologe Kruhl). Tatsächlich gingen die mündigen Bürger unter Sturmgebraus selbst dann noch blindlings ihren Geschäften nach, wenn ihnen schon die schweren, holzgerahmten Wahlparolen ihrer Politiker um die Ohren flogen. Hausfrauen setzten ihren Einkaufsbummel fort, obwohl ringsum Glas splitterte und Ziegel schepperten.
Selbst Wahlkämpfer Walter Scheel brach eine Wahlkampfansprache am Hamburger Mönckebergbrunnen zehn Minuten nach Beginn erst ab, als herabsegelnde Dachziegel wirklich bedrohlich aufs Pflaster schepperten.
Besonders gleichmütig zeigten sich viele Autofahrer. Statt sich in Sicherheit zu bringen, bestaunten sie entwurzelte Bäume, bis sie selber von einem Baum erschlagen wurden.
Wartende hielten an Bushaltestellen wacker aus, bis ihnen Mauerbrocken und Dachteile auf die Köpfe fielen. Und hinter den umjaulten Glasfassaden der Hochhäuser ergötzten sich kichernde Sekretärinnen am Anblick von Menschen, die sich tief drunten schräg gegen den Sturm stemmen mußten. Schaulustige auch an der Elbe bei Hamburg-Neumühlen: Mehr als zwei Dutzend Passanten beobachteten dort gespannt, wie Schlepper "Erna" drei Seeleute eines sinkenden Binnentankers aus dem Wasser fischte, doch keiner kam auf die Idee, für die Unterkühlten einen Rettungswagen herbeizurufen,
"Doch man kann der Bevölkerung keinen Vorwurf machen", meint Kruhl, "weil man nicht ermessen kann, was kommt, wenn man nicht mit dem Wetter lebt." Das konnten die Meteorologen zum Nachteil der mit dem Wetter Gestorbenen offenbar auch nicht -- jedenfalls nicht rechtzeitig.
Zunächst hatten die Wetterkundler noch gehofft, der heranziehende Orkan werde sich wie sonst über dem Atlantik austoben. Von den US-Wetterschiffen im Atlantik kamen nur spärliche Funkinformationen, "so daß wir eine schlechtere Analyse hatten". Die Meteorologen reagierten erst, als das unheilvolle Tief am Sonntag schon Irland erreicht hatte, denn nun drohte Gefahr für die südliche Nordsee. Kruhl: "Es kommt gelegentlich vor, daß so ein Ding mal ein bißchen aus der Bahn gerät und ein paar hundert Kilometer südlich zieht."
Das Hauptsturmfeld geriet über Nordwestdeutschland. mit höchster Intensität über der Linie Oldenburg -- Hannover -- Oberharz -- eine Laune des Orkans, die laut Sturmwarner Kruhl am Sonntag "nicht vorhersehbar" war.

DER SPIEGEL 48/1972
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