21.11.1972

FLUGZEUGBAUVerluste gesichert

Mit Hilfe einer Abschreibungsfirma versucht ein Landshuter Flugzeug-Konstrukteur eine neue Kurzstart-Maschine in die Luft zu bringen.
Seit neun Jahren und auf fremde Rechnung flickt Rationalisierungsfachmann Wolfgang Grabowski, 47, in einer Halle am Landshuter Flugplatz abgestürzte Sport- und Reisemaschinen zusammen.
Jetzt will der "Autodidakt im Flugzeugbau" (Grabowski über Grabowski) höher hinaus. Mit einem Team von 14 Konstrukteuren und acht freien Mitarbeitern hat er in einem ehemaligen Installateur-Betrieb in München-Perlach einen eigenen Flugapparat entwickelt. Getrieben von zwei Turboprop-Motoren mit je 1088 PS Leistung und finanziert mit Steuergeldern, soll sich Grabowskis "Kurzstart Mehrzweck-Flugzeug AM C 111" im nächsten Sommer zum erstenmal in die Lüfte heben.
Doch während sein Mehrzweck-Vogel, der sich in einem Viertelstündchen vom Passagierflugzeug (20 Sitze) zum Frachter (zwei Tonnen Nutzlast) mausern läßt, recht konventionell konzipiert ist, schlägt Grabowski bei Produktion und Vertrieb der neuen Flugmaschine recht ungewohnte Wege ein.
Den Serienbau der einzelnen Teile überläßt seine "Air-Metal" in- und ausländischen Flugzeugwerken, weil "ohnehin schon genug Kapazität in der Branche vorhanden ist" (Grabowski).
Die Montage zum fertigen Flugzeug will der Landshuter Tüftler ebenfalls in andere Hände geben. Lizenznehmer -- wie etwa die Firma Avia-Technique in Libreville (Gabun) oder die Reparaturwerft Ronchetti-Razetti Aviación in Rosario (Argentinien) -- erhalten den Grabowski-Vogel als Teile-Baukasten, verpackt in drei Containern. In eigener Regie können sie ihn dann zusammenschrauben.
Neben Zoll- und Kostenersparnissen haben aufstrebende Flugzeugindustrielle in Entwicklungsländern obendrein noch einen Geltungsnutzen: Die Lizenznehmer dürfen die Turboprop-Maschine aus dem Container als eigenes Produkt ausgeben und "draufmalen, was sie wollen" (Grabowski).
Je Flugzeug will die Air-Metal 40 000 Mark Lizenzgebühren erheben. 14 "solide Partner", die später auch die Wartung übernehmen sollen, will der Landshuter Miniatur-Industrielle bereits in aller Welt gefunden haben.
Er selbst investierte in sein neues Fluggerät bisher 1,2 Millionen Mark. Für den Bau der beiden Prototypen und der zur Materialprüfung vorgeschriebenen Bruchzelle braucht er jedoch insgesamt 9,1 Millionen Mark.
Sein Erfindergeist hat ihn auch bei der Finanzierung nicht verlassen. Mit der unverbrüchlichen Überzeugung, daß "Steuerbegünstigungen für ein inländisches Entwicklungsprojekt gerechtfertigter sind als etwa für Hotels in Spanien" (Prospekt-Text), will Grabowski das notwendige Eigenkapital von 5,5 Millionen Mark bei anlagelüsternen Ärzten und Anwälten einsammeln.
Er lockt sie in seine Air-Metal mit Verlustzuweisungen von durchschnittlich 156 Prozent für die kommenden drei Jahre. Die Flug-Kommanditisten bestreiten somit den Löwenanteil ihrer Einlage aus ersparten Steuern. Bei einer Steuerbelastung von 50 Prozent und einer 100 000-Mark-Beteiligung muß ein Luftfahrt-Förderer ärztlichen Standes lediglich 22 000 Mark aus der eigenen Tasche holen.
Das nötige Fremdkapital will Grabowski durch Lieferantenkredite und vorausbezahlte Lizenzgebühren zusammenscharren. Außerdem soll der Bund bei den Landshuter Luftsprüngen mithelfen: Grabowski hat Antrag auf einige Millionen Mark Darlehen gestellt.
Fördert Bonn mit, dann sind die Verdienstmöglichkeiten für die Anleger in jedem Fall lukrativ. Münchner Steuerexperten errechneten, daß bei einer Air-Metal-Pleite, bei der das Bundesdarlehen zum verlorenen Zuschuß wird, einem Kommanditisten mit 100 000 Mark Einlage immer noch 9000 Mark Gewinn bleiben. Sollten dann bereits die Prototypen verkauft sein, hat der Kommanditist sogar 33 000 Mark in der Kasse.
Doch der Bundes-Zuschuß für die Air-Metal ist vorerst noch ungewiß. Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums meint sogar: "Ich sehe hier und heute keine Möglichkeit."
Dennoch bleibt den Kommanditisten aus Praxis und Kanzlei ein solider Trost. Macht das Air-Metal-Projekt vorzeitig Bruch, dann brauchen sie wenigstens die ersparten Steuern nicht nachzuentrichten, wie dies bei anderen Abschreibungsfirmen der Fall ist. Denn die Herstellungskosten für die Prototypen, die Bruchzelle und die ersten fünf Grabowski-Vogel der Null-Serie gelten als Aufwendungen für Entwicklung und Forschung und können damit sofort voll abgeschrieben werden.
Grabowski: "Zumindest die Verluste sind auf jeden Fall gesichert."

DER SPIEGEL 48/1972
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