21.11.1972

US-MARINEFeuer im Schiff

Schwarze Seeleute rebellieren gegen rassische Benachteiligung, und konservative See-Offiziere rebellieren gegen ihren OB, der die Neger auf die Kommandobrücke lassen will.
Auf ihren Fernsehschirmen sahen die Amerikaner Schreckliches: Im kalifornischen Hafen San Diego verweigerten 130 zumeist schwarze Seeleute vor dem 75 000 Tonnen großen Flugzeugträger "Constellation" die Befehle ihres Kommandanten und ballten die Fäuste zum Black-Power-Gruß.
Vom Meer war zurückgekehrt, was die Amerikaner aus ihrem Land verdrängt zu haben glaubten: Rassenkrawall, Vietnamkrieg. militanter Protest.
Für die U. S. Navy ist die Meuterszene im Hafen von San Diego nur Glied einer Serie von Zwischenfällen. die die traditionsbewußte und stolze Waffengattung der amerikanischen Streitkräfte ins Schlingern brachte. "Weitere Zwischenfälle werden folgen". warnte Navy-Personalchef Admiral David Bagley vergangene Woche in Washington.
Andere, schlimmere waren schon vorausgegangen:
* Auf dem Flugzeugträger "Kitty Hawk" prügelten sich am 12. Oktober weiße und schwarze Seeleute während eines Einsatzes vor Nordvietnams Küste. Vierzig weiße und sechs schwarze Matrosen wurden verletzt, 25 Seeleute -- alle schwarz -- vorläufig festgenommen.
* Auf dem Tanker "Hassayampa" wurden vier Tage später bei Rassenauseinandersetzungen vier Seeleute verwundet. 11 Matrosen wieder alle schwarz -- landeten im Bau.
* Die "Constellation" mußte am 3. November ein Manöver abbrechen. weil sich etwa 200 der 540 schwarzen Matrosen auf dem Messedeck zu einem Sitzstreik gegen Rassendiskriminierung niedergelassen hatten.
Wie zuvor in Armee und Marine-Infanterie verbinden sich jetzt auch in der Navy rassische Spannungen und Anti-Kriegsgefühle zu einer explosiven Mischung. Das Pentagon sieht in ihr die mögliche Ursache auch für andere Zwischenfälle der letzten Monate, nämlich:
* Ein Feuer auf dem Flugzeugträger "Saratoga", bei dem drei Seeleute ums Leben kamen,
* eine Explosion auf dem Kreuzer "Newport News", bei dem zwanzig Matrosen getötet wurden,
* ein Feuer auf dem Flugzeugträger "Forrestal", das Schaden im Wert von mehreren Millionen Dollar anrichtete und
* mehr als fünfzehn Sabotage-Akte auf dem Flugzeugträger "Ranger"
von zerstörten Ventilen über entschärfte Bomben bis zu "beschädigten Turbinen -- die zum Teil durch das Zeichen "stop our ship" (SOS) als gezielte Aktionen gekennzeichnet waren.
Der Aufruhr trifft die Navy zu einem Zeitpunkt besonderer Anfälligkeit: Seit die Armee ihre militärischen Aktionen in Vietnam eingestellt hat, trägt die Flotte neben der Luftwaffe die Hauptlast des Krieges. Der Einsatz rund um die Uhr heizt die Stimmung vor allem auf den Flugzeugträgern an. Hinzu kommt: Die Flotte, mißtrauisch gegenüber jedem Wandel. wird derzeit auf Freiwillige umgestellt, so daß Spannungen sich besonders leicht entladen.
Marine-OB Admiral Elmo Zumwalt, 52, der vor 30 Monaten als jüngster Vier-Sterne-Admiral der US-Geschichte das Kommando übernahm, will den Dienst zu See humanisieren und erwarb sich dadurch bei den Mannschaften den Ehrennamen "Zorro": Wie der Hollywood-Held der dreißiger Jahre gilt er den Maaten und Matrosen als Rächer der Entrechteten. In den Offiziersmessen von San Diego bis Charleston machte er sich dafür wenig Freunde.
Die zumeist konservativen und aus den Südstaaten stammenden Navy-Offiziere verübelten ihrem Chef vor allem die Bemühungen. die Stammkader der Flotte durch Außenseiter zu erweitern: durch Frauen und Schwarze. Zumwalt kommandierte weibliches Navy-Personal zum Dienst auf Kriegsschiffe, und er versprach in gezielten Werbeaktionen in den Gettos und an schwarzen" Universitäten Negern, die in der alten Navy höchstens in der Kombüse dienen durften, einen Platz auf der Kommandobrücke. In insgesamt zweihundert Programmen und Tagesbefehlen versuchte der Admiral, den heute 31 688 schwarzen Seeleuten in der rund 590 000 Mann starken Marine Gleichberechtigung zu verschaffen.
Doch der Seemannsalltag blieb für die Schwarzen unerfreulich. Sie werden noch immer schneller bestraft und langsamer befördert als ihre weißen Kameraden. Sie bekommen die schlechtesten Posten, und haben die beste Chance, unehrenhaft aus der Navy entlassen zu werden. Nur knapp ein Prozent des 76 000 Mann starken Offizierskorps der Marine "ist schwarz, nur einer unter rund 300 Admiralen.
Zumwalt war nicht bereit, seine Vorstellungen von "Der Marine von heute" dem Widerstand der Offiziere von gestern zu opfern. Nach dem Sitzstreik von San Diego lud er 90 Admirale zu einer Standpauke ins Pentagon: "Der Grund für den Fehlschlag sind nicht die Programme, sondern die Tatsache. daß sie nicht verwirklicht wurden."
Zumwalt drohte den Offizieren an, daß in ihren Führungszeugnissen künftig neben ihrer nautischen und militärischen Befähigung etwas Neues benotet werde: ihr Verhalten gegenüber Minderheiten.

DER SPIEGEL 48/1972
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