09.10.1972

DIRNENMänner als Trophäen

Eine wissenschaftliche Befragung von Prostituierten ergab, daß in allen Fällen eine „denkbar ungünstige Kindheit“ den Weg auf die Straße vorgezeichnet hat.
Sie gelten als verworfen, gierig nach Sex und Geld und wohl ein bißchen geistesschwach. Das gesunde Volksempfinden stuft sie ganz unten ein: als hemmungslos und triebhaft. Die Gesellschaft hält sie für durch und durch verderbt. Schlimmer, so meint man. sind nur noch Sittlichkeitsverbrecher.
Dabei wünschen sich auch die meisten Prostituierten nichts sehnlicher als ein Häuschen samt Familie, vielleicht eine Boutique. einen Friseursalon. Auch sie träumen von einem ordentlichen Mann, der sie umhegt und umsorgt, der sie nicht als Hure behandelt. sondern als Frau akzeptiert.
Sie lehnen die Pille ab, haben Kinder und möchten, daß einmal etwas wird aus denen, der Sohn möglichst ein Arzt. die Tochter, wenn's klappt. Stewardeß -- sie werden der Welt schon zeigen. daß sie eine Frau sind wie andere auch.
Sogar über sich selber denken sie fast so, wie die anderen es tun: Kaum eine übt ihre Tätigkeit richtig gern aus, die meisten sind "angeekelt" oder fühlen sich "gedemütigt und verachtet". Sie möchten vermeiden, daß "Nachbarn. Kaufleute und Bekannte, mit denen man privat zusammen ist", davon erfahren, welchem Beruf sie nachgehen.
Und sie finden es schon gerecht, daß sie ein bißchen härter angepackt werden. Nur jede zehnte Prostituierte halt die Gesetze, die ihr Tun reglementieren, für überflüssig, jede vierte aber in Ordnung, daß auch sie Steuern zahlen soll. Kaum ein Zweifel: Ihre Ziele -- nur eben die Mittel nicht -- "sind mit denen der Gesellschaft identisch".
Zu dieser Feststellung gelangte die gebürtige Erfurterin Dorothea Röhr, 29, Assistentin an der Psychosomatischen Klinik der Universität Gießen, bei dem "Versuch, den ideologischen Schleier über der Prostitution zu lüften" -- ein Versuch, den sie an Ort und Stelle unternahm und über den sie jetzt Bericht erstattete*.
Um die "individuellen Faktoren" kennenzulernen, "die eine Frau veranlassen, sich zu prostituieren", begab sich die Wissenschaftlerin nach Frankfurt, wo sie zwischen Juli und September 1969 im Polizeirevier am Wiesenhüttenplatz 98 Frauen interviewte, die dort festgesetzt worden waren, weil sie im sogenannten Sperrbezirk umherstrichen.
Ungefähr die Hälfte von ihnen war keine 25, also erst nach dem Krieg geboren, 15 schon zwischen 30 und 55. Acht kamen als renommierte Autodirnen, vier aus Lokalen, der Rest von der Straße. Als niedrigsten Tagesverdienst notierte die Befragerin 30 Mark, als höchsten 600 für durchschnittlich fünf Kunden auf ein Viertelstündchen.
Durch die Antworten auf 155 Fragen (Beispiel: "Welche Vorzüge hat Ihr Beruf?"), die sie sich von den Prostituierten in oft mehrstündigen Sitzungen erteilen ließ, fand die Gießener Assistentin die These bestätigt, daß Prostitution "notwendiges Produkt einer monogamen Gesellschaft", nicht aber etwas "Naturhaftes" ist, durch das "die Gesellschaft von der Verantwortung für die Existenz dieser Institution freigesprochen" werden könnte.
Nach allem, was sie zu hören bekam, beruht für Dorothea Röhr die gesellschaftliche Ächtung der Prostituierten schlicht auf doppelter Moral: Stillschweigend gesteht die Gesellschaft den Männern sexuelle Freiheiten auch außerhalb der Ehe zu, lauthals verurteilt und verstößt sie die Frauen, die diese "bequemste Art der Triebbefriedigung" -- allerdings gegen Bezahlung -- erst ermöglichen.
Daß sie sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt erbringen, hat laut Dorothea Röhr entgegen landläufigen Meinungen mit Armut oder Verwahrlosung, Entartung oder polygamer Veranlagung der Prostituierten nichts zu tun; vielmehr sind sie nichts als "Opfer und zugleich Akteure" einer "Ventilsitte" -- der Sitte, strenge Bräuche gelegentlich konfliktlos zu umgehen.
Und da hilft oft auch ordentliche soziale Herkunft, abgeschlossene Schulbildung und alle Intelligenz nichts: Die 98 Prostituierten von Frankfurt kamen aus allen, auch besseren Schichten, nur
* Dorothea Röhr: "Prostitution". Suhrkamp Verlag. Frankfurt; 202 Seiten: sechs Mark
zwei von ihnen mußten in die Sonderschule, 82 hatten die Volksschule, 13 Prozent -- mehr als allgemein üblich -- die Mittelschule absolviert, eine war sogar zur Universität gegangen.
Bis auf elf, die sich gleich an die Ecke stellten, hatten alle auch einen richtigen Beruf ausgeübt -- 89 Prozent gegenüber nur 30 Prozent der deutschen Frauen insgesamt. Zwar war aus dem erträumten Job -- die meisten hatten Stewardeß, Mannequin. Krankenschwester oder Filmstar werden wollen -- nichts geworden, aber auch als Kellnerin, Buchbinderin oder Locherin hielten sie eine Weile durch. über die Hälfte fünf Jahre und länger. Dann gingen 38 auf die Straße. 14 heirateten, die restlichen 35 wechselten erst noch einmal den Beruf, vergeblich: Zu einer erfolgreichen Berufskarriere fehlten ihnen, so die Röhr-Diagnose, "Leistungsmotivationen und Bindungsfähigkeit" Merkmal verkorkster Kinderjahre. Und tatsächlich: Gut ein Drittel (38) der Frankfurter Prostituierten waren Keim- und Pflegekinder gewesen, waren von den Eltern abgelehnt und abgeschoben worden und ohne jenes Urvertrauen" geblieben, das erst das Kind, später den Erwachsenen befähigt, "Belastungen zu ertragen" und Bedürfnisse "auf sozial legitime Weise zu befriedigen" (Röhr). Vom Rest waren 26 ohne Vater oder Mutter und nur 34 in intakten Familien aufgewachsen -- auch diese aber ohne seelische Bindung an die Eltern, immer vergebens auf der Suche nach Zuwendung. Bestätigung und Anerkennung.
Was so "denkbar ungünstig" begann, konnte laut Dorothea Röhr auch nicht gut enden. Um ihrer selbst willen geliebt zu werden, war den Mädchen im Elternhaus verwehrt geblieben, was ihnen an zwischenmenschlichen Beziehungen entgangen war, das sollten "wahllose Kontakte vergessen lassen". Eines Tages. so die Psychologin, glaubten die Mädchen "vermutlich, Zuwendung nur über sexuelle Dienstleistung zu erreichen" -- Sexualität als Mittel zum Zweck.
Schon im Alter zwischen 15 und 20 wetteiferte die Mehrheit mit Freundinnen, wer die meisten Verabredungen mit Männern hatte. Männer wurden zur "Trophäe, die man sammelt"; nur so meinten sie, "Bewunderung und Bestätigung" erreichen zu können. Und Geld mußte schließlich Liebe symbolisieren, die Mark war nicht Währungs-, sondern Streicheleinheit, Sexualität nicht Lust, sondern Leistung.
Bis zum 17. Lebensjahr waren, wie die Frankfurter Befragung ergab, 61 Prozent der Prostituierten defloriert -- bei Frauen allgemein sind es in diesem Alter erst 28 Prozent. Nicht 40 Prozent wie der Durchschnitt hatten bis zum 20. Lebensjahr den ersten Koitus hinter sich, sondern 95 Prozent.
Aber es war nicht "Freude an der Tätigkeit", der sie dann als Prostituierte nachgingen; die empfand nur eine einzige. Sie entschuldigten sich auch selten mit finanzieller Not oder anderem Zwang, lehnten es ab, Prostitution "als Produkt unglücklicher Umstände" zu werten, und bestanden -- zu 60 Prozent -- darauf, alles sei eigene Initiative gewesen.
Für die Autorin Röhr hatte diese Bekundung "etwas Verzweifeltes an sich: Es wird Omnipotenz demonstriert, wo in Wirklichkeit Ich-Schwäche ist", wie wenn Kinder versuchen, eigenwillig und trotzig sich gegenüber ihrer Umwelt zu behaupten. Wie die Kinder: Auch Prostituierte umgeben sich mit Puppen und Teddybären, mindestens mit einem Hund: in Frankfurt kamen nur acht ohne das aus.
Die meisten sind oder waren verheiratet, 22 wurden geschieden, doch fast alle lebten mit einem Mann (darunter zwei Polizisten) zusammen, den sie "lieben und gerne haben" und weil sie "nicht allein sein wollten". Dafür bestreiten die meisten auch den größten Teil des gemeinsamen Lebensunterhalts -- viele zahlen 1000 Mark und mehr monatlich Miete für ihre beiden Wohnungen, eine berufliche und eine "mit Spitzendeckchen und Nippesfiguren", der das "private Glück" vorbehalten bleibt und wo niemand was weiß, auch die eigenen Kinder nicht -- 97 davon haben die Frankfurterinnen.
Den "Schein der Bürgerlichkeit" zu wahren, ist nach den Erkundigungen der Gießener Forscherin auch Aufgabe des Zuhälters" den die Prostituierte braucht, "um ihre Außenseiterposition ertragen zu können und um nicht in sozialer Isolation total zu verkümmern" -- in jener Isolation, wo Prestige vom Standplatz (bevorzugt: der Frankfurter Hauptbahnhof), von der Höhe der Grundtaxe (mindestens 50 Mark in der Westendstraße), von Hautfarbe und Nationalität der Kunden abhängt: 95 Prozent lehnen Neger, 64 Prozent Gastarbeiter ab. Dorothea Röhr: "Die Prostituierten geben die Verachtung, die ihnen von der Gesellschaft zuteil wird, an andere diffamierte Gruppen weiter" -das schafft "ein Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft".
Das Gefühl, so scheint es, ist mitunter so stark, daß es ihnen die Sprache verschlägt: Auf die Frage, was sie seien, hatten die 98 in Frankfurt keine Antwort. Keine sagte "Prostituierte", sondern nur, wenn überhaupt. "Protestuierte".

DER SPIEGEL 42/1972
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