09.10.1972

VOLKSWAGENLetzte Weihe

Zur Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt im Herbst 1973 will der VW-Konzern sein neues Modell der Käfer-Klasse präsentieren.
Auf dem weiten Geviert des Parkplatzes vor der Abteilung "Technische Entwicklung" des VW-Werks in Wolfsburg stand, an einem Werktag Ende letzten Monats. nur ein einziges Auto.
Um das schockrot lackierte, aber sonst eher unscheinbare Gefährt hatten sich die Spitzen des Konzerns versammelt. VW-Generaldirektor Rudolf Leiding sowie die Wolfsburger Chef -Techniker Professor Ernst Fiala und Hans-Georg Wenderoth gaben dem Prototyp "EA 337" die letzte Weihe. Der Neuling im roten Blechkleid soll mithelfen, dem angeschlagenen Autoriesen aus dem Allertal wieder eine ertragreiche Zukunft zu sichern.
Schon vom nächsten Herbst an wird. nach den Vorstellungen der VW-Planer, der Zweitürer mit seiner abfallenden Motorhaube und dem Schrägheck in Großserie von den Wolfsburger Bändern rollen. Der EA ("Entwicklungs-Auftrag") 337 soll anfangs noch parallel zum Käfer, als gleichwertiger Bruder, produziert werden. Aber schon in einigen Jahren soll er -- zumindest auf dem deutschen und amerikanischen Markt -- das nun schon 36 Jahre alte Buckelauto ablösen.
Knapp zwei Dutzend Exemplare vom Typ EA 337 sind bislang in den Hallen der Entwicklungsabteilung fast in Handarbeit gefertigt worden. Nur auf den Versuchsstrecken innerhalb des streng abgeschirmten VW-Geländes wurden die Prototypen getestet. Nicht einmal als mit Karosserie-Versatzstucken getarnte "Erlkönige" wurden sie außerhalb des Werks auf Versuchsfahrt geschickt.
Freilich, weder das den jüngsten Fiat-Erzeugnissen frappierend ähnliche 337er Blechkleid noch gar was darunter steckte scheint diese (in der Auto-Industrie eher traditionelle) Geheimhaltung zu rechtfertigen.
"Mehr Fahrzeuge mit Frontantrieb und wassergekühlten Motoren" hatte Leiding schon kurz nach seiner Amtsübernahme als VW-Chef angekündigt.
Der Neue aus Wolfsburg hat einen wassergekühlten, querliegenden Vier-Zylinder-Motor von 1,3 Liter Hubraum. Und zum erstenmal wird, nach den Adoptiv-Produkten von NSU und Audi, auch eine echte Wolfsburger Entwicklung Frontantrieb haben.
Das Fahrwerk des Käfer-Bruders ist keineswegs fortschrittlicher als das vergleichbarer Ausländer, etwa des Renault R 5 oder des neuen Peugeot 104: Federbeine vorn und Querlenker hinten sind offenbar alles, was einigen Tausend Technikern in Europas größtem Automobilkonzern dazu einfiel.
Der 55-PS-Motor, immerhin eine Eigenentwicklung der Wolfsburger. soll den Trapez-Käfer bis zu 145 Stundenkilometer schnell machen. Auch wird das Triebwerk (der in vielen Ländern zu erwartenden Abgasbestimmung wegen) mit bleifreiem Benzin auskommen.
Blech-Knautschzonen am Bug und Heck. in die Rückenlehnen integrierte Kopfstützen sowie Stoßstangen, die auch noch einen 15-Stundenkilometer-Aufprall ohne Karosserieschäden überstehen lassen sollen, sind der Tribut an künftige US-Sicherheitsnormen.
Auch über die Preisfrage haben sich die Wolfsburger schon Gedanken gemacht: voraussichtlich zwischen 7000 und 7500 Mark. Auf eine andere Preisfrage hätte Leiding sicher gern Antwort: Ob auch er wohl läuft und läuft ...

DER SPIEGEL 42/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VOLKSWAGEN:
Letzte Weihe

  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz
  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"