02.10.1972

UNTERHALTUNGSchönen Dank

Dieter „Thomas“ Heck, Funk-Diskjockey und Moderator der ZDF-„Hitparade“, geht wieder für die CDU auf Wahl-Tournee.
Carl-Dieter Heckscher, 34, ein Deutscher von der Waterkant, hat sich ums Vaterland verdient gemacht. Er lehrt sein Volk, den deutschen Schlager zu lieben -- als Dieter "Thomas" Heck.
Sechs Jahre lang kämpft der Sänger, Diskjockey und TV-Moderator schon gegen die Vorherrschaft anglo-amerikanischen Hits auf dem heimischen Musikmarkt. Keck, der sich "als Deutscher fühlt" und "gerne Deutscher" ist, hat ein großes Ziel: das Ansehen des deutschen Schlagers zu mehren.
Dafür erfand er 1966 bei der "Europawelle Saar" -- unter dem Jubel ("phantastisch", "sagenhaft gut") der Roy-Black- und Udo-Fans -- einen neuen Funk-Programmtyp: die "Deutsche Schlagerparade". Seither gehört Keck zu den einflußreichsten Platten-Promotern im Showbusineß.
Für den deutschen Schlager wirbt er als Conferencier bei Festivals und Bunten Abenden, als Hit-Ratgeber in Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Rund zwei Millionen Hörer lockt Heck samstags zur "Deutschen Schlagerparade" auf die Saar-Frequenz.
23 Millionen Zuschauer schalten regelmäßig auf den Mainzer Kanal, wenn Keck das Schlager-Karussell der ZDF"Hitparade" in Schwung bringt. Als Moderator dieser Musikrevue ist Heck
laut Umfragen -- zum populärsten deutschen Diskjockey aufgerückt.
So etwas beeindruckt auch die Politiker, die recht gut wissen, daß ein Unterhaltungsstar weit mehr Stimmen fangen kann, als ein Bataillon kluger Redner. Der flotte Plauderer wurde deshalb aufgefordert, sich politisch zu engagieren; zunächst von der SPD. Doch die wies er zurück. Denn Heck. ein treudeutscher "Mann der Mitte", schwärmt für Rainer Barzel, dem er "eine bessere Politik" zutraut.
Ihm zuliebe und um die CDU-Stimmen zu mehren, tingelte er -- meist mit zweitrangigen Unterhaltungskünstlern -- durch Hessen, das Saarland, Niedersachsen und Baden-Württemberg. Und über jeden Kandidaten, den er seinen Fans vorführte, wußte er zu berichten, was Politiker menschlicher macht: von der glücklichen Ehe, den netten Kindern und der Erfüllung im Beruf.
Auch jetzt, im Bundestagswahlkampf, ist der Heckmotor der CDU wieder mit einem Sänger-Troß auf der Walz. Die 42-Städte-Tournee sollte ursprünglich vom Saarländischen Rund funk und der "Hörzu" organisiert werden. Doch weil die Veranstalter während der Wahlschlacht geringes Interesse an der Heck-Truppe voraussahen, übernahm Barzels PR-Stab kurzerhand das Programm. Nur den abgehalfterten Sänger Drafi Deutscher, der sich einst vor Kindern nackt gezeigt hatte, drängten die Christdemokraten aus der Show. Die CDU-Gegner Inga und Wolf schieden freiwillig aus.
Für den erhofften Zulauf von Jungwählern, den treuesten Kunden der Schlagerfabriken, kann, das sieht die CDU schon richtig, Dieter Keck sorgen. Denn daß Heck sein Geschäft versteht, hat er in 38 ZDF-Hitparaden, für jeweils 5000 Mark Gage, hinreichend bewiesen.
Er preist auch die dümmlichsten Texte, die einfältigsten Melodien und die dünnsten Stimmchen so überzeugend, wie es nur ein Künstler kann, der über die Naivität dritten Grades verfügt. Ob Heino, Ramona, Manuela oder Randolph Rose -- für ihn sind sie alle "absolute Stars", "prima". "wahnsinnig gut" oder Entertainer "par excellence". Wenn Sprechsprinter Heck hektisch vor die Kameras schnellt, wenn er die Sänger wie Marionetten auf- und abruft -- Tempo, Tem po -, kommt Live-Atmosphäre in diesen "ellenlangen Werbespot" der Musik-Konzerne ("Funk-Korrespondenz").
Reck umschmeichelt sein Studio-Publikum ("Das ist ein Kompliment an Sie, meine Damen und Herren, an Sie alle! Schönen Dank!"), das jedem tristen Liedchen ebenso begeistert applaudiert wie den trügerischen Heck-Tiraden. Die Zuschauer, sagen Branchenkenner, "verehren Reck als Autorität", von der sie "Orientierungshilfe" beim Plattenkauf erwarten. "Ist ein Schlager erst einmal in der Hitparade", folgert der "Rheinische Merkur", "steigt der Umsatz im Quadrat."
Doch als Erfüllungsgehilfe der deutschen Unterhaltungsindustrie, die 1971 mit 100 Millionen verkauften U-Musik-Platten 835 Millionen Mark umsetzte. möchte Keck nicht eingestuft werden. Zynismus liegt ihm fern. "Ich bin", sagt er, "der liebe Dieter. Ich sage Musik an, die mir selbst gefällt." Die Schlager-Vorschläge für seine Sendungen überläßt er "gern" den Redaktionsjurys. Über Hitplazierungen entscheiden ohnehin Zuschauer- und Hörerbriefe.
Schließlich weiß Keck, daß Machtmißbrauch "in einer Branche. in der einer dem anderen die 30 Pfennig nicht gönnt" (Heck), schnell publik würde und zu jähem Sturz führte. Zweimal kam er dennoch in Versuchung.
Vor zwei Jahren empfahl Reck, der damals unter seinem bürgerlichen Namen und den Pseudonymen Niels Bremer und Fred Maart auch Schlager schrieb, in den Hit-Tips der Zeitschrift "Musikmarkt" den Song "ich öffne dir die Tür zum großen Glück". Das Lied stammte vom Texter Reck. Als 1970 -- über die "Deutsche Diskjockey-Organisation" -- ruchbar wurde, daß die Frau Edda des fixen Dieter eine Künstler-Vermittlung betrieb und etwa das Duo "Cindy & Bert" managte, bekam Hit-Heck Krach mit dem ZDF-Regisseur Truck Branss. Heck schloß die Agentur.
Aber solche Promotion-Eskapaden konnten Hecks Karriere nicht stoppen -- eine Karriere, die der Autoverkäufer und Verlagsvertreter aus Hamburg eigentlich als Showsänger ersehnt hatte. Seine Gesangsproben freilich. die ab 1959 unter Titeln wie "Ringe-dinge-ding" und "Baby von Hawaii" auf den Plattenmarkt gelangten, brachten Heck weder Ruhm noch Geld.
Erst als der einstige Staransager Camillo Felgen von "Radio Luxemburg" den armen Sänger ins Großherzogtum holte, saß Diskjockey Heck auf dem richtigen Pferd. Mit der "Deutschen Schlagerparade", die er auf dem Höhepunkt der Rockwelle und unter dem Spott der Kollegen an der Saar etablierte, gelang ihm dann der große Coup.
Heute träumt Heck' der mit Frau und zwei Söhnen ein komfortables Anwesen bei Saarbrücken bewohnt und dessen Jahreseinkommen Freunde auf 250 000 Mark schätzen, von einem höheren Ziel: Er möchte Fernseh-Entertainer werden.
Als hechelnder Showmaster im ARD-Killerquiz "Millionenspiel" jedenfalls hat der blonde Naive gute Figur gemacht: Das war der echte Heck.

DER SPIEGEL 41/1972
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