02.10.1972

EXOTENFONDSGrüße aus San José

Mit 18 Mark das Stück haben deutsche Anleger Zertifikate des Capital Growth Fund bezahlt. Jetzt sind die Wachstumspapiere wertlos, und das Fonds-Management zog sich in die Kaffee-Republik Costa Rica zurück.
Der Brief kam im März aus Costa Rica und versicherte rund zehntausend deutschen Investment-Sparern auf Englisch: "In der Behandlung von Kaffee in der Fabrik haben wir in diesem Jahr alle Rekorde gebrochen:"
Das war eine der letzten Erfolgsmeldungen des 1962 in der Bundesrepublik eingeführten Capital Growth Fund, der aus deutschen Privatvermögen rund 200 Millionen Mark aufsog. Heute sind die Wachstumspapiere fast wertlos. Dr. Christian Will von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Düsseldorf: "Das erinnert einen verdammt an Makulatur."
Mit Hilfe der Will-Gemeinschaft wollen nun einige Großanleger. die seinerzeit bis zu 400 000 Mark in die Kasse des einst auf den sonnigen Bahamas angesiedelten Fonds einschossen, ihre Makulatur wieder aufwerten -- wenn es, so Will, "gelingt, die Substanz ausfindig und mobilisierbar zu machen".
Um nach Substanz zu suchen, begab sich im Auftrag des Düsseldorfer Anleger-Schutzmannes kürzlich der Münchner Rechtsanwalt Christian-Michael Stever in das Investment-Paradies Costa Rica, wohin sich Fondsmanager McAlpin und seine Crew 1971 geräuschlos abgesetzt hatten.
Unter der neuen Anschrift Capital Growth, Apartado 7-1460, San José, Costa Rica, arbeitet der einstige Dachfonds. der ursprünglich nur Anteile an anderen Fonds sammelte, plötzlich als Gesellschaft, die mit Aktien spekulieren, Minen aufkaufen und Immobilien erwerben kann. Zudem genießt er vor Ort den besonderen Schutz der Regierung: Fonds-Präsident McAlpin ist in der Kaffee-Republik nach der amerikanischen United Fruit Company "weitgrößter Investor und gilt als Intimfreund der Regenten.
Von dem Tropenland aus managt der Fonds-Stratege seinen Rückzug aus Europa -- auf Kosten der Sparer. Schon 1971 gab er seine beiden Europa-Dependancen London und Zürich "aus Gründen der Kosten-Effektivität" (Rundbrief) auf. Und am 16. Juli vergangenen Jahres teilte er seinen deutschen Geldgebern per Zirkular mit: "Die Management-Firma ist nicht mehr in der finanziellen Lage, das Versicherungsprogramm weiterzuführen. noch den Computer, das Personal und die Verkaufsspesen als einen Open-End Fonds weiterhin aufrechtzuerhalten." Das Unternehmen schrumpfte zu einem geschlossenen Fonds ohne neue Kundschaft.
Wenig später stellte McAlpin die Zahlungen an das angesehene Londoner Versicherungshaus Phoenix Assurance Company ein, bei dem seine Anteilseigner gegen Kursrisiken versichert waren. Phoenix strich daraufhin den Versicherungsschutz, mit dem die Anlageberater von Capital Growth vorher lautstark geworben hatten.
Hoffnung keimte wieder, als der Fonds-Magnat mit dem Düsseldorfer Kleininstitut Keerkrad'sche Handelsbank eine neue "Repräsentanz" (Rundschreiben) für Deutschland empfahl. Das Bankhaus, von dem ehemaligen Düsseldorfer Börsenmakler Albertini geführt. nützte den Anlegern wenig: "Wir unternehmen in absehbarer Zeit", so erfuhr etwa ein Sparer aus Bad Nauheim auf Anfrage über das Schicksal seiner Papiere, "den Versuch, einen realisierbaren Preis festzustellen?
Dann bot Albertini für die einst bis zu 18 Dollar gehandelten Fonds-Anteile 95 Cent und stieg aus dem McAlpin-Geschäft wieder aus. Als nächste erbot sich eine Universal Venture Capital 5. A., P. O. Box 4634, Beirut im Libanon, die Capital-Growth-Anteile für einen Dollar entgegenzunehmen. Als Chef des Unternehmens aber wirkt John La Mont, Mitglied des Direktoriums der costaricanischen New Providence Securiries Ltd., S. A., die den Capital Growth Fund verwaltet.
Hinter den Ein-Dollar-Angeboten vermuten Wills Rechercheure den Versuch des Präsidenten McAlpin, für ein Taschengeld das eventuell noch in Immobilien und Aktienbesitz sowie in Kaffeeplantagen vorhandene Fonds Vermögen aufzusaugen, bevor empörte Anleger den Fonds vor Gericht ziehen.
Einige Geldgeber wollen sich überdies an den hessischen Milliardär und Großindustriellen Herbert Quandt in Bad Homburg wenden, der in der Bundesrepublik als Konsul für Costa Rien wirkt. In Düsseldorf und anderen Städten der Bundesrepublik begannen in zwischen Staatsanwälte gegen McAlpin und seine Manager (Fonds-Werbespruch: "Wie man sein Geld ausgibt und doch behält") zu ermitteln.
Briefschreiber, die sich an den Präsidenten McAlpin persönlich wandten, tröstete der Manager, das Unternehmen werde von jeder Generalversammlung in Europa ein entsprechendes Meeting abhalten. Ein für den 4. September nach London einberufenes Treffen endete aber ohne Klärung der Vermögensverhältnisse und ohne jeden Beschluß. Der sparsame McAlpin hatte zudem vergessen, seine deutschen Anteilseigner schriftlich einzuladen.
Generös lud der Präsident die deutschen Finanziers dagegen auf den 5. Oktober zur Generalversammlung des Fonds ins ferne Costa Rica ein. Die Reise- und Aufenthaltskosten müssen die Anteilseigner freilich selber zahlen.

DER SPIEGEL 41/1972
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