13.11.1972

ÖSTERREICHTschuschen jagen

In Österreichs heiterstem Bundesland -- Kärnten -- lodern nationalistische Leidenschaften. Die Deutschkärntner ziehen gegen die slowenische Minderheit zu Feld; die Slowenen suchen Schutz in Belgrad.
"Der österreichische Bundeskanzler geht nicht durch Hintertürln", machte sich Wiens Regierungschef Bruno Kreisky stark. Gegen den Rat besorgter Parteifreunde bestand er darauf, eine Konferenz mit Kärntner SPÖ-Funktionären in Klagenfurt durch den Hauptausgang zu verlassen, wo Hunderte empörter Demonstranten auf den Kanzler harrten.
"Es konnte", berichtete tags darauf die "Kleine Zeitung", "nicht verhindert werden, daß Kreisky von einzelnen bespuckt wurde.
Auf Kärntens sozialistischen Landeshauptmann Hans Sima prasselten gar Eier und Tomaten nieder -- denn Österreichs heiterstes Bundesland, die in zahllosen Ferienprospekten gerühmte Sonnen- und Seen-Idylle Kärnten hat sich in den letzten Wochen verfinstert. Statt sonntäglicher Trachtenkapellen marschieren nationalistische Rowdies durchs Land. werden Gendarmen verprügelt und auch schon Hochspannungsmasten in die Luft gesprengt. Die Aufrührer ziehen mit deutschnationalen Parolen gegen Slawen zu Feld: gegen die slowenische Minderheit in Kärnten.
Die Kärntner Slowenen, vielleicht 25 000 Köpfe stark, sind eine der kleinsten von den insgesamt über 70 nationalen Minderheiten in Europa -- und bisher eine der friedfertigsten. Sie durften, was nur wenigen Volksgruppen in der Diaspora je vergönnt war -- frei über ihr Schicksal abstimmen -- und nutzten ihr Selbstbestimmungsrecht zum Verbleib im fremden Staatsverband.
Seit September aber hat Österreich urplötzlich ein brisantes Minoritätenproblem. "spielt ein Teil der Kärntner verrückt" (so Wiens "AZ"), brausen Auto-Kavalkaden durch die Nacht, um Ortstafeln niederzureißen, auf denen die Dorfnamen neben deutsch auch slowenisch verzeichnet sind.
Der "Ortstaferlkrieg", zunächst als weingeschwängerter Auswuchs alpenländischer Folklore belächelt, schwappt schon über die Grenzen: Die Südtiroler, Österreichs Minderheit in Italien, fürchten, daß der Kärntner Chauvinismus den italienischen anspornt. Jugoslawien fühlt sich zum Schutz der Brüder im Norden berufen und schickt scharfe Protestnoten nach Wien. Moskaus "Prawda" berichtete bereits dreimal über den Konflikt und wies unverblümt auf Österreichs Staatsvertrags-Pflichten hin -- ein Alarmsignal für Wien, da die Sowjet-Union als Signatarmacht dieses Vertrags gewisse Interventionsrechte hat.
Die Führer der Minderheit schließlich wollen den Internationalen -- Gerichtshof, den Europarat und die Uno einschalten, falls die Regierung nicht gegen die "Pogrome" einschreite.
Warum in Kärnten nach einem Vierteljahrhundert des friedlichen, wenngleich kontaktarmen Nebeneinanders von deutschen und slowenischen Österreichern plötzlich solche Leidenschaften aufflammen, läßt sich nur schwer erklären. "Wie aus der Urwelt bricht das aus", entsetzt sich Hertha Firnberg, Wiens Ministerin für Wissenschaft und Forschung, über das Blut-und-Boden-Grusical am Südrand der Alpen.
Die Kärntner Slowenen -- Nachfahren der slawischen "Karantanen", die sich schon vor 1300 Jahren nördlich der Karawanken niederließen und Kärnten den Namen gaben -- gehören zur Erbschaft der K.u.K.-Vielvölkermonarchie. Sie siedeln weit zerstreut im Seengebiet beiderseits der Drau und pflegen seit altersher ausgeprägte kulturelle und historische Unterschiede -- nicht einmal ihre Umgangssprache ist einheitlich.
Die größte Gruppe innerhalb der Minderheit bilden die weitgehend assimilierten "Windischen", deren Zahl ständig wächst. Sie sprechen einen kuriosen Mischdialekt aus slowenischen und deutschen Brocken. Als ihnen weiland Kaiser Franz Joseph die Wiener Reichsgesetzblätter huldvollst ins Slowenische übersetzen ließ, sandten sie das unverständliche Zeug postwendend zurück und verlangten weiterhin die gewohnte deutsche Fassung.
Wozu etwa die Slowenen "predstojnik stanuje na kolodvoru" sagen, heißt bei den Windischen "Forstand na banhofe bonajo" -- auf deutsch: "Der Vorstand wohnt im Bahnhof."
Die Windischen ließen sich nie von panslawistischen Ideen ködern. letztlich haben sie sogar Kärntens Einheit gerettet: Bei einer Volksabstimmung im Oktober 1920 votierte die Mehrheit der Windischen für Österreich -- und damit gegen den Anschluß Südkärntens an Jugoslawien.
Dagegen ist die kleinere Gruppe nationalbewußter Slowenen nach Ljubljana (Laibach) hin orientiert. Nicht die Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt. sondern die Hauptstadt der jugoslawischen Teilrepublik Slowenien ist ihr geistiges Zentrum, in manchen Fällen wohl auch ihr politischer Auftraggeber.
Die Minderheit nimmt ständig ab. 1910 bekannten sich 66463 Kärntner fast 20 Prozent der Gesamtbevölkerung -- zu ihrer slawischen Abstammung. Unter Hitler sprach man von 49 000 "ostmärkischen Slowenen". 1961 meldeten nur noch 25 000 Kärntner die Beherrschung der slowenischen Sprache oder des windischen Dialekts.
Kein Wunder, daß die Österreich. Slowenen unter dem Trauma eines baldigen völkischen Aussterbens leiden. Wie viele europäische Minoritäten in Streusiedlungen fürchten sie ihren nationalen Untergang. Also kämpfen sie seit jeher darum, wenigstens optisch ein geschlossenes Territorium vorzuzeigen. Sie fordern zweisprachige Aufschriften in den etwa 900 Ortschaften Unterkärntens. Den Einwand. daß dort die deutschsprachigen Bewohner bei weitem überwiegen, tun ihre Funktionäre mit dem Bemerken ab: "Es handelt sich um germanisierte Slawen."
Der Existenzangst der Slowenen-Kärntner steht ein fast noch ausgeprägteres Trauma der Deutsch-Kärntner gegenüber: die Erinnerung an zwei gewaltsame Versuche des jugoslawischen Nachbarn, einen Teil Kärntens zu annektieren.
Nach beiden Weltkriegen. 1918 wie 1945, fielen jugoslawische Bataillone -- teils reguläre Truppen, teils Partisanen -- in das gemischtsprachige Gebiet ein. Beide Male verteidigten sich die heimattreuen Kärntner. weil Wien ohnmächtig war, selbst mit der Waffe.
Beide Male forderte die Erhaltung eines "Kärnten frei und ungeteilt" -- so die Parole der Deutschkärntner- schwere Opfer: 214 Tote, darunter 13 Frauen, im Abwehrkampf 1918/19, fast viertausend Menschen starben 1944/45, Von 360 Deutschkärntnern und windischen Familien, die von Partisanen über die Grenze verschleppt wurden, kehrte kaum die Hälfte zurück.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt Belgrad hartnäckig an seinem territorialen Anspruch auf Unterkärnten fest. Erst 1948, als Tito mit Stalin brach und Moskau die jugoslawische Forderung nicht mehr unterstützte, schlief der Grenzstreit ein. 1955 trat Belgrad dem österreichischen Staatsvertrag bei und erkannte damit die rotweißroten Grenzen von 1938 an, womit das Problem auch de jure beigelegt wurde.
In den letzten 17 Jahren herrschte gutnachbarliche Harmonie. Wien und Belgrad vermieden jeglichen "Tanz auf den Gebeinen der toten Gegner" (so der slowenische Universitätsprofessor. Janko Pleterski). Die Grenze war so offen, wie sonst nirgendwo zwischen einem westlichen und einem kommunistisch regierten Land. Touristik-Experten schwärmten zukunftsfroh vom "Donau-Adria-Raum". Skispringer veranstalteten Dreischanzen-Tourneen im Norden und Süden der Karawanken.
Auch intern bemühte sich Österreich, die Gespenster des Nationalitätenkriegs nicht zu wecken, Zwar wurden die im Staatsvertrag ausdrücklich verlangten zweisprachigen Ortstafeln an Gemeinden mit nennenswertem Slowenenanteil nie aufgestellt, das Gesetz über die Anerkennung des Slowenischen als zweite Amtssprache nie verabschiedet. Denn die chauvinistisch anfällige deutschsprachige Mehrheit. für die Slowenen minderwertige "Tschuschen" sind, reagiert traditionell gereizt auf schriftliche Zugeständnisse an die Minorität.
Doch in den Schulen wird Slowenisch unterrichtet, auch wenn nur ein Schüler dafür da ist, von der Kanzel Slowenisch gepredigt, vor Gericht Slowenisch verteidigt. Die Minderheit besitzt heute ein eigenes Gymnasium mit 420 Schülern. zwei Wochenblätter, eine Reihe von Vereinigungen und einen Genossenschaftsverband mit 31 Sparkassen. Studio Klagenfurt sendet eine Stunde täglich auf slowenisch.
Weil sich die Slowenen strikt weigerten, sich zählen zu lassen, unterblieb jedoch eine amtliche Minderheitenfeststellung. Bis heute können die Slowenen-Funktionäre vorgeben, für mindestens 60 000 Leute zu sprechen -- was zweifellos längst nur mehr Wunschtraum ist.
So hätte sich auf gute österreichische Art sicher noch lange fortwursteln lassen -- vielleicht sogar bis zum Aussterben der unbelehrbaren Frontgeneration. Da überkam den sozialistischen Kärntner Landeshauptmann Sima ("Ich bin nach Kriegsende 2000 Kilometer auf Krücken gewandert, um beim Aufbau Kärntens dabeizusein") ein verhängnisvoller Energieanfall.
Die politische Unruhe im nahen Kroatien -- ausgelöst durch Titos Säuberung im Dezember 1971 -- schreckte den Kärntner Landeschef auf. Angesichts des aufbrandenden Nationalismus beim Nachbarn meinte er, die Kärntner Slowenen im Blitztempo voll befriedigen zu müssen, weil sonst der nationale Funke von Jugoslawien auf Kärnten überspringen und eine slowenische Irredenta entfachen könnte. "So was", argumentierte der Landespolitiker Sima weltpolitisch, "kann ich bei Titos Tod nicht brauchen."
Er wollte schleunigst Österreichs Staatsvertrags-Pflichten erfüllen und ließ das Ortstafelgesetz als sozialistischen Initiativ-Antrag ins Wiener Parlament einbringen. Im Juli 1972 peitschte die SPÖ Simas Anliegen durch, ohne Akkord mit den übrigen Parteien, ohne Beratung mit den betroffenen Volksgruppen, ohne psychologische Vorbereitung der empfindlichen Kärntner.
"Lieber Hansi", fauchte schon damals Parteifreund Vitus Jesse, sozialistischer Bürgermeister der gemischtsprachigen Gemeinde St. Kanzian am Klopeiner See, warnend ins Telephon, "i sog ders glei: Bei mir derfst deine Taferln nit montieren lossn."
Sima ließ sie montieren. Nicht nur in St. Kanzian, sondern in insgesamt 205 Ortschaften -- überall dort, wo angeblich mehr als 20 Prozent Slowenen wohnen.
Die harmlosen Tafeln schockten nationalbewußte Kärntner bis ins Mark, "Wir sehen darin", erläuterte Josef Feldner, Funktionär des bis in die Knochen deutschnationalen "Kärntner Heimatdienstes", "Quasi-Grenzpfähle. durch die slowenisches Gebiet in Kärnten abgesteckt werden soll." Für viele Kärntner waren die zweisprachigen Ortstafeln offener Landesverrat.
Die ersten Schilderstürmer kamen heimlich um Mitternacht in Weinlaune. Die nächsten brausten bei Morgengrauen im Auto heran und rissen die verhaßten Kains-Male vor grinsenden Gendarmen ("tut's bloß den Verkehr nicht Stören") von den Pfählen.
Was anfangs als "bsoffene Hetz" galt, hat längst auf beiden Seiten gefährliche Emotionen geweckt. Hinter den etwa 500 Extremisten, die "ein bisserl Tschuschenjagd" ("AZ") treiben, steht die Sympathie Zehntausender Kärntner. Landeshauptmann Sima, der seinen Landsleuten entgeistert zurief: "Seid's denn alle narrisch g'worden", kämpft um seine politische Existenz, Bundeskanzler Kreisky um Österreichs Renommee.
Doch die "Volk-in-Not"-Barden sind, so scheint es, nicht zu bändigen. Simas Villa wurde belagert, Simas Auto beschädigt, seine Frau tätlich angegriffen. Verängstigte Slowenen verbarrikadieren ihre Häuser in Unterkärnten, "Ich bin auf den Dörfern gar nicht gern gesehen", klagt der linke Slowenensprecher Dr. Franz Zwitter. "Meine Leute fürchten sich vor deutschen Racheakten."
Die Chauvinisten der Gegenseite bleiben die Antwort nicht schuldig. In Ljubljana demonstrierten 60 000 Slowenen gegen die "Eskalation des Terrors in Österreich" (so ein Studentenführer). in Belgrad wütete die amtliche Nachrichtenagentur "Tanjug" gegen "antijugoslawische Ausschreitungen": Autos österreichischer Touristen wurden beschädigt.
Kanzler Kreisky, als Österreichs geschicktester Taktierer gerühmt. sucht die Kämpfer abzukühlen: Er versprach 36 Kärntner Bürgermeistern neue zweisprachige Ortstafeln -- mit österreichischen und Kärntner Landesfarben. "damit jedermann sieht, daß es sich um unser Gebiet handelt". Die rebellischsten Dorfoberen sollen nach Kreiskys Vorstellung mit Besuchsreisen in andere europäische Minderheitsgebiete abgelenkt werden und "sich selbst über zeugen, daß zweisprachige Ortstafeln kein Malheur sind".
Doch Jugoslawien, selbst von innerem Zwist zerrüttet, könnte in den Kärntner Slowenen eine willkommene Ablenkung sehen. Der geschäftsführende Außenminister Petric drohte Anfang November bereits vor der Bundesversammlung in Belgrad. Jugoslawien. behalte sich "angesichts des Versagens der österreichischen Behörden" das Recht vor, das Kärntner Minderheiten-Problem "auf eine internationale Ebene zu bringen".
Ansatzpunkt dafür böte der Staatsvertrag, durch den Österreich 1955 seine Freiheit erlangte, in dem es sich verpflichtete, seiner slowenischen Minderheit volle Gleichberechtigung zu gewähren.
Jugoslawien könnte eine -- bei Vertragsverletzung vorgesehene -- Konferenz der Botschafter der vier Siegermächte verlangen, die dann über Österreich zu Gericht sitzen würden.

DER SPIEGEL 47/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖSTERREICH:
Tschuschen jagen

  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an