13.11.1972

AUTOMOBILEPatient lebt

Noch immer steckt Italiens Nobel-Autofirma Lancia tief in den roten Zahlen. Alle Hoffnungen trägt nun ein neues Modell, für das Konzernmutter Fiat die Motoren beisteuert
Der Heilige Stuhl und der Zementmillionär Carlo Pesenti aus Bergamo befreiten sich vor drei Jahren von einem finanziellen Alpdruck: Sie traten die ehrwürdige Turiner Autofirma Lancia an Fiat ab. Das Unternehmen war pleite. Fiat zahlte einen symbolischen Kaufpreis von umgerechnet 17700 Mark.
Vorher waren Abgesandte von Daimler-Benz und BMW. die sich durch Übernahme der wankenden Firma in der Krempe des Stiefels hatten ansiedeln wollen, angesichts des Schuldenbergs bei Lancia erschrocken zurückgeprallt. Selbst Fiat-Chef Agnelli gestand bekümmert ein: "Fiat wird durch eine Angliederung Lancias kaum stärker."
Lancia offenbar auch nicht. Nach den Worten des Lancia-Sprechers Piero Gobbato, der klinisches Vokabular wählte, war Lancia im Koma-Zustand nur durch Wiederbelebung vor dem Verdämmern bewahrt worden. Und erst langwierige Intensivpflege -- Fiat investierte bisher eine runde halbe Milliarde Mark bei Lancia -- habe Aussicht auf allmähliche Genesung erschlossen. Die Gefahr eines Rückfalls scheint gleichwohl nicht gebannt zu sein.
Zwar war durch Rationalisierungsmaßnahmen mit Fiat-Hilfe gelungen. die Lancia-Produktion von 33 500 Stück wieder auf 46 090 im Jahre 1970 und 52 890 Autos im vergangenen Jahr zu steigern. Aber in diesem Jahr wird die Fertigung wieder auf etwa 48 000 Lancias absinken. Ohnehin mußten die Lancia-Manager auch nach der Übernahme durch Fiat Jahr um Jahr jeweils rund 100 Millionen Mark Verluste melden,
Unter prasselndem Feuerwerk und Mitwirkung der römischen Filmdame Virna Lisi präsentierten die Wiederbelebten unlängst in Turin jenes erste neue Mittelklasse-Auto. mit dem Lancia unter Fiat-Aufsicht wieder in eine profitable Zukunft rollen soll. Sein Name "Beta", entnommen dem griechischen Alphabet. soll an ein gleichnamiges Erfolgsmodell aus der Frühzeit des 65 Jahre alten Unternehmens erinnern.
Die Karosserie des üppig gepolsterten Neulings erinnert mit ihrer abgeschrägten Stirn an einen japanischen Toyota, mit ihrem stumpf endenden Fließheck hingegen an den neuen Alfasud aus Neapel. Der Wagen, nach Art des Hauses ein Fronttriebler, hat einen quer eingebauten Vierzylindermotor. der in drei Leistungs-Varianten angeboten werden soll: 1,5 Liter (90 PS; 165 km/h), 1,6 Liter (100 PS; 170 km/h) und 1,8 Liter (110 PS; 175 km/h).
Mit dem "Beta" wollen die Lancia- Manager ihre Jahresproduktion bis 1974 auf 100 000 Autos steigern und sich bis 1975 aus der Verlustzone herausmanövrieren. In Deutschland. wo Lancia-Autos bisher nur unter der Rubrik "Sonstige ausländische Hersteller" in der Zulassungsstatistik aufgeführt wurden, soll der Wagen vom kommenden Frühjahr an "zu einem konkurrenzfähigen Preis" angeboten werden. Lancia hat zwischen Alpenrand und Flensburger Förde immerhin schon 107 Händler unter Vertrag genommen.
Was Lancia eine "glückbringende Laufe" genannt hat, war zugleich die Beerdigung jener Lancia-Autos, die sich -- wie "Auto, Motor und Sport" einst schrieb -- "den Nimbus von Qualität und technischem Adel auch im Zeitalter der Massenmotorisierung bewahren" konnten. So ging es eben nicht: Eine Fülle teurer Typen gereichte Lancia zu technischem Ruhm und zu wirtschaftlichem Ruin.
Dafür müssen es die Käufer hinnehmen, mit dem "Beta" eine Art Pseudo-Lancia zu erwerben: Sein Getriebe stammt vom Fiat-Partner Citroen, seine Motoren aus der Fiat-Großserie, wenngleich ihnen Lancia Zylinderkopfdeckel mit eingegossenem eigenen Namen aufstülpen durfte.
Nur beim gleichfalls neuen, 240 PS starken Mittelmotor-Sportcoupé "Stratos" durften die Lancia-Ingenieure noch einmal wie früher aus dem vollen schöpfen. Das Fahrzeug soll -- wie Porsches "Carrera" -- in nur 500 Exemplaren gebaut werden und zum höheren Ruhm des Massenproduzenten Fiat dafür sorgen, daß an den Siegermasten der Rallye-Wettfahrten die Fahne Italiens weht.

DER SPIEGEL 47/1972
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