13.11.1972

ELEKTRONIKGleitendes Komma

Examenskandidaten, die 2000 Mark dafür aufwenden können, frohlocken: Mit elektronischen Taschenrechnern, die es schon im Warenhaus gibt, brauchen sie nur einen Bruchteil der üblichen Rechenzeit.
"Das Ding", nennt es die Hamburger Niederlassung der japanischen Rechnerfirma Sharp Electronics. "Schnell muß man sein (ohne hetzen zu müssen)", wirbt die Münchner Filiale des fernöstlichen Sanyo-Konzerns. Und nach Meinung der "New York Times" ist es "die heißeste Sache seit dem Transistor".
Die schnellen heißen Dinger sollen, wenn es nach dem Willen der Elektronikbranche geht, nun auch im Lande Adam Rieses das Rechnen revolutionieren: elektronische Taschenrechner, kaum handtellergroß, mitunter fast so klein wie eine Zigarettenschachtel. und dennoch rascher und vielseitiger als ihre mechanischen oder auch elektronischen Vorläufer der Tischrechner-Generation. "Endlich, so Sharp-Verkaufsmanager Uwe Rosener, werde das "mobile Rechnen" Wirklichkeit.
Eine halbe Million Exemplare der neuartigen Taschenrechner ist in den USA bereits verkauft worden. Nun. gerade rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft, zeichnet sich auch in der Bundesrepublik ein wahrer Boom der Mini-Rechner ab, nicht nur in Bürofachgeschäften, sondern auch in Radioläden und in Kaufhäusern. Herbert Hüttich, Repräsentant der US-Firma Hewlett-Packard: "Ein Umsatzrenner ohnegleichen."
Mehr als ein Dutzend Firmen, fast ausnahmslos aus dem Ausland, wirbt nun um die Rechenlust der Deutschen. Handelsschüler, die den Zinseszins berechnen, Ingenieurstudenten oder Techniker, die komplizierte Aufgaben lösen müssen. Architekten und Landvermesser, Ärzte und Handelsvertreter. Lohnbuchhalter und Flugzeugnavigatoren, aber auch Hausfrauen und Hobby-Rechner, die einfach ihrem Spieltrieb nachgehen wollen, sind potentielle Kunden. Der Anschaffungspreis für das flinke elektronische Zählwerk liegt zwischen 300 und 2000 Mark.
Lautlos, batteriebetrieben und mit dem Platzbedarf von maximal zwei Zigarettenschachteln bewältigen die neuen Elektronik-Rechner der billigsten Kategorie die vier Grundrechnungsarten -- in ihrer Leistung vergleichbar also dem herkömmlichen, rasselnden Tischrechner, der 20- bis 30mal soviel Platz einnahm und drei- bis viermal soviel kostet. Zusätzlich können die meisten Mini-Rechner dieser Klasse auch noch eine Konstante einspeichern, etwa einen festen Währungskurs oder Steuersatz.
Durchschnittlich um 800 Mark kosten Elektronik-Tischrechner. die immer noch kleiner als ein Kassettenrecorder sind, zusätzlich über saldierende Speicher verfügen und außerdem zum Potenzrechnen geeignet sind. Ein Typ dieser Reihe. die Canon-"Pocketronic", druckt dabei zur Kontrolle ein Ergebnis aus.
Höhere Mathematik wird schon mit den Taschencomputern der 2000-Mark-Klasse möglich. Sie liefern mit einem Tastendruck alle trigonometrischen und logarithmischen Funktionen, vermögen mit der Kreiszahl Pi und mit gebrochenen Exponenten zu rechnen sowie Quadratwurzeln zu ziehen. Zwischenlösungen und mehrere Konstanten werden gespeichert. Sogar bei schwierigen Berechnungen dauert es allenfalls Sekundenbruchteile, ehe das Ergebnis in rot leuchtenden Ziffern aufscheint.
Fast alle Geräte verfügen über ein sogenanntes Gleitkomma, das automatisch an die richtige Stelle rückt. Optische Warnsignale blinken auf, wenn unzulässige Rechenoperationen angewandt werden.
Wäre allein die Elektronik maßgebend, könnten die Taschenrechner noch viel kleiner sein. Untere Grenze der Miniaturisierung sind jedoch die Bedienungsknöpfe, die noch genügend groß sein müssen.
Um die vielfältigen Rechenschritte auszuführen, genügt ein elektronisches Bauelement, kaum halb so groß wie eine Büroklammer: Auf Metallplättchen in der Größe 5x5 Millimeter sind sogenannte integrierte Großschaltkreise (large scale integrated circuits -- LSI) untergebracht: Silikon-Chips, die mit einem Metalloxid in bestimmter Konfiguration beschichtet sind und deren Leistung einem System von 6000 Transistoren entspricht.
Entwickelt wurden diese Mikrobauteile ursprünglich für die Computer an Bord von Raumfahrzeugen und Satelliten. Schon bahnte sich an, daß japanische Elektronikfirmen -- ähnlich wie beim Transistor-Boom in den 50er Jahren -- die Hauptnutznießer dieser US-Entwicklung sein würden. Doch diesmal war die amerikanische Konkurrenz wachsam und schaltete ihrerseits auf Beteiligung am Markt der Taschenrechner.
Das bislang raffinierteste Modell, fähig auch zu komplizierten Rechenoperationen etwa für wissenschaftliche Zwecke, brachte die kalifornische Firma Hewlett-Packard auf den Markt: Ihr Modell "HP 35" ist schon fast ein kleiner Computer -- mit fünf LSI-Chips, also insgesamt 30 000 Schaltungen, entsprechend den verschiedenen logischen Funktionen. Als Griffel, der das feine Gespinst dieser Schaltung in Siliziumkristalle fräste, benutzten Ingenieure der Zulieferfirma Mostek den Strahl einer Elektronenschleuder.
Der Hewlett-Packard-Rechner, der als besonders scharfe Waffe im Wettbewerb mit Japans Billig-Produzenten gilt. hat mittlerweile auch in der Bundesrepublik schon Absatz gefunden. Zu den Abnehmern gehören beispielsweise Wissenschaftler der Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (die gleich 40 Exemplare orderten). aber auch Forscher an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig sowie Physiker am Hamburger Elektronen-Synchrotron Desy.
Nicht nut die mathematischen Tabellenwerte (beispielsweise Logarithmentafeln und Winkelfunktionstabellen) werden durch den neuen elektronischen Rechner überflüssig. Die Zahlenkünstler im Taschenformat sind auch dem klassischen Standessymbol der Ingenieure und vieler Wissenschaftler, dem Rechenschieber, überlegen. Das jeweils mitspringende Komma verhütet die (von Rechenschieber-Benutzern gefürchteten) Fehler in der Zehnerpotenz. Und während der Rechenschieber schon bei der dritten bis vierten Stelle Ungenauigkeiten aufweist, zeigen die neuen Mini-Computer noch verläßlich zehnstellige Resultate an -- mit einem bisher unerreichten Tempo.
Test-Ingenieure, die den Säurewert einer gepufferten Lösung ermitteln sollten, brauchten dazu mit dem Rechenschieber durchschnittlich fünf Minuten. Mit dem 225 Gramm schweren Taschengerät lösten sie das Problem in 65 Sekunden.

DER SPIEGEL 47/1972
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