24.10.2005

PHARMAINDUSTRIE„Hochexplosiv“

Roche-Konzernchef Franz Humer, 59, über den plötzlichen Erfolg seines Grippemittels Tamiflu
SPIEGEL: Mit dem Ende der neunziger Jahre schwach gestarteten Grippemittel Tamiflu setzt Ihr Konzern dieses Jahr weit über eine Milliarde Euro um. Auf dem deutschen Markt wollen Sie sogar mit Lieferbeschränkungen verhindern, dass die Menschen privat Vorräte horten. Tamiflu soll es nur noch für akut an Grippe Erkrankte geben. Ist Roche der Krisengewinnler der aktuellen Vogelgrippe-Hysterie?
Humer: Wir haben das Mittel 1999 auf den Markt gebracht in der Annahme, dass das ein wichtiges Medikament ist. Denn auch eine normale Grippesaison fordert ihre Todesopfer. Über die Größe des zu erwartenden Umsatzes haben wir uns zunächst keine Gedanken gemacht.
SPIEGEL: Was rechtfertigt die gewaltige Lagerhaltung, die jetzt aus Angst vor der Vogelgrippe weltweit beginnt?
Humer: Tamiflu wirkt nicht nur gegen die normalen Grippeviren A und B, sondern auch - das ist in Tierversuchen nachgewiesen - gegen das Virus der Vogelgrippe, H5N1. In den wenigen Fällen, in denen bisher Menschen damit infiziert wurden, haben wir bei den Nichtbehandelten eine Todesrate von 50 Prozent erlebt.
SPIEGEL: Ist das gemeinsam mit der US-Firma Gilead entwickelte Tamiflu Prophylaxe oder Heilmittel?
Humer: Beides. Als vor ein, zwei Jahren in Holland massenhaft Federvieh geschlachtet werden musste, haben wir die Leute, die das gemacht haben, erfolgreich prophylaktisch mit Tamiflu behandelt.
SPIEGEL: US-Präsident George W. Bush will allein für 3,6 Milliarden Dollar Mittel gegen Grippeviren - also vor allem Tamiflu - kaufen. Übersteigt die zu erwartende Nachfrage nicht hoffnungslos Ihre Produktionskapazitäten, selbst wenn Sie die, wie angekündigt, bis Mitte nächsten Jahres verzehnfachen?
Humer: Deshalb haben wir uns auch entschlossen, Lizenzen an Bewerber zu vergeben, die imstande sind, unter Einhaltung der nötigen Qualitäts- und Sicherheitsvorgaben Tamiflu zu produzieren.
SPIEGEL: Was ist so schwierig an der Produktion?
Humer: Der Zeitaufwand ist enorm. Man braucht in der Regel sechs bis acht Monate und zehn Fertigungsschritte, wobei der dritte potentiell hochexplosiv ist und nur in kleinen Quantitäten angegangen werden kann.
SPIEGEL: Dann ist Ihr Lizenzangebot lediglich eine nette Geste, um Kritik vom Monopolisten abzulenken?
Humer: Nein, es ist die Aufforderung an alle, die es können: Meldet euch, dann suchen wir gemeinsam nach einer guten Lösung.
SPIEGEL: Wie lange wird Ihnen der Influenza-Boom erhalten bleiben?
Humer: Für die kommenden zwei Jahre haben wir bereits beachtliche Bestellungen aus einer Vielzahl von Ländern. Der Aufbau der Pandemie-Vorräte erstreckt sich ja über einen längeren Zeitraum.
SPIEGEL: Und wenn die Pandemie ausbleibt, dann hatten Sie Ihre Milliardenumsätze - und den Ländern bleibt das Problem der Vorratsentsorgung?
Humer: Man kann Tamiflu in der Regel rund fünf Jahre lagern.

DER SPIEGEL 43/2005
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