18.09.1972

DEUTSCHLANDFUNKQuer Beet

Der neue Intendant des Deutschlandfunks, der diese Woche gewählt werden soll, übernimmt einen Sender ohne sichere Funktion, sichere Finanzen und sichere Frequenzen.
Nötig war nur ein einziger Akt: die Wahl des Kölner Deutschlandfunk-Intendanten. Aber in Bonn wurde daraus ein richtiges Trauerspiel -- mit Regisseuren in den Parteizentralen und Chargen in den Aufsichtsgremien, mit viel politischer Kabale und einem Schmiß im Finale: Seit vier Wochen ist der Deutschlandfunk (DLF) ohne Intendanten.
Sechs Jahre lang, bis zum 15. August, hatte Franz Thedieck, 71, als CDU-Staatssekretär im Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen einst Kommandant "einer Art Propagandazentrale des Kalten Krieges" ("Die Zeit"), aus dem Herrenzimmer in der roten Backsteinvilla zu Köln-Marienburg die "Veranstaltung von Rundfunksendungen für Deutschland und das europäische Ausland" (DLF-Satzung) überwacht.
Unter seiner Aufsicht wuchs die Anstalt, so glaubt er wenigstens, zu einem "respektablen und respektierten Sender" mit Programmen in 14 Sprachen, 600 Mitarbeitern und einem 55-Millionen-Mark-Etat. Aber sie blieb auch politisch und rechtlich umstritten, finanziell ungesichert und technisch unvollkommen ausgestattet.
Am 16. August ging der "ältere Staatsmann" (Thedieck über Thedieck), der "das Wort "gesamtdeutsch" auch heute noch" auf der Zunge zergehen läßt, in Pension -- "froh, endlich meinen Garten auf dem Bonner Venusberg in Ordnung bringen zu können".
Seit sechs Jahren stand Thediecks Rückzug in die Blumenbeete fest, Schon letzten Herbst gingen die Medienfunktionäre bei Christ- und Sozialdemokraten auf Suche nach einem Nachfolger. Seit Anfang des Jahres setzten auch die Aufsichtsräte des Senders immer neue Sitzungen an. Sie verliefen alle ergebnislos, wurden verschoben oder platzten.
Am Mittwoch dieser Woche nun, "nachdem sich die Leute so blamiert haben" (Thedieck), soll der Chefsessel beim DLF doch noch und dann wohl auch wieder mit einem Christdemokraten besetzt werden. Der DLF-Verwaltungsratsvorsitzende Gerd Ludwig Lemmer, 47, ein Neffe des ehemaligen Vertriebenenministers Ernst Lemmer und Unionschrist seit 1946, ist der aussichtsreichste Verlegenheitskandidat.
Mit der Wahl Lemmers wollen sich die Gremien des Deutschlandfunks aus jener Klemme herausmanövrieren" in die sie durch die komplizierte Wahlprozedur, mehr aber noch durch ihren eigenen parteitaktischen Handel geraten sind.
Der Intendant des Deutschlandfunks wird auf Vorschlag des siebenköpfigen Verwaltungsrates von den 22 Mitgliedern des Rundfunkrats gewählt. Nun haben zwar die Christdemokraten im Verwaltungsrat die Mehrheit, aber im Rundfunkrat "besteht", so der Ratsvorsitzende und Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Kurt Mattick, "ein ähnliches Patt wie im Parlament": zehn Stimmen für jeden; wenigstens zwölf sind aber nötig.
Den Ausschlag geben also die beiden unabhängigen Rundfunkräte: der evangelische Oberkirchenrat Hermann Kaunna und der Vertreter des Zentralrats der Juden, Alexander Ginsburg. Beider Stimmen glaubten sich die Bonner Parteien offenbar leichter mit parteilichem Proporzdenken als mit einem geeigneten Kandidaten sichern zu können.
Die SPD wollte im DLF an die Macht, weil der Sender bislang nur von rechten Intendanten (vor Thedieck von dem Konservativen H. F. G. Starke, dem späteren Chefredakteur der "Welt") geleitet worden ist. Ihr schien deshalb auch der Leiter des Aktuellen DLF-Programms, Stephan Thomas, 62, als Kandidat attraktiv genug.
Die Christdemokraten beharrten auf der Wahl eines Christdemokraten: Schließlich werde, so rechneten sie vor, der zweite bundesrechtliche Sender, die Deutsche Welle, seit 1968 von dem Genossen Walter Steigner geleitet.
Mit einem Renommier-Kandidaten wollte die CDU die unabhängigen Rundfunkräte deshalb auf ihre Seite locken. Aber nachdem der deutsche Botschafter in London, Karl-Günther von Hase, der "Deutsche Welle"-Chefredakteur Johannes Gross, der frühere nordrhein-westfälische Kultusminister Paul Mikat und der CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Olaf von Wrangel ihr Desinteresse am Intendanten-Posten bekundeten, mußten auch sie sich im DLF-Funkhaus umsehen und verfielen auf Jürgen Reiß, 48, den Leiter des Europa-Programms.
Für den gesetzlich notwendigen dritten Mann nominierte der Verwaltungsrat den RIAS-Programmdirektor Herbert Kundler.
Als der Rundfunkrat Mitte Juni endlich zur geheimen Wahl antrat, war es der Oberkirchenrat Kalinna leid. "Die Vorgeschichte dieser Intendantenwahl", so rügte er die Parteimakler des Gremiums, "hat in vieler Hinsicht bei mir Verwunderung ausgelöst" und sei "dem Ansehen des Deutschlandfunks nicht gerade förderlich gewesen"; er jedenfalls werde "durch die Art meiner Stimmabgabe" Mißfallen kundtun.
Tatsächlich erhielt RIAS-Kundler, ganz wider Erwarten, eine Stimme, für den CDU-Favoriten Reiß stimmten zehn, für den Genossen Thomas elf Räte -- gewählt war somit keiner.
Wer auch immer in dieser Woche aus dem Gezänk als Intendant hervorgehen wird -- Lemmer kann seiner Sache sicher sein -, der übernimmt eine Anstalt ohne sichere Funktion, sichere Finanzen und sichere Frequenzen.
Von Adenauers CDU als Gegenstimme zum DDR-"Deutschlandsender" installiert, sollte der DLF "vom Vogtland bis zur Oberlausitz" (so damals Starke) über Mittel- und Langwellen den DDR-Bürgern vom goldenen Westen künden und, wie Heinrich Lübke einst sagte, dem "leidgeprüften Hörer drüben" helfen, "sein schweres Dasein zu meistern".
Aber spätestens im Nachhall von Willy Brandts Ostpolitik verkümmerte die drahtlose Lebenshilfe aus Köln zu einem Relikt des kalten Ätherkrieges. DDR-Bewohner, die West-Informationen abhören wollen, können längst die starken, grenznahen ARD-Landessender, die Berliner Stationen SFB und RIAS, vor allem aber das bundesdeutsche Fernsehen einschalten, das eigens für sie ein Vormittagsprogramm mit aktueller "Tagesschau" ausstrahlt.
Auch in anderen Ostblock-Ländern verlor der DLF an Resonanz. Denn dort treffen seine Programme in Polnisch, Tschechisch. Slowakisch, Ungarisch, Serbo-Kroatisch und Rumänisch auf die "Deutsche Welle", die -- manchmal zur selben Tageszeit -- in eben den gleichen Sprachen sendet. Der Düsseldorfer Landtagspräsident Wilhelm Lenz schlug denn auch mal wieder eine Fusion beider Anstalten vor, die bislang -- nur wenige Kilometer innerhalb Kölns voneinander entfernt -- in Dutzenden von angemieteten Villen und Etagen ihre Produktionen getrennt arbeiten. Bundesinnenminister Genscher will die beiden Radio-Rivalen jetzt wenigstens durch einen gemeinsamen Funkhaus-Neubau einander annähern.
Thedieck hatte immer auf Distanz gehalten. "Wir werden quer Beet gehört", so erläuterte er den Sinn seines Senders, der "Deutschen Welle" dagegen falle "die Rolle der BBC im Dritten Reich" zu, "die gewisse Hörer in der Gegnerschaft zum herrschenden Regime bestärken sollte" Wenigstens den polyglotten Mitarbeitern beider Anstalten bringt das Konkurrenz-Verhältnis Profit: Die Angestellten des einen Bundessenders kassieren beim anderen gern Honorar für freie Mitarbeit im Fremdsprachen-Dienst.
Diese Wirtschaft hat der Frankfurter Intendant Werner Hess nun endgültig satt. Im Einklang mit den anderen in Geldnot geratenen ARD-Sendern fordert er eine Reform des Finanzausgleichs der ARD, die zum DLF-Etat (1972: 55 Millionen Mark) 28 Millionen beisteuern muß, das aber nicht länger tun will. Unklar ist außerdem, ob der Bund die 41 Millionen aufbringen kann, die zur Deckung des DLF-Haushalts 1973 notwendig sind.
Noch mehr Ungemach droht: Spätestens 1974, wenn die Radio-Frequenzen auf internationaler Basis neu verteilt werden, verliert der DLF seine besten Mittel- und Langwellen. Thedieck sieht jetzt schon schwarz: "Mein Nachfolger steht vor ungeheuren Problemen. Denn noch weiß niemand, wie der Sender in Zukunft überhaupt noch richtig arbeiten soll."

DER SPIEGEL 39/1972
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