18.09.1972

MANAGERMittler zwischen Welten

Der sizilianische Bankier Michele Sindona kauft sich in den USA ein Banken- und Industrie-Imperium zusammen.
New Yorks Bankiers fühlen sich nicht mehr sicher. "Selbst wenn Al Capone mit 100 Millionen Dollar im Koffer daherkäme", so faßte unlängst das US-Wirtschaftsmagazin "Business Weck" die Überfremdungs-Ängste des Banken-Establishments zusammen, "um etwa die Chase Manhattan Bank zu kaufen -- niemand könnte ihn daran hindern.
Die Bank-Bosse erregen sich über einen ihrer Meinung nach ungeheuerlichen Vorgang.
Der sizilianische Finanzmakler und Steueranwalt Michele Sindona war -- mitten in der Urlaubszeit -- mit 40 Millionen Dollar über den Atlantik gekommen und hatte die Kontrolle über das New Yorker Bankhaus Franklin National Bank (Bilanzsumme 3,2 Milliarden Dollar), eines der zwanzig größten Geldhäuser Amerikas, erworben.
"Wenn sich Sindona hier festsetzt". sorgte sich ein Walistreet-Bankier, "dann ist einer Finanzgroßmacht die Invasion nach USA geglückt.
Bei seinem Eroberungszug bediente sich der Sizilianer einer Lücke in den US-Gesetzen. Nach amerikanischen Bankvorschriften ist es nur Gesellschaften, nicht aber natürlichen Personen, untersagt, ohne Regierungserlaubnis die Kontrolle über eine Bank zu erwerben. Um weitere Übernahmen amerikanischer Banken durch ausländische Privatpersonen zu verhindern, forderten New Yorker Bankiers den Zentralbankrat Federal Reserve Board auf, sich für eine Änderung der Vorschriften einzusetzen.
Gleichwohl prahlte Sindona jüngst in New York: "Jeden Tag könnte ich hundert Millionen Dollar in den USA investieren."
New Yorker Finanzexperten halten diese Größenordnungen nicht für übertrieben. Denn Michele Sindona gilt in aller Welt als Spezialist für geheimnisvolle Millionen-Geschäfte. Londons "Times" bezeichnet ihn deshalb als "Howard Hughes Italiens", und das US-Magazin "Time" fand sogar, Sindona sei "der erfolgreichste Italiener seit Mussolini".
Meist mit dem Kapital anonymer Geldgeber erwarb der Finanzstratege nach dem Zweiten Weltkrieg Dutzende von Firmen und Banken in allen westlichen Ländern. An mehreren hundert Unternehmen in aller Welt besitzt er Beteiligungen. Ihren Wert schätzen Wallstreet-Experten auf "einige Milliarden Dollar".
Allein in Italien gehören Sindona unter anderem die Luxushotelkette Compagnia Italiana dei Grandi Alberghi (Ciga), die Textilkette Rossari e Varzi, Roms englischsprachige Tageszeitung "Daily American", die Finanzierungsgesellschaft Lo Svilupo sowie die Mailänder Banken Istituto Banco Unione und Banca Privata Finanziaria.
In den USA machte sich der Finanzexperte, bevor er jetzt ins Geldgeschäft einstieg, vor allem in der Elektro- und Photobranche breit. Er kontrolliert den Pittsburgher Elektrokonzern Oxford Electric Corporation, die Photoladenkette Interphoto Corp. sowie die Kamerafirma Argus, Inc., zu der die kanadische Seaway-Hotelkette gehört.
Den geschäftlichen Erfolg begründen Partner Sindonas meist mit dem ungewöhnlichen Geschick des drahtigen Mannes, seine Operationen zu tarnen. "Er behält so", meinte ein Wertpapier-Spezialist der New Yorker Chase Manhattan Bank, "in jeder Situation die Freiheit, sich zurückzuziehen oder zuzuschlagen."
Selbst in internationalen Bankierskreisen ahnten beispielsweise nur wenige, daß im vergangenen Jahr in Wahrheit Sindona den spektakulären Übernahmeangriff der Westdeutschen Landesbank Girozentrale auf die italienische Holding Bastogi -- eine Hauptaktionärin des Chemiekonzerns Montedison -- leitete.
Ludwig Paullains Bankhaus hinterlegte, offiziell für "ungenannte Auftraggeber", in Mailand 305 Millionen Mark als Abfindungsgarantie für Bastogi-Aktionäre. Als freilich Italiens Staatsindustrielle Gefahr für den Chemie-Giganten Montedison witterten und den Angriff abwehrten, stieß Sindona sogleich seine Bastogi-Pakete ohne Verlust ab.
Sindonas geheimes Taktieren weiß vor allem ein Kunde des Finanzgenies zu schätzen, dem Diskretion und Geschick als hohe Tugenden gelten -- der Vatikan. Tatsächlich unternimmt das päpstliche "Institut für religiöse Werke", die Vermögensverwaltung des Heiligen Stuhls, keine größere Transaktion, ohne sich der Vermittlung oder der weitreichenden Verbindungen Sindonas zu bedienen.
Der Titularbischof Marcinkus, der Leiter der päpstlichen Vermögensverwaltung, pflegt Sindona vor allem delikate Aufgaben zu übertragen. So verkaufte das Institut für religiöse Werke Sindona schon vor Jahren die Mailänder Vatikan-Bank Banco Unione -- bevor die Öffentlichkeit hinter die engen Beziehungen des päpstlichen Geldhauses mit Unternehmen des linksradikalen Verlegers Feltrinellii kommen konnte.
Auch beim Verkauf der Mehrheitsanteile der päpstlichen Grundstücksgesellschaft Societä Generale Immobiliare, der größten Italiens, war Sindona dem Vatikan zu Diensten. Der Konzern, der Liegenschaften in aller Welt besitzt -- etwa das Börsengebäude von Montreal, Roms Hilton Hotel, Luxusherbergen in Monte Carlo, Hochhäuser in Washington, New York und Mexico City -, war den geistlichen Herren allzu groß und unübersichtlich geworden. Sindona vermakelte den Kirchenbesitz teils an Frankreichs Rothschild-Dynastie, teils an den US-Mischkonzern Gulf & Western. "Sindona", so anerkannte jüngst Bischof Marcinkus, "ist ein äußerst kluger Freund der Kirche."
Bei seinen Transaktionen kommt dem Sizilianer ein weites Netz von Bankverbindungen zustatten, das er Anfang der sechziger Jahre knüpfte. Damals gelang es Sindona, zu günstigen Bedingungen die angesehene Privatbank Banca Pnvata Finanziaria zu kaufen. Mit diesem Institut knüpfte er unter anderem enge Geschäftsbeziehungen zur Londoner Hambros Bank und der Continental Illlinois National Bank and Trust Co. of Chicago.
Die neuen Bankverbindungen nutzte Sindona vor allem in den USA. So erregte er an der Wallstreet erstmals Aufsehen, als er 1967 ein Paket von rund zehn Prozent der Aktien des Chicagoer Nahrungsmitteltrusts Libby, McNeill & Libby mit "beträchtlichem Profit" (Sindona) an den Schweizer Nestle-Konzern verkaufte.
Manchen Kunden freilich bringen Sindona-Objekte keine Profite. So verkaufte der Sizilianer dem amerikanischen Chemietrust Celanese Corp. einen sizilianischen Faserbetrieb, der Celanese schon im ersten Halbjahr 15 Millionen Dollar Verlust brachte. Doch ein Celanese-Manager: "Wenn er mit üblen Tricks arbeiten würde dann wäre er in den USA ganz schnell wieder aus dem Geschäft.
Sindona ficht solche Kritik nicht an. Der Sizilianer: "Ich fühle mich als Mittler zwischen der Neuen und der Alten Welt."

DER SPIEGEL 39/1972
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