25.09.1972

DEUTSCHLANDFUNKVöllig perplex

Letzte Woche wollte die SPD auf Vorschlag des Bundeskanzlers den Journalisten Reinhard Appel zum Intendanten des Deutschlandfunks küren. Die CDU hat die Wahl zunächst einmal blockiert.
Vorletzten Samstag läutete bei Gerd Lemmer, dem Verwaltungsratsvorsitzenden des Deutschlandfunks (DLF), das Telephon. Am anderen Ende wartete Kurt Mattick. der Rundfunkratsvorsitzende des Senders, mit einer Überraschung auf:
Die Sozialdemokraten, vertraute der Berliner Genosse Mattick dem rheinischen Unionschristen Lemmer an, würden auf der nächsten Verwaltungsrat-Sitzung den parteilosen Journalisten Reinhard Appel als Kandidaten für den Chefstuhl der Kölner Anstalt benennen.
Als Lemmer aufgelegt hatte, war ihm klar: Mit der Kandidatur Appels, der seit 1963 die ZDF-Reihe "Journalisten fragen -- Politiker antworten" und seit Mitte 1971 das Bonner Büro der "Süddeutschen Zeitung" leitet, war seine eigene Berufung zum DLF-Chef wieder fraglich geworden.
Dabei hatte sich Lemmer bis zu Matticks Anruf dank sozialdemokratischen Ungeschicks durchaus sicher fühlen können. Monatelang war die Wahl des DLF-Intendanten nur als parteitaktisches Manöver betrieben worden und bei dem Partei-Patt im DLF-Rundfunktat erfolglos geblieben (SPIEGEL 39/1972).
Zwar konnten die Unionschristen im Verwaltungsrat, der drei Intendanten-Anwärter benennen muß, mit sicherer Mehrheit operieren; aber im Rundfunkrat. der den Intendanten wählt, waren sie bei einem "ähnlichen Patt wie im Parlament" (Mattick) genau wie die Genossen auf die Stimmen der beiden Unabhängigen angewiesen -- vor allem auf das Votum des Bonner Oberkirchenrats Hermann Kalinna.
Als die Sozialdemokraten beim ersten Wahlversuch Mitte Juni ihren Parteifreund Stephan Thomas, den Leiter des Aktuellen DLF-Programms und "einzigen Sozial- gegenüber fünf Christdemokraten an der Anstaltsspitze" (Mattick), als Intendanten durchbringen wollten, stellte sich Kalinna entgegen: "Aus Protest gegen den Polit-Krimi um den neuen Intendanten" vergab er seine Stimme an einen abgeschlagenen Außenseiter.
Auch als die Genossen den stellvertretenden Verwaltungsratsvorsitzenden Georg Kahn-Ackermann ins Gespräch brachten, winkte Kalinna ab. Da er aber "die Wahl nicht noch einmal blockieren" wollte, hätte er nun wohl für Lemmer gestimmt, den Aspiranten der CDU.
Von dieser Aussicht aufgeschreckt, erinnerte sich das SPD-Präsidium auf einer Sitzung Mitte August einer fast schon vergessenen Praxis: Da ein parteikonformer Verlegenheitskandidat keine Chancen mehr hatte, sollte nun der Name eines parteilosen, aber profilierten Anwärters herausgestellt werden. Kanzler Brandt hatte auch gleich einen Einfall: "Wie wäre es denn mit Reinhard Appel?"
Ersten Kontakt zu dem Auserwählten suchte SPD-Sprecher Jochen Schulz. Als Brandt in der zweiten Augusthälfte mit einem Sonderzug durch bundesdeutsche Feriengaue reiste, fühlte Schulz in seinem Privatabteil bei Kanzlerbegleiter Appel vor. Appel war zwar "völlig perplex", wertete die Offerte aber "als eine sehr interessante Chance" und sagte -- nach Rücksprache mit seiner Chefredaktion -- schon am nächsten Tag zu. Außenminister Scheel: "Eine großartige Lösung."
Die Christdemokraten hingegen fühlen sich wieder mal verraten und verkauft. Die SPD, das behaupten sie jetzt jedenfalls, habe gegen entsprechende Zusagen bei der Besetzung anderer DLF-Top-Positionen fest versprochen, Lemmers Berufung nicht mehr zu durchkreuzen. Mattick: "Totaler Quatsch."
Letzten Montag jedenfalls nutzten die CDU-Verwaltungsräte erst einmal ihre Mehrheit und verhinderten, daß Appel überhaupt offiziell nominiert werden konnte. Dann ließen sie den SPD-Favoriten selbst ihren Unmut spüren. Wenn er sich als überparteilicher Kandidat fühle, so stellten ihn die Unionschristen Franz Heubl und Johann Baptist Gradl zur Rede, dann hätte er gefälligst vorher auch die CDU fragen müssen.
Allzulange will sich Appel solchen Partei -- Querelen nicht aussetzen. Wenn seiner Chefredaktion das offizielle Gezank um ihren Bonner Vertreter allzu heftig wird, dann "werde ich meine Kandidatur sofort zurückziehen".
Die SPD reagierte schnell. Vergangenen Mittwoch stellte der Rundfunkrat Egon Bahr den Antrag, die Wahl jetzt so rasch wie möglich durchzuziehen; und in einem persönlichen Gespräch kamen sich, fünf Tage nach ihrem Telephonat, auch Mattick und Lemmer näher: Nun soll Anfang Oktober gewählt werden. Kirchenrat Kalinna, die entscheidende Stimme, hat sich bereits für Appel ausgesprochen. "Er ist ein Mann", sagt er, "der sehr weitgehend meinen Vorstellungen entspricht."

DER SPIEGEL 40/1972
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