31.07.1972

„Bei uns ist immer Olympia“

Die Einsatzbefehle liegen bereit, der Auftritt ist längst geprobt: Vom 26. August an werden die Sportler der Deutschen Demokratischen Republik in den Stadien, Sporthallen und Regatta-Revieren der Olympischen Spiele zu München antreten, um vor vier Millionen Zuschauern und fast einer Milliarde TV-Zeugen zu erkämpfen, was bisher Diplomaten nicht restlos gelang -die Anerkennung des zweiten deutschen Staates.
Die Chancen stehen gut, daß die Aktion gelingt. Denn wie kein anderer Staat hat sich die DDR auf die Münchner Medaillen- Messe vorbereitet. ihre Planer haben den Aufmarsch der DDR-Mannschaft als einen Triumph des Arbeiter-und-Bauernstaates über Bonn programmiert.
Angetrieben von einer Leistungsexplosion, die dem Zürcher "Sport" wie "ein wahrer Dammbruch" erscheint. hat die DDR Aussicht, nach den USA die beherrschende Sportnation der Olympischen Spiele zu werden. "Dreimal kleiner als Polen, fünfmal kleiner als Frankreich, mit weniger als 18 Millionen Einwohnern" diagnostizierte der Pariser "Express" in einem Vor-Olympia-Bericht, "steht Ostdeutschland heute in der vordersten Reihe des europäischen Sports."
DDR-Sportchef Manfred Ewald, ehedem HJ-Führer und Stalin-Schüler, kann sich denn auch des Erfolgs sicher sein, wenn er seine 350 Athleten an die Münchner Startplätze schickt. Sein Selbstvertrauen gründet sich auf ein solides Aufbaukonto aus Gold. Silber und Bronze: Die DDR gewann bis April 1971
* 83 Medaillen, davon 21 goldene, bei Olympischen Spielen seit 1956,
* 611 Medaillen bei Weltmeisterschaften und
* 983 Medaillen hei Europameisterschaften.
Die Flut der Medaillen drückt aus, daß die DDR im Schwimmen und in der Leichtathletik, den Kernsportarten Olympischer Sommerspiele, in Europa eine schier unerschütterliche Spitzenstellung hält, im Rudern sogar in der Welt. Was das SED-Regime seinen Deutschen für Kohle und Konsum, für Technik und Touristik versprochen hatte, hielt bisher nur die Medaillen-Branche: Sie holte die Bundesrepublik nicht nur ein. sie hat sie überrundet.
"Die drüben hatten die große Klappe" hörte Basketball-Nationalspieler Helmut Uhlig einen DDR-Sportler räsonnieren, "jetzt hinken sie hinterher." Beklommen beobachten westdeutsche Sportler die Siegeszuversicht ihrer ostdeutschen Konkurrenten. Diskuswerferin Brigitte Berendonk: "DDR-Sportler sind selbstbewußter geworden, manchmal ausgesprochen keß oder sogar frech."
In München aber soll die Überlegenheit des DDR-Sports über den bundesdeutschen Klassenfeind gleichsam endgültig protokolliert werden. Den Gegner auf dessen eigenem Platz zu besiegen -- das war Sinn und Zweck all der Vorbereitungen.
Wo immer DDR-Sportler für das Münchner Olympia trainierten, stets standen die Ideologen mit ihren Sprüchen bereit: "Schlagt den Klassenfeind auf eigenem Boden." Der geflüchtete Kanuslalom-Weltmeister Wulf Reinicke erinnert sich: "Der Klassenauftrag lautet. wir haben die vorletzte Stelle einzunehmen, wenn die Bundesrepublik die letzte Stelle einnimmt."
Die Vorbereitungen für das deutschdeutsche Spektakulum nahmen teilweise die Form einer geheimen Kommandosache an. Beauftragte der Abteilung V dies Staatssicherheitsministeriums verfeinerten das Kontrollsystem, das ein Überlaufen von DDR-Sportlern zum Klassenfeind verhindern soll; die Sportwissenschaft geriet in den Bannkreis geheimpolizeilicher Staatsschützer.
Kein Westdeutscher sollte erfahren. daß am Forschungsinstitut Manfred von Ardenne in Dresden ein neuer Kunststoff entwickelt wird, der Ruderboote noch leichter machen könnte. Der Essener Ruder-Trainer Kuhlmey-Becker rätselte: "Mit einem Plastik-Zweier sind die DDR-Ruderinnen schon Zweite der Europameisterschaften geworden. Vielleicht kreuzen sie plötzlich auch mit einem Kunststoff-Achter auf. Ein Kunststoff-Vierer siegte schon bei der Olympiaprobe auf dem Rotsee bei Luzern.
Weisungen der Ost-Berliner Sportführung erinnerten an einen alten Erlaß, der eine öffentliche Erörterung von Sieges-Chancen einzelner DDR -Athleten verbietet. Das Ost-Berliner Massenblatt "Sportecho" warnte sogar vor den "Sportspionen des bundesdeutschen Leistungsausschusses". die wie "Agenten des berüchtigten Bundesnachrichtendienstes" den DDR-Sport auszuspähen suchten.
Die SED-Propagandisten wurden nicht müde, das Gastgeberland der Olympischen Spiele in düstersten Farben zu malen. Eine beharrliche Polemik der DDR-Presse gegen die in München stehenden vermeintlichen Hetzsender "Radio Free Europe" und "Radio Liberty". die den Ostblock mit Nachrichten und Kommentaren aus westlicher Sicht bestrahlen, suggerierte immer wieder, eine solche Stadt sei unwürdig, Olympische Spiele zu veranstalten.
Zuweilen sollte freilich nicht nur die eigene Mannschaft angefeuert, sondern auch die des Gegners verunsichert werden.
So sickerte die Nachricht durch. in Ost-Berlin werde ein Weißbuch zusammengestellt, das bundesdeutsche Sportler
des Professionalismus zeihen soll Grund genug für die Befürchtung westdeutscher Sport-Bosse, die DDR wolle kurz vor dem Start in München durch einen Eklat im Stil der Schranz-Affäre von Sapporo aussichtsreiche Medaillen-Anwärter aus der Bundes-Mannschaft herausschießen.
Wie ernst auch immer solch Vorgeplänkel gemeint war -- viele Indizien deuten darauf hin, daß die DDR in München glanzvoller auftreten wird als jemals zuvor auf einem internationalen Sporttreffen. Die Hammer-und-Zirkel-Fahne und Johannes R. Bechers Hymne "Auferstanden aus Ruinen" werden auch dem letzten Fernseher ein deutsches Wunder signalisieren: das "Goldene Zeitalter des DDR-Sports". wie die sonst eher betuliche Londoner "Times" formulierte.
"Die DDR steht auf dem allerersten Platz der Sportnationen dieser Welt", kommentierte "Le Monde". und tatsächlich: Noch niemals zuvor hat ein deutscher Staat den Spitzen- und Massensport so gründlich geplant, sind deutsche Sportler so unbestritten zu Lehrmeistern und Ausbildern anderer Nationen avanciert.
DDR-Sporthilfe für den sowjetischen Lehrmeister.
Heute importiert die ganze Welt aus der DDR Wissen und Methoden zur Förderung des Leistungssports ebenso wie Organisationsformen des Gesundheitssports für jedermann. Sogar die Sowjet-Union, anfangs starres Vorbild der DDR, bittet um Assistenz: Seit die UdSSR internationale Rückschläge hinnehmen mußte, suchte sie um sportliche Entwicklungshilfe bei ihrem Musterschüler nach.
Experten aus der DDR untersuchten im Sommer vergangenen Jahres Schwächen des Sowjet-Sports und arbeiteten Pläne aus, die der UdSSR helfen sollen, ihr Sportler-Reservoir besser auszuschöpfen. Nun stellt die Sowjet-Union ihren Sport nach DDR-Tips um.
Das hatte schon 1966 bei den Leichtathletik-Europameisterschaften begonnen, als die drei zugelassenen DDR-Diskuswerfer alle drei Medaillen erkämpften. Darauf meldeten sich die sowjetischen Verbandstrainer Otto Grigalka und Kim Buchanzew im DDR-Zentrum Kienbaum und beobachteten das Training der Europabesten.
Aber auch Abordnungen aus dem Irak und Algerien. aus Burma und Kuba studieren in der DDR Modelle. nach denen sie ihren Massensport entwickeln wollen. "Vor einigen Jahren kamen Sportfreunde aus Ihrer Republik nach Conakry". bedankte sich Guineas Olympia-Funktionär Robert Marc. Die DDR-Sendboten "übten mit Tausenden Massenvorführungen ein"; der Aufbau des Sports in Guinea "gleicht Ihrer Organisation".
Auch Frankreichs Athleten ließen sich von DDR-Vorbildern inspirieren. Als die französische Mannschaft 1960 von den Olympischen Spielen in Rom ohne eine Goldmedaille zurückkehrte, berief der empörte General-Staatschef de Gaulle ("Nationale Schande") nach DDR-Muster ein "Sportbataillon" ein. Wie in den Armee-Sportklubs "Vorwärts" sammelten sich in Joinville die bis dahin verstreuten Spitzensportler Frankreichs.
Selbst die Bundesrepublikaner nahmen -- zuweilen --- Lehren aus der DDR an. Die DDR-Turnerin Karin Janz und der Zehnkämpfer Joachim Kirst. beide Zöglinge von "Kinder- und Jugendsportschulen" der DDR, überflügelten bei internationalen Meisterschaften ihre bundesdeutsche Konkurrenz -- prompt richteten westdeutsche Sportpädagogen Sportzüge im Schuldorf Bergstraße und in Meisenheim ein.
Der Deutsche Schwimm-Verband gründete in Saarbrücken die "Max-Ritter-Schule". in der jugendliche Schwimmer mit dem Bundestrainer und ehemaligen DDR-Sportassistenten Horst Planert zum Wettkampf rüsten.
Die umfassenden Unterstützungs-Methoden der DDR wiederum animierten Dressur-Olympiasieger Josef Neckermann: Er wandelte sie auf westdeutsche Bedürfnisse ab und feilte die "Stiftung Deutsche Sporthilfe" zum wirksamsten Förder-Instrument in der Bundesrepublik aus.
Auch die Funktionäre des DDR-Sports planten bald so zuverlässig, daß die internationalen Fachverbände gerne Einladungen der DDR-Organisatoren annahmen. Sie übertrugen Leipzig die Europameisterschaften im Schwimmen (1962), vergaben die Weltmeister-Titel im Gewichtheben in Ost-Berlin (1966), ehrten die schnellsten Radsportler der Welt in Leipzig mit den Regenbogen-Trikots der Weltmeister (1958 und 1960) und ließen den Weltpokal im Volleyball 1970 in Berlin ausspielen.
Zugleich finanzierte die DDR freilich auch weniger attraktive, dabei kostspielige Welt- und Europameisterschaften" für die sich nur schwer Veranstalter finden: die Weltmeisterschaften der Turnierangler in Dresden (1961) und Güstrow (1968), der Kegler in Bautzen (1959), der Modernen Fünfkämpfer in Leipzig (1965), die Europameisterschaft der Schützen 1971 in Suhl.
Mehr als 40 Welt- und Europa-Titelkämpfe fanden bis 1971 in der DDR statt, dazu ungefähr 30 internationale Veranstaltungen von Weltrang. "In der DDR werden die olympischen Ideen vorbildlich gepflegt", lobte Avery Brundage. 84, der amerikanische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) 1969 nach einem Besuch in Ost-Berlin.
Der Olympia-Traditionalist Brundage überging dabei allerdings, daß der DDR-Sport Zwecken dient, die kaum in das konservative Weltbild des IOC passen. Denn: Das kommunistische Bild vom Sport unterscheidet sich grundsätzlich von der herrschenden Auffassung in der pluralistischen Gesellschaftsordnung westlicher Staaten (Slogan westdeutscher Sportjournalisten: "Schönste Nebensache der Welt").
Während der moderne Sport zugleich mit dem ersten Industrie-Staat der kapitalistischen Welt, England, entstand und als privater Zeitvertreib der Bürger verstanden wurde, erschien er den Sozialisten nur als ein Privileg der bourgeoisen Oberklassen, das den Arbeitern und Bauern vorenthalten werde und das zu erkämpfen ein Ziel der Revolution sein müsse. Später trat noch ein zweites Ziel des sozialistischen Sports hinzu: die Wehrertüchtigung.
So waren denn auch zwei so verschiedene Figuren wie der deutschtümelnde Turnvater Friedrich Ludwig Jahn und der kommunistische Erzvater Karl Marx Wegbereiter des DDR-Sports. Jahn wollte die deutsche Jugend durch Turnen für die Revanche an Napoleon trimmen, Marx verlangte 1866 Körpererziehung für den Befreiungskampf der Arbeiterklasse.
"Sport ist nicht Selbstzweck" sondern Mittel zum Zweck."
"Körperliche Ausbildung und körperliche Stählung befähigt die Proletarier", befand 1930 der deutsche KP-Chef Ernst Thälmann" "ihre physische Widerstandsfähigkeit und Wehrhaftigkeit für den Klassenkampf zu steigern" Nach der Etablierung der kommunistischen Macht führte die DDR als erster Staat der Welt 1968 "das Recht der Bürger auf Körperkultur und Sport" -- so DDR-Sportchef Manfred Ewald, in seine Verfassung ein.
Für die DDR gewann der Sport zusätzliche Bedeutung: Erfolge auf Sprungschanzen und in Stadien kompensierten wirtschaftliche Pannen und Enttäuschungen. Sie brachten innenpolitisch und international Anerkennung ein, die Walter Ulbrichts Staat auf anderen Sektoren versagt geblieben war.
"Sport ist nicht Selbstzweck. sondern Mittel zum Zweck", hatte Erich Honecker schon 1948 noch als FDJ-Chef der bürgerlichen, vermeintlich unpolitischen Sportauffassung entgegengehalten. Planmäßig bauten die SED-Führer den Sport als Zweiten Weg ins Weltbewußtsein aus. Ulbricht propagierte den Leistungssport als vorläufigen Ersatz. als gangbaren Umweg zur politischen Anerkennung: "DDR-Sportler auf den Siegespodesten der Welt- und Europameisterschaften, das ist die beste Antwort an die Adresse der Bonner Allein-Vertreter und Revanchisten."
Der Dachverband des DDR-Sports, der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) schloß sich mit seiner Forderung nach "sportlichen Leistungen zum Ruhm unserer sozialistischen Heimat" an. "Ihr seid Sportler-Diplomaten im Trainingsanzug", schärften die Funktionäre ihren Sportlern ein.
Millionen Ausländer sahen den Stars aus Leipzig und Ost-Berlin beim Siegen und Medaillen-Sammeln zu. Das Fernsehen gewöhnte die Welt an das DDR-Emblem, übertrug die Becher-Hymne in Stuben der westlichen Welt, brasilianische Favelas und afrikanische Busch-Kinos. "Die Kanadier haben ein völlig neues Bild von unserer Republik bekommen", jubelte das "Sportecho" nach dem Sieg des DDR-Achters bei der Ruder-Weltmeisterschaft 1970.
Dauerhaften Erfolg durfte die SED von ihrer Sport-Offensive allerdings nur erhoffen, falls es ihr gelang, den Sport in der DDR-Bevölkerung gesellschaftlich zu verankern. Es gelang: Bevor der Staat zwischen Elbe und Oder in den sechziger Jahren seinen späten Wirtschaftsaufschwung erlebte, identifizierten sich viele Bürger nur mit einem Produkt ihres Staates -- mit den DDR-Sportlern und ihren Erfolgen.
Jubler und Statisten für Ulbrichts öffentliche Auftritte mußte die SED oft aus Betrieben und Partei-Organisationen herbeikarren. Als jedoch Wolfgang Behrendt 1956 in Melbourne als erster DDR-Athlet eine Goldmedaille erboxte, telegraphierten DDR-Bürger spontan Glückwünsche. Vier Millionen Menschen erwarben das Abzeichen zur Unterstützung der Olympia-Mannschaft für 1968.
Ulbricht und seine Spitzengenossen nutzten daher jede Chance, mit den Sport-Stars der DDR eigene Sympathiewerbung zu betreiben. Ulbricht: "Die sportlichen Leistungen geben zugleich unseren großen Erfolgen im Neuaufbau unserer Heimat und in der Entwicklung des neuen gesellschaftlichen Lebens Ausdruck."
Wenn die Leichtathleten oder Ruderer mit Medaillen zurückkehrten, standen die Oberen der Republik schon zum Empfang bereit. Am nächsten Tag sahen die DDR-Bürger in Rostock, in Ost-Berlin und Frankfurt an der Oder die Photos von ihrem Olympiasieger oder Weltmeister beim markigen Händedruck mit dem Genossen Walter.
Materielle Anreize und Privilegien sollten die Sportler in ihrem Einverständnis mit dem SED-Staat und seinen Repräsentanten bestärken. "Wir futterten Steaks, Obst gab es satt", erzählt der geflohene Schwimmer Axel Mitbauer aus Leipzig, "es gab eine Menge Wurst. so viel Verpflegung, daß wir oft noch für die Familie mitnahmen."
"Solange man oben mitfährt", beschrieb der inzwischen in West-Berlin lebende frühere "Meister des Sports" Hartmut Scholz, "gehört man zu den Privilegierten." Meister-Krauler Mitbauer: "Spitzensportler genießen in der DDR denselben Ruf wie ein Professor."
Orden und Ehrenrenten für verdiente Sportmeister.
Die Republik entwickelte für ihre Sportler eine ausgeklügelte Rangordnung von Privilegien. In der Bundesrepublik haftet sportlichen Glanzleistungen weithin der Makel nutzlosen, minderwertigen Tuns an; die DDR aber integrierte von Anfang an den Sport und die Sportler in ihre Gesellschaft. Die Sozialistische Einheitspartei läßt sportliche Rekorde, Titel und Medaillen offiziell als Eintrittskarten für Logenplätze in ihrer Hierarchie gelten.
Die Sport-Stars spürten keinen der für die Bevölkerung ärgerlichen Engpässe; für sie gab es immer und überall Orangen und Bananen. Eine Bescheinigung des DTSB vermittelte prämierten Sportlern auf Anhieb eine Waschmaschine oder einen Wagen, auf den Normalbürger mehrere Jahre warten müssen. Wenn siegreiche Equipen heimkehrten, kontrollierte sie kein Zöllner. der Sieg schloß das Recht zum Schmuggeln ein.
Den meisten blieb der volle Militärdienst erspart. Statt dessen schleuste sie der zuständige Sachbearbeiter ihres Sportzentrums auf -Studienplätze, für die sich Normal-Abiturienten erst gesellschaftlich bewährt haben müssen. etwa durch Landeinsätze. Wenn ein erfolgreicher Athlet heiratete, bezog er eine neue Wohnung, ohne einige hundert freiwillige Aufbau-Schichten geleistet zu haben.
Die Bewertung sportlicher Erfolge durch den Staat symbolisiert sich in seinen Auszeichnungen. In der BRD verlieh Bundespräsident Heuß 1950 erstmals das Silberne Lorbeerblatt, eine Auszeichnung, die international erfolgreichen Sportlern vorbehalten war und sie zugleich von Normal-Orden fernhielt. Die offiziellen Blech-Ehren, die Bonn als Verdienstkreuze ausschüttet, wurden erst einem einzigen Sportler zuteil, und auch ihm nur in dritter Klasse: dem Fußballstürmer Uwe Seeler.
Anders in der DDR: Die "Verdienstmedaille der DDR" und der "Vaterländische Verdienstorden" -- wie Olympiamedaillen in Gold, Silber und Bronze abgestuft -- sind für alle da, etwa für die Turn-Weltmeisterin Karin Janz und den Europameister Kirst ebenso wie für den Außenminister Winzer.
Mit dem "Vaterländischen Verdienstorden" in Gold (500 Mark), Silber (250 Mark) und Bronze (125 Mark) sind Ehrenrenten verknüpft. Stars können sich das Ordens-Zubrot auch, auf 40 Jahre berechnet, vorzeitig auszahlen lassen. Die Athleten vorbehaltenen Titel "Meister" und "Verdienter Meister des Sports" sind an feste Normen gebunden, die sich am internationalen Leistungs-Standard ausrichten.
Besondere Leistungen wie Rekorde oder internationale Siege lohnt das Regime überdies durch Sonderprämien. Nach Erfolgen gegen die Estnische Sowjetrepublik steckten die DDR-Basketballer 1961 je 450 Mark ein. 500 Mark kassierten die Radler für den Sieg in den zweitrangigen Ägypten- und Tunesien-Rundfahrten. Auf 1000 Mark stieg die Prämie an den Geher Hannes Koch für eine Weltbestzeit im 20-Kilometer-Gehen.
50000 Ostmark
für olympisches Gold.
Überdurchschnittliche Dividende brachte -- und bringt -- ein Sieg gegen westdeutsche Sportler. Nach der Qualifikation für die gesamtdeutsche Mannschaft zur Europa-Meisterschaft kassierte Geher Koch 1962 ebenfalls 1000 Mark. Kajak-Olympiasieger Günter Perleberg steckte für die Goldmedaille in der Kajak-Staffel 1960 schon 5000 Mark ein. "Ich war baß erstaunt", erzählt Perleberg. "5000 Mark, Gott. war für mich doch recht traumhaft."
Auf 5000 Mark kletterte inzwischen auch der Tarif für Ruder-Europameister. 1968 honorierte die DDR olympisches Gold schon mit 50000 Mark. Den Prämiensegen verbürgen übereinstimmend entwichene Leistungssportler, deren Aussagen der Berliner Ostsport-Spezialist Willi Knecht seit vielen Jahren sammelt.
Sogar für den Punktspielbetrieb der Fußballer setzt die DDR-Liga Prämien wie in der Profi-Bundesliga aus. Der frühere DDR-Auswahlspieler Michael Polywka gab 400 Mark für einen Heimsieg in der Oberliga an, 600 Mark für einen Auswärts-Erfolg, außerdem 50 Mark je Spieler für jedes auf eigenem Platz erzielte Tor, doppelt soviel pro Auswärts-Treffer.
"Schwarzer Mann" oder "Weihnachtsmann" nennen die Stars den anonymen Sendboten, der das Geld überbringt. Nach der Rückkehr vom Olympia 1960 wartete er im Geschäftszimmer der Equipe im Leipziger Astoria-Hotel. Jeder wurde einzeln hereingerufen. Kanufahrer Perleberg: "Der nächste Gang aus diesem Zimmer war aufs Örtchen, weil man dort ungestört die Scheine zählen konnte."
"Wenn man aufhört, ist man wieder der kleine Mann."
Die Geldboten überreichten verschlossene Kuverts, nannten die Summe und forderten meist auf, nachzuzählen. Quittungen gehörten nicht zum Brauch. Jede Prämien-Ausschüttung verbanden die Geldboten mit der dringenden Bitte um strikte Geheimhaltung, "sogar gegenüber der Ehefrau" (Basketball-Nationalspieler Uhlig).
Anstelle von Bargeld empfingen Weltklasse- Sportler auch Sachwerte: Der Meister-Radler Gustav Adolf ("Täve") Schur bezog noch als Student eine Villa, Skispringer Harry Glaß und Eiskunstlauf-Weltmeisterin Gabriele Seyfert zum Ende ihrer Karriere. Als sie sich nicht mehr zum weiteren Eiskringeln überreden ließ, verzögerte sich der Bau um ein halbes Jahr. Nach ihren Mißerfolgen als Nachwuchstrainerin des SC Karl-Marx-Stadt soll sie, so heißt es, das Haus zurückgeben.
Margitta Gummel bestieg nach ihrem Olympiasieg 1968 im Kugelstoßen einen roten Wartburg, Kennzeichen SC 1961; das SC stand für "Sportclub", 1961 für ihre Siegweite in Mexiko (19,61 Meter).
Solange sie Meistertitel und Medaillen jagen, wird den DDR-Athleten ein Alltag an der Werkbank oder hinter dem Schreibtisch vom Staat erspart. Sie müssen zwar auch eine berufliche Ausbildung beenden, doch das Regime sorgt dafür, daß der Sport darunter nicht leidet.
Erwachsene Sportler erhalten sogenannte Kader(K)-Stellungen, von denen größere Betriebe einige bereithalten müssen. Das Ost-Berliner "Sportecho" etwa besitzt drei K-Stellen. Die Sportler leisten dort nur stundenweise Dienst; das volle Gehalt zahlt der Staat über den Trägerbetrieb an den Sportler.
Radrennfahrer Hartmut Scholz gab an, von 1961 bis zu seiner Flucht im April 1965 beim "VEB 7. Oktober" etwa 14 Tage gearbeitet zu haben. Scholz: "Na ja, zwischendurch hab" ich hin und wieder meine Kollegen besucht und einen Kasten Bier mitgenommen." Weltmeister Reinicke traute sich zuletzt kaum noch in seinen Betrieb, weil "man von den Arbeitern unfreundlich angesehen wurde. Dann hieß es: Na, hast du schon wieder Urlaub gemacht?"
Vermochten Sportler allerdings ihren Perspektivplan nicht einzuhalten, dann verloren sie nach einer Bewährungsfrist die K-Stelle. Das Frei-Gehalt floß noch ein halbes oder ein ganzes Jahr weiter. Ein Sozialhelfer des Werks erleichterte die Resozialisierung. "Aber wenn man aufhört", berichtet Radsportler Scholz, "ist man wieder der kleine Mann."
Nicht unbedingt, falls der Athlet seine Ausbildungs-Chancen genutzt hat. Die Planer räumten ihm notfalls sogar doppelte Studienzeit ein. Vor allem im Traineramt amortisieren sich aus staatlicher Sicht die beträchtlichen Investitionen für einen Sportler unmittelbar. Daher ermutigte die Sportführung Spitzensportler, an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig ein Trainer-Diplom zu erwerben. Viele nahmen die Gelegenheit wahr.
Diplomierte Trainer von Spitzensportlern zählen denn auch zur privilegierten Schicht, Außer überdurchschnittlichen, teils steuerfreien Gehältern kassieren sie Erfolgsprämien wie ihre Stars und sind am Ordenssegen beteiligt. Nach den Erfolgen der Leichtathleten bei den Europameisterschaften 1971 dekorierte die DDR den Cheftrainer Hans-Günther Rabe mit dem "Vaterländischen Verdienstorden".
Aber auch für außersportliche Berufs-Karrieren bieten Meistertitel und Medaillen einen soliden Unterbau: > Der Rostocker Frank Wiegand, dreifach beim Olympia 1964 mit Silber medailliert und Weltrekordler im Kraulschwimmen, nähte sich mit 23 Jahren die Sterne eines Kapitänleutnants der Volksmarine an. > Ulrich Mense. der 1964 mit dem Drachenboot "Mutafo" zur Silbermedaille segelte, wurde Bereichsleiter im Fischkombinat Rostock und ist heute für die Ausrüstung der staatlichen Hochsee-Fischereiflotte verantwortlich.
* Sein Mitsegler Wilfried Lorenz arbeitet als Entwicklungsingenieur auf der Warnow-Werft.
* Box-Olympia-Sieger Wolfgang Behrendt ist einer der erfolgreichsten DDR-Sportphotographen.
Sportliche Glanzleistungen genügen allerdings nicht allein, um in die privilegierte Schicht aufzusteigen; neben den Muskeln massieren die Polit-Ausbilder regelmäßig das Klassenbewußtsein ihrer Sportler. Politische Schulung gehört in den Leistungszentren zum Training. öffentliche Treuegelöbnisse zu den gesellschaftlichen Pflichtübungen.
Angeleitet von der SED, trugen die erfolgreichsten Athleten den Sport in die Bevölkerung. Europameister Kirst diskutierte in der Schule mit Schülern. Zur "Urlauber-Olympiade" in Schnarrtanne im Kreis Auerbach/Vogtland forderte Bürgermeister Spitzner den Olympia-Dritten Harry Glaß (Skisprung) als Ehrengast an. Die Schwimm-Europameisterin Martina Grunert erfüllte ihre gesellschaftliche Verpflichtung mit Farbdia-Vorträgen im Leipziger Kulturhaus.
Jede Woche tauchen Sportidole der Republik in Fabriken und Schulen, zu Provinzsportfesten und Klub-Jubiläen auf. Sie agitieren bei öffentlichen Sportler-Foren für den SED-Staat und gegen die Bundesrepublik. Europameisterin Renate Stecher setzte bei einem Besuch im Braunkohle-Kombinat Bitterfeld ihre Goldmedaille als Preis für einen Wettbewerb um die "beste Kumpel-Brigade" aus. Oft ist das Fernsehen dabei -- die lokale Presse immer.
So versuchen die SED-Strategen den DDR-Bürgern zu suggerieren, die Stars seien Menschen wie sie, obwohl der Durchschnittsbürger in der DDR keine Chance hat, ihren Standard zu erreichen. Die Planer hoffen -- steter Medaillen-Regen verändert das Bewußt sein -, daß mehr und mehr Bürger einstimmen in das politische Loblied der Sportler auf ihre Republik.
"Jeder Mann an jedem Ort, jede Woche mehrmals Sport,"
Als Ulbricht 1961 West-Berlin einmauerte, meldeten sich nach dem Muster organisierter Spontaneität Studenten der Leipziger DHfK zum "Wehrdienst am Schutzwall". Die SED faßte sie im "Regiment Walter Ulbricht" zusammen, seither dienen wehrpflichtige DHfK-Studenten in dieser Sonder-Einheit.
Aber der Staat erwartet auch, daß seine Spitzensportler die Bürger zu eigener Trimmtätigkeit anregen. Tatsächlich hat die DDR auch im Breitensport für jedermann neue Maßstäbe gesetzt.
Sport stabilisiert das System; ebenso fördert er Arbeitskraft und Gesundheit. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) erließ denn auch "10 Regeln für einen FDGB-Funktionär", deren erste lautet: "Regelmäßiger Sport bringt hohe Produktionsergebnisse." Die Erste Sport-Konferenz des FDGB-Bezirksvorstandes Erfurt stellte dazu fest: "Auch der Krankenstand sank rapide ab."
In der DDR beteiligt sich fast jeder zweite an sportlichen Veranstaltungen (Bundesrepublik: jeder dritte), wenngleich teilweise milde genötigt. Wer in Ferienheimen der Gewerkschaften einen preisgünstigen Platz ergattert hat, kann sich der Aufforderung zur täglichen Gruppen-Gymnastik schwerlich entziehen.
Alle Schulen bieten wöchentlich als Hauptfach mindestens zwei Sportstunden an, dazu Übungs- und Startmöglichkeiten in den Schulsportgemeinschaften (SSG). Eine "Fünf" in Sport blockiert die Versetzung. Studenten dürfen sich erst zum Examen melden. wenn sie im Grundstudium "mit Erfolg" die athletischen Leistungstests bewältigt oder "regelmäßig" Sport getrieben haben.
"Jeder Mann an jedem Ort, jede Woche einmal Sport", rüttelte Ulbricht 1959 alle nicht-organisierten Bürger auf. Bei einer Staatsratssitzung steigerte er sich 1968 auf "jede Woche mehrmals Sport".
Der Spitzengenosse sportelte voran: Ohne sich seines Bauchspecks zu genieren, reihte er sich auf Spielplätzen in Volleyball-Mannschaften ein. Er beteiligte sich auch an öffentlicher Ausgleichsgymnastik. Einer besonders regen Leipziger Haussport-Gemeinschaft schenkte er einen Barren -- sein früheres Lieblings-Gerät.
"Bei uns kann der Gast
der Bewegung nicht ausweichen."
Auch andere Funktionäre entfachten Wettkämpfe für Gesundheitssportler. In Karl-Marx-Stadt beteiligten sich 1971 alle 46 Sportgemeinschaften am Wettbewerb um den Titel "Vorbildliche Sportgemeinschaft". Dabei verlangte der Staat auch unbezahlte Arbeit: In 16 Monaten errichteten Freiwillige in einer von dem SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" inszenierten Aktion das Leipziger "Zentralstadion" (Fassungsvermögen: 100 000 Zuschauer). An Fernwettkämpfen der Gewerkschaften nahmen 1970 insgesamt 1 072 194 Freizeitsportler teil" am Fernwettkampf der Landgemeinden mehr als eine Million. 45 000 Familien erschienen zum Familienvergleich "Für Dich". Der stellvertretende "Sportecho"-Chefredakteur Dieter Wales proklamierte: "Bei uns ist immer Olympia."
Berufstätige finden in den Betriebssportgemeinschaften (BSG) für 1,30 Mark im Monat Spiel- und Sportmöglichkeiten. Die Muster-BSG der Buna-Werke verfügt über mehr als 30 Anlagen: von Fußball- und Volleyball-Feldern bis zur Schwimmhalle, Kegelbahn und zum Billard-Saal.
Aber auch kleine Betriebe verpflichtet der Staat. "Wenn es im Röhricht knackt, muß es nicht gleich ein kapitaler Hirsch sein", beschrieb das "Sportecho" die Aktivität der "BSG Fortschritt" auf dem Waldsportplatz bei Oelsnitz. "Es kann ein Mädchen sein, dessen Ball ins Dickicht rollte."
Jede der 56 Brigaden des örtlichen Teppichwerkes "VEB Halbmond" hat einen Sportleiter. Sie kegeln auf einer Asphaltstraße und schießen im ausgeräumten Werks-Speiseraum. Gut 30 Prozent der 44000 Oelsnitzer treiben organisierten Sport.
"Bis zum Sommer 1966 ragten nur Fichten, und man sah noch Hasen und fand Pilze in den Wäldern. Hier entsteht das größte Wärmekraftwerk Europas, das Kraftwerk Boxberg", schrieb die Ost-Berliner Sportzeitung über ein Projekt, das "immer mehr Lampen in unserer Republik zum Erglühen" bringen soll. "Noch ehe der erste Generatorblock ins Netz geschaltet war", hatten die Werktätigen "am richtigen Schalter geknipst": Sie gründeten die Turn- und Sportgemeinschaft (TSG) Kraftwerk Boxberg.
Zugleich mit der Kollektivierung der Agrarwirtschaft pflanzte die SED Sportgemeinschaften in den Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften (LPG). Ihr Slogan: "Das ganze Dorf treibt Sport."
Als Paradebeispiel erzählen DDR-Zeitungen die Geschichte des Speerwerfers Walter Krüger: Der Bauer aus Altenpleen in Mecklenburg sei 1958 mit seiner 70jährigen Mutter der LPG beigetreten. Nun habe er endlich Zeit zum Training gefunden; zwei Jahre später errang Krüger bei den Olympischen Spielen in Rom Silber. In Wirklichkeit lebte er mit seiner Familie in Schwerin und hatte auf den Anlagen seines Klubs "Traktor Schwerin" trainiert.
Für eine Übergangszeit schickten Stadtklubs Wandertrainer auf die Dörfer. Später traten Berufssportlehrer in Dauerdienst. Häufig reisten auch erfolgreiche Stars aufs Land und halfen, neue Sektionen zu gründen. Leipziger Sportstudenten organisierten während ihres Praktikums Landvereine und bildeten dabei Übungsleiter aus.
Nachdem der Massensport in Schule, Wohnbezirk und am Arbeitsplatz etabliert war" schlossen die DDR-Strategen die letzten Sportlücken: Sie planten Massenveranstaltungen auch für die Ferien und im Winter.
Sobald die Temperatur auf drei Grad minus sinkt, lassen sie allein in Ost-Berlin 50 öffentliche Eisbahnen spritzen, öffnen sieben Schlittschuh-Ausleihstationen und eine Zentral-Ausleihe im Friesen-Stadion. In den Müggelbergen können Ausflügler sich Ski und Rodel pumpen. Der FDGB meldete in den Wintersport-Orten "rund 13 000 Ski sowie einige tausend Rodelschlitten und Schlittschuhe bereit".
Von 100 000 Urlaubern in Kühlungsborn beteiligten sich 1969 im Sommer schon 46 000 an "herzerfrischender Gymnastik und turbulenten Ballspielen" ("ND"). Für 50 Kilometer Wandern belehnt die Gäste in Oberhof ein Wanderabzeichen. Doch das genügt den Mobilisierern noch nicht. Das "ND" rügte: "Wer erlebt im Bezirk Dresden schon einmal ein Urlaubs-Sportfest?"
Allenthalben besteht die Möglichkeit, das Sportabzeichen (Inschrift: "Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat") zu erwerben. In drei Jahren bestanden 1,2 Millionen DDR-Bürger die Prüfungen. "Bei uns kann der Gast der Bewegung nicht ausweichen", tönte Sportorganisator Siegmar Wagner ungewollt doppeldeutig. "Täglich ist etwas los." Unter dem Motto "Mein Urlaub -- kein Urlaub vom Sport" fordern die Sport-Entertainer in den 700 Erholungsorten des FDGB zum Rennen und Rudern auf.
Urlauber-Olympiade für 24 Millionen DDR-Bürger.
Bis zu 90 Prozent der Urlauber erfüllten das Soll. 1970 nahmen 960 000 Feriengäste teil, im letzten Jahr sprangen und spurteten schon 2,4 Millionen bei 3600 Urlauber-Sportfesten im Rahmen der "Urlauber-Olympiade". 18 000 Ferienreisende erwarben Sportabzeichen -- 8800 eine Schieß-Nadel.
ln keinem anderen Land der Welt verfolgen Trainer und Übungsleiter die Bürger bis in ihre Wohnungen und Urlaubszimmer. Aber auch kein Staat bekämpft die Folgen des Bewegungsmangels (jährlicher Schaden in der Bundesrepublik: zehn Milliarden Mark) so konsequent wie die DDR.
"Immer mehr durchdringen Körperkultur und Sport unsere sozialistische Gesellschaft", schrieb DTSB-Präsident Ewald" "und nehmen einen wichtigen Platz im Leben des einzelnen Menschen ein." Die Nation ein Volk von Sportlern -- nie waren Deutsche dem vielbelächelten Ziel näher als DDR-Bürger.
Ein so politisierter und sozialisierter Sport war ideal dazu geeignet, das Prestige der DDR auch nach draußen zu verstärken. Der Sport wurde zu einem Transmissionsriemen völkerrechtlicher DDR-Anerkennung: Die DDR hatte schon frühzeitig einen mühseligen Marsch durch die Institutionen des internationalen Sports angetreten.
Im nächsten Heft
Stalin verhindert den Eintritt der DDR in den internationalen Sport -- Der Streit um die gesamtdeutsche Olympiamannschaft -- Die Nato boykottiert DDR-Sportler

DER SPIEGEL 32/1972
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„Bei uns ist immer Olympia“