24.07.1972

Ein Königskind auf Reisen

Es gibt Menschen, die füllen eine Halle ganz allein. Einer davon ist Tschou En-lai, Chinas Regent. Dabei ist er klein, fast zierlich. Es gibt Millionen Chinesen von seiner Gestalt, nach denen sich keiner umdreht, deren Erscheinen nichts verändert. Tschou dagegen bewegt sich wie in einem Magnetfeld, das er aufbaut und abbaut nach seinem Belieben. Er hat Macht nicht nur, er strahlt sie aus.
Das heißt, Tschou En-lai weiß sogar die plumpsten Schmeicheleien auf eine Weise vorzubringen, die jeden Widerspruch zur Wirkungslosigkeit verdammt. "Sie haben Präsident Nixon übertroffen", befand er bündig, als Gerhard Schröder ihm letzten Mittwoch gesprächsweise kundtat, bis zu welcher stattlichen Hohe die Bonner Expedition tags zuvor auf der Chinesischen Mauer vorgedrungen war -- eine Strapaze, die Schröder selbst an den "Drachenfels ohne Zahnradbahn" erinnert hatte.
Spaß beiseite: Der oppositionelle Parlamentarier Schröder. der aus der Bonner Ruhe vor dem Sturm des Wahlkampfes kam, hat in diesem China nach dem Sturm der Kulturrevolution keinen schlechteren Auftritt und keine geringeren Möglichkeiten, als ein offizieller Abgesandter oder gar ein Mitglied der Regierung sie hätte haben können.
Dieser Irrealis, dieses "hätte" hat eine Geschichte, und die könnte von
sun sein: Zwei wollen zusammenkommen und offenbaren einander auch mehr oder weniger verschlüsselt diese Neigung, aber keiner traut sich, den ersten Schritt zu tun. Nur geht es hier nicht um Liebe, sondern um das, was auch im privaten Leben manchmal der Liebe folgt: diplomatische Beziehungen.
Peking ist heute zweifellos bereit, ohne Umschweife und ohne Vorbedingungen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Bundesrepublik zu verhandeln. Solche Signale in Richtung Rhein sind auch gegeben worden, freilich immer auf Umwegen und immer in der Annahme, Bonn werde den berühmten ersten Schritt tun. Gewiß ist die primär auf einen Ausgleich mit Moskau orientierte Brandtsche Ostpolitik, den Chinesen weiterhin ein Dorn im Auge. Ihre Polemik dagegen ist aber schon seit etwa einem Jahr deutlich leiser gestellt worden, und wer heute hier mit den Lenkern und Denkern der chinesischen Außenpolitik ins Gespräch kommt, muß den Eindruck gewinnen, daß für sie die ratifizierten Ostverträge jedenfalls kein Hinderungsgrund mehr für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen sind. Verhandeln darüber kann man nur mit der Regierung, nicht mit der Opposition.
Auch die Bonner Regierung ist ausweislich Brandts Regierungserklärung im Prinzip für diplomatische Beziehungen. hat es aber sorgfältig vermieden. während der Verhandlungen über die Ostverträge gegenüber ihren russischen oder osteuropäischen Gesprächspartnern die "Pekinger Karte" zu spielen. Zunächst mußten die Verträge mit Moskau und Warschau unter Dach und Fach sein. Was immer Seit Unterzeichnung dieser Verträge an Bonner Signalen nach Peking abgegangen sein mag, war jedenfalls zu schwach für die chinesischen Antennen und von russischen Störsendern leicht zu übertönen.
Als dann am 7. April dieses Jahres die chinesische Einladung an den Christdemokraten Gerhard Schröder erging, der sich seit rund zwei Jahren darum bemüht hatte, da war es für deutlichere Signale der Regierung offenbar zu spät -und auch für alle Versuche, dieser ersten Reise eines prominenten bundesdeutschen Politikers nach Rotchina noch durch eine amtlich inspirierte Offerte zur Aufnahme von Verhandlungen zuvorzukommen. Chinesen verpassen lieber eine Chance, als daß sie ihr Gesicht verlieren, vollends gegenüber einem ausgemachten Kapitalisten.
Dies ist die Situation, in der Gerhard Schröder, Vorsitzender des Auswärtigen Bundestagsausschusses und stellvertretender Vorsitzender der CDU, seine lang geplante Reise nach China unternommen hat. Wer ihn begleiten und beobachten kann, hat keine Mühe, zu erkennen, daß er sie genießt.
Für die Situation jedenfalls hat er alsbald eine liebevoll poetische Umschreibung gefunden: Das sei mit Bonn und Peking eben wie mit den zwei Königs-
* 4. v. l.: Vizeaußenminister Tschiao Kuan-hua.
kindern aus dem Gedicht, die zueinander nicht kommen konnten, obwohl sie einander so lieb hatten. Und genußreich findet er diese im Grunde doch eher traurige Situation deshalb, weil sie ihm endlich wieder einmal Gelegenheit bietet, sich als Repräsentant des ungeteilten deutschen Interesses zu begreifen und zu bewähren -- fern aller kleinlichen Parteilichkeit, die er zu seiner Betrübnis auch in den eigenen christdemokratischen Reihen zu Hause weiß, und frei von dem, was er für falsche Fixierung und schlechtes Handwerk der Regierung hält. Selten hat er eine so gute Gelegenheit gehabt, sich als "beinah überparteilich" zu beschreiben, und gewiß noch nie die Chance, einem Mann wie Tschou En-lai schlichtweg die "besten Grüße der Deutschen" zu bestellen.
Soweit, so gut. Nur soll man aus alledem nicht den Schluß ziehen, Schröder habe die schöne Reise nach Peking gemacht, um sich als Kuppler zwischen den beiden Königskindern zu betätigen. Da sieht er sich gewiß lieber selber als den Königssohn, den ein böser Zauber in einen Frosch verwandelt hat und dem gar bald der Kuß einer schönen Prinzessin (genannt christdemokratische Wählermehrheit) seine ursprüngliche Gestalt wiedergeben wird.
Das muß nicht heißen, und das soll auch gar nicht heißen, daß Schröder bereits eine Vorstellung davon habe, wie das Problem der Beziehungen richtig zu lösen sei. Er sagt im Gegenteil ausdrücklich, er werde dies erst am Ende der Reise wissen. Er sehe uns, sagt er, und meint damit gewiß die Bundesrepublik und ihre "derzeitige" Regierung, "noch in einer unvollkommenen Gestalt, und ich bin ganz ohne Rücksicht auf den Wahlkampf der Meinung, daß diese Gestalt vervollständigt werden sollte".
Unterdessen mißt er mit seinen Gesprächspartnern den Horizont der Weltpolitik aus, übermittelt ihnen zuvor lange Fragenkataloge und erläutert "vor dem Hintergrund des Denkens der gegenwärtigen Regierung" das Bonner Remis -- eine halbe Nacht lang mit Tschou und insgesamt zehn Stunden und 40 Minuten mit dem Vizeaußenminister Tschiao Kuan-hua, einem jener brillanten, weltläufigen und ideologisch keineswegs bornierten Staatsbeamten, die während der Kulturrevolution wegen "dekadenten Lebenswandels" von den Roten Garden wild attackiert wurden und die heute wieder für rund tausend Mark Gehalt die Weltpolitik der Volksrepublik China entwerfen.
Das ist Schröders Welt -- ob er nun in China weilt oder anderswo. Der gouvernementale Gestus ist ihm ebensowenig abhanden gekommen wie die schnarrige, manchmal ein bißchen an Serenissimus erinnernde Manier, protokollarische Routine zu absolvieren.
Aber als Tourist ist er nicht besonders hoch entwickelt, abgesehen allerdings davon, daß er die Strapazen der Reise, bei der Hitze, opulente Mahlzeiten, Besichtigungen und konzentrierte Sitzungen ständig widerstreiten, bislang mit Erfolg dazu genutzt hat, jene physische Fitness zu demonstrieren, die ihm nicht nur politische Gegner seit den Tagen seiner "vegetativen Krise" absprechen.
Doch auch wer ihn gut kennt, kann schwer sagen, was aus der Fülle der Gesichte ihn beeindruckt und was nicht. Schröders Manier. auch seine Erlebniswelt streng zu formalisieren, macht das so schwierig. Er photographiert gelegentlich mit einer Agfa Selectronic, aber auch dies vor allem fürs Photoalbum seiner Enkel und weil er nun mal Präsident der Deutschen Gesellschaft für Photographie ist.
Ein neuer Sturm -- freilich kein ideologischer, sondern ein meteorologischer -- hat Schröders eigentliche Entdeckungsreise in den für reguläre Touristen gemeinhin unzugänglichen Nordosten des Landes bis zum Freitag letzter Woche verzögert. Dennoch hat er Peking verlassen, ohne die Worte des Vorsitzenden Mao aus dessen eigenem Munde zu vernehmen, und das, obwohl er -- als ob er ein Königskind wäre -- um die Möglichkeit gebeten hatte, "dem Vorsitzenden meine Aufwartung machen zu dürfen". Die Bitte ist ohne jede Antwort geblieben.
Von Hermann Schreiber

DER SPIEGEL 31/1972
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