14.08.1972

AFFÄRENGeld für Ruinen

Der Versuch einer Abschreibungsgesellschaft, an der tschechischen Grenze ein zweites Karlsbad zu bauen, droht mit einem finanziellen Fiasko zu enden.
Das Sibyllenbad", so prophezeite vor zwei Jahren das "Institut für Bau- und Finanzberatung" des Kieler Abschreibungsexperten Martin Lothar Baumann, "wird Maßstäbe setzen." Die großzügige Prognose ging freilich anders in Erfüllung, als der Geschäftsmann erwartet hatte: Sibyllenbad wurde zu einer der größten Bauruinen in der Bundesrepublik.
Auf einem Hochplateau in der Nähe des oberpfälzischen Dorfes Neualbenreuth (800 Einwohner), nur wenige hundert Meter von der tschechischen Grenze entfernt, verschandeln seit fünf Monaten Kellergeschosse und Stahlbetonpfeiler für die "wohl modernste Version eines Kur- und Bäderzentrums in Europa" (Prospekt) die Landschaft.
Auf der Großbaustelle- deren Einrichtung allein eine Million Mark verschlang, läßt sich seit Monaten kein Handwerker mehr sehen. Denn die Kassen der "Sibyllenbad Quellen- und Bäderverwaltungs-GmbH & Co. Kommanditgesellschaft". an der sich Ärzte. Anwälte. ein Tanzlehrer und ein Leichenbestatter mit rund 14 Millionen Mark Einlagen beteiligten. sind leer.
Dabei war das geplante Kurzentrum im bayrischen Notstandsgebiet von Behörden und Politikern wie kaum ein anderes Vorhaben mit Vorschußlob bedacht worden. Franz Sackmann. Staatssekretär im bayrischen Wirtschaftsministerium. zum Beispiel kündigte eine "beachtliche fremdenverkehrspolitische Entwicklung" an: sein Kollege Erich Kiesl vom Innenministerium sprach bei der Grundsteinlegung vom "größten Projekt im nördlichen Grenzland", das die bayrische Staatsregierung "begrüßt und unterstützt"Die Idee, den tschechischen Renommierkurorten Marienbad, Karlsbad und Franzensbad Konkurrenz zu machen, hatten schon Anfang der 60er Jahre Egerländer Vertriebene. Bei Probebohrungen in der Feldmark von Neualbenreuth stießen sie auf Heilquellen, die denen der berühmten Nachbarorte qualitativ nicht nachstanden.
Vor drei Jahren griffen "kapitalkräftige Unternehmer" (Kiesl) die Vertriebenenpläne auf. Als Promoter bot sich Finanzlöwe Martin Lothar Baumann aus Kiel an, der sich rühmt, "Objekte in einer Größenordnung von über 1,1 Milliarden Mark" mitfinanziert zu haben. Nach bewährtem Muster gründete Baumann eine Abschreibungskommanditgesellschaft. In einem Prospekt versprach er den Geldanlegern steuermindernde Verlustzuweisungen von 180 Prozent. Da das Badezentrum im Zonenrandgebiet läge, könnte das Unternehmen außerdem "verlorene öffentliche Zuschüsse" kassieren, die einen sofortigen Wertzuwachs der Einlagen von 62,3 Prozent ermöglichten.
Den künftigen Sibyllenbad-Eignern malte Baumann in seiner Werbung rosige Zukunftsbilder. So sollten schon im ersten Bauabschnitt "zwei Sanatorien", "drei Kurhotels", ein "Kurhaus mit Kursaal", Gebäude für Werkstätten, Verwaltungs-, Personalwohnungen" sowie "großzügige Außenanlagen" inklusive Kurpark gebaut werden.
Später wollte Baumann das "schlechthin vollkommene Heilbad" (Prospekt) auch noch um eine Kirche, eine Bibliothek, ein Gymnasium und mehrere Kaufhäuser bereichern. Kosten der ersten Baustufe: 117 Millionen Mark.
Noch ehe das dafür notwendige Eigenkapital von 26 Millionen Mark eingesammelt war, fuhren auf der Neualbenreuther Höhe Bulldozer und Bagger auf. Die Eile war verständlich. Denn die Bundesregierung hatte die steuerlichen Sonderabschreibungen nur bis zum 31. Dezember 1972 terminiert (inzwischen wurde die Frist um ein Jahr verlängert).
In der von Baumann entfalteten Gründereuphorie entging den Kommanditisten allerdings, daß in der Firmenspitze eine seltsame Aufgabenverquickung stattfand. Im Aufsichtsrat der geschäftsführenden GmbH saß der Münchner Kurt Schlegel, der gleichzeitig als Generalunternehmer fungierte. Der Diplom-Ingenieur Werner Hübner durfte neben seiner Aufsichtsratstätigkeit auch die "Erschließung. Statik und Haustechnik mit örtlicher Bauleitung" durchführen.
Gewinn aus der Heilbad KG zog auch Staatssekretär Kiesl. Denn als Wirtschaftsprüfergesellschaft verpflichtete Baumann die "Industrie- und Handels-Treuhand GmbH" in München, zu deren Gesellschaftern der hohe Staatsbeamte gehört.
Um bei den Geldgebern keine Zweifel an der Rentabilität des Unternehmens aufkommen zu lassen, verbreitete Baumann gutdosierte Erfolgsmeldungen. So ließ er seine Kommanditisten wissen. acht Landesversicherungsgesellschaften hätten für 420 Betten "Belegungswünsche geäußert".
Der norddeutsche Bädergründer spannte selbst das Arbeitsamt in seine PR-Kampagne ein. In den Volksschulen des nahe gelegenen Städtchens Waldsassen verkündeten Berufsberater. im Sibyllenbad sei als Masseur, als Friseuse oder Zimmermädchen gutes Geld zu verdienen.
Statt der Waldregion neue Jobs zu bescheren, verloren jedoch zunächst einmal 200 Bauarbeiter ihren Arbeitsplatz. Am 1. März dieses Jahres mußte Generalbauunternehmer Schlegel bekennen, daß die Eigenmittel der Sibyllenbad GmbH & Co. KG erschöpft seien. Die Kredite zum Weiterbau vermochte die Firma nicht heranzuschaffen, da sie den Banken keine ausreichenden Sicherheiten bieten konnte.
Letzte Rettung sollte eine angebliche Staatsbürgschaft von 40 Millionen Mark sein. Doch in den zuständigen Landesministerien dachte niemand ernsthaft daran, Baumann wieder flüssigzumachen. Kiesl: "Ich hatte lediglich erklärt, mich für die Erteilung einer Staatsbürgschaft verwenden zu wollen!"
Mangels weiterer Kredite hielt es Baumann für geboten, seinen Geschäftsführerposten bei der Sibyllenbad KG niederzulegen. Sein Nachfolger Reinhold Strobl startete inzwischen einen neuen Versuch, die endgültige Pleite abzuwenden: Allen Kommanditisten unterbreitete er jetzt ein "Vorzugsangebot", weitere Anteile zu einem "ermäßigten Ausgabekurs" zu erwerben.

DER SPIEGEL 34/1972
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