14.08.1972

DIRNENGelegentlich Schreie

Im Ulmer Dirnenkrieg sind die Betroffenen zwischen zwei Fronten geraten -- die Stadt verwehrt ihnen ein Haus, die Konkurrenz den Straßenstrich.
Dr. h. c. Theodor Pfizer, 68, scheidender Oberbürgermeister von Ulm und Präsident der Hölderlin-Gesellschaft, nahm bei seiner Abschiedsrede am 24. Juli nach dem Zeugnis seiner Mitarbeiter das Wort "Bordell" zum erstenmal in den Mund.
Was den feinsinnigen Stadtvater gerade am Ende seiner Amtszeit zu solch verbalem Kraftakt zwang, formulierte eine Mitbürgerin Pfizers zwanglos mit der Frage: "Wo, zum Teufel, sollen wir denn noch bumsen?" Denn sie darf es nicht mehr im Freudenhaus, weil die Stadtverwaltung es nicht will, und sie darf es nicht per Straßenstrich -- weil die Konkurrenz es nicht duldet.
Das Gebäude, das OB Pfizer beim Namen nennen mußte, liegt in der Ulmer Schülinstraße 12, mitten im Dirnensperrbezirk. Bewohnt wird es von 50 Prostituierten.
Seit fünf Jahren beschweren sich Anrainer der Liegenschaft über "nächtlichen Autolärm" lautes Anwerben von Freiem, gelegentliche Lustschreie aus offenen Fenstern und das Urinieren der Kunden an Wände und Ecken" des lustorientierten Nachbarhauses -- so ein Protokoll der Ulmer Polizei. Erst spät waren erschreckte Eltern dahintergekommen, daß ihre Kinder sich von einem eigens hergerichteten Ausguck auf dem Dachboden eines Nachbarhauses aus erste Einblicke in die gewerblichen Gewohnheiten solcher Etablissements verschafft hatten.
Nach etlichen Razzien, die nur bescheidenen Erfolg brachten, verfügte schließlich im Frühjahr das Ulmer Amt für öffentliche Ordnung die Schließung des Bordells, nachdem zuvor 50 Beamte das Haus durchsucht und fünf der Damen bei der Arbeit erwischt hatten. Seither bewachen drei Uniformierte den Eingang zur Schülinstraße 12 und lassen nur Besucher durch, die nachweisen können, daß sie keine Beihilfe zur "rechtswidrigen Ausübung der Gewerbsunzucht" leisten wollen.
Die Prostituierte Helen Kötker, seit fünf Jahren erfolgreich in der Schülinstraße tätig, kommentiert das Vorgehen der Polizei: "Das verstößt doch gegen's Grundgesetz." Und ihre Kollegin Lieselotte Mühltaler erleidet Ungewohntes: "Nicht mal mein Freund darf rein, ich leb" wie eine Nonne."
Doch alle Prostituierten-Proteste brachten bislang nichts ein. Zwar fuhren die Damen im Taxi-Konvoi vor dem Haus des neuen Oberbürgermeisters Hans Lorenser vor, um auf ihre Lage hinzuweisen. Aber der Pfizer-Nachfolger war nicht daheim. Helene Kötker: "Das hat alles keinen Wert, gegen die von der Stadt kommen wir nicht auf."
Die "fromme Helene" (Branchen-Name). die mit ihren Kolleginnen nicht mehr verlangt als Bauplatz und Genehmigung ("Interessenten mit Geld gibt's genug"). weiß auch, warum die Stadt den Damen das Leben so schwermacht: "Die haben einen Privatkrieg gegen unseren Vermieter, und da sind wir zwischen die Fronten geraten."
Der Vermieter, Jeszaja Buskawoda, 63, jugoslawischer Abkunft und Besitzer eines Bordells in der Münchner Herzogstraße. hatte das Anwesen Schülinstraße 1958 gekauft und eine Genehmigung zum Umbau in ein Textilversandhaus erhalten. Gebaut hat er dann 75 "schmale Schläuche" (Ulms Oberrechtsrat Roland Albrecht), die er an Gastarbeiter vermietete.
1963 lebten in dem renovierungsbedürftigen Gebäude aus der Gründerzeit 310 Menschen, darunter 75 Kinder; Monatsmiete für eine zehn Quadratmeter große Dachkammer mit schrägen Wänden: 235 Mark. Vier Jahre später stieg Buskawoda auf Prostituierte um.
Die Rendite wuchs, denn die Damen zahlen pro Nacht 50 Mark, was bei einer Belegung mit 50 Dirnen und der in der Schülinstraße stets gewährleisteten Vollbeschäftigung einen Monatsertrag von über 60 000 Mark ausmacht. Gleichwohl zahlt Buskawoda weder Steuern noch Strafen, noch für baupolizeilich geforderte Ausbauten.
Die Stadt Ulm hat in sieben Jahren sieben Prozesse gegen den geschäftstüchtigen Jeszaja geführt und gewonnen. Doch für den Strafvollzug war der Hausherr stets unerreichbar.
Immer neue ärztliche Zeugnisse attestieren ihm Verhandlungsunfähigkeit. Der Züricher Chirurg Dr. H. J. Schweizer beispielsweise schrieb in einem Sieben-Zeilen-Gutachten vom 10. Juli: "Es ist noch nicht abzusehen, wann der Patient entlassen werden kann" zumal das Gehen für die beiden Füße ausgesprochen schlecht ist."
Einstweilen hält Buskawodas attraktive Geschäftsführerin Marianne Ziehfreund zusammen mit den Mieterinnen die Stellung in der Schülinstraße. Helen Kötker: "Wir bleiben, lieber würde ich verhungern als ausziehen." Und ihre Kollegin Lieselotte Mühltaler: "Wir können unser Geld auch auf der Straße verdienen."
Das freilich scheint fraglich. Denn die Kolleginnen vom freien Straßenstrich in der Ulmer Schillerstraße und deren Beschützer wollen die Konkurrenz nicht zulassen.
Eugen Kalchschmidt, Organisator und Boß der Freiluftliebe in der Schillerstraße, setzte am vorletzten Wochenende eine Männerriege ein. um die erwerbslosen Damen "freundlich, aber unmißverständlich" fortzuschicken.
Die Vertriebenen aus der Schülinstraße erhielten von dem Stoßtrupp einen Stadtplan. in den neue Sperrbezirke eingezeichnet waren -- diesmal freilich nicht von der Stadtverwaltung, sondern von der Selbstverwaltung des Schillerstraßen-Strichs.

DER SPIEGEL 34/1972
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