14.08.1972

„Bei uns ist immer Olympia“

2. Fortsetzung und Schluß
In einem Aktenschrank der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig liegt ein vertraulicher Untersuchungsbericht. den kein Unbefugter sehen soll. Er könnte westlichen Beobachtern enthüllen, was ihnen weitgehend ein Rätsel bleiben soll: Strategie und Taktik künftiger Welterfolge der DDR-Sportler.
"Die effektive Organisationsstruktur und Arbeitsweise der Trainingszentren" nennen die beiden Autoren Alexander Herloff und Peter Timmermans ihren Bericht. Sie verraten ein wesentliches Erfolgsrezept des DDR-Sports: Die Olympia-Vorbereitung beginnen in der Schule.
"Gelingt es". so formulieren die beiden Autoren. "die Erziehungskader der Kindergärten diesbezüglich zu schulen. wird es möglich sein, die Entwicklung eines Kleinkindes bis zum Schulalter über drei Jahre und mehr zu analysieren und daraus Schlüsse für eine sportliche Eignung zu ziehen."
Nur durch eine frühzeitige Mobilisierung junger Sport-Talente konnte die DDR wettmachen, daß sie im internationalen Sport aus ungünstiger Position startete: Mit 17,05 Millionen Einwohnern nimmt sie auf der Bevölkerungstabelle der Welt den 36. Platz ein.
Deshalb mußten Walter Ulbrichts Sportplaner ein lückenloses Verfahren der Talentsuche und Talentauslese austüfteln. Das umfassendste sportliche Förderungssystem der Welt entstand.
Heute treffen Trainer bereits in der Schule -- und in absehbarer Zeit sogar im Kindergarten -- die erste Vorauswahl; in den Trainingszentren der 15 DDR-Bezirke werden die Talente gesichtet. Vielversprechende Jungsportler kommen dann in Kinder- und Jugendsportschulen (KJS).
Wenn ihre Leistungskurve das internationale Niveau schneidet, steigen sie in die Leistungszentren auf: in Sportclubs (SC), Armee-Klubs (Vorwärts) oder Polizei-Stützpunkte (Dynamo). "Man wird geleitet von klein auf", erinnert sich der frühere DDR-Basketballspieler Helmut Uhlig. "Man muß sich um nichts mehr kümmern."
1955 führte die DDR bereits eine Oberschul-Meisterschaft im Kunstturnen ein. In Einzel- und Mannschaftswertung gab es Meistertitel an den Schulen, in den Kreisen, Bezirken und schließlich für die gesamte DDR.
Axel Mitbauer. der spätere DDR-Meister, errang seine ersten Siege mit zehn Jahren bei Ferienwettkämpfen und beim Sporttag im Leipziger Südostbad. Die Massen-Veranstaltungen und Schüler-Wettkämpfe werden stets von Nachwuchs-Trainern der Schwimm-Clubs überwacht. Sie stoppen jeden Jungen auf Zehntelsekunden genau. Heute kraulen Achtjährige um Meistertitel.
"Die Sichtung soll früh angesetzt werden, im ersten oder zweiten Schuljahr". lautet eine interne Forderung an die Sportfunktionäre. "da sonst die "Gefahr" bestünde, die Kinder -- -- -- gehen anderen Interessen nach und treten Zirkeln bei, die in keinem Verhältnis zum Sport stehen"
Ein Sichtungs-Paß für alle Schüler, in dem fortlaufend Körpermerkmale und Ergebnisse regelmäßiger Leistungs-Tests eingetragen werden, ist geplant. Er soll "ausschließen, daß einige Kinder nicht erfaßt werden" -- so die Berichterstatter. Die Grobauswahl stellt fest, ob ein Kind sich voraussichtlich zum Leistungssport eignen wird: eine feinere Prüfung ermittelt die Eignung für eine bestimmte Sportart.
Der Computer in der Zentrale des Deutschen Turn- und Sporthundes (DTSB) soll schließlich alle Sichtungskarten auswerten. Von zehn Kindern, nehmen die Leipziger Untersucher an. würden voraussichtlich neun ausscheiden -- nicht unbedingt endgültig.
Bei Schülerwettkämpfen sieben Talentsucher auch die Spätentwickler aus. denn das Beispiel des Schülers Roland Matthes warnt: Er war schon als unbegabt zurückgewiesen worden, fiel dann abermals auf und erkämpfte inzwischen zwei olympische Goldmedaillen im Rückenschwimmen.
Vor vier Jahren lief ein Massenversuch zur Früherfassung sportlicher Begabung an: 25 000 Kinder aus 800 Schulen wurden untersucht. Sportmediziner forschten dabei. wie sie es nannten, nach "Gesetzmäßigkeiten der physischen Entwicklung der jungen Generation" Das Institut für Schwimmen an der DHfK analysierte zum Beispiel die Körpergröße der Vorfahren. um daraus Schlüsse auf das voraussichtliche Wachstum der Kinder zu ziehen.
Doch die systematische Vorauswahl aller DDR-Kinder steht noch weitgehend auf dem Papier; viele Fachverbände jagen daher weiter selbständig nach Talenten. Trainer des Ruderverbands etwa suchen Schulen auf und laden überdurchschnittlich aufgeschossene Jungen und Mädchen, 13 bis 14 Jahre alt, zu Tests nach Berlin-Grünau.
Sie lassen die Kandidaten laufen und kicken, unterziehen sie Intelligenz-Tests und einer gründlichen medizinischen Untersuchung. Kinder mit nur durchschnittlich ausgebildeten Herzen und Lungen fallen vom Förderband.
In Oberwiesenthal sichtet Wintersport-Trainer Erich Linke vom SC Traktor zusammen mit dem Schulsportlehrer jedes Jahr aussichtsreiche Jungen und Mädchen. Er berät dann mit den Eltern, "um alle auftretenden Probleme zu lösen" -- so das Ost-Berliner Massenblatt "Sportecho". Bis jetzt haben Athleten aus Oberwiesenthal 13 Olympia-Medaillen erkämpft.
Die SED führte 1966 eine weitere Aktion zur Mobilisierung junger Sporttalente ein. Sie beschloß, nach sowjetischem Muster eine "Spartakiade" zu schaffen und daraus einen gigantischen Sichtungs-Wettbewerb für das Jungvolk der Republik zu entwickeln.
1971 spülte die Spartakiade-Welle 3.3 Millionen Schüler von 7 bis 18 Jahren in Stadien und Turnhallen. Sie suchten allein in 24 Sommersportarten auf Kreisebene, dann im Bezirk ihre Sieger. An den Endkämpfen 1972 in Ost-Berlin (Sommersportarten) und Oberhof (Winterdisziplinen) nahmen mehr als 10 000 Jugendbeste teil.
Die Spartakiaden orientierte die SED bewußt an olympischen Bräuchen, abgestimmt auf die Dogmen kommunistischer Erziehung. "Im Geiste des Sozialismus. des Friedens und der Freundschaft", heißt es im Spartakiade-Eid, kämpften die Kinder "zur Ehre der Deutschen Demokratischen Republik und zum Ruhme des Sports".
Das Spartakiade-Jungvolk bewohnt ein olympisches Jugenddorf, ein Spartakiade-Feuer wird aus dem früheren Konzentrationslager Buchenwald vom Platz vor der Gedenktafel des ermordeten KP-Chefs Ernst Thälmann im Fackelzug eingeholt. Wie beim Olympia flattern Friedenstauben. rauscht ein Fahnenwald.
Die Wettkämpfe der Spartakiaden und die Auslese in den Schulen lenken die Sport-Zöglinge auf die unterste Förderstufe, die Trainingszentren der Bezirke. Die Jungen und Mädchen lernen, was linke Sport-Ideologen im Westen erschrecken würde: die Identität von Sozialismus und Leistungsprinzip.
"Sportliche Höchstleistungen sind ein Ausdruck der Leistungsfähigkeit der gesamten sozialistischen Gesellschaft". zitiert die Leipziger Studie einen Staatsrats-Beschluß. "Das Leistungsprinzip entspricht dem Grundgesetz der sozialistischen Gesellschaft auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens."
Die Leistungs-Stützpunkte in den Bezirken sollen "eine breite Basis von Nachwuchskadern in den olympischen Schwerpunktsportarten" entwickeln. Wöchentlich viermal üben Kinder in den Trainingszentren ("Tägliches Training ist anzustreben") nach den Anweisungen der Fachverbände.
Neben Sprüngen und Spielen ist "die Erziehung der Kinder und Jugendlichen so ausgerichtet, daß die klassenmäßige Auseinandersetzung mit dem Imperialismus begriffen wird". Dazu dienen Foren mit Leistungssportlern, Gruppenunterricht zu aktuellen politischen Themen, Feierstunden und Spendenaktionen etwa für Vietnam.
Leipzig erhielt als Planvorgabe allein 4 Trainingszentren zum Turnen, 16 für Leichtathletik, jeweils für Jungen und Mädchen. Kritik ist gelegentlich erwünscht: Einige Zentren seien "dem Selbstlauf überlassen worden", heißt es in der Studie.
"Die Sichtung erfolgt spontan und unsystematisch", rügten Herloff und Timmermans. Statt steter Zulieferung aus den Patenschulen sei es "vielmehr so, daß der Übungsleiter in die Schulen geht und sich dort mit viel Mühe einige Kinder heraussucht". Dennoch befänden sich in einigen Zentren "oft zu viele Lückenfüller". die "keine Perspektive haben.
Doch sportbegabte Schüler in der DDR kennen ernsthafte Hemmnisse kaum noch. 1952 richtete die Republik in Ost-Berlin. Leipzig, Brandenburg und Halberstadt die ersten vier Kinder- und Jugendsportschulen ein, Sonderschulen für überdurchschnittlich begabte Nachwuchs-Sportler vom zehnten Lebensjahr an. 1957 gab es 21 dieser Schulen; später reduzierte die DDR sie auf 16. Inzwischen gilt jede der vom Volksbildungs-Ministerium unmittelbar kontrollierten KJS als Eliteschule. In den wissenschaftlichen Fächern gilt ein Noten-Durchschnitt von 2.5 als Minimum; viele Klassen weisen einen Durchschnitt von 1,5 auf. Aus ihren KJS-Kadetten wählt die DDR auch künftige Berufsfunktionäre" Trainer und Lehrer aus.
"Du hast bei uns keine Perspektive mehr."
Der normale Unterricht endet mittags. Dann essen die Sportzöglinge ihre Athletenkost im Internat. Nachmittags trainieren sie in ihrer speziellen Sportart. Elfjährige Schüler aus der KJS Leipzig probten etwa am Reck und Barren unter einem DDR-Nationaltrainer.
Jede Trainingseinheit wird protokolliert, die in Training und Wettkampf erbrachten Leistungen werden in einen Leistungs-Paß eingetragen. Medizinische Daten für den Gesundheits-Paß liefern Untersuchungen im Zwei-Monate- Rhythmus.
KJS-Schüler lernen frühzeitig mit ihrer Zukunft zu rechnen; sie heißt "Perspektive" und tritt als Plansoll an sie heran: Sie leben nach sogenannten Perspektivplänen. Wenn ein Jungwerfer mit dem Speer eine Saisonbestleistung von 45 Metern erreicht hat, fragt ihn der Trainer nach seinem Leistungsziel für das kommende Jahr. Er vergleicht es mit seinen eigenen Berechnungen und stellt dann die Perspektive auf: 48 bis 50 Meter für die folgende Saison.
Nach dem Rat der Sportmediziner entwickeln Trainer spezielle. mittel- und langfristige Pläne. So lautet das Saison-Soll einer KJS-Volleyball-Mannschaft etwa, sie müsse einen zweiten Platz bei den Meisterschaften erreichen. Außerdem legt der Trainer etwa fest, daß drei Spieler sich für die Bezirksauswahl qualifizieren sollen und daß der Beste in die Nationalmannschaft aufsteigt.
Von allen Neulingen der Elite-Anstalten wird erwartet, daß sie Mitglied der kommunistischen Kinder-Organisation "Junge Pioniere" oder der "Freien Deutschen Jugend" (FDJ) sind. Voraussetzung ist auch das Jugendsportabzeichen "Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat" (BAV).
Morgens treten die KJS-Klassen zum Fahnenappell an, in einigen Schulen bei dumpfem Trommelwirbel. Sie singen Lieder der Partei und nehmen einen Tagesbefehl entgegen. Jeweils am Montag erteilt der Schulleiter Lob und Tadel; es gibt Buchpreise für die fünf Wochenbesten" Rügen für die Lässigen. Nach dem zweiten Training am Nachmittag und dem Abendessen beschließt ideologische Schulung den Tag der Jung-Athleten.
Fast alle jüngeren Medaillen-Kandidaten der DDR-Nationalmannschaften erhielten ihren Schliff in einer KJS, so Turn-Weltmeisterin Karin Janz (Notendurchschnitt im Abgangszeugnis: 1,5). Zehnkampf -Europameister und München-Favorit Joachim Kirst und Hochsprung- Rekordlerin Rita Schmidt.
Wer freilich seine sportlichen Perspektiven nicht erfüllen kann oder wessen Noten-Durchschnitt deutlich absinkt, muß wieder an eine normale Schule zurückkehren. Mädchen, die sich für Basketball entschieden hatten, mußten die KJS schon verlassen, weil sie mit 15 Jahren noch nicht 1,65 Meter groß waren. Begründung: "Du hast bei uns keine Perspektive mehr."
Die erfolgreichen Jung-Talente aber reicht die KIS nach bestandenem Abitur an einen Sportclub weiter. Mit einem bundesdeutschen Verein hat ein "SC" in der DDR freilich nichts gemein. Den westdeutschen Sportvereinen entsprechen in der DDR die Betriebs-, Hochschul- oder einfachen Sportgemeinschaften.
In einen Sportclub hingegen gelangen Neulinge nur wie in das Internationale Olympische Komitee (IOC): durch Wahl oder Vorschlag. Sportclubs betreuen ausschließlich Spitzensportler. Dort arbeiten allein mehr als 1000 Berufstrainer" die ihre Qualifikation der 1950 gegründeten Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig verdanken.
Sportclub-Trainer dürfen in ihrem Einzugsgebiet alle Schulen nach Talenten durchforsten. Immer mehr Sportclubs konzentrieren sich auf möglichst wenige Sportarten. Die DDR-Hockeymannschaft, die 1964 Deutschland beim Olympia in Tokio vertrat, setzte sich nur aus Spielern des SC Leipzig und des SC Motor Jena zusammen.
Der Ruder-Kader stützt sich ebenso wie die Schwimmer-Nationalmannschaft auf acht Sportclubs. Im früheren Turn- und Sportcluh (TSC) Berlin trainierten ursprünglich Sportler vieler Disziplinen; dann wurden die Ruderer, Kanufahrer und Segler herausgelöst und im SC Grünau zusammengeschlossen. Im Basketball spielten vier Clubs die DDR-Meisterschaft -- oft in drei Wochen -- untereinander aus.
Außer den Sportclubs sammeln die Armee-Sportklubs (ASK) und die Polizei-Sportclubs Talente. Der Weltmeister-Achter von 1970 rudert für den SC Dynamo Berlin, im Fußball zählt der FC Vorwärts Frankfurt zu den Spitzen-Mannschaften. In der Leichtathletik genießt der SC Dynamo Berlin Weltruf. der dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) untersteht. Die Sportschule des SC Dynamo Berlin errichteten 1968/69 Strafgefangene des Arbeitslagers Berlin-Hohenschönhausen.
"Durch sportliche Leistungen den Klassenauftrag erfüllen."
Eine "hervorragende Leistungsschmiede" nannte denn auch der frühere DDR-Armeecheftrainer Siegfried Arnold die Armee-Sportklubs. In ihnen konzentriert der Staat die Elite von insgesamt 235 000 Mitgliedern der Armee-Sportvereinigungen. Der Ost-Berliner Sportkommandeur Oberst Arno Mücke will in seinem Sportstützpunkt durch "hohe sportliche Leistungen die Erfüllung des Klassenauftrags erleichtern".
Mit Erfolg: Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko erkämpften drei Armee-Sportler Goldmedaillen. Insgesamt mehrten Militär-Athleten seit 1956 den Medaillen-Hort der DDR um 19 olympische Plaketten. Die Grenztruppen delegieren ihre Sportkanonen zum ASK Vorwärts Potsdam. die Wintersportler bereiten ihre Medaillen-Offensiven in Brotterode und Oberhof vor. Im ASK Vorwärts Rostock trainieren die Stars der Seestreitkräfte.
"Von solchen Leuten lasse ich mich nicht trainieren."
Der Leipziger Armee-Sportklub beherbergte ungefähr 250 Leistungssportler in einer Kaserne der Nationalen Volksarmee (NVA), abgeschlossen in einem Sondertrakt. betreut von 30 Trainern und 20 Zivilangestellten. Verheiratete, die außerhalb der Kaserne leben, erhalten Wohngeld. Militärdienst steht für Spitzensportler einmal wöchentlich auf dem Dienstplan. politische Schulung täglich zwischen Nachmittags-Training und Abendessen.
Chef der Armee-Klubs ist Verteidigungsminister und Armeegeneral Heinz Hoffmann, Vorsitzender der Polizei-Sportvereinigung Staatssicherheitsminister Erich Mielke. Beide gelten als engagierte Fußballfans. Bei Lokalderbys ihrer Spitzenklubs Vorwärts und Dynamo Berlin gerieten sie wegen umstrittener Schiedsrichter-Entscheidungen auf der Tribüne des Ulbricht-Stadions schon öffentlich in Streit.
Auch Spitzen-Athleten dürfen sich ihren SC keineswegs aussuchen Planer setzen sie nach Zweckmäßigkeit ein Ein Wechsel aus eigenem Willen zählt zu den seltenen Ausnahmen. Zu ihnen gehörte der Fall des Ruderers Peter Krems aus dem ungesteuerten DDR-Weltmeister-Zweier von 1966, der nach seiner Heirat vom SC Einheit Dresden zu Dynamo Berlin wechseln durfte. Die DDR-Ruder-Weltmeisterin Gisela Jäger überwarf sich mit ihrem Sportclub-Trainer in Berlin und maulte: "Von solchen Leuten lasse ich mich nicht mehr trainieren." Sie wurde gesperrt. Trotzdem skullte sie der Konkurrenz davon. So holten die Funktionäre sie in ihre National-Flottille zurück. Nun startete Gisela für die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Baumsehulenweg -- den Verein, für den auch der einzige Spitzenruderer fuhr, der keinem SC angehörte: Einer-Europameister Achim Hill.
Wenn die Athleten nicht zufällig am Ort wohnen, ziehen sie in das Club-Internat. Für 40 bis 120 Mark schlafen sie in Zwei- und Dreibettzimmern. neuerdings in Einzimmer-Appartements. und leben nach individuellen Speiseplänen.
Aber die Athleten und Trainer unterliegen einem stärkeren Leistungsdruck als Amateursportler im westlich-kapitalistischen System. Der Clubleiter bürgt dafür, daß seine Athleten-Brigade insgesamt die erwartete Ernte an Medaillen, Rekorden und Meistertiteln einfährt.
Jeder einzelne Sportler verpflichtet sich zudem durch Unterschrift und feierliches Gelöbnis. seine Perspektive zu erfüllen. Vom Weltrekordler Matthes etwa erwartet die Republik beim München-Olympia zwei Goldmedaillen im Rückenschwimmen, dazu eine Staffel-Medaille und Weltrekorde von 55,8 (100 Meter) Sekunden und 2:04,0 (200 Meter) Minuten. eine Zeit, die Matthes schon unterboten hat.
Für jede Sportart ist innerhalb des Clubs ein Sektionsleiter verantwortlich. Er schafft mit seinen Hilfskräften die organisatorischen und materiellen Voraussetzungen. Im SC Berlin-Grünau sorgt ein Angestellter allein für die Studien-Probleme der Mitglieder. Andere warten die Boote. Anders als in der Bundesrepublik bleibt der Trainer von bürokratischen Aufgaben verschont --
Jedes Jahr trimmen die Ruderer in den Leistungszentren eine vollständig neue Bootsflotte. obwohl allein ein Achter in der DDR rund 45 000 Mark kostet. Bei der materiellen Ausrüstung endet die ideologische Abgrenzung.
Sportschuhe werden notfalls auch für knappe Devisen bei "adidas" oder "Puma" in der Bundesrepublik eingekauft. solange die CSSR-Firma Bata keine gleichwertigen Erzeugnisse liefern kann. Den Fuchswallach "Kassim" erwarb die DDR aus dem Stall der früheren Springer-Ehefrau Rosemarie (geschätzter Kaufpreis: 200 000 Mark): er wird von NVA-Leutnant Horst Köhler unter dem Namen "Imanuel" beim Olympia vorgestellt werden.
Zuweilen geht es bereits umgekehrt: Sprung-Ski von Kurt Poppa aus Oberwiesenthal trugen schon 1960 Helmut Recknagel zum Olympiasieg. Sie werden heute exportiert wie Langlauf-Ski von Martin Bauer aus der Genossenschaft der Handwerksbetriebe der Kreisstadt Auerbach. 1971 verkaufte die DDR die ersten 450 Paar ins westliche Ausland.
Dem Cheftrainer des Clubs unterstehen Ko-Trainer, im SC Grünau allein zehn Berufstrainer: Spezialisten für Skuller und Riemenruderer, für Jugendliche und Schüler. Die Cheftrainer eines SC beziehen wiederum ihre Trainings- und Perspektivpläne vom Verbandstrainer.
In regelmäßigen Abständen nehmen die Trainer an Fortbildungs-Lehrgängen teil. Trainer sind nach Qualifikation abgestuft: Es gibt Trainer-Anwärter, Trainerassistenten, Trainer und Diplomtrainer. Eine staatliche "Anordnung für das Trainerwesen" schreibt für alle "sozialistisches Staatsbewußtsein" vor und beauftragt sie mit der "sozialistischen Erziehung der Sportler zu Bürgern der DDR".
Sie reglementieren nicht selten autoritär das Leben der Sportler. In vielen Club-Internaten leben die Athleten zwar leger, in anderen aber werden sie zur Askese angehalten. Der neue Trainer des Berliner Achters, Dr. Anthony, erlegte seiner Crew bis München Heiratsverbot auf. Als Ralph Pöhland, Medaillen-Hoffnung in der Nordischen Kombination, in seinen Trainings-Leistungen nachließ, durfte er nicht mehr tanzen und "wurde gescheucht wie ein Rekrut" -- so Pöhland.
Sportmedizin der DDR -- Vorbild für die ganze Welt.
Der Boxer Rainer Poser kehrte medaillenlos vom Olympia zurück. Seine Sportoffiziere diktierten ihm mehr Training und weniger Ablenkung. Poser tat, was wenige wagen: Er lehnte seinen Leistungs-Auftrag ab. Der SC Dynamo Berlin verstieß ihn, Poser büßte seine Privilegien ein. Ohne Unterstützung machte er jedoch weiter und boxte sich noch zweimal zum DDR-Titel durch. Die Nationalstaffel nahm ihn allerdings nicht mehr auf.
Die Leistungssportler unterziehen sich auch regelmäßig medizinischen Kontrollen, die allenfalls mit der ärztlichen Betreuung von Kosmonauten vergleichbar sind. Die DDR-Doktoren können als besonders fortschrittlich gelten: In manchen Bereichen stieß die DDR-Sportmedizin weltweite Vorurteile und Barrieren um.
Am Olympia-Läufer Siegfried Herrmann glückte 1956 eine der ersten Achillessehnen-Operationen, die zur Fortsetzung der Karriere verhalf und sogar nachfolgende Weltrekorde ermöglichte. Seither bedeutet ein Achillessehnenriß nur noch ausnahmsweise das Ende im Leistungssport.
Die DDR-Sportmediziner änderten zudem Vorstellungen über die vermeintlich geringere Leistungsfähigkeit von Kindern und Frauen. Kritiker warfen dem DDR-Regime lange Zeit vor, es verheize Kinder und Frauen durch ein unmenschliches Trainingspensum. Das Training gründete sich jedoch auf Forschungsergebnisse, die inzwischen in der ganzen Sportwelt angewendet werden.
Neuere Forschungen auf dem Gebiet der Sportmedizin verschleiert die DDR allerdings. So soll sogar Professor Adolf Henning Frucht, Direktor des Ost-Berliner Instituts für Arbeitsphysiologie. verurteilt worden sein, weil er Forschungsresultate weitergegeben habe. "Die Sportmedizin in der DDR unterliegt der gleichen Geheimhaltungsstute wie militärisches oder atomares Wissen", bekundete der Kölner Sportmediziner Professor Dr. Wildor Hollmann. "Bei Tagungen sind oft Teile von Forschungsberichten unkenntlich gemacht"
"Wir haben mit Doping experimentiert."
Aber wo immer Jung-Läufer oder Stars die Grenzen ihrer physischen Fähigkeiten prüfen -- sie riskieren weniger als viele ihrer Rivalen in anderen Ländern. Kein Kind gerät auf das sportliche Förderband der DDR. ohne zuvor die hohen Anforderungen der medizinischen Tests erfüllt zu haben.
Während des Wettkampf-Jahres schleusen die Sportmediziner jeden Hochleister von Kindesbeinen an vierteljährlich durch telemetrische Tests: sie messen Lungen- und Herzkapazität. Vor allem jugendliche Sportler werden zusätzlich zu EKG- und Hirnstrom-Messungen zum Zahnarzt. zu Hals-. Nasen-, Ohren- und Augen-Spezialisten geschickt. Allerdings 70 Prozent der medaillenreifen DDR-Turnerinnen leiden unter krankhaften Rückgrats-Veränderungen.
Experten überprüfen regelmäßig die Eignung der Sportler. An Schwimmern kontrollieren sie die Veränderung des spezifischen Gewichts, bei Basketballspielern die Größe. an Gewichthebern den Muskelzuwachs.
Der Chefarzt der DDR-Radsportler, Dr. Israel, untersucht den Radrennfahrer-Kader zweimal jährlich in seiner 70-Betten-Klinik im sportmedizinischen Institut zu Kreischa. Er nimmt biomechanische Messungen vor und
macht photographische Detailaufnahmen der Athleten von Kopf bis Fuß. um beispielsweise aus den Hebelverhältnissen der Schnellsten ein Idealmaß herauszufiltern.
Dem Straßenfahrer Manfred Dehne empfahl Israel, auf Bahn-Wettbewerbe umzusatteln. Mit dem Bahn-Vierer nahm Dehne am Olympia 1968 teil. Der aus Jena stammende Fußball-Bundesligaspieler Michael Polywka bestätigte den DDR-Sportmedizinern ein höheres Maß an Rücksicht: "Sachen mit Spritzen und der ganze Kram, der hier gemacht wird, damit der Mann um jeden Preis spielfähig ist, wären dort undenkbar"
Dennoch hat sich der Leistungssport der DDR bereits in unerforschtes Grenzgebiet vorgetastet. Kein Mediziner kann garantieren, ob extreme Belastungen Spätschäden hervorrufen können. Einzelfälle wie bei den Turnerinnen deuten das möglicherweise schon an.
So fehlte im vergangenen Winter der aussichtsreiche Nachwuchsläufer Jan Hoffmann, 16, bei den Eiskunstlauf-Europameisterschaften. "Schwere Wachstumsstörungen"' räumte DDR-Trainerin Jutta Müller ein. Hoffmann hatte einen vierfachen Sprung eingeübt. Ähnlich schieden auch im Westen schon junge Turnerinnen und Turner mit Fuß- und Rückgratschäden aus.
In der Zeit der Gründerjahre hauen die Verantwortlichen der DDR offensichtlich noch gewagtere Mittel eingesetzt. "Wir haben mt Doping experimentiert". gestand der frühere DDR-Radsport-Präsident Scharch. Die Fahrer putschten sich unter ärztlicher Aufsicht mit Pervitin auf und schluckten belgische Stärkungspräparate. Vor wichtigen Rennen kauften DDR-Trainer auch in West-Berliner Apotheken ein.
Vor der zweiten Olympia-Qualifikation 1964 in Leipzig, so berichtet der später geflüchtete Radsportler Kissner. "kriegten wir von unserem Arzt die besagten Mittel". DDR -- Radsportler wurden bei der Weltmeisterschaft in Frascati des Dopings überführt; in brütender Hitze waren sie von ihren Rädern getaumelt.
Strikte Verbote und Listen der schädlichen Präparate arbeiteten die Fachverbände freilich erst nach dem Doping-Tod des dänischen Radrennfahrers Knud Enemark Jensen bei den Olympischen Spielen von 1960 aus.
Präparate, die schnelleres Muskelwachstum bewirken, sogenannte Anabolika" schluckten vor allem Kugelstoßer und Gewichtheber der ganzen Welt, im Westen gewöhnlich nach Augenmaß. in der DDR zumindest ärztlich dosiert: Von "wissenschaftlichen Beobachtungen über die Anwendung von Eiweiß- und Hormonpräparaten zur Steigerung der Muskelmasse" in Leipzig berichteten die Sowjet-Trainer Otto Grigalka und Kirn Buchanzew schon vor Jahren.
Die Steigerung sportlicher Leistungsfähigkeit wird von dem 1951 gegründeten Wissenschaftlichen Rat an der Deutschen Hochschule für Körperkultur erforscht und vorangetrieben. Diese Forschungs-Kommission soll neue Erkenntnisse schnell in die Praxis umsetzen und Verbindung mit Physik und Biochemie halten.
In Teamarbeit fanden die DHfK-Forscher neue Wege. Schon in den fünfziger Jahren schleppten sie Schwimmer durch das Bassin, maßen den Widerstand in jeder Phase und ermittelten die ideale Haltung im Kraul- und Rücken-, im Brust- und Delphin-Stil. Inzwischen können nur noch US-Schwimmer die DDR übertrumpfen.
Nach dem Winter-Olympia 1956 erforschten Physiker die günstigste Haltung beim Absprung, Flug und bei der Landung im Skispringen. 1960 sprang Helmut Recknagel schon zur Goldmedaille; DDR-Springer gehören seither ständig zur Weltelite. Systematisch filmten und demonstrierten die Forscher den Turnern die günstigsten Schwerpunkt-Kurven ihrer Übungen.
Zuerst an Schwimmern und Diskuswerferinnen" später an Sportlern anderer Disziplinen, fanden Mathematiker durch umfangreiche Messungen sogenannte Komplex-Merkmale heraus, die eine Eignung für bestimmte Sportarten signalisieren. Am Verhältnis von Oberarm-Umfang zu Oberarm-Länge erkennen die Experten beispielsweise die künftigen Chancen eines Hammerwerfers. Eine Gruppe von Wissenschaftlern will feststellen, ob und wie weit intensives Training spezielle Konstitutions-Merkmale sogar verändern kann.
Vor Jahren riet Dr. Helmut Kopf, der ehemalige Leiter der wissenschaftlichtechnischen Abteilung der DHfK-Forschungsstelle, dem bundesdeutschen Sportchef Willi Daume, exakte mathematische und physikalische Forschung im Bundessport einzuführen. "Andernfalls". warnt er, "wird die DDR die BRD bald überholen." Er behielt recht.
"Hier geht es drunter und drüber."
Alle DDR-Leistungszentren lauschen Erfahrungen und Ergebnisse regelmäßig mit der DHfK ans. Die Trainer schicken die Analysen der Trainingsbücher ein. Trainer und Athleten wiederum beziehen Lehrmaterial aus Leipzig; die DHfK gibt monatlich die Zeitschrift "Theorie und Praxis des Leistungssports" heraus. Sie ist qualifizierten Trainern und Sportmedizinern vorbehalten und befaßt sich auch mit dem Einsatz der Kybernetik zur Leistungsförderung.
Auch Leistungssportler lernen Theorie. So studierten DDR-Gewichtheber Physiologie und Anatomie. "Man begreift die Zusammenhänge zwischen Kraftaufwendung und Technik besser", so der frühere Ost-Berliner Stemmer Dieter Rauscher, "wenn man sich mit Skelettbau" Muskelansätzen und Sehnenfunktionen befaßt."
Immer planen die Forscher langfristig. Turntrainer Eduard Friedrich arbeitete in Leipzig an einer Zehnjahres-Untersuchung mit; die Wissenschaftler entwarfen einen Dekaden-Plan und ließen elfjährige Jungen danach turnen.
DHfK-Forscher beobachten auch alle internationalen Wettkämpfe, von denen sie sich Aufschlüsse erhoffen dürfen. Fußballtrainer Armin Werner verfolgte 1966 in neun Spielen 16 Mannschaften im Europa-Turnier für Jugend-Nationalmannschaften. Die technische Ausbildung müsse mit 18 Jahren abgeschlossen sein, meldete er, und: Spiele würden immer häufiger durch Schüsse aus der zweiten Linie -- von außerhalb des Strafraumes -- entschieden.
Das Beispiel der Ruderer offenbart. wie die DDR-Sportwissenschaft die Leistungsexplosion in jeder Phase vorbereitet hat. Jahrelang beherrschte die Bundes-Flotte dank der neuen Methoden des Ratzeburger Rudertrainers Karl Adam alle internationalen Regatta-Kurse. Adams Methoden aber entwickelte die DDR weiter.
"Wenn man drüben wüßte, wie es hier in der Ruderei aussieht", spottete der frühere DDR-Steuermann Hartmut Wenzel über die westdeutsche Vorbereitung, "brauchte man nicht mehr ganz so ernsthaft Forschung und Entwicklung zu treiben. Hier geht es drunter und drüber im Ruderverband."
In der DDR trainieren alle Ruderer nach einem einheitlichen Plan; sie werden schon als Jugendliche nach Größe (1,86 Meter) und Gewicht (85 Kilo) ausgesucht. In der Bundesrepublik fahren die Ruderer noch Intervalle; sie wiederholen Strecken von 500 bis 600 Meter mehrmals nach dem Muster der Leichtathleten.
Die DDR-Ruderer hingegen bringen sich ausschließlich durch Langstrecken-Training in Form: Vom Oktober an rudern sie täglich dreimal jeweils 20 bis 25 Kilometer mit etwa 90 Prozent Krafteinsatz. Über das Jahr ergibt sich ein Wochenmittel von 220 Kilometern.
Die Steuerleute zeichnen während jedes Trainings zweimal die Pulsfrequenz aller Ruderer auf. Der Potsdamer Weltmeister-Vierer ruderte ständig im Bereich von etwa 150 Herzschlägen pro Minute. Abweichende Werte bei einzelnen Athleten warnen vor anziehenden Erkrankungen und ermöglichen Diagnose und Behandlung, bevor der Sportler selber sich krank fühlt.
Die DDR-Fußballer -- Opfer des Kollektivismus.
Ein Forscher-Team bestückte je einen Zweier und einen Vierer mit speziellen Meßgeräten. Seit 1971 pullten sämtliche Spitzenruderer der Republik in den Meßbooten. Ruderer um Ruderer. Schlag für Schlag wurden auf der 2000-Meter-Distanz registriert; die Planer wußten schließlich, mit wieviel Kraft jeder Ruderer in welchem Winkel gezogen hat, aber auch, wann er "eingebrochen" ist. Wöchentlich sammeln die Trainer die vorgedruckten Trainingsbogen jedes Ruderers ein. Die Daten sämtlicher Kode-Bücher speichert seit 1969 ein Computer in Grünau; sie dienen der Kontrolle, künftigen Prognosen und Perspektivplänen.
Vor jeder Saison müssen sich alle Leistungsruderer in Zweier-Tests für die Vierer und Achter qualifizieren. Jeder SC meldet sämtliche Ruderer zu den Tests. Nach Möglichkeit gelangen die besten Zweier eines Sportclubs in Achter und Vierer. Der DDR-Verband kann sich inzwischen in jeder Bootsgattung eine dreifache Medaillen-Absicherung leisten.
Selbst wenn zwei Mannschaften bei den zur Qualifikation ausersehenen internationalen Regatten ihr Siegsoll verpassen, schickt der Verbandstrainer sein drittes Boot ins Rennen. Tatsächlich verfügt die DDR über mehrere Vierer und Achter, die fast gleich schnell sind. Sogar das Berliner DDR-Flaggschiff, der Weltmeister-Achter, begann die Saison im Mai dieses Jahres mit Niederlagen gegen den zweiten DDR-Achter. der auch in München rudern wird.
Anders als in der westlichen Welt bildet die DDR seit 1970 auch ihre Steuerleute sorgfältig aus. Sie rudern im Einer oder Zweier, damit sie im Rennen kritische Situationen früher erkennen und besser meistern können.
Fachleute schulen sie auch theoretisch, bis sie imstande sind, wie Trainer-Assistenten eine Besatzung anzuleiten. Tonbandgeräte halten die Anweisungen der Steuerleute während der Trainings-Fahrten fest. Die Tonkonserven helfen den Steuerleuten im Winter. ihre Fehler gegenseitig zu korrigieren.
Die Ruder-Investitionen der DDR haben sich längst amortisiert. Seit 1966 heimsten die DDR-Ruderer und Ruderinnen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften von 72 möglichen Medaillen 60 ein, darunter 29 goldene und 22 silberne Medaillen. Der ungesteuerte Vierer von Einheit Dresden ruderte zum Olympiasieg und zu Europa- und Welttiteln, der Berliner Dynamo-Achter löste den westdeutschen Achter ab. Bei der Weltmeisterschaft 1970 erkämpften alle sieben zugelassenen DDR-Boote Silber- oder Goldmedaillen.
Doch die generalstabsmäßige Massenmobilmachung des DDR-Sports bedingte zugleich systemabhängige Schwächen. Sie zeigten sich vor allem in den Mannschafts-Sportarten. Der Kollektivismus beraubt den einzelnen Spieler zuweilen der Spontaneität, ohne die Mannschafts-Leistungen kaum zu erreichen sind.
Vom Kindergarten an lernen DDR-Bürger, sich als Teil eines Kollektivs zu verstehen und Starallüren zu verachten. Sie erfahren das Risiko freimütiger Äußerungen: Abweichende Meinungen führen zu entwürdigender Selbstkritik. Selbst Cheftrainer Julius Veicht, der den DDR-Schwimmern Weltgeltung verschaffte, wurde nach einer Kritik am DDR-Sport degradiert und zur KJS Ost-Berlin strafversetzt.
Das Schicksal des DDR-Fußballs illustriert, wie dogmatischer Kollektivismus im Sport Kollektiv-Erfolge behindern kann. Nach fortwährenden Schlappen wird von den DDR-Kickern plötzlich Eigenmächtigkeit auf eigene Verantwortung erwartet.
"Dem Dribbling im modernen Spiel wird offensichtlich in unserem Jugendtraining bisher zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet", analysierte Trainer Armin Weber von der DHfK -Forschungsstelle. Das Dribbeln, Rennen und Fintieren mit dem Ball am Stiefel gilt im Fußball als Merkmal für Eigenwilligkeit.
Überragende Bundesspieler wie Beckenbauer oder Günter Netzer beeinflußten Taktik und Aufstellung ihrer Nationalmannschaft. Einfluß von Spielern auf den DDR-Staatstrainer in taktischen und personellen Fragen aber ist bislang undenkbar. Die DDR-Mannschaften verloren entscheidende Spiele. da ihnen Ball-Autoritäten mit dem nötigen Selbstvertrauen und der nötigen Arroganz fehlen.
"Es hieß: Wir wollen nicht von einem abhängig sein", erzählte Basketball-Nationalspieler Uhlig aus Halle, "dann bricht die ganze Mannschaft zusammen." So wiederholten sich die Fußball-Fehlschläge In anderen Sportdisziplinen. Keinen Europatitel" keine Weltmeisterschaft, keine olympische Medaille errang die DDR im Basketball und Wasserball, im Hockey und Eishockey. "Wenn wir wieder rausfliegen, wird bei uns Handball gestrichen."
Dem DDR-Sport schadet zudem der systemeigene Dogmatismus: Weder Profigagen noch Privilegien, nicht Argumente und Zwang verhinderten, daß immer wieder vermeintlich linientreue Stars zum politischen Feind überliefen.
Denn als Gegenleistung für seine Rundumförderung verlangt der SED-Staat mehr als Anpassung und Loyalität. Viele Spitzensportler spielen die Rolle vorbildlicher Parteigänger der SED nur zwangsweise. Da nutzt so mancher Sport-Star die Chance, sich bei einem Start im westlichen Ausland von der DDR loszusagen.
Ein immer wiederkehrendes Fluchtmotiv ist der Leistungsdruck. Dem Wintersportler Ralph Pöhland etwa diktierten die Perspektivplaner einen Platz unter den ersten Dreien bei den Olympischen Winterspielen 1968 zu. "Ich gebe mein Bestes", versprach er. "Aber ich kann nicht sagen, ich hole eine Medaille." Sportchef Ewald stutzte ihn zurecht: "Leistungsaufträge müssen erfüllt werden, und nichts anderes."
Pöhland erwog aufzuhören. "Wann einer aufhört, bestimmen wir", fuhr ihn der Clubleiter an. "Wenn du wirklich Schluß machst, leckst du mir vorher noch vier Wochen die Stiefel, dann marschierst du in die Kaserne."
Mittelstreckler Jürgen May, "Sportler des Jahres", geriet 1964 in den Verdacht, zum Westen abwandern zu wollen. Der Verdacht trug ihm einen Vermerk in der Kaderakte ein. Er rannte daraufhin zur Bewährung, allein, weil er keine Einladung mehr zu Lehrgängen und Trainingslagern erhielt. May lief einen 1000-Meter-Weltrekord und stellte Hallen-Weltbestleistungen auf.
Bei den Europameisterschaften 1966 in Budapest ließ sich May von der westdeutschen Sportschuhfirma "Puma" als Werber anheuern. Doch im Puma-Pavillon hatte der große Bruder mitgehört. Die Funktionäre sperrten May auf Lebenszeit und bauschten die Schuhaffäre zu einem internationalen Skandal auf. Der einst gehätschelte Star lebte fortan als Hilfssportlehrer von 490 Mark, ehe ihn sein Partner Karl Eyerkaufer über Budapest in den Westen schleuste.
Auch der Jung-Schwimmer Axel Mitbauer aus Leipzig mochte sich dem Druck nicht länger aussetzen: "Ich hatte das Gefühl, daß meine Gedanken zensiert würden, und wollte abhauen." Sein Fluchtplan wurde entdeckt, er geriet in SSD-Haft, der Verband sperrte ihn auf Lebenszeit. Mitbauer watete nach der Entlassung, Schwimmflossen an den Füßen und eingefettet, in die Ostsee und kraulte gen Westen.
Die spektakulären Fluchtstorys prominenter DDR-Sportler übertönten freilich, daß auch Walter Ulbrichts Republik an der Grenze ihrer Förderfreude im Sport angelangt war. Sportchef Ewald: "Die DDR ist kein Land der unbeschränkten Möglichkeiten."
In weniger medaillen-intensiven Sportarten setzten die Haushaltshüter der DDR schon den Rotstift an. Der Dachverband DTSB erklärte, das "ökonomische System des Sozialismus" fordere "vorrangigen Einsatz der Mittel für die Lösung der Schwerpunktaufgaben". Im Modernen Fünfkampf müßten zum Beispiel 20 bis 25 Athleten ständig trainieren und hätten doch kaum eine Medaillen-Chance, ähnlich wie im Hockey. Basket- und Wasserball.
Hallenhandball-Cheftrainer Heinz Seiler warnte vor der Weltmeisterschaft 1970: "Wenn wir wieder vorzeitig rausfliegen, wird bei uns Handball für immer aus der Liste der förderungswürdigen Sportarten gestrichen." Die DDR-Equipe gelangte ins Endspiel -- auf Kosten der Bundes-Mannschaft. Aber anderen Sportarten wie Springreiten. Military und Fechten räumten die Planer mangels Erfolgen keine Perspektive mehr ein.
Dennoch gibt die DDR weiterhin ungleich mehr für den Sport aus als die Bundesrepublik und andere westliche Länder. Allerdings verstecken die Statistiker die Gesamtsumme in verschiedenen Haushalts-Positionen. Der Plan von 1970 für "Volksbildung, Berufsausbildung, Fachschulwesen und Sport" verzeichnete 4,897 Milliarden Mark. Beträchtlich mehr, als ausdrücklich unter "Sport" vermerkt (136,53 Millionen), dürfte der Körperkultur wirklich zukommen.
Ein DDR-Soziologe entdeckt abnehmendes Sportinteresse.
Experten schätzen den Anteil des Sports am Jahreshaushalt der DDR (1970: 70,582 Milliarden Mark) auf wenigstens zwei Prozent, das wären etwa 11,4 Milliarden Mark. Dagegen wirken die rund 700 Millionen Mark der Kommunen, Länder und des Bundes (ohne Olympia-Anteil) in der dreimal volkreicheren Bundesrepublik recht bescheiden. Außerdem gibt der FDGB 13,3 Prozent seines Haushalts für den Sport aus -umgerechnet mindestens 100 Millionen Mark.
Gleichwohl nimmt das Sportinteresse mit zunehmendem Alter offensichtlich ab. Der Leipziger Soziologe Werner Hennig untersuchte zwischen 1963 und 1970 die vorrangigen Interessen von DDR-Jugendlichen. Er fand heraus, daß der Sport bei 11- bis 14jährigen unter 17 Bereichen den ersten Platz einnahm.
Bei den 15- bis 18jährigen Jungen rutschte der Sport auf den sechsten Rang ab. bei den Mädchen auf den zehnten Platz: Abiturienten wählten Sport nur noch zu 40 Prozent an erster Stelle. Unter Studenten gar nahm der Sport den letzten Platz ein.
Optimisten sehen darin erste Anzeichen einer Entkrampfung des DDR-Sports. Je mehr Lebensstandard und Bewegungsmöglichkeiten für DDR-Bürger steigen, desto stärker wird die Bereitschaft abnehmen, sich dem Zwang eines Hochleistungs-Trainings zu unterziehen.
Und mit der völligen politischen Anerkennung der DDR, mit der Normalisierung der Beziehungen zur Bundesrepublik und zur westlichen Welt wird sich auch der staatliche Drang mindern. Anerkennung auf dem Umweg über Stadien und Spielfelder zu erzwingen.
Das Beispiel der Sowjet-Union läßt sportkritische Beobachter hoffen: Seit sie die Konfrontation mit den USA abbaut und Entspannungskurs steuert, lassen ihre Erfolge bei Europa- und Weltmeisterschaften deutlich nach. Ende

DER SPIEGEL 34/1972
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