14.08.1972

Meist feige

Die erste Goldmedaille für die deutsche Leichtathletik gewann 1928 eine Frau. Und auch in München sind Frauen häufiger Medaillenanwärter als Männer.
Wehe, wenn unsere Frauen nicht waren sichtete 1971 Leichtathletikexperte Gustav Schwenk den bundesdeutschen Medaillenhort nach den Europameisterschaften in Helsinki.
Beim Sprinten und Springen, Werfen und Laufen hatten die Mädchen mehr erreicht als die Männer. Von 17 Medaillen gewannen die Bundessportlerinnen elf, allein drei der fünf Goldmedaillen. Schon beim letzten Olympia in Mexiko hatte Ingrid Becker die einzige Goldmedaille der Bundes-Leichtathleten gewonnen. Und für die Sommerspiele in München räumen Experten den Damen wieder mehr Medaillenchancen als den Männern ein; in der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR.
Der Frauenüberschuß an Olympiafavoriten in der gemeinhin als Männergesellschaft bezeichneten Sportbranche gründet sich vor allem auf das Emanzipations-Streben der Frauen. Nirgendwo vermögen sie Gleichberechtigung und bisweilen Überlegenheit besser sichtbar zu machen als im Leistungssport.
"Die Männer sind feige", urteilte die Weltrekordlerin im 800-Meter-Lauf, Hildegard Falck aus Wolfsburg, bündig über bundesdeutsche Mittelstreckler, die monatelang die Qualifikations-Zeiten für die Sommerspiele in München mangels Mut zum Tempolauf verpaßt hatten.
Rekordläuferin Falck hingegen stürmte im Meisterschafts-Finale vom Fleck weg davon, gleich ob die Kräfte reichten. So verlor sie ihren deutschen Titel, weil sie auf den letzten Metern ermüdete und überspurtet wurde. Doch als bislang einzige Frau lief sie die 800 Meter in einem anderen Rennen schon in weniger als zwei Minuten.
Auch die erste olympische Goldmedaille der deutschen Leichtathletik hatte eine Frau erkämpft: Lina Radke-Batschauer 1928 ebenfalls im 800-Meter-Lauf. Damals waren Leichtathletinnen erstmals zu Olympischen Spielen zugelassen worden.
1936 gewannen die Männer in 23 verschiedenen Leichtathletik-Disziplinen insgesamt neun Medaillen, die Frauen in nur sechs für sie offenen Olympia-Wettbewerben -- sieben. Und 1956 vermochten in einer gesamtdeutschen Mannschaft die Leichtathletinnen vier, die Leichtathleten nur drei Medaillen zu gewinnen. Natürliche Nachteile gegenüber Männern erwiesen sich bei intensivem Training als relativ: Frauen sind an Muskelkraft und Herzleistung um etwa 40 Prozent unterlegen.
"Nach 200 Metern wußte ich, das Ding rollte". schilderte Hildegard Falck. 1,73 Meter groß und nur 58 Kilo schwer, ihren Weltrekordlauf. den sie in 1:58,3 Minuten bewältigte. Derartige Sporterfolge bewegen andere Frauen mehr als früher die Auftritte der Suffragetten. Eine "Emnid"-Umfrage ergab, daß jede zweite Frau in der Bundesrepublik an sportlicher Betätigung interessiert ist. Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Mitgliedern in Sportvereinen verringerte sich von 7:1 auf 3:1.
"Sportlerinnen sind unter den Frauen die am weitesten Fortgeschrittenen". schrieb Simone de Beauvoir in ihrem Buch "Das andere Geschlecht". Auch als Mütter vollbrachten Sportlerinnen noch internationale Spitzenleistungen. Die vierfache niederländische Olympiasiegerin Fanny Blankers-Koen (Branchenjargon: "Die fliegende Hausfrau") errang noch 30jährig ihre Goldmedaillen. lind die frühere deutsche Speerwurfmeisterin Anneliese Gerhards, 37. qualifizierte sich jüngst erneut für Olympia. Eine ihrer beiden Töchter zählt bereits zu den besten Nachwuchs-Hochspringerinnen.
Die Leistungsexpansion des Frauensportes bestimmt auch die derzeit erörterten Olympiachancen in München. So billigen Experten bestenfalls fünf männlichen DDR-Wettkämpfern Goldmedaillen in der Leichtathletik zu; doch die DDR-Mannschaft weist mindestens doppelt soviel potentielle Olympiasiege rinnen auf.
Auch "Bild" berücksichtigt beim Olympiatip für die bundesdeutsche Leichtathletik die Stärke des vermeintlich schwachen Geschlechts: von zwölf Medaillen traut es. sechs den Damen zu. Goldmedaillen erwartet das Blatt nur von Heide Rosendahl im Weitsprung und Hildegard Falck über 800 Meter.
Die einzige bundesdeutsche Leichtathletik-Olympiasiegerin von Mexiko. Ingrid Mickler-Becker, mußte nach langer Verletzungspause bis zur vergangenen Woche bangen, ob sie auch in München wieder im Medaillenkampf eingesetzt werden würde.
Neun der DDR-Athletinnen in München werden sogar als Weltrekordlerinnen den Kampf um die Medaillen aufnehmen, DDR-Männer halten derzeit nur zwei Weltrekorde.

DER SPIEGEL 34/1972
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