14.08.1972

SONNENFLECKENKaum ein Flackern

Gewaltige Gaswolken loderten letzte und vorletzte Woche aus der Sonne. Verstört wurden „Bild“-Leser, ernstlich gestört nur der Funkverkehr und die Brieftauben.
Schwierigkeiten beim Treffen richtiger Wörter", meditierte die "Süddeutsche", "die Ernennung von Leberschorsch zum Verteidigungsminister; Heißhunger auf Apfelstrudel -- ob dies alles auf das kosmische Großereignis zurückzuführen sei? "Sollen wir Däniken fragen?"
Zwei Tage zuvor hatte schon "Bild" so etwas wie den nahen Untergang der Menschheit geweissagt: "Gefahr für die Erde ... Explosion auf der Sonne ... Erdbebendrohen ... Krebsgefahr nimmt zu ... Unfallziffer wird steigen ... wir werden schneller alt."
Die Meldung war im Prinzip richtig, nur daß es für die Erde keine Gefahr und auf der Sonne keine Explosion gegeben, daß die Krebsgefahr nicht Zugenommen hatte, daß weder Erdbeben noch steigende Unfallziffern drohten, und auch kein frühes Alter.
Wissenschaftler wiegelten ab. Geophysiker wie der Münchner Professor Gustav Angenheister sahen sich aufgerufen, "dem Sturm sozusagen etwas Wind aus den Segeln zu nehmen -- Und Professor Walter Dieminger gar, Direktor des Max-Planck-Instituts für Aeronomie" nannte "solche (Hiobs-) Meldungen einfach gewissenlos".
Als schließlich die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) selber einen Bericht herausgab, tat sie es unter der für deutsche Gelehrte eher schnodderig anmutenden Überschrift: "Die Sonne spuckt auf die Erde." Doch auch bei den Forschern gab es, fern aller Panikmache, eine gewisse Begeisterung: Die ungewöhnlich heftige Sonnenfleckentätigkeit vom Freitag vorletzter sowie vom Montag letzter Woche, geht in die Annalen ein als (vorläufiges) kosmisches "Jahrhundertereignis". Die ersten westdeutschen Wissenschaftler, die es bemerkt hatten" waren die MPG-Physiker in der nordschwedischen Beobachtungsstation Kiruna. Eine "Dämpfung des kosmischen Rauschens" war ihnen aufgefallen. und als sie einige Stunden später einen Stratosphärenballon auflassen konnten, litten die Zählrohre zur Strahlenmessung buchstäblich unter "Verstopfung" (MPG-Pressemitteilung) -- so viele elektrisch geladene Teilchen hagelten aus dem All herein.
Ungewöhnliches hatten schon in der Frühe jenes 4. August auch die MPG-Meßtechniker auf dem Stockert in der Eifel mit einem kleinen Antennenspiegel von nur einem Meter Durchmesser bemerkt: Verdopplung der Radiowellenintensität auf der Sonne. Hernach drehten sie die große Zehn-Meter-Antenne auf das kosmische Kuriosum zu und stellten Berechnungen an. Resultat: Im Gipfelpunkt der solaren Eruption. am 4. August morgens gegen 6.00 Uhr. hatte die Abstrahlung der Sonne das 10 000fache des normalen Werts betragen.
Und während die Forscher in einem dritten MP-Zentrum, dem Aeronomie-Institut in Lindau im Harz, über eine weitere kosmische Erscheinung -- an- und abschwellende Magnetstürme -- Buch führten, zogen Wissenschaftler der amerikanischen Bundesbehörde für Meeres- und Atmosphärenforschung in Boulder (US-Staat Colorado) erste Bilanz: Innerhalb von drei Tagen waren zwei große und fünf mittlere Ausbrüche von Sonnenaktivität gemessen worden.
Wie die Wetterforscher, wenn es im Mai noch schneit oder im März schon die Kirschen blühen, so gingen nun auch die Sonnenforscher daran, ihre Hundertjährigen Kalender darauf durchzusehen, ob ein kosmischer Rekord zu melden sei.
Nach allgemeiner wissenschaftlicher Übereinkunft gilt, daß extreme Sonnenfleckentätigkeit jeweils in einem Rhythmus von etwas mehr als elf Jahren zu erwarten sei. Und da nach diesem Kalender das letzte Maximum bei 1968/69 gelegen hatte" war für 1972 ein sonnenfleckenarmes Jahr erwartet worden.
Aber ganz strikt schien es die Sonne mit der Maßgabe irdischer Wissenschaftler ohnehin nicht mehr zu nehmen "Wandernde Sonnenflecken". riesige Eruptionsfelder, waren beispielsweise 1961 beobachtet worden. Und 1964/65, die von Wissenschaftlern als besonders ruhige Jahre speziell hatten erforscht werden sollen, entpuppten sich als solarische Sturmjahre wie in Ruheperioden "seit 100 Jahren nicht mehr" (so damals die Sonnenforscherin Dr. Dodson Prince auf einer "Konferenz der Internationalen Jahre der Ruhigen Sonne"). Nur an 72 Tagen des Jahres 1964, das eigentlich als "Sonnen-Minimum" gedacht gewesen war, blieb die Fixstern-Oberfläche ohne nennenswerte Aktivität.
Abgekommen sind die Wissenschaftler denn auch von der einst wohl verlockenden Hypothese, unterschiedliche Sonnenaktivität könne gleichsam als kosmischer Schicksalslenker für die Erdbewohner angesehen werden. Offenbar sind die Gaseruptionen an der Sonnenoberfläche doch eher geringfügige Gleichgewichtsschwankungen, kaum ein Flackern in dem unvorstellbar energiereichen Dauerfeuer des Sonnenofens.
In jeder Sekunde schleudert die Sonne eine Million Tonnen energiegeladener Materie, sogenannten Plasmas, als "Sonnenwind" in den Weltraum. Und diese Energiehülle des Wärmesterns reicht noch weit über die Bahnen der Planeten Erde und Venus hinaus. Aus dem Weltraum betrachtet, würde vor der Erde eine Bugwelle, hinter ihr ein breiter, über eine Million Kilometer ausladender Schweif von Sonnenwind-Partikeln erkennbar sein.
Wie es zu den ungewöhnlichen, innerhalb weniger Minuten bis zu einer Höhe von 60 000 Kilometer hochschießenden Gasfackeln auf der Sonne kommt, ha-
* Aufgenommen vom Sonnenobservatorium Boulder (Colorado) am 4. August.
ben die Wissenschaftler bislang nicht restlos klären können.
Sicher ist nur, daß solche Eruptionen stets mit Veränderungen im Magnetfeld der Sonne einhergehen. Da die solaren
Wasserstoffwolken auf Spezialaufnahmen stets ein genaues Abbild der Magnetfelder zeigen -- ähnlich wie Eisenfeilspäne an einem Hufeisenmagneten -, können die Sonnenforscher heute die meisten Sonneneruptionen vorhersagen. Die US-Sonnenbeobachter in Boulder etwa geben eine tägliche Prognose für Sonnenaktivität heraus.
Von Bedeutung ist dieser Kurzfrist-Dienst vor allem für den internationalen Funkverkehr. Mehr oder minder heftig
kommt es -- wie auch in der letzten und vorletzten Woche -- bei erhöhter Sonnenfleckentätigkeit zu Störungen des Kurzwellenfunks. Darüber hinaus bewirken die kosmischen Gasausbrüche allenfalls Naturschauspiele: Polarlichter werden angeregt.
Das Leben auf der Erde aber ist durch die schützende Atmosphäre hinlänglich gegen die solaren Extravaganzen abgeschirmt. Mutmaßlich einzige Ausnahme nach jüngsten Erkenntnissen der Verhaltensforscher: Brieftauben können ihre Navigationsfähigkeit verlieren. weil das Magnetfeld der Erde durch den verstärkten Anprall des Sonnenwinds aus der Fasson gerät.

DER SPIEGEL 34/1972
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