31.12.1979

ISLAMWahre Quellen

Moslems in der Bundesrepublik fordern die staatliche Anerkennung als Kirche -- mit dem Recht, Steuern einzutreiben. Diplomaten befürchten außenpolitische Spannungen, Gewerkschafter soziale Konflikte.
Unter Tage sieht der Gewerkschaftsboß schwarz. "Ich habe Angst davor", sagt Adolf Schmidt, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, "daß religiös-fanatisierte Moslems und deutsche Bergleute aneinander geraten." Im Revier, wo 20 000 Türken Kohle machen, drohe "eine Re-Islamisierung". Schmidts Folge-
* In einer früheren Eckkneipe im Bahnhofsviertel.
rung: Die Türken dürften vor Ort "nicht die Überzahl haben".
So richtigen Zoff gibt es noch nicht bei den Kumpels, aber es herrscht dicke Luft. Mal weigern sich auf Zechen des Ruhrgebiets moslemische Türken, mit den ungläubigen Kollegen nackt in die Waschkaue zu gehen, mal geben welche ihr Gewerkschaftsbuch zurück, weil ihnen der Koran auch fürs Arbeitsleben reicht. Schmidt: "Hodschas und Mullahs werden immer stärker."
Der Prophet gilt neuerdings auch mehr in der Automobilindustrie. Im schwäbischen Sindelfingen beispielsweise hinderten moslemische Eiferer türkische Gewerkschafter daran, DGB-Zeitungen auszuteilen -- sie nahmen Anstoß an der zu weltlichen Sicht des Blattes.
Die Sorge, daß die 1,4 Millionen Moslems in der Diaspora Bundesrepublik -- darunter über 1,1 Millionen Türken und 1200 Deutsche -- nur noch die Suren des Koran anerkennen, läßt deutsche Gewerkschafter schon einen "islamischen Staat im Staate" befürchten -- so Heinz Richter vom DGB-Bundesvorstand. Bald sei, warnte Richter-Kollege Karl Schwab in einem Brief an den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau, "ein offener religiöser Terror auf alle türkischen Staatsangehörigen" nicht mehr auszuschließen.
Seit Chomeini im Iran den Schah vertrieben hat, sind auch in Westdeutschland, so Yilmaz Kaharazan, Ausländerreferent bei der IG Metall, "religiöse Dogmatiker auf dem Vormarsch". Zum Träger der frommen Erneuerung fühlt sich vor allem die Süleymancilar-Bewegung berufen. Diese in der Türkei verbotene Sekte will, von Staats wegen, die rechtliche Gleichstellung mit den großen christlichen Kirchen und den jüdischen Kultusgemeinden erreichen. Angeschlossen haben sich auch die erzkonservative Nurdschuluk-Religionsgruppe, die eine Rückkehr zum Kaufen-System fordert, sowie die jugoslawischen Moslems mit etwa 120 000 Mitgliedern.
Überall in der Bundesrepublik haben die Süleymanli inzwischen ihre Moscheen und Gebetshäuser, in einem alten Kino, wie in Duisburg-Bruckhausen, oder mit einem Stahlrohrturm als Minarett in der hessischen Stadt Allendorf -- insgesamt 133 Gemeinden und 160 Gebetshäuser. Das Mekka der Bewegung liegt am Rhein: das "Islamische Kulturzentrum Köln", dem nach eigener Einschätzung "über 60 Prozent aller religiösen Gemeinden des Islam" in der Bundesrepublik angehören.
Wie viele Sektenmitglieder es wirklich sind, bedauert Can Evcen, Sprecher der türkischen Botschaft in Bonn, "wissen wir auch nicht". Wer als Staatsdiener in der Türkei die Lehren des Süleyman Hilmi Tunahan vertritt, "der fliegt raus" -- eine Art türkischer Radikalenerlaß.
Mit Tunahan (1888 bis 1959) geht es radikal rückwärts. "Gemäß diesem Orden", so die türkische Enzyklopädie Meydan Larousse, "ist der Koran die einzige wahre Quelle", er anerkennt daneben "keine andere Gesetzgebung und keine anderen Normen". Frauen dürfen überhaupt nichts anderes als die 6236 Verse des Koran zu Gesicht kriegen, das lateinische Alphabet müsse wieder abgeschafft werden.
Im Westen machen die Süleymanli Politik mit Kindern. Ständig gehen 8300 kleine Moslems zwischen drei und zwölf Jahren, streng nach Geschlechtern getrennt, in Koranschulen der Tunahan-Jünger. Die Hodschas, die Katecheten, prügeln gelegentlich mit dem Rohrstock, wenn es mit dem Arabisch der Türken-Kinder nicht so hinhaut.
Bei solcher Art Religionsunterricht, so erklärte der Verband türkischer Lehrer in NRW, sei auch Propaganda für die faschistische MHP-Partei betrieben worden. Die Bewegung, sagt Metaller Kaharazan, "gibt sich zwar unpolitisch -- aber die extreme Rechte sitzt mittendrin".
Der Haupt-Iman der Hamburger Süleymancilar-Filiale, Harun Resit Tüylüoglu, verteidigt die Koran-Kurse: Die Kinder würden doch nur "auf die Verrichtung der Gebete" vorbereitet, und der auch vom Verfassungsschutz erhobene Vorwurf, sie seien Steuerungsstelle der Faschisten, sei unsinnig. Im Gegenteil: Den Süleymanli seien sogar schon von Moslem-Brüdern "zionistische Machenschaften" unterstellt worden.
Das wäre sicher ein Märchen aus 1001 Nacht. Denn bei Gelegenheit läßt der Imam wissen: Sie hätten schon immer dafür gesorgt, "daß die dreckigen Antlitze der Judendiener dem islamischen Volke präsentiert werden".
Dieser "e. V.", der sich auf dem Papier zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung bekennt, will nun auch vom Türkenlande Nordrhein-Westfalen anerkannt werden -- als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Damit wären sie gemachte Moslems und nach nach den beiden großen christlichen Kirchen Sprecher der drittgrößten Religionsgemeinschaft.
Die Muselmanen könnten nämlich von ihren "Konfessionsgenossen", so das zuständige Kultusministerium in Düsseldorf, "Kirchensteuern aufgrund eigener Steuerverordnungen" erheben -- und die staatlichen Finanzverwaltungen müßten das Geld eintreiben.
Die Ministerialen, die einen einschlägigen Gesetzentwurf für den Landtag vorbereiten, sehen sich vor "völligem Neuland"; sie wissen nicht, ob die Süleymanli nun tatsächlich die Weltreligion Islam in Deutschland repräsentieren oder ob es sich um eine radikale Minderheit handelt. Jedenfalls haben die Moslems eine brauchbare Lobby. Die katholischen "Ökumenischen Kontaktstellen für Nichtchristen" machen sich für die Moslem-Gruppe stark, und sogar Freimaurer, wie die Loge "Vorwärts", drängen Ministerpräsident Johannes Rau, "das Anerkennungsverfahren unserer Mitbürger zu beschleunigen und positiv zu entscheiden".
Könnte sein, daß der Prophet in Bonn nicht so gern gesehen wird. Die deutsche Botschaft in Ankara hat das Auswärtige Amt bereits gewarnt, und der DGB befürchtet "ernste außenpolitische Schwierigkeiten".
* In Mülheim/Ruhr.

DER SPIEGEL 53/1979
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