16.10.1972

KORRUPTiONBesuch im Schloß

Siegfried Zoglmann, von Willy Brandts Zeugen der Korruption geziehen, weiß von nichts: „Ich bin doch kein Murkser.“
Das Verhör hatte noch nicht begonnen, da erhielt der Chef-Fahnder ein bestechendes Angebot.
Ehe Willy Brandts Zeugen für seine Korruptionsvorwürfe gegen Parlamentsüberläufer am letzten Mittwoch vor dem Bundestagspräsidium zur Aussage angetreten waren, machte SPD-Vizepräsident Hermann Schmitt-Vockenhausen dem CDU-Bundestagspräsidenten Kai-Uwe von Hassel vielsagende Andeutungen. Der Sozialdemokrat gab dem auf einstimmige Wiederwahl im nächsten Bundestag bedachten Präsidenten zu verstehen, eine unparteiische Behandlung der Angelegenheit werde seiner Zukunft förderlich sein.
Und auch für die parlamentslose Zeit bis zu den Wahlen, in der ein Ständiger Ausschuß die Rechte des Bundestages wahrnimmt, könne sich von Hassel, so bedeutete Schmitt-Vockenhausen dem Parlaments-Oberhaupt, Ungemach ersparen. Verzichte der Spitzenkandidat der schleswig-holsteinischen CDU darauf, die Korruptionsaffäre weiterhin zugunsten seiner Partei auszuschlachten, dann werde der SPD-Fraktionschef Herbert Wehner darauf verzichten, von Hassel den Vorsitz im Ständigen Ausschuß streitig zu machen.
Das Verhör begann. Brandts Kronzeuge Nummer eins, der SPD-Bundestagsabgeordnete Günther Metzger, erstattete den Parlamentssenioren Bericht von drei Unterhaltungen mit seinem ehemaligen Fraktionskollegen Günther Müller, den der inzwischen über die "Sozialen Demokraten 72" zur CSU übergelaufene bayrische Sektierer für "erlogen und erstunken" hält. Müller: "Ich habe nie mit Metzger unter vier Augen gesprochen."
Indes, der SPD-Mann ist sich seiner Erinnerung sicher. Er kenne Müller aus gemeinsamen Zeiten im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) "seit 17 bis 20 Jahren" und habe sich mit dem Kollegen öfter ausgetauscht.
So habe ihm der Historiker Müller in diesem Frühjahr auch anvertraut, die CSU biete ihm eine Professur an der Universität Regensburg für den Fall, daß er aus der SPD aus- oder zur CSU übertrete. Im April. in den Tagen von Barzels konstruktivem Mißtrauensvotum, sei er ein zweites Mal von Müller ins Vertrauen gezogen worden: Er wolle treu zu Willy Brandt stehen, obwohl ihm "von einer anderen Partei" bereits ein Mandat angeboten worden sei.
An Pfingsten schließlich gingen die beiden engagierten Parlaments-Fußballer mit der Elf des Deutschen Bundestages auf Kicker-Tour nach Wien, um gegen die Mannschaft des österreichischen Nationalrates anzutreten. Während eines zweistündigen Gesprächs in der Donau-Metropole, für das Metzger einen weiteren "Nicht-Parlamentarier" als Ohrenzeugen parat haben will. ging es um den teuren Propagandaeinsatz der -- von Müller inzwischen gegründeten -- "Sozialen Demokraten 72" im Münchner Kommunalwahlkampf. Die CSU habe ihm, so Müller laut Metzger, für die Aktion eine "sechsstellige Summe" angeboten. Der Frage Metzgers, ob er das Geld angenommen habe, sei Müller ausgewichen.
Metzger über die Wirkung seines Vortrages vor dem Parlamentspräsidium: "Ich habe den Eindruck, daß Herr von Hassel durch das, was ich gesagt habe, zumindest bedenklich geworden ist."
Doch Hassel blieb bei seinem Vorurteil. die Vorwürfe des Bundeskanzlers seien "unbegründet" -- auch nachdem Brandts Kronzeuge Nummer zwei, der Ludwigshafener SPD-Abgeordnete Hans Bardens, den Bericht über ein mysteriöses Treffen im Österreichischen zu Protokoll gegeben hatte. Und Bardens' Hauptakteur, der ehemalige FDP-Abgeordnete und jetzige CSU-Kandidat Siegfried Zoglmann, beeilte sich, die Story als "frei erfunden, ohne jeden Wahrheitsgehalt" zu qualifizieren.
Zoglmann kann sich nicht entsinnen, am 31. Oktober 1970 von seiner Jagdhütte beim steirischen Hintertriebenthal zu einer Unterredung mit Franz Josef Strauß in das 20 Autominuten entfernte Schloß Pichlarn gefahren zu sein.
Das Schloß gehört dem Unionsförderer und Strauß-Freund Fritz Ries, Mehrheitsaktionär der Frankenthaler Bodenbelagsfirma "Pegulan". Strauß ist häufiger Gast auf Pichlarn, das Ries inzwischen zu einem Luxushotel mit Golfplatz ausgebaut hat. Strauß: "Das ist das Altershobby von Ries."
Daß auch Strauß-Freund Zoglmann am 31. Oktober 1970 Ries-Gast auf Pichlarn gewesen sein soll, weiß Bardens von einem Augen- und Ohrenzeugen; einem "Bekannten, den ich seit meiner Jugendzeit kenne" und dessen Namen er den Parlamentariern aus prozeßtaktischen Gründen verschwiegen habe. Zoglmann will dem Unbekannten inzwischen auf die Spur gekommen sein: "Ries und ich glauben zu wissen, wer das ist. Der Kerl ist inzwischen fristlos entlassen worden. Man kann sich denken, was der für Motive hat."
Motive hatte der Kerl: Er ist Sozialdemokrat. Im November 1970 vertraute er seinem Partei- und Duzfreund Bardens an, Zoglmann, zu jener Zeit schon Hospitant der CSU, sei am Tag nach einem Empfang zum Rapport im Schloß erschienen und habe sich mit Franz Josef Strauß zu einem Vier-Augen-Gespräch zurückgezogen.
Später an der Abendtafel im Kreis von 14 Gästen -- so laut Bardens die Erinnerung seines Zeugen -- habe sich Zoglmann gebrüstet: "Du, Franz Josef, es ist nicht so teuer geworden, wie wir glaubten."
Mit Aufträgen von der Industrie und Beraterverträgen sowie durch eine Absicherung über die Landeslisten bei der nächsten Bundestagswahl sollte zunächst eine Vierer-, später eine Achtergruppe von Abgeordneten aus der SPD/FDP-Koalition herausgebrochen und der Union zugeführt werden. Dabei seien die Namen der FDP-Abgeordneten Gerhard Kienbaum (inzwischen aus der FDP ausgetreten), Wilhelm Helms (zur CDU übergetreten), Knut Freiherr von Kühlmann-Stumm (CDU-Kandidat für den neuen Bundestag) und Karl Geldner (nach einem Scheinübertritt bei der FDP geblieben) gefallen.
Zoglmann verwahrt sich gegen die Unterstellung, "daß ich vor 14 Leuten erklärte, wie man Abgeordnete kauft. Ich bin doch kein Murkser". Überdies seien Kienbaum und Kühlmann-Stumm nicht auf Geld angewiesen; zu Helms, "diesem Knaben", habe er keinen Kontakt gehabt und vor einer Abwerbung Geldners "schon Monate zuvor gewarnt". Zoglmann zum SPIEGEL: "Erlassen Sie mir zu sagen, bei wem ... Bei Geldner war ich absolut dagegen, daß man was unternimmt."
Als vor dem Präsidiumsforum in Bonn endlich Namen gefallen waren, atmete der zu überparteilichkeit angehaltene Bundestagspräsident von Hassel auf und entledigte sich elegant seiner Inquisitionspflichten: Nun sei klar, daß sich "die Vorwürfe des Kanzlers nicht gegen alle Kollegen richten, die die Fraktion gewechselt haben. Damit ist meine Aufgabe erledigt".

DER SPIEGEL 43/1972
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