16.10.1972

„Die Krise ist für uns die Lösung“

SPIEGEL: Herr Matus, zwei Jahre nach dem Amtsantritt Allendes befindet sich die Wirtschaft Chiles in einer schweren Krise. Ist damit der chilenische Versuch, auf demokratischem Weg den Sozialismus zu verwirklichen, bereits gescheitert?
MATUS: Nun, nach konventionellen wirtschaftlichen Kriterien wären wir tatsächlich in einer Krise. Wenn beispielsweise die vorige Regierung sich in unserer wirtschaftlichen Lage befände, dann wäre sie längst am Ende.
SPIEGEL: Warum gilt das nicht für die Regierung Allende?
MATUS: Wenn wir erst einmal beweisen können, daß der Prozeß irreversibel geworden ist, dann können wir auch in eine große Krise geraten, ohne gleich zu scheitern. Da wir aber irreversible Tatbestände geschaffen haben, können uns auch vorübergehende Schwierigkeiten nichts anhaben.
SPIEGEL: Welches sind die irreversiblen Tatbestände?
MATUS: Zum Beispiel die Verstaatlichung des Bergbaus, die Sozialisierung wichtiger Industrien, die Agrarreform, die Mitbeteiligung der Arbeiter an den Unternehmensentscheidungen sowie an allen wichtigen Regierungsentscheidungen. All dies sind Tatbestände, die es unmöglich machen, daß beispielsweise die Christdemokraten oder die Nationale Partei wieder einmal die Regierung übernehmen können. Wir mögen zwar fehlerhaft regieren, aber wir sind die einzigen, die in der Lage sind, das Land zu regieren.
SPIEGEL: Kann eine Volksfrontregierung auch über bestimmte ökonomische Tatbestände hinwegsehen? Etwa die miserable Lage der Zahlungsbilanz, die verheerende Inflation, die Versorgungskrise auf dem Konsum- und Investitionsgütermarkt, den Produktionsrückgang in den großen Kupferminen, die zweimalige Abwertung des Escudo, die internationale Vertrauenskrise der ausländischen Kreditgeber ...
MATUS: In der Praxis macht alles das, was Sie aufzählen, die Arbeit für die Regierung sehr kompliziert und verpflichtet uns alle zu großen Opfern. Aber diese Schwierigkeiten verstärken nur den Wandlungsprozeß. Denn sie schärfen das politische Bewußtsein der Arbeiter. Nehmen Sie nur die letzten Preissteigerungen. Entgegen allen politischen Voraussagen haben die Preissteigerungen die Arbeiter mit der Regierung stärker solidarisiert als vorher.
SPIEGEL: Wollen Sie damit sagen, daß sich der Arbeiter stärker zu Ihrer Regierung gezogen fühlt, seit die Preise für Milch um 261, für Käse um 640 und für Eier um 310 Prozent gestiegen sind?
MATUS: Ich lade Sie gern ein, in einen verstaatlichten Betrieb Ihrer Wahl zu gehen und die Arbeiter direkt zu befragen. Ich kenne die Meinung der chilenischen Arbeiter, denn ich stehe ständig mit ihnen in Kontakt.
SPIEGEL: Für wie lange rechnen Sie mit der Zustimmung der Arbeiter? Glauben Sie wirklich, daß der Arbeiter ein solches Maß an Inflation lange ertragen wird?
MATUS: Ja, denn dem Arbeiter geht es heute sehr viel besser als vor zwei Jahren.
SPIEGEL: Tatsächlich?
MATUS: In den zwei Jahren haben wir 300 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Außerdem ist die reale Kaufkraft des Arbeiters heute um 20 bis 25 Prozent gegenüber früher gestiegen.
SPIEGEL: Wie viele der neu eingestellten 300 000 Arbeitskräfte sind in wirklich produktiven Bereichen tätig? Und wie viele von ihnen verlängern nur die Lohnlisten unrentabler Betriebe?
MATUS: Ich gebe zu, daß ein Teil von ihnen nicht so produktiv eingesetzt wurde, wie es hätte sein können. Aber einen Prozeß wie den unseren können Sie nicht nur mit den Kriterien der Produktivität messen. Als beispielsweise im Zweiten Weltkrieg Berlin bombardiert wurde, konnte man die deutsche Lage auch nicht nach den Kriterien der industriellen Produktivität beurteilen. Wenn man bombardiert wird, kann man keine hohe Produktivität haben.
SPIEGEL: Wer wirft heute in Chile die Bomben?
MATUS: Die Bomben kommen von allen Seiten, von der Opposition des In- und Auslands.
SPIEGEL: Herr Matus, wie sieht Ihr Programm zur Gesundung der Wirtschaft aus? Wie wollen Sie etwa die Zahlungsbilanz sanieren?
MATUS: Für die nächsten zweieinhalb Jahre müssen wir den Gürtel enger schnallen und weitere Schulden machen. Ich habe dem Volk bereits erklärt, daß wir es uns nicht mehr leisten können, Rindfleisch zu importieren. Damit wollen wir 90 Millionen Dollar jährlich sparen. Außerdem werden wir keine Butter mehr importieren, sondern nur noch Margarine essen, was mir den Spitznamen "Minister Margarine" eingebracht hat. Damit sparen wir weitere acht Millionen Dollar. 30 Millionen Dollar hoffen wir zu sparen, indem wir bisher importierte Milch im Land selbst herstellen. Sie sehen: Was für Sie Krise ist, ist für uns die Lösung.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß beispielsweise auch das Ausland Ihre Lösung honorieren wird und Ihnen neue Kredite einräumt?
MATUS: Sicher, wir bekommen im Moment ohne Schwierigkeiten Kredite für den Kauf von Maschinen und Ausrüstungsgütern -- etwa von Frankreich, England, Spanien, sozialistischen Ländern, Österreich, Italien, Holland und Schweden.
SPIEGEL: Aus Westdeutschland nichts?
MATUS: Nein, wir erwarten aus Deutschland immer noch was. Aber wir wollen jetzt für die Rationalisierung unserer Textilindustrie Maschinen in Deutschland kaufen und hoffen, daß man uns hierbei hilft.

DER SPIEGEL 43/1972
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