16.10.1972

GRIECHENLANDBitterer Becher

In Griechenland werden die Arbeitskräfte knapp. Die Regierung will die Gastarbeiter heimholen, die Industrie weicht auf Arbeiter aus Afrika aus.
Konstantinos Drakopoulos, Schwager des griechischen Großreeders Stavros Niarchos und Chefmanager der Niarchos-Werft "Hellenie Shipyards" bei Athen, brauchte Arbeiter. Er suchte sie nicht in der Heimat, sondern im fernen Deutschland.
Niarchos-Abgesandte bereisten im August sechs deutsche Industriestädte, darunter auch Hamburg, und suchten griechische Gastarbeiter für den Niarchos-Dienst abzuwerben. Erfolg hatten sie nicht: "Von den 519 Arbeitern, die wir kontaktierten, haben nur 29 ein gewisses Interesse an einer Rückwanderung gezeigt."
Nun will die griechische Regierung eingreifen und durch Sonderanreize die Heimkehr der hellenischen Gastarbeiter fördern. Gleichzeitig soll die weitere Abwanderung von dringend benötigten Arbeitskräften behördlich gebremst werden.
Denn nach einem Jahrzehnt Gastarbeiterwanderung nach Norden mußten die Griechen feststellen, daß ihrer Wirtschaft dringend notwendige Arbeitskräfte weggelaufen waren.
Fast ein Zehntel der griechischen Bevölkerung -- etwa 850 000 Personen -- wanderte in den letzten zehn Jahren ab. 70 Prozent davon ließen sich von der Bundesrepublik als Gastarbeiter anwerben.
Lange Zeit hatte die Abwanderung den Arbeitsmarkt von arbeitslosen Industrie- und unterbeschäftigten Landarbeitern entlastet. Doch in den letzten Jahren -- Griechenlands Industrie und Tourismus entwickelten sich steil nach oben -- kam es zu wachsenden Spannungen auf dem einheimischen Arbeitsmarkt.
Die Regierung bremste die Auswanderung: Sie verschärfte die Auslese unter den Auswanderungswilligen, begrenzte das Gastarbeiter-Kontingent aus den besonders betroffenen nordgriechischen Gebieten und ließ nur noch ungelernte Arbeiter, Landarbeiter und Frauen abwandern.
Doch das reichte nicht aus -- denn Athens Wirtschaftsplaner hatten sich arg verkalkuliert: Sie rechneten für Anfang der 70er Jahre mit einem heimischen Arbeitskräftepotential von 3,9 Millionen. Doch die Volkszählung von 1971 wies eine Erwerbsbevölkerung von nur 3,3 Millionen aus, 600 000 weniger als erwartet
Der Engpaß veranlaßte den Staat, Aufklärungskampagnen über Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in der Heimat zu starten und Stellenanzeigen der Arbeitgeber kostenlos in der Tagespresse zu veröffentlichen.
Die Arbeitsvermittlungsanstalt erstattet Landarbeitern, die sich zur Arbeitsaufnahme in einer Entfernung von mehr als 30 Kilometern von ihrem Wohnort verpflichten, die Reisekosten und zahlt ihnen drei Tagelöhne als Unterstützung. Für Bauern, die ihr Dorf verlassen, übernimmt die Anstalt die Umzugs- und Niederlassungskosten für die Familie.
Jüngst entdeckte Vizepremier Panzergeneral a. D. Stylianos Pattakos, daß auch die Arbeitsmoral seiner Landsleute schuld an der Misere ist. Er trat für strengere Voraussetzungen für die Gewährung von Arbeitslosenunterstützung ein. Sie sollte, so Pattakos, notfalls eingestellt werden, wenn sich Arbeitslose weigerten, dort zu arbeiten, wo ein Bedarf oder ein Mangel bestehe.
Mit stiller Duldung der Behörden begann die Industrie, sogar Arbeiter im Ausland anzuwerben: Gastarbeiterlieferant Griechenland wurde zum Aufnahmeland für Fremdarbeiter vor allem aus Afrika, die zu Hungerlöhnen beschäftigt werden. Schon arbeiten rund 30 000 Ägypter, Sudanesen und Somalier in griechischen Industrie- und Bergbauunternehmen, in Hotels und Haushalten.
Das Regime, insbesondere Moralwächter Pattakos, ist gegen die farbige Invasion: "Die Regierung wird die Einreise ausländischer Arbeiter nicht gestatten, wenn nicht das Problem der einheimischen Arbeiter und der Auswanderer gelöst wird. Ausländer haben fremdartige Auffassungen, und wir müssen unsere Homogenität wahren."
Statt dessen forderte Pattakos die Arbeitgeber auf, zu "Kreuzrittern und Missionaren" zu werden und sich um die Rückwanderung der griechischen Gastarbeiter zu bemühen. Die Arbeitgeber sollten die Rückwanderung durch verschiedene Anreize ("sichere Beschäftigung, gute Entlohnung und Sozialversicherung, eventuell Wohnungsbeschaffung und soziales Verhalten") fördern.
Die Regierung bereitet einen Gesetzentwurf vor, wonach die heimischen Arbeitgeber mit rückkehrwilligen Gastarbeitern feste Arbeitsverträge mit garantiertem Arbeitsplatz und Lohn abzuschließen hätten.
Für die Arbeitgeber, signalisierte der Angestelltenbund, "ist damit die Stunde des bitteren Bechers gekommen": die Löhne zu erhöhen und Sozialleistungen einzuführen, um Arbeiter von der Auswanderung abzuhalten oder Gastarbeiter zur Rückkehr zu bewegen.
Doch das dürfte schwierig sein: 1971 verdiente, wie eine Marplan-Umfrage ergab, ein griechischer Gastarbeiter in der Bundesrepublik 915 Mark im Monatsdurchschnitt. Demgegenüber kommt ein griechischer Industriearbeiter in seiner Heimat auf 350 Mark im Monat. Dem deutschen Stundenlohn von etwa sechs Mark stehen zwei Mark in Griechenland gegenüber.

DER SPIEGEL 43/1972
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