16.10.1972

Golo Mann über Bertrand Russell: „Moral und Politik“Man muß vom Irrationalen wissen

Für sein frühes Hauptwerk, die "Principia Mathematica", brauchte Bertrand Russell zehn Jahre, und einige hundert Seiten, bis er zur Definition der Zahl eins kam. In den folgenden siebzig Jahren schrieb oder diktierte er etwa siebzig Bücher, mitunter eines in zwanzig Tagen. Als er, nach eigenem Bekenntnis, für die Mathematik zu dumm wurde, ging er über zur Philosophie; zur Geschichte und Politik, als er für die Philosophie zu dumm geworden war. Was kein Kompliment für Geschichte und Politik ist. Tatsächlich kehrte er auch im Alter noch häufig zur Philosophie, Logik, Erkenntnistheorie zurück; und wenn er politisierte, so konnte er dabei das Philosophieren nicht lassen.
Übrigens schrieb er über alles, was ihn interessierte, und alles interessierte ihn: Erziehung, Wirtschaft, Moral, Deutschland, Amerika, Rußland, China. Historie, Sozialismus, Politik und Ethik, Krieg und Friede, Ehe und freie Liebe. Eine Schrift über den letztgenannten Problemkreis brachte ihm 1940 den Verlust seines Lehrstuhls in New York ein, dazu einen Prozeß, den er verlor; sein Buch, urteilte der Richter, sei "geil, lüstern, venerisch, erotomanisch, aphrodisiakisch, atheistisch, niedrig, unwahrhaftig und bar jeden moralischen Sinnes". Eine treffende Charakteristik von Russells Lebenswerk war das nicht.
Er soll, seinem Biographen zufolge, der in Deutschland am meisten gelesene englische Philosoph sein. Das sagt noch nicht viel; welcher andere englische Philosoph wird hier viel gelesen? Nun unternimmt die Nymphenburger Verlagshandlung eine auf zwölf bis vierzehn Bände geplante Studienausgabe von Russells Werken, der wesentlichsten, in deutscher Übersetzung. Das ist kühn und das ist zu begrüßen. Wer Bertrand Russell liest, nicht bloß ein Buch, sondern zwölf bis vierzehn, der lernt denken dabei, freies, durch keine Doktrin verdorbenes Denken. Er wird klüger. Es kann ihm weniger Enttäuschendes passieren; vielleicht sogar wird er sich vernünftiger verhalten.
Vernunft; "reason". In "Moral und Politik" wehrt Russell sich gegen den Vorwurf, ein kalter Rationalist zu sein, Gefühle zu verachten, die Vernunft als Macht im gesellschaftlichen Getriebe zu überschätzen. Vernunft, betont er, sei nichts als die Wahl der richtigen Mittel zum Zweck, ohne den Zweck zu bestimmen; auch die verrücktesten Ziele wären also mit "vernünftigen" Mitteln erreichbar, und "unvernünftig" ist, was ihnen widerspricht.
Es ist der englische Begriff von reason; nicht der deutsche Begriff von Vernunft, der Hegelsche oder der bessere, der von Kant herstammt. Woran Russell gelegen ist: Die Menschen, einzeln wie im Kollektiv, wählen oft nicht einmal die richtigen Mittel für die Zwecke. Selbsterhaltung ist ein naturgegebener Zweck. Aber vieles wird herzhaft getan, was zur Selbstzerstörung beiträgt. Man will reicher werden durch Krieg und wird ärmer dabei. Man will die Menschen glücklicher machen durch Revolution und macht sie unglücklicher.
In seinem allerersten Buch unterwarf Russell den Marxismus einer doppelten Kritik: Die Lehre sei, erstens, falsch, aus unbewiesenen oder widerlegbaren Dogmen willkürlich zusammengemischt; sie könne, zweitens, zu dem, was sie praktisch erreichen will, niemals führen. Nur der zweite Einwand hätte mit Vernunft oder Unvernunft zu tun; der erste mit wahr oder falsch, mit Wissenschaft. Es kommt hier auf Worte nicht viel an. Jedenfalls war, nach Russellschem Sprachgebrauch, etwa die Baader-Meinhof-Bande höchst unvernünftig, weil sie durch ihre Mittel den Zweck, insofern er ihr überhaupt bewußt war, nie erreichen konnte, nur den entgegengesetzten. Dumpfe, eigentlich ziellose Leidenschaften bewirken weit mehr, als politologische Lehrbücher wahrhaben wollen: der Rivalitätstrieb, die Eitelkeit; Vergnügen an Haß und Stolz; Furcht, welche die Gefahr steigert, anstatt ihr den Stachel zu nehmen; der Trieb, Langeweile loszuwerden durch feindliche und auf die Dauer ruinöse Sensationen.
Russells These in der Nuß-Schale: Das Irrationale menschlichen Handelns kann man mit einiger Hoffnung auf Erfolg nur dann bekämpfen, wenn man davon weiß; wenn man also nicht, wie die Marxisten es tun, das politische Verhalten der deutschen Schwerindustrie während des Ersten Weltkrieges aus unentrinnbarem ökonomischem Zwang erklärt, sondern aus der blutigen Narretei, welche die "Kriegsziele" gebar. Wollte Gott -- den es freilich für Russell mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit (nicht: absoluter Sicherheit) nirgendwo gibt --, daß die Leute immer nach ihrem aufgeklärten Selbstinteresse handelten.
Nach einigem Zögern hat der Philosoph seine ethischen Betrachtungen in sein erkenntniskritisches Werk "Das menschliche Wissen" nicht aufgenommen. Denn zum "Wissen" gehören Behauptungen im Bereich des Moralischen nun einmal nicht. Das heißt, sie sind nicht verifizierbar, und anstatt zu schreiben "Morden ist böse", wäre es genauer, nur "Morden" zu schreiben und ein Ausrufezeichen, etwa auch ein Pfui hinzuzufügen.
Als logischer Positivist muß Russell Worte wie "gut" und "schlecht" für sinnleere Laute halten. Da er aber in seinen späteren Jahren Logiker nur im Nebenberuf war, in der Hauptsache ein hilfreicher Berater der Menschheit sein wollte, so konnte ihm eine so unnützrichtige These nicht genügen. Das Gute, meint er dann, ist gleich Wunscherfüllung. Weil der Mensch im Kollektiv lebt, und anders nicht leben kann, so ist das Gute gleich Wunscherfüllung für die Mehrheit, gleich dem Gemeinwohl. Einmal definiert er: ",Schlechte' Wünsche sind, vom sozialen Standpunkt aus, solche, welche die Erfüllung von Wünschen anderer Menschen unmöglich machen, genauer, welche die Erfüllung von mehr Wünschen unmöglich machen, als sie fördern ... In Isolierung betrachtet, wäre ein einzelner Wunsch nicht besser oder schlechter als ein anderer ..."
Ich habe versucht, mir diese Definition an Beispielen klarzumachen: Jemand begeht einen Lustmord, befriedigt damit einen ephemeren Wunsch und macht die Erfüllung von tausend Wünschen für immer unmöglich. Die Definition stimmt. Jedoch zweitens. Ein armer, lebenshungriger Neffe beschleunigt den Tod eines alten Erbonkeis; er setzt sich dadurch in den Stand, tausend vitale Wünsche zu erfüllen, während er nur wenige kümmerliche Wünsche, die dem Greis geblieben waren, erstickt. Die Definition stimmt nicht; oder wir müßten die Vergiftung des Onkels zum Guten rechnen.
Prompt habe ich denn auch in einem anderen Band Russells den Satz gefunden: "Wären wir sicher, die Welt würde ohne Juden zum Paradies, ließe sich gegen Auschwitz nichts mehr einwenden." Natürlich ist das an sich falsch und auch praktisch falsch; denn die Welt ist so eingerichtet, daß aus Greueln wie dem Judenmord nichts Gutes folgen kann. Russell weiß das auch, denn er fügt dem eben zitierten Satz hinzu: "Aber es ist viel wahrscheinlicher, daß die mit Hilfe derartiger Methoden geschaffene Welt zur Hölle würde, und daher dürfen wir unserer natürlichen menschlichen Abneigung gegen alle Grausamkeit freies Spiel lassen."
Abneigung gegen Grausamkeit ist nicht bloß ein natürliches, es ist ein gutes Gefühl, Freude an Grausamkeit ein schlechtes. Also sind wir, allen logischen Spielereien zum Trotz, wieder bei gut und schlecht, und kein Wunder: Wie sollte man sonst über Ethik reden, und wen kümmert es im Ernst, daß es sich nur um "Gefühle", nicht um "Wahrheiten" handelt? Gefühle, Leidenschaften müssen sein; Vernunft allein täte es nicht, sie ist bloß Regulator, nicht Antriebskraft. Ginge der Mensch nur allein auf Jagd, wie der Fuchs, so bedürfte er keiner Moral; wäre er nur soziales Wesen, wie die Ameise, dann auch nicht.
Die guten Gefühle zu fördern ist Aufgabe der Erziehung -- da hat Russell vieles, was heute praktiziert wird, vorweggenommen -- und wäre Aufgabe der Politik, welch letztere er freilich mit tiefer Skepsis betrachtet. Gut, im Politischen, ist der Kompromiß; er nützt beiden Seiten ungleich zuverlässiger als der Kampf bis zum bitteren Ende, und er stammt aus der guten Quelle der Selbstbescheidung. Von Religion hält Russell nichts: "Jeder Glaube schadet." Ich bin hier nicht seiner Meinung, gebe aber gern zu, daß alles darauf ankommt, was und wie man glaubt, und daß es für einen Denker von Russells Furchtlosigkeit und Generosität auch ohne Glauben ging. Die Welt, schrieb er einmal, brauche "Liebe, christliche Liebe und Caritas". Wer solches besitzt, für den wird der Unterschied zwischen Glauben und Unglauben praktisch nicht viel ausmachen.
Der Band "Moral und Politik" taugt als erste Einführung in Russells Denken so gut wie ein anderer. Jedoch wogt die Argumentation ein wenig hin und her, und der zweite, politische Teil wirkt stellenweise veraltet. Russell, Sozialist und militanter Pazifist von alters her, kam in den frühen fünfziger Jahren der Rolle eines Kalten Kriegers ziemlich nahe; nahe genug, um die deutsche Wiederaufrüstung zu bejahen. Er verachtete die herrschenden Klassen Amerikas, die Verbindung von Macht, Reichtum, frommer Heuchelei und Grausamkeit, mit der er selber hatte Bekanntschaft machen müssen. Um 1950 fürchtete er das Rußland stalinscher und nachstalinscher Observanz noch mehr; von allen Spielarten des Glaubens, die es je gab, sei der Marxismus die abstoßendste. Entsprechend wurde er damals von der Moskauer Presse nicht so respektvoll behandelt wie einige Jahre später: "Dieser philosophierende Wolf, dessen Smoking die brutalen Instinkte eines Raubtiers verbirgt." Was wieder keine treffende Charakteristik ist. Am Ende macht es Russell Ehre, daß er vom offiziellen Amerika und offiziellen Moskau in ähnlichen Tönen verflucht wurde.
Was die Übersetzung betrifft, die bereits vorlag, so ist sie schon recht, aber auch nicht mehr. Russell: "But schools are out to teach patriotism; newspapers are out to stirr excitement; and politicians are out to get re-elected." Ruth Gillischewski übersetzt: "Doch die Schulen betrachten es als ihre besondere Aufgabe, den Patriotismus zu lehren: die Zeitungen wollen Aufregung säen, und die Politiker wollen nichts anderes als wieder gewählt werden." O, was iss die deutsch Sprak für ein plump Sprak! ... Ist sie das wirklich? Warum nicht sagen: "Schulen sind auf Patriotismus aus; Zeitungen auf Sensationen: Politiker auf ihre Wiederwahl?"
Von Russells bedeutendsten Werken ist manches noch nicht ins Deutsche übertragen: etwa "My Philosophical Development" und "An Inquiry into Meaning and Truth". Wie man hört, ist die Aufgabe Kennern des Werkes und des Russellschen Stiles anvertraut.

DER SPIEGEL 43/1972
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