26.06.1972

MUSIKManchmal unsicher

Der Italiener Maurizio Pollini gilt als der bedeutendste Nachwuchs-Pianist Europas. In dieser Woche spielt er bei der Uraufführung einer Kantate von Luigi Nono den Klavierpart.
Er trat gegen 77 qualifizierte Konkurrenten aus 30 Ländern an, doch schon nach den ersten Takten war den Juroren klar: "Der gewinnt. So kam es dann auch: Der Mailänder Pianist Maurizio Pollini gewann den ersten Preis beim Warschauer Chopin-Wettbewerb.
Das war im Frühjahr 1960. Inzwischen ist Pollini 30 und ein "Pianist von Weitrang" geworden, der "wie ein Besessener spielt" und "manchmal über Arturo Benedetti Michelangeli und Rubinstein hinauskommt" -- so der Kritiker Joachim Kaiser.
Doch Pollini ist alles andere als ein Nachfahre jener spätromantischen Pianotiger, die in den Tasten wühlen und am Flügel Theater spielen. Pollini ist scheu, er kennt keine Posen, er spielt bloß Klavier. Ob er ein spätes Mozart-Konzert oder eine Chopin-Ballade abtastet, ob er wüste Prokofjew-Prestos hämmert oder die vertrackten Strukturen der zweiten Sonate von Pierre Boulez deutlich macht alles schüttelt er scheinbar mühelos aus dem Handgelenk.
In dieser Woche freilich ist Pollini erstmals zu einer Uraufführung geladen: Am Mittwoch wird er bei der Premiere der konzertanten Kantate "Wie eine Woge von Macht und Licht", die sein Landsmann Luigi Nono für Klavier, Sopran. Orchester und Tonband komponiert hat, den Piano-Part übernehmen.
Auch auf Schallplatten wird Pollini bald häufiger zu hören sein. Nachdem er bereits das e-Moll-Konzert von Chopin aufgenommen und nun auch die "Petruschka"-Suite von Igor Strawinski eingespielt hat, sollen im Herbst die 24 Chopin-Etüden Opus 10 und 25 folgen. außerdem Aufnahmen romantischer Klaviermusik von Schubert und Schumann sowie der ersten beiden Klavierkonzerte von Béla Bartók.
So beherrscht Pollini alles, was ihm unter die Finger kommt: die Partituren politisch engagierter Avantgardisten ebenso wie Bachs "Wohltemperiertes Klavier". "Trotzdem", sagt Pollini. "bin ich manchmal unsicher, ob dieses Dasein und diese Arbeit überhaupt einen Sinn haben."
Da sind wieder die alten Zweifel, die es Pollini von Anfang an schwer gemacht haben. Nachdem der Mailänder Architektensohn 1960. "nach einer ganz normalen. sensationslosen Entwicklung". als Gewinner des Warschauer Chopin-Wettbewerbs mit Engagements überschüttet worden war, zog er sich nach nur wenigen Auftritten rasch wieder zurück: "Ich war einfach noch nicht reif für eine große Karriere"
Während die Kritiker alsbald über Nervenzusammenbrüche des Künstlers tuschelten, ging Pollini zu seinem berühmten Landsmann Arturo Benedetti Michelangeli, um Privatstunden zu nehmen. Von dem Präzisionsfanatiker Benedetti Michelangeli übernahm er nicht nur die Anschlagsfinessen und Pedalisierungstricks, sondern auch die Launen: Instrumente waren ihm nicht genehm, er bestand auf immer mehr, immer neuen Sitzungen für Plattenaufnahmen, er sagte Konzerte zu und wieder ab. Zwischen 1963 und 1966 trat er höchstens 15mal im Jahr auf. "Mehr ging nicht!"
Diese Selbstbescheidung zahlte sich aus. Während andere Preisträger. etwa der Amerikaner Van Cliburn, der 1958 den Moskauer Tschaikowski-Wettbewerb gewann, sich sofort in Monstretourneen verschlissen. ließ Pollini sich Zeit: "Ich wollte in Ruhe über alles nachdenken, nicht nur über Musik."
Das hat er reichlich getan -- beispielsweise über die US-Tournee, zu der er im Herbst dieses Jahres "mit halbem Herzen" aufbricht. "Kann ich denn heute überhaupt noch guten Gewissens in Amerika auftreten?", fragt er sich. "Amerika war zwar gegen Hitler, aber jetzt unterstützt es alle faschistischen Länder und führt einen kriminellen Krieg in Vietnam." Pollini wird dennoch in die USA reisen. Er wird weiter seine 50, 60 Konzerte im Jahr geben, obwohl "das ganze Musik-Management Sache einer einzigen Klasse ist. Pollini: "Aber was würde mein persönlicher Boykott allein schon nützen?"
Er ist ratlos, verzweifelt und verliert -zwischen Proben und Soireen -- ein wenig die Lust an den Honneurs und Honoraren des kapitalistischen Musikbetriebs. "Wir alle müssen viel mehr nachdenken", fordert Pollini, "dann erkennen wir, daß man uns ständig und überall manipuliert. Erst dann kann sich alles ändern"
Bis dahin bleibt dem "aufrechten Demokraten". wie er sich nennt, nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft: "Ich glaube an den Sieg des Sozialismus."
Das meint er ernst. Nachdem Ende Februar der französische Jung-Maoist René-Pierre Overney am Fabriktor der Renault-Werke von einem Wachmann des Auto-Konzerns erschossen worden war, flog Pollini nach Paris und gab dem toten Linken das letzte Geleit.
In dieser Woche zeigt Pollini erneut seine Gesinnung: Einen Tag nach der Uraufführung der Klavier-Kantate des kommunistischen Komponisten None spielt er in Mailand -- bei freiem Eintritt -- ein "Konzert gegen den Faschismus".

DER SPIEGEL 27/1972
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