26.06.1972

THEATERLändliche Tragödie

Volksstücke aus proletarischem Milieu haben den Münchner Franz Xaver Kroetz zum „Wunderkind am bundesdeutschen Theaterhimmel“ gemacht. Seinem Erfolg zum Trotz fordert er: „Schafft das Theater ab!“
Wo das deutsche Theater steht -- der Münchner Dramatiker Franz Xaver Kroetz. 26, weiß es genau: "Dieser Kadaver des 19. Jahrhunderts", sagt er, steht "auf den Schultern von Hunderttausenden Abc-Schützen der Arbeiterklasse".
Er beklagt die überhöhten Subventionen (1972: über 500 Millionen Mark)
* Mit Eva Mattes, Enzi Fuchs (vorn)
und den Mißstand. daß die Arbeiter aus unverschuldeter Bildungsnot die Theater zwar meiden, aber dennoch mit ihren Steuern finanzieren müssen. Kroetz hat ja so recht, und nur ein Schönheitsfehler stört die Beweiskraft seiner Argumente:
Seit der Suhrkamp-Autor Martin Walser den schmächtigen Bohemien und DKP-Sympathisanten nach "rund 150 Absagen von allen bekannten Bühnenverlagen" (Kroetz) vor Jahresfrist für das deutsche Theater entdeckt hat (SPIEGEL 24/1971), zählt Kroetz zu jenen Prominenten, die mit originellen Werken (darunter "Wildwechsel". "Hartnäckig". "Männersache") das verkrustete Subventionstheater rechtfertigen und so am Leben erhalten.
Kroetz hat Erfolg dabei: Sechs seiner Ein- und Mehrakter aus durchweg bäurischem oder proletarischem Milieu wurden inzwischen uraufgeführt. Das Bayerische Staatsschauspiel bestellte und erhielt eine olympische Satire ("Globales Interesse"). Bochums neuer Intendant Peter Zadek orderte ein "Stück mit Songs"; Rainer Werner Fassbinder inszeniert Kroetz fürs Fernsehen, und das Heidelberger Stadttheater dingte das "jüngste Wunderkind am bundesdeutschen Theaterhimmel" ("Funk-Korrespondenz") als "Hausautor".
Selbst das deutsche Feuilleton hätschelt den Schauspieler. Gelegenheits-Bademeister und Irrenwärter mit seiner Neigung zu Alkohol-Genuß und fragwürdigem Frühstück ("Ein Glaserl Tee und ein Pervitinerl"): Als ein "Stern" -- Beiträger seine Schreibweise verkannte -- "Er schreibt, wie am Münchner Viktualienmarkt die Standlfrauen reden"
intervenierte die "Süddeutsche Zeitung" in einem Kommentar ("Schlecht gebrüllt, Kroetz"). Und als der von Horváth und Marieluise Fleißer inspirierte Volksdramatiker die Ludwig-Thoma-Medaille der Stadt München erhielt, gab gar der CSU-,"Bayernkurier" Kroetz die Ehre: "Grob gesagt: schweinische Stücke."
Daß der Stückeschreiber Kroetz dennoch in einem Dilemma steckt, offenbarte die Uraufführung seines jüngsten Dreiakters "Stallerhof". die für letzten Samstag im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses Hamburg angesetzt war.
Es ist ein Stück voll gesellschaftlicher Schweinereien: Stallerhof-Bäuerin und -Bauer (Abonnent des "Fürstenfeldbrucker Tagblattes") sind von akzeptablen Lebensbedingungen so weit entfernt wie ihre "zuruckbliebne" Tochter Beppi und ihr Alt-Knecht Sepp ("In 6 Jahr geh' ich in die Rente"). Ihre Sprache ist auf dumpfe Signale ("genau", "jetzt nimma") reduziert, zu keiner Kommunikation fähig und keinem Konflikt gewachsen.
Daß der Sepp auf dem Lokus "beim Scheißen onaniert" (Regieanweisung). er die debile Beppi nach einer Geisterbahnfahrt defloriert und ihr zum Entsetzen der Eltern ("Meine Tochter hat net schwanger zu sein") ein Kind macht, ist nur logisch. Um sich zu rächen, tötet der Bauer Sepps einzigen Gefährten, seinen Hund.
Doch die ländliche Tragödie (Kroetz hat sie in seinem noch ungespielten Stück "Geisterbahn" bis zum Kindsmord fortgesetzt) dürfte auf herkömmliches Theaterpublikum kaum verbindlicher wirken als die artifiziellen Werke der Kroetz-Konkurrenten Bauer, Fassbinder und Handke. Denn trotz textgerechter Inszenierung (Ulrich Heising) und optimaler Beppi-Besetzung (Bundesfilmpreisgewinnerin Eva Mattes) ist der neueste Kroetz nicht mehr als ein kunstvoll stilisiertes, exotisches Apercu zum deutschen Volkscharakter.
Auf einer von Kroetz ("Schafft das Theater ab!") propagierten neudeutschen Arbeiterbühne, die nicht mehr "wie ein ausgebombtes Neuschwanstein in der trostlosen Landschaft der Bildungsmisere" (Kroetz) nistet, hätte der "Stallerhof" wohl keinen Platz: zuviel Kunst, zuwenig Analyse.

DER SPIEGEL 27/1972
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