11.09.1972

PRESSEDa lacht die Koralle

Mit dem Comic-Blatt „Zack“ hat Axel Springer nach Ansicht gewerkschaftlicher Kritiker eine „,Bild-Zeitung' für Kinder“ auf den Markt gebracht -- mit „Mord und Totschlag“ und „blankem Rassenhaß“.
Leutnant Blueberry kämpft -- "Paw, paw, aaw!" -- "schnell wie ein Panther und tödlich wie ein Blitz" gegen "diese roten Teufel", die Apachen. Doch wenn sein Pferd krepiert, wird der harte Held weich: "Adieu, Kamerad!"
Michel Vaillant fährt -- "Vrooaw, vroom!" -- Autorennen und hat Ärger mit sturen Gewerkschaften und faulen Mexikanern: "Bei uns in Europa arbeiten Mechaniker doppelt soviel" Auf der Piste verfolgen ihn tückische Gelbe -- "diese verfluchten Mongolen".
Luftwaffen-Hauptmann Mick Tangy und seine Männer schießen -- "Bang, bang, getroffen!" -- in der Dritten Welt für "Ruhe und Ordnung". Sie hänseln kurzwüchsige Araber ("Kasper", "Gartenzwerge"). doch weil das Vaterland "große Erdölgeschäfte" plant, schützen sie nahöstliche Feudalherren gern vor der "Meute" ihrer rebellischen Wüstensöhne.
Der Kampf der weißen Helden gegen rote, gelbe und braune Widersacher findet seit fünf Monaten auf westdeutschem Boden statt -- in der Comic-Kinderzeitschrift "Zack", die wöchentlich mit 52 Kupfertiefdruck-Seiten für 1,50 Mark in der Berliner "Koralle Verlag GmbH" erscheint, einer nach dem gleichnamigen Ullsteinschen Unterhaltungsblatt der dreißiger Jahre (Parole; "Da lacht die Koralle") benannten Tochter des Axel-Springer-Konzerns.
"Einen Comic, bitte. Aber "Zack"" -- mit diesem Slogan und einer im deutschen Bilderheftchen-Geschäft einzigartigen Reklame-Kampagne in Presse und Fernsehen (von Branchen-Kennern geschätzter Werbeaufwand: zehn Millionen Mark) schubsten Springers Sprechblasen-Spezialisten ihr "Zack" binnen weniger Monate "in die Gewinnzone" (so die konzerninternen "Nachrichten"). Derzeit verkaufte Auflage: 200 000 Exemplare.
Starthilfe gab den "Zack"-Machern das Münchner "Institut für Jugendforschung", das für Springer die Lese-Vorlieben von Comic-Freunden recherchierte, ebenso wie die Konzern-Presse, deren Rezensenten dem jüngsten Verlagsobjekt -- wie auch anders -- überschwenglich applaudierten: "Unterhaltung mit Niveau" ("Welt am Sonntag"), "Comic in neuer Form" ("Die Welt"), "Geistreiche Serien" ("Hamburger Abendblatt").
Der "Zack"-Start traf eine Branche, die in der Bundesrepublik immerhin 30 Millionen Hefte jährlich verkauft. Sowohl dem Stuttgarter Ehapa-Verlag ("Micky Maus") wie auch dem Bergisch-Gladbacher Bastei- Verlag ("Felix") und dem Münchner Kauka-Verlag ("Fix und Foxi") wurde durch "Zack", wie Kauka-Verlagsdirektor Werner Pleißner beobachtete, zunächst "etwas weggenommen". Kaukas Comic-Fabrik beispielsweise konnte, so Pleißner, ihren Marktanteil nur halten, weil sie im Juni kurzerhand "für 60 Pfennig das Discount-Objekt "Pepito' als Retourkutsche" anrollen ließ.
Mit "Zack" ist Springers Koralle-Verlag (weitere Objekte: die Rätsel-Schrift "Denk mit" und die Romanheft-Reihe "Julia") in eine Marktlücke geprescht: Obwohl gerade Zehn- bis Siebzehnjährige, wie Springers Marketing-Experten herausfanden, "großes Interesse an Comics" zeigen, sprechen viele der herkömmlichen Hefte mit ihren putzigen anthropomorphen Tiergestalten nach Art der Füchse Fix und Foxi eher ein jüngeres Publikum an --
Statt auf derlei fidele "funny comics" (Branchenjargon) setzten Springers Strip-Strategen daher auf "rauhbeinige Dinge, wo die Fresse poliert wird, wo geschossen, gehauen und gestochen wird" (Konkurrent Pleißner). Bildmaterial fanden Koralle-Einkäufer vor allem in Europas Comic-Hochburgen Frankreich und Belgien, aus denen deutsche Drucker zuvor schon so prominente Figuren wie die Gallier Asterix und Obelix (Ehapa-Verlag) und den Reporter Tintin (als "Tim und Struppi" im Carlsen-Verlag) importiert hatten.
Was Springer in sein "auf dem Gebiet der Comics unterentwickeltes Land" ("Zack"-Redakteur Gigi Spina) einführen ließ, zählt zwar wie andere französische und belgische Bilderbogen zeichnerisch teilweise zur Comic-Weltklasse, gehört aber überwiegend einer Gattung an, die der deutsche Comic-Kenner Karl Riha in seinem Buch "Zok roarr wumm" als "Übersetzungen der Kriegsstrips ins Abenteuerschema" charakterisiert: zumeist überhaupt nicht komische Geschichten über den Kampf des Guten (Mirage-Piloten, Geheimagenten, Western-Helden) gegen das Böse (Mig-Piloten, Kommunisten, Indianer).
Dabei mühen sich die "Zack"-Eindeutscher, gar zu brutale Vorlagen zumindest zeichnerisch zu entschärfen: "Immer wenn einer erschossen wird, retuschieren die mächtig", entdeckte der Berliner Comicologe Peter Skodzik, Sprecher einer "Interessengemeinschaft Comic Strip e. V.", beim Vergleich deutscher "Zack"-Ausgaben mit ausländischen Originalen: "Da fehlt dann die Szene, wo der Gegner "Aah' schreit und stirbt." Dem Münchner Comic-Gelehrten Reinhold C. Reitberger ("Comics -- Anatomie eines Massenmediums") fiel bei der "Zack"-Lektüre auf: "Man sieht keine abgeschlagenen Köpfe."
Doch wegretuschieren läßt sich kaum das schwarz-weiß angelegte Handlungsschema vieler der -- in Fortsetzungen zerstückelten -- "Zack"-Abenteuer, in denen Konflikte sich oft in "Mord und Totschlag" auflösen, wie letzten Monat der Deutsche Gewerkschaftsbund. in seiner Jugendzeitschrift "Ran" beanstandete. Zudem machten die gewerkschaftlichen Kritiker "blanken Rassenhaß" in "fast allen Geschichten" der Springerschen "Bild-Zeitung' für Kinder" aus, in der sogar "Sympathie" für "Tyrannen und Diktatoren" deutlich werde.
In einer Serie, bemängelte das DGB-Jugendblatt, sei etwa ein Revolutionär namens Pancho Bomba ins Irrenhaus gesperrt worden -- "Zack"-Moral, laut "Ran": "Wer eine unsoziale, unmenschliche Gesellschaft verändern will, ist in einer Gummizelle am besten aufgehoben."
Bisweilen allerdings "fallen die Koralle-Comics" und das hat "Ran" übersehen. aus dem rechten Rahmen, der für alle anderen Springer-Blätter gilt: Letzten Monat beispielsweise erschien inmitten des "Zack"-Sammelsuriums von Wehrertüchtigungs-, Western- und Weltraum-Storys auch einmal eine Bildgeschichte, deren Held lateinamerikanische Bauern ("Zum Waffenlager, Muchachos!") in ihrem Kampf gegen einen ausbeuterischen Großgrundbesitzer unterstützt -- Wochen zuvor noch hatte ein anderer "Zack"-Mann eine nahöstliche Revolution niedergeschlagen.
Daß manche der trotz millionenfacher Verbreitung von der Literatur-Kritik jahrzehntelang vernachlässigten Comics unter Umständen politische Folgen haben können, ist unter Fachleuten mittlerweile kaum mehr umstritten: Nach Ansicht etwa des West-Berliner Literatur-Wissenschaftlers Karl Riha fördert die "permanente Insinuation einer bedrohten Welt", wie sie in Abenteuer-Comics oft vorherrscht, "eine Haltung, die das Auftreten von Diktaturen und Diktatoren überhaupt erst ermöglicht".
Und nach Meinung des in Paris lebenden Kunsthistorikers Günter Metken, Autor einer "Comics" betitelten Untersuchung, bewirkt die in vielen Bilder-Storys betriebene Verteufelung des Gegners, daß dessen körperliche Vernichtung schließlich als "lustbetonter, vom Leser sadistisch verfolgter Akt" erscheint, für den "Staatsräson, Moral, Rassenhaß, Erhaltungs- und Machttrieb Entschuldigungen bereitstellen". Metken: "Latenter Faschismus, Intoleranz, blinde Repression sind die Folgen."
Springers "Zack"-Macher freilich scheint derlei Kritik nicht anzufechten. Über die "Ran"-Vorwürfe jedenfalls lacht die Koralle: Eine Stellungnahme mag der Verlag nicht abgeben, weil die Angriffe "zu lächerlich" seien.

DER SPIEGEL 38/1972
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