11.09.1972

FERNSEHENUnnötig abgedrängt

Eine „Polnische Woche“, vom ZDF vor Ratifikation der Ostvertrage auf Eis gelegt, läuft jetzt doch noch im Fernsehprogramm.
Zehn Wochen lang berieten im Frühjahr Emissäre des ZDF und der Telewizja Polska über eine, so der Mainzer Programmplaner Dieter Stolte. "uralte Idee": eine "Polnische Woche" im Zweiten Deutschen Fernsehen.
Die Verhandlungen waren abgeschlossen, dennoch wurde das Importprogramm kurzfristig um einige Monate vertagt. Grund: ZDF-Intendant Karl Holzamer (CDU) befürchtete, eine massive polenfreundliche Berichterstattung könne die bevorstehende Ratifizierungsdebatte über den Grenzvertrag zugunsten der Regierungsvorlage beeinflussen. Die Meinungsbildung der Parlamentarier. argwöhnte ZDF-Chefredakteur Rudolf Woller (CDU). "würde unnötig ins Emotionale abgedrängt" --
Nun freilich, nachdem der Vertrag rechtsgültig geworden ist, will sich auch das ZDF "einer Annäherung polnischer und deutscher Standpunkte" nicht länger verweigern. Diese Woche funkt Mainz polnisch.
Elfmal in acht Tagen kommen, von der polnischen Sprecherin Krystyna Loska angesagt, TV-Bilder, Spielszenen, Dokumentarberichte und Interviewpartner von jenseits der Oder und der Neiße. Die Warschauer Vertriebsfirma "Film Polski" lieferte -- gegen Kasse- Musikproduktionen" Spielfilme und TV-Komödien; für vier Reports hat
* Filmbeitrag "Eine Perle in der Krone"
das ZDF eigene Teams nach Breslau, Danzig und Warschau entsandt.
Pünktlich zur Bonn-Visite des polnischen Außenministers Stefan Olszowski am Mittwoch dieser Woche werden im zweiten Kanal Historisches und Aktuelles, Denker und Denkmäler, Tänzer und Touristen aus der Volksrepublik ins rechte Licht gerückt. Unter dem Titel "Versöhnung mit Polen" diskutieren Herbert Wehner (SPD) und Werner Marx (CDU) mit Warschauer Journalisten; das alles sollen schließlich, so Programmdirektor Joseph Viehöver, "Bausteine zum besseren Verständnis der Völker untereinander" sein.
Die Verständigung über das Polen-Programm gelang freilich nicht immer reibungslos. So erhob beispielsweise, ZDF-Stolte weiß es zu beklagen, der polnische Staatssekretär für Hörfunk und Fernsehen die "unzumutbare" Forderung, "unsere Dokumentationen vor der Sendung zu sehen". Ein Mainzer Kameramann wurde bei den Dreharbeiten in einem abgelegenen schlesischen Dorf ohne Angabe von Gründen zwei Stunden lang arretiert. ZDF-Reporter erlebten mit, wie ein polnischer Kellner abgeführt wurde, nachdem er gesagt hatte: "Ich bin ein Deutscher,"
Nicht genug: Mit dem berühmten ZDF-Moderator Bernd Nielsen-Stokke by (FDP) wollten einige Warschauer Kollegen nicht vor der Kamera diskutieren, weil -- so der Betroffene
"meine Kommentare zum Einmarsch in die (SSR und zum Judenproblem in Polen drüben Mißfallen erregt haben", Ein diskreter Hinweis aus Mainz auf Nielsen-Stokkebys publizistische Verdienste um die Ratifizierung der Ostverträge stimmte die Polen allerdings um.
Richtig dankbar für das bundesdeutsche Interesse scheinen die Polen allerdings auch heute noch nicht zu sein, Außenminister Olszowski war bislang nicht zu bewegen, dem ZDF-Chefredakteur Woller ein Interview zu geben. Und anstatt ebenso großzügig Mainzer Sendungen zu übernehmen, will die Telewizja Polska lediglich die "Ost-West-Runde" mit Wehner und Marx im Studio filmen sowie täglich über die "Polnische Woche" informieren. Aber für die Polen ist die "Polnische Woche" ja auch nicht bestimmt. Sie soll all jenen Deutschen zum Nutzen gereichen, denen das östliche Nachbarland noch immer ein weißer Fleck auf der Landkarte ist. Nur jedem vierten Bundesbürger, das ergab eine vom ZDF bestellte Meinungsumfrage, ist der Name eines prominenten Polen bekannt.
Die Zahl der Westdeutschen, die eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze befürworten oder zumindest nicht ablehnen, ist dagegen laut Umfrage in den letzten Monaten ständig gestiegen -- auf 75 Prozent. Nun hofft Stolte. daß -- die CDU die Mainzer Polen-Woche nicht als Wahlhilfe für die sozialliberale Regierungskoalition "mißversteht".

DER SPIEGEL 38/1972
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