31.10.2005

KOMIKERIronie dritten Grades

Eine Biografie, zwei Ausstellungen und wiederaufgelegte Hörstücke erinnern an einen vergessenen Kult-Komiker der siebziger Jahre - den genialen Heino Jaeger.
Olli Dittrich erzählt es, als wäre es ihm erst gestern passiert: Mit seinem Einkaufswagen schnürt er abends schnell noch durch die Lebensmitteletage des Hamburger Alsterhauses, da hört er ein seltsames, von Gelächter unterbrochenes Gemurmel - es geht um Kohlehydrate, Fettsäuren, Ballaststoffe. Dittrich erkennt den seltsamen Kunden sofort am schulterlangen Haar und der Wollmütze: Der Mann, der sich selbst in ständig wechselndem Tonfall die Ingredienzen einer Dose Bohnen vorliest, ist der Maler, Zeichner und Kabarettist Heino Jaeger.
Die Begegnung fand 1980 statt, da war Olli Dittrich 24 Jahre alt und sein Idol Heino Jaeger mit 42 schon fast vergessen. Und bereits auf jenem Weg, der ihn Ende der Achtziger in ein Pflegeheim für endgültige Fälle bringen sollte. Die bessere Zeit Jaegers lag schon etwa zehn Jahre zurück.
Damals widmete er sich im Rundfunk als "Lebensberater Doktor Jaeger" den Problemen des deutschen Mittelstands. Nah dran an der Wirklichkeit, nah dran an den berühmten Hörfunkratgebern Walther von Hollander oder Erwin Marcus, nur eben etwas anders, so als wären die Ärzte an ihrem Beruf inzwischen irre geworden.
Alles ausgedacht, aufgeschrieben und gesprochen von Jaeger: Eine Rentnerin fragt, ob sie nicht mit ihren vielen Einwegflaschen anderen Menschen helfen könne. Ein Herr berichtet, sein Haus sei während seines Mallorca-Urlaubs einer Schnellstraße gewichen. Nun wolle er mal fragen, ob er das den Behörden melden müsse. "Müssen Sie", sagt Experte Jaeger, "andernfalls machen Sie sich strafbar."
Ähnlich ratlos eine Anruferin, deren vom Bundesgrenzschutz in Pension geschickter Ehemann in der eigenen Wohnung aus Sperrholz einen Abfertigungsschalter installiert hat und mehrmals täglich die Pässe zu sehen verlangt. Er handle völlig korrekt, ihr Mann, sagt Jaeger der geplagten Frau, nach dem Passgesetz sei ihr Mann sogar verpflichtet, sich die Pässe zeigen zu lassen. Der Wahnsinn ist bei Jaeger meistens staatlich sanktioniert.
Das Besondere des Jaegerschen Witzes hat vor allem Berufsgenossen fasziniert. Jaegers Mitentdecker Hanns Dieter Hüsch sah bei dem "Ohrenzeugen unserer Wirklichkeit" eine "Ironie dritten Grades". Ein "absolutes Gehör für gesprochene Sprache" entdeckte der Hamburger Autor Frank Schulz. Zwischen Kafka und Gerhard Polt siedelt Eckhard Henscheid seinen Kollegen Jaeger an.
Dass seit 1998 immerhin drei CDs mit Jaeger-Hörstücken erschienen sind, ist auch Harry Rowohlt zu verdanken. Der hinterließ einst morgens um sechs auf dem Anrufbeantworter des Zürcher Verlegers Peter Haag einen Befehl: Heino Jaeger! Heino Jaeger! Heino Jaeger! Haag gehorchte.
Jetzt ist - gleichzeitig mit zwei Ausstellungseröffnungen in Hamburg und Berlin - eine erste Jaeger-Biografie erschienen, erzählt von seinem Freund und späteren Vormund Joska Pintschovius*. Es ist die Geschichte einer Begabung, die ohne die Kehrseite einer psychischen Krankheit nicht zu haben war: "Wer ein so zerbrechliches Gemüt hat wie ich", schreibt Jaeger in Studentenzeiten einer Freundin, "braucht außer dem sexuellen Ausgleich noch eine positiv auf die Psyche wirkende Umgebung."
Die kann er zu Hause in Hamburg nicht finden. Mehrmals reist er quer durch Europa, zeichnet und malt vom Abriss bedrohte Architektur. Die Niedergeschlagenheit, die ihn nach jeder Rückkehr überfällt, bekämpft er durch Dauerschlafen und Radiohören.
Jaegers Laufbahn als Kabarettist beginnt Ende der sechziger Jahre: Ein Bekannter bringt Aufzeichnungen seiner Stegreifreden zum Saarländischen Rundfunk - die Redakteure sind hingerissen. Seine "Lebensberatung" wird auf allen Wellen gesendet. Er selbst nimmt den Boom gelassen, wundert sich im Interview mit der "Hörzu", dass "so 'n Stuss" überhaupt ankommt. Sein plötzlicher Ruhm dämpft weder seine depressiven Stimmungen noch seine Lust an der Provokation. In Nobel-Restaurants belehrt er sprachlose Ober über die hygienischen Gefahren in Restaurantküchen; auf die Frage nach seinen Hobbys antwortet er, es mache ihm Spaß, "in Autos hineinzulaufen".
Nach gut zwei Jahren Lebensberatung bekommt er 1977 eine neue Sendereihe, in der er die treuen Begleiter seiner depressiven Phasen parodieren darf: die Kulturberichterstatter und die Lokalreporter in Funk und Fernsehen. Eine Nummernrevue bekannter Typen, allesamt im Habitus leicht verrutscht: der intellektuelle Filmkritiker, der nur noch von wenigen verstanden werden will, der rasende Reporter in einer Schuhfabrik, dem die knallharte Frage einfällt: Wer trägt nun Schuhe? Und - eine der perfektesten Nummern: ein die beiden Domkirchen von
Speyer und Worms zum "Speyer zu Worms" verschmelzender Korrespondent, der angesichts dieses monumentalen Bauwerks in wahnwitzige Wortkaskaden ausbricht.
87 unterschiedliche Männer- und Frauentypen hat Eckhard Henscheid im gesamten Jaeger-Repertoire gezählt. Für Jaeger selbst scheint es Ende der Siebziger langsam genug zu sein. Es kommt vor, dass er zu Produktionsterminen in Saarbrücken nicht erscheint. Ein Werbeplakat habe ihn dazu verführt, nach Paris weiterzureisen, entschuldigt er sich. Sein Redakteur bringt ihn zum Zug nach Hamburg, erhält aber später einen Anruf der Bahnpolizei in Lauda bei Würzburg, man habe einen Mann ohne Fahrausweis und Papiere in Gewahrsam genommen. Der Mann behaupte, Doktor Jaeger zu sein, und berufe sich auf den Saarländischen Rundfunk. Man löst ihn aus.
Dann ist er wieder verschollen und sendet einen schriftlichen Hilferuf aus einer geschlossenen Anstalt in Hamburg. Es gelingt, den verantwortlichen Arzt zu überzeugen, Jaeger sei zu Unrecht interniert. Amüsiert erzählt Jaeger, die Ärzte hätten ihn nach der Entlassung als Entertainer für ihre Privatpartys engagieren wollen.
1983 legt Jaeger aus Protest gegen den Fernsehlärm seiner Nachbarin in seiner Wohnung Feuer. Ein Großteil seiner Bilder und Zeichnungen verbrennt. Feuerwehrleute bergen ihn und übergeben ihn den Behörden. Die stellen bei Jaeger eine "fortschreitende Verwahrlosung und Alkoholsucht" fest. Seine astronomisch hohe Telefonrechnung kann er plausibel erklären: Jaeger hatte zuletzt häufig bei der Nasa in Houston angerufen, um sich nach deren Fortschritten bei der Gottsuche zu erkundigen.
Nach seiner Brandstiftung gibt es keinen Weg zurück in die Selbständigkeit. Mit einer Ausstellung versucht der Galerist Michael Hauptmann 1984, Jaeger wieder unter die Leute zu bringen. Der lässt diese Ehrung freundlich über sich ergehen, einer Besucherin antwortet er: "Das hätte ich gern zu meinen Lebzeiten erlebt."
Die Gesundheitsbehörde der Stadt Hamburg weist Jaeger schließlich mit sparsam gesicherter Grundversorgung ins Bad Oldesloer "Haus Ingrid" ein. Da ihn Stimmen quälen, fällt die Diagnose eines Leidens "aus dem schizoiden Bereich" den Ärzten nicht schwer.
Nach fast zehn Jahren Pflegeheim, 1997, stirbt Heino Jaeger an einem Schlaganfall.
Seitdem arbeitet die eingeschworene Gemeinde seiner Verehrer an der Anerkennung ihres "bis heute unerreichten Meisters" (Dittrich) als "Jahrhundertkomiker" (Henscheid). Peter Haag will im Frühjahr 2006 eine CD mit unveröffentlichten Hörstücken herausbringen. Spätestens dann soll Loriots Vermutung, Heino Jaeger bleibe ein Geheimtipp, weil "wir ihn nicht verdient haben", widerlegt sein. DOJA HACKER
* Joska Pintschovius: "Heino Jaeger - Man glaubt es nicht". Kein & Aber Verlag, Zürich; 480 Seiten; 29,80 Euro.
Von Doja Hacker

DER SPIEGEL 44/2005
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