07.08.1972

„Bei uns ist immer Olympia“

1. Fortsetzung
Ein Hauptmann der westdeutschen Bundeswehr führte das DDR-Kollektiv zur Siegerehrung. Protokollgerecht erschien die Fahne mit Hammer und Zirkel.
Zufrieden nickten sich die DDR-Funktionäre zu. So wie Mitte Juli beim Olympiatest der Volleyballer hoffen sie auch während des olympischen Ernstfalles in München ihre Fahne häufig zu sehen und ihre Nationalhymne oft zu hören -- häufiger als das Deutschlandlied.
Die Olympiaplaner sind vorbereitet: Seit Januar proben zehn Musikkorps der Bundeswehr und ein Orchester des Bundesgrenzschutzes die Hymnen der 121 teilnehmenden Länder. Die von Hanns Eisler vertonte Becher-Strophe spielen alle schon im Schlaf.
Die Hymne des sozialistischen Deutschland, geblasen von Musikern des kapitalistischen Erzrivalen im Westen, dazu die Hammer-und-Zirkel-Fahne, aufgezogen an den Masten des Klassenfeindes -- sie symbolisieren in München vor aller Welt, daß die DDR endlich geschafft hat, was sie mehr als 20 Jahre lang erstrebte: volle olympische Anerkennung.
Den Hindernislauf zu diesem politisch so wichtigen Ziel mußten Ulbrichts Sportfunktionäre mit einem argen Handikap aufnehmen: Die westdeutsche Konkurrenz war vor ihnen gestartet.
Unmittelbar nach Gründung der Bundesrepublik 1949 hatte Karl Ritter von Halt, Hitlers letzter Reichssportführer, für Westdeutschland ein Nationales Olympisches Komitee (NOK) konstituiert, während die SED noch dabei war, den ostdeutschen Sportbetrieb von bürgerlichen Schlacken zu reinigen und mit linientreuen Funktionären zu durchsetzen.
Freilich erkannten einige Sportführer der DDR bald, daß olympische Anerkennung das internationale Ansehen des Zweiten Deutschland stärken müßte. Aber der Sowjet-Union gebührte der Vortritt. Und Stalin zögerte noch.
Erst 1951 -- nachdem Stalins Versuch gescheitert war, seine kommunistischen Weltjugend-Festspiele als Gegenolympiade durchzusetzen -- bewarb sich die UdSSR um olympische Anerkennung. Prompt entschied das Zentralkomitee (ZK) der SED, ebenfalls ein Nationales Olympisches Komitee zu bilden. Zum Präsidenten wurde der auf Partei-Pressen zur Kaderreife geschulte 400-Meter-Meister Kurt Edel berufen.
Indes, nun zeigte sich, daß die Bundesrepublik bereits eine entscheidende Runde Vorsprung hatte. Sie stand vor der DDR auf der Warteliste für die 45. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Wien. Zunächst bewilligten die Olympier den sowjetischen Antrag, dann nahmen sie Nigeria und die Goldküste auf, wählten den Russen Konstantin Andrianow zum IOC-Mitglied und bewilligten ihm -- erstmals in der 57jährigen Geschichte des Komitees -- einen Dolmetscher.
Anschließend erkannte das IOC einstimmig das bundesdeutsche NOK an. Einen Tag später zog Andrianow seine Zustimmung zurück. Begründung. trotz Dolmetscher: "Sprachschwierigkeiten."
Zwei Komitees aus einem Land verboten die IOC-Statuten: Der Olympia-Klub forderte die DDR-Delegation daher auf, sich mit den Westdeutschen über ein gemeinsames NOK zu einigen. Doch die Verhandlungen darüber scheiterten: Die DDR verlangte Parität, von Halts Mannschaft wollte den Kapitän stellen.
Überdies fühlte die DDR-Delegation sich dadurch brüskiert, daß ausgerechnet ein Sportfunktionär aus dem Nachlaß des Dritten Reiches das gesamtdeutsche NOK kommandieren sollte. Eine gemeinsame Sportorganisation hätte -- wenn überhaupt -- nur ohne Sportobere aus der Hitler-Ära eine Chance gehabt.
Das IOC versuchte zu schlichten und lud die deutschen Rivalen nach Lausanne ein. In der DDR kontrollierte das ZK der SED streng die Delegation für die Verhandlung in der IOC-Zentrale:
NOK-Präsident Edel führte die DDR-Gruppe offiziell an, Anni Strauß gehörte dazu, die in der Sportzentrale ausgerechnet die nichtolympische Sportart Tischtennis vertrat. NOK-Schatzmeister Werner Scharch trug als Vertreter des Kommissariats Jugend und Sport in der Arbeitsgruppe Sport des ZK die Verantwortung gegenüber der SED. Verhandlungsziel: ein gesamtdeutsches NOK -- jedoch paritätisch. ohne Vorrang des NOK-West.
Einen Tag vor der Abreise lud Ulbricht die Delegation nach Pankow in seine Sechs-Zimmer-Villa im Prominenten-"Dörfchen" ein. "Ich habe die Schweiz in guter Erinnerung", plauderte der SED-Chef. "Ich bin da als Handwerksbursche durchgewandert, ja." Dann beauftragte er seine Repräsentanten unmißverständlich: "Aber nicht die Olympia-Teilnahme in Helsinki darf im Mittelpunkt stehen, sondern die Anerkennung des NOK der DDR."
Die Verhandlungen im "Hotel Central" von Lausanne liefen sich rasch am entscheidenden Punkt fest. IOC-Beauftragter Brundage und das NOK-West beharrten darauf, daß für Deutschland nur ein einziges NOK zulässig sei. Dem NOK-West müsse die Führung zufallen, da es schon anerkannt worden sei und die Bundesrepublik zudem eine dreimal größere Bevölkerung und sportlich einen weiten Vorsprung besitze.
Die Westdeutschen schlugen einen Kompromiß vor: Das NOK-West solle beauftragt werden, die gesamtdeutsche Mannschaft zu leiten, bis die Frage vor dem IOC-Plenum in Helsinki abermals aufgerollt würde. So wenigstens verstanden Scharch und seine Begleiter. Scharch bat, die Sitzung zu unterbrechen.
"Ich hatte ein ungutes Gefühl", erinnerte er sich später. Die DDR-Unterhändler litten unter dem strengen IOC-Protokoll, das Englisch oder Französisch als Verhandlungssprache vorschrieb und ihnen nicht wie dem Russen Andrianow einen Dolmetscher zubilligte. Protokolliert wurde Französisch, das keiner der DDR-Emissäre beherrschte.
Die Tischtennis-Dame und Edel rieten zur Unterschrift. Scharch sträubte sich noch: "Das ist nicht im Sinne unseres Auftrages." Schließlich stimmten sie in der Auslegung des Protokoll-Textes überein: Die Leitung obliege dem bundesdeutschen NOK nur bis zum Olympia in Helsinki. Das hieß: Vor den Wettkämpfen galt es neuerdings zu verhandeln. Die DDR-Leute unterschrieben.
Nach der Unterschrift baten die Ostdeutschen den Hotel-Portier um Sprachhilfe. Er übersetzte ihnen das französische Protokoll: Die DDR-Delegation hatte unterzeichnet, daß die Westdeutschen mit ihrem allein vom iOC anerkannten NOK die Olympiamannschaft für ganz Deutschland aufstellen und leiten sollten.
Selbstkritik vor dem ZK: "So verkaufen wir uns.
Nun stürmten die DDR-Unterhändler in den Sitzungssaal zurück; sie wollten ihre Unterschrift zurückziehen. "Aber da war keine Maus mehr" (Scharch). Ritter von Halt hatte die Botschaft ("Gesamtdeutsche Olympia-Mannschaft für Helsinki") längst an die Presse-Agenturen weitergeleitet. Scharch: "Ich wußte, was kam"
Nach der Rückkehr befahl ihn das ZK zum Rapport. "Die Unterschrift muß zurückgezogen werden", bestimmte Ulbricht. Scharch leistete Selbstkritik "Ich hab' das ja eingesehen, das war politisch falsch; so verkaufen wir uns" -- und verlor seine Posten im Deutschen Sportausschuß (DSA) und NOK-Ost.
Den NOK-Präsidenten Edel benötigte die SED noch. Er sollte bei der nächster Gelegenheit, vor eine IOC-Kommission im Hotel "Hafnia" in Kopenhagen, die
DDR-Unterschrift zurückziehen. Ah Kontrolleur begleitete ihn Manfred Ewald, Absolvent der Moskauer Parteihochschule und später Staatssekretär für Körperkultur. Die DDR-Gruppe traf mit einiger Verspätung in Kopenhagen ein.
Vier Herren des IOC, darunter der finnische Baron Erik von Frenckell und der schwedische IOC-Präsident Sigfrid Edström, 81, wurden ungeduldig. Nachdem sie von der Ankunft der Ostdeutschen erfahren hatten, warteten
sie noch eine Anstandsfrist ab und riefen dann die DDR-Herren an. "Wir bestimmen, wann wir kommen", antwortete Ewald patzig. "Wir müssen uns erst frisch machen, und dann wollen wir essen." Empört reiste Edström ab, nachdem er fast drei Stunden vergebens gewartet hatte.
Das IOC vermutete, der Eklat sei geplant gewesen. Jedenfalls brauchte sich kein DDR-Funktionär oder Sportler den Westdeutschen unterzuordnen. Bundesdeutsche Sportler nahmen allein an der Olympiade von 1952 teil, bei den Winterspielen freilich ohne ihren NOK-Chef; die norwegische Regierung verweigerte Ritter von Halt die Einreise nach Oslo. Das geschah einem IOC-Mitglied zum erstenmal.
Die DDR-Funktionäre sahen indessen den Sport vor allem als Mittel zur ideologischen Infiltration. Dazu war ihnen keine Taktik plump genug. Bei Wettkämpfen gegen westdeutsche Athleten hielten SED-Politruks Propagandareden. DDR-Spitzensportler wurden von der Partei genötigt, politische Briefe an westdeutsche Adressen zu verschicken. Den Inhalt legte die SED fest.
"Unsere Partner waren die Schwimmsportfreunde Bonn", erzählte die frühere DDR-Rekordlerin Jutta Olbrisch. "Ich sollte ausgerechnet an den Vorsitzenden Hermann Henze (den späteren Vizepräsidenten des bundesdeutschen Schwimmverbandes) schreiben. Die Briefe mußten wir offen dem Klub abliefern."
Ein NSKK-Führer wirbt für den DDR-Sport.
Der Inhalt der Agitations-Schreiben entsprach der jeweils aktuellen sowjetischen Leitpolitik: 1952, nach Stalins Note zur Neutralisierung Deutschlands, wetterten sie gegen den "Generalkriegsvertrag" in Westeuropa, vor allem gegen die geplante Europäische Verteidigungs-Gemeinschaft, 1955 gegen die Pariser Verträge, 1956 gegen die Einführung der Wehrpflicht in der Bundesrepublik. 1957 unterstützten sie den Plan des polnischen Außenministers Rapacki für eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa.
1951 lud die DDR entsprechend der Ulbricht-Parole "Deutsche an einen Tisch" erstmals zu den Oberhofer Sportgesprächen ein, die bis 1970 im Jahresrhythmus stattfanden. Aus dem Westen erschien neben dem Olympia-Vierten im 3000-Meter-Hindernislauf, Heinz Laufer, auch der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch.
Der frühere NSKK-Sturmführer und Referent im Speer-Ministerium für Rüstung und Kriegsproduktion ließ sich bei verschiedenen DDR-Besuchen hofieren und übernahm schließlich die Leitung des ostdeutschen Motorsportverbandes. Bald verprellte er jedoch seine Gastgeber, als er nach überreichlichem Alkoholgenuß eine Ost-Berliner Bar zertrümmerte. Die SED setzte ihn ab.
Brauchitsch kehrte in die Bundesrepublik zurück und präsidierte dem westdeutschen Komitee zur Vorbereitung der kommunistischen Weltjugendfestspiele. Als die Staatsanwaltschaft ihn zweimal vorübergehend festnahm und einen Hochverratsprozeß gegen ihn einleitete, holte ihn ein DDR-Bote 1954 endgültig über die grüne Grenze. Die SED setzte Brauchitsch später zum Präsidenten der Gesellschaft zur Förderung des Olympischen Gedankens in der DDR ein. Als Generalsekretär ordnete sie ihm Kurt Edel bei.
Die meisten westdeutschen Sportler und Funktionäre empfanden freilich Widerwillen gegen den ostdeutschen Politsport. Sie setzten einen gemeinsamen Normvertrag für gesamtdeutsche Wettkämpfe auf. "Jede Art von politischer
* Hitlers kommissarischer Reichssportführer, der spätere Olympia-Präsident Westdeutschlands, in der Uniform eines SA-Standartenführers; 1941.
Beeinflussung oder Anspielung unterbleibt", schrieb der westdeutsche Sportbund-Sekretär Karl-Heinz Giseler darin.
Schon 1952 steuerte der Deutsche Sportausschuß (DSA) der DDR den Konflikt an. Er verlangte, die West-Berliner Sportler aus den bundesdeutschen Organisationen herauszulösen. Die Berliner brachen daraufhin den Wettkampfverkehr ab, der (West-) Deutsche Sporthund (DSB) schloß sich an, "wegen unerträglichen politischen Mißbrauchs und der Sonderbehandlung der West-Berliner Sportler".
Ulbricht lenkte ein. Im Berliner Hotel "Gerhus" trafen sich die Botschafter der beiden deutschen Dachverbände. Künftig, so vereinbarten sie, sollten parteipolitische Reden unterbleiben. Und die West-Berliner gehörten wieder dazu -- vorerst.
Als Gegenleistung sollten die Westdeutschen der DDR die Türen zu den internationalen Fachverbänden des Sports öffnen. Sie ahnten nicht, daß sie damit dem stillen Fernziel der SED zugestimmt hatten -- die Bundesrepublik einmal ihrerseits in den Weltsportverbänden zu isolieren.
In den nun beginnenden sportpolitischen Kleinkrieg schickte die DDR das bessere Team. Westdeutschlands Unterhändler waren gewählte Funktionäre. die ihr Amt ohne Bezahlung und nach Feierabend ausübten. Sie wachten zudem eifersüchtig über ihre Unabhängigkeit gegenüber dem Dachverband DSB.
Dagegen verfügte die DDR über zuverlässige Kader und eine Kaderschmiede für den Funktionärs-Nachwuchs. Spätestens seit 1951 vertraten geschulte Berufsfunktionäre die DDR-Verbände. Vor Verhandlungen analysierten sie alle einschlägigen Statuten und spielten alle denkbaren Möglichkeiten durch.
Vor jedem Treffen mit dem Klassenfeind legte die Partei Ziel und Linie fest. Verantwortlich war -- und ist noch heute -- der Sportreferent des ZK der SED. Durch ihre Vertrauensleute übt die Partei die Kontrolle über jede Sportgruppe aus. Ein Genosse ist jeweils für den rechten Kurs seiner Delegation verantwortlich.
Sogar die Sportjournalisten der DDR bei Olympischen Spielen in offizieller Mannschafts- Uniform -- unterstehen im Ausland, etwa bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen, einem SED-Obmann. der sich notfalls per Fernschreiber -- verschlüsselt -- in Ost-Berlin rückversichert, bevor er seine Direktiven gibt.
DDR-Funktionäre besetzen 156 Posten im Weltsport.
Derart gerüstet, trat die SED den langen Marsch durch die internationalen Sportinstitutionen an. Noch 1950 waren nur die DDR-Könige und -Bauern auf internationalen Schachbrettern willkommen. 1951 erwirkten die Tischtennis-Spieler, die Skiläufer und der Volleyball-Verband ihre Aufnahme in die Weltfachverbände. 1952 erreichten acht weitere DDR-Sektionen, darunter Kicker, Schwimmer und Boxer, das Planziel.
Bis heute erkannten 76 internationale Sportorganisationen de facto den SED-Staat an. Zudem schleuste die DDR 115 Funktionäre (Bundesrepublik: 90) auf 156 Posten in die Weltorganisation.
Bei Bedarf unterliefen die DDR-Funktionäre die internationalen Regeln. So mußte sich 1959 der DDR-Schwimmverband beispielsweise zwischen Einladungen aus England, das dem Weltverband (Fina) angehört, und aus der Volksrepublik China entscheiden, das nicht Mitglied der internationalen Föderation ist und deswegen von Fina-Mitgliedern bei Strafe des Ausschlusses gemieden werden muß.
Die DDR entschied sich dennoch für die Reise in das -- damals hoch -- Bruderland. Die vorgesehenen Schwimmer traten aus dem DDR-Verband aus und reisten als FDJ-Mannschaft. Nationalschwimmerin Jutta Olbrisch: "Ich zahlte schnell meinen FDJ-Beitrag für ein halbes Jahr rückwirkend." Nach der Rückkehr traten die Chinafahrer dem DDR-Schwimmverband wieder bei.
Zur besseren Kontrolle des DDR-Sports war schon 1952 eine neue Organisation entstanden: das Staatliche Komitee für Körperkultur und Sport beim Ministerrat. Erster Chef: Ewald. Im selben Jahr wurde auch der Militärsport wiederbelebt, obwohl der Alliierte Kontrollrat in seiner Direktive 23 vom Dezember 1945 nur "nicht-militärische. Sportorganisationen lokalen Charakters" zugelassen hatte.
Im Mai 1952 -- Stalin lebte noch artete das IV. Parlament der FDJ in Leipzig zu einer Orgie stalinistischen Personen-Kults aus. Mehr als 40 kommunistische Bruder-Organisationen schickten Delegationen in die Messehallen. Jede trug eine Grußbotschaft in ihrer Landessprache vor. Im ersten Satz erstatteten die Sprecher wie in einem Ritual dem "Großen Stalin" Dank ab.
Die FDJ-Jungen und -Mädchen, unter ihnen FDJ-Vorsitzender Erich Honecker in kurzen Pimpfen-Hosen, verstanden den Sinn der fremdländischen Reden nicht. Aber sie hörten Stalins Namen und brachen in ekstatischen Beifall aus, einmal am Anfang, einmal zum Schluß jeder Rede, und noch einmal während der Übersetzung, von morgens neun bis in den späten Mittag: Stalin, Stalin, Stalin.
In diesem Klima beschlossen die FDJ-Abgeordneten "spontan", die DDR-Regierung zu bitten, eine "Gesellschaft für Sport und Technik" (GST) zu schaffen, eine Organisation, die "in der sozialistischen Wehrerziehung der Werktätigen und vor allem der Jugend ihre Hauptaufgabe" sieht. Sie "unterstützt durch ihre Tätigkeit die Vorbereitung der Jugend auf den Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee" (GST-Statut).
Einige Tage später marschierten 3000 FDJ-Jungen und -Mädchen, mit umgehängten Gewehren, für den Frieden. Die Wehrsportler üben Klimmziehen, Eihandgranaten-Werfen. Hangeln am Tau, Keulen-Werfen und immer wieder Schießen mit KK oder MPi. Freilich, Siege über den Kapitalismus mußten in weltweit anerkannten Sportarten errungen werden.
Westdeutsche Radrennfahrer in die DDR abgeworben.
Der erste Durchbruch zum Weltniveau glückte dem DDR-Sport bei der "Internationalen Friedensfahrt", einem von den Parteizeitungen "Rudé právo" (CSSR) und "Trybuna Ludu" (Polen) -- seit 1952 auch von dem SED-Organ "Neues Deutschland" -- organisierten Etappen-Rennen für Amateur-Radfahrer.
Radsportländer wie Frankreich und Belgien machten die "Friedensfahrt' durch ihre Teilnahme zur bedeutendsten Prüfung im Amateur-Radsport. Bald nahm der internationale Verband (UCI) die Friedensfahrt in seinen offiziellen Terminkalender auf.
Zuerst, 1950, fuhr das DDR-Kollektiv hinterher. Doch dann fand Radsportchef Scharch den idealen Leitradler und die DDR ihren Musterathleten, den Magdeburger Gustav Adolf ("Täve") Schur. Mit ihm siegte die DDR-Mannschaft 1953, und 1955 gewann Schur erstmals auch die Einzelwertung.
Im selben Jahr erreichte der Arbeiter- und-Bauern-Sport auch das politische Etappenziel: 1955 nahm der Weltfachverband die DDR-Radler einstimmig auf.
Unter Sportkameraden genoß der DDR-Verband bald so hohes Ansehen, daß er sogar westdeutsche Fahrer abzuwerben vermochte. Erfolgreichster deutscher West-Ost-Fahrer war Horst Tüller. Nach einer Einladung zum Skilaufen übersiedelte er in die DDR.
Im Radlerverband UCI rückten die Profi-Funktionäre aus Ost-Berlin ihrem Ziel am nächsten, ihrerseits die Bundesrepublik zu isolieren. Heinz Gallinge, Inhaber des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze, wurde in das UCI-Schiedsgericht aufgenommen, sein Sohn Jürgen in den Kampfrichter-Ausschuß. DDR-Verbandspräsident Gerhard Voß sitzt im UCI-Vorstand, Funktionär Heinz Dietrich entscheidet in der Jury d'appel in letzter Instanz über Proteste mit. Die Bundesrepublik dagegen ist in den Amateur-Gremien der UCI nicht vertreten.
Schließlich durften sich die verdienten Radler des Volkes 1960 als Veranstalter der Weltmeisterschaft bewähren. Sie richteten nach olympischem Protokoll die bis dahin glanzvollsten Welttitelkämpfe aus.
Zwischenfall in Leipzig: SSD-Agent unterbricht das Deutschlandlied.
In Leipzig spurtete der Kölner Rudi Altig zur Weltmeisterschaft im Verfolgungsfahren. Das Polit-Büro der SED hatte für diesen Fall entschieden: Das Zeremoniell sollte einschließlich Fahne und Deutschlandlied abgespult werden. Doch nach den ersten Takten der Hymne verstummten die Lautsprecher während der live-Übertragung im Fernsehen.
Ein SSD-Agent. der die Protokoll-Zentrale abschirmen sollte, war in die Kanzel gestürmt, hatte die Schallplatte vom Teller gerissen und den Schall-Meister angebölkt: "Das ist eine Provokation." Er war nicht informiert worden.
Die Erfolge auf dem langen Weg durch die Weltverbände nach dem Muster der Radler verhalfen der DDR auch zu olympischen Fortschritten. Zwei Jahre nach dem Skandal von Kopenhagen knüpfte das sowjetische IOC-Mitglied, Genosse Andrianow, in Moskau eine neue Verbindung zu seinem amerikanischen Gast, dem neuen IOC-Präsidenten Brundage. Der Olympia-Chef zeigte sich willig, mit der DDR zu verhandeln, "aber nicht mehr mit Edel oder Scharch". Das IOC erkannte das NOK der DDR provisorisch an. Bedingung: eine gesamtdeutsche Mannschaft.
Sachlich boten die Verhandlungen um die ersten gesamtdeutschen Mannschaften für 1956 wenig Schwierigkeiten; nach Melbourne sollten der hohen Kosten wegen nur Athleten mit Endkampf-Chancen fliegen. Dennoch dehn -- ten sich die Tagungsrunden.
Die Verhandlungs-Profis aus der DDR verfolgten mit jeder Sitzung ein zweites Ziel: Sie wollten ihren westdeutschen Partnern die Lust an der Gemeinsamkeit verleiden. Denn seit die Sowjet-Union 1954 der DDR Souveränitäts-Rechte eingeräumt hatte, galt die Politik der Trennung.
Fortan durchwuchsen die Querelles Allemandes auch die IOC-Akten. Die DDR-Taktik zielte darauf ah, jeden Streitpunkt auszureizen, damit möglichst oft ausländische Funktionäre oder sogar IOC-Präsident Brundage in den deutschen Zwist eingreifen mußten. Die internationalen Verbände sollten einsehen, daß nur das Zugeständnis einer eigenen DDR-Mannschaft sie vor endlosen Widernissen bewahren könne.
Zur Olympiade 1956 in Melbourne und Cortina d'Ampezzo traten Ost- und Westdeutsche erstmals gemeinsam an; die Delegationsleiter durfte die Bundesrepublik stellen, zur Siegerehrung wurde Beethovens Hymne an die Freude geblasen.
Für die nächsten Olympischen Spiele nahm sich der Sportbund der DDR (DTSB) vor, "die Überlegenheit unserer Ordnung über das kapitalistische System zu demonstrieren und das Ansehen und die Autorität unseres Arheiter-und-Bauern-Staates zu heben Naiv verkündeten die Sportoberen der Bundesrepublik dagegen: "Im sportlichen Raum gibt es nur ein Vaterland. Das ist Deutschland." So redeten die Funktionäre im kalten Sportkrieg aneinander vorbei.
Im Juni 1959 begannen im Kurhotel Petersberg bei Bonn die ersten Marathon-Verhandlungen über die gesamtdeutsche Olympia- Mannschaft für 1960. Der West-Sportbundpräsident Daume, von der DDR als "Lakai der Bonner Imperialisten" geschmäht, verlangte eine Entschuldigung, bevor er bereit war, mit Rudi Reichert, dem DTSB-Präsidenten, zu verhandeln.
DDR-Reichert gab nach und gestand Daurne im Zimmer 207 eine Ehrenerklärung zu. Die Verhandlung konnte beginnen, aber die Diskussion rannte sich bald fest. Auch bei der nächsten Ost-West-Besprechung in Delecke am Möhnesee wollte Reichert die politischen Aufträge seiner Sportler nicht abbauen. Die Verhandlung scheiterte, die DDR zog Reichert ab. Künftig kämpfte Daume mit einem neuen Gegner. dem späteren DTSB-Präsidenten -- Manfred Ewald.
Aber auch im innerdeutschen Sportverkehr ging die DDR auf Trennungskurs. Die Sportstrategen der SED mußten mehr und mehr einsehen, daß die Bevölkerung der Bundesrepublik sich nicht durch Propagandasprüche reisender Athleten und ihrer Funktionäre beeinflussen ließ. Im Gegenteil, viele DDR-Sportler setzten sich nach Westdeutschland ab. Der Ulbricht Staat gab die Parole aus: "Patrioten aus der DDR fahren nicht in den Westen."
Brentano: "Schluß mit dem gesamtdeutschen Sport."
Die Bundesregierung brachte ihre Politik subtiler ins Spiel: Bonn subventionierte innerdeutsche Sportreisen. DDR-Fahrer des westdeutschen Sportbundes erhielten 11,50 Mark pro Tag. Die SED nannte es "Menschenhandel" und "Abwerbung". Seit 1958 boykottierte der DDR-Sport denn auch alle bundesdeutschen "Klubs im Dienste von Spionage-Organisationen" -- gemeint waren Vereine, die DDR-Flüchtlinge aufgenommen hatten.
Im Oktober 1959 verwirrte ein Beschluß der Ostberliner Volkskammer die deutschen Sportbeziehungen vollends zu einem gordischen Knoten: Die DDR führte eine neue Staatsflagge ein, Schwarz-Rot-Gold mit Hammer und Zirkel im Ährenkranz. Unter diesem Emblem sollten künftig auch ihre Sportler starten. Der DTSB: "Wir sind stolz, daß wir neben dem Emblem unserer Sportvereinigung unser Staatswappen tragen dürfen."
Auf die von langer Hand geplante Maßnahme antwortete die Bundesregierung empört wie eine verlassene Braut. So schlitterte sie in eine unnötige Niederlage. Sie erklärte Hammer und Zirkel auf Bundesboden für verfassungswidrig. Die DDR-Symbole gewannen dadurch übermäßige Bedeutung; unaufhörlicher Politzank hob Hammer und Zirkel landauf, landab jedermann ins Bewußtsein.
Später kam es noch grotesker: Im März 1961 beurteilte der III. Strafsenat des Bundesgerichtshofes den DTSB der DDR als verfassungsfeindliche Organisation. Fortan konnte "irgendein Staatsanwalt einen führenden Sportfunktionär oder Spitzenathleten der Zone bei einem Wettkampf in der Bundesrepublik verhaften" lassen -- so der ehemalige Generalbundesanwalt Max Güde.
In dieser feindseligen Atmosphäre sollten Westdeutschlands Sportchef Daume und seine Helfer im Ostberliner "Hotel Johannishof" das gesamtdeutsche Olympia-Bataillon für 1960 rekrutieren. Vor Gesprächsbeginn klopfte der Münchner NOK-Geschäftsführer Walter Koenig die Wände nach versteckten Mikrophonen ab und riß einen telephonanschluß aus der Wand.
Eigene Fahnen für die beiden Mannschaftsteile lehnte Daumes Equipe ab, Dann regte Ewald den ersten Kompromiß an: Das rote Fahnenfeld solle Picassos weiße Friedenstaube aufnehmen. Nächster Vorschlag: Die fünf olympischen Ringe mit Originalfarben auf weißem Untergrund inmitten der Fahne. Ewald verfolgte das Ziel, die Bundesfahne möglichst deutlich abzuändern.
Schließlich empfahl Daume schwarzrot-gold mit fünf weißen Olympiaringen im mittleren Fahnendrittel. IOC-Präsident Brundage akzeptierte diese Lösung, aber das "Neue Deutschland" maulte: Zwei Staatsflaggen und zwei Wappen, "das wäre die richtigste, den realen Verhältnissen entsprechende Lösung, und es gibt kein stichhaltiges Argument gegen Sie".
Bonn reagierte ebenso unwirsch. Adenauer ließ sein Kabinett beschließen. eine andere als die Bundesfahne bei Olympischen Spielen sei "mit der nationalen Würde nicht zu vereinbaren", öffentlich rügte der Kanzler: "Auch die deutschen Sportler müssen wissen, daß sie zuerst einmal Deutsche und dann Sportler sind."
Ost-Berlin witterte seine Chance. Falls die Bundesrepublik die "unwiderrufliche Entscheidung" des IOC ablehnte, würde die DDR 1960 Deutschland allein bei den Olympischen Spielen vertreten. Das NOK-Ost telegraphierte dem IOC plötzlich seine Zustimmung zur Fünfringfahne.
Adenauer erkannte die Konsequenzen offenbar nicht. Er sprach sich nun spontan gegen eine gesamtdeutsche Mannschaft aus, obwohl sie Vorbedingung des Olympiastarts war. Und Außenminister von Brentano verlangte schlicht, "doch endlich mit dem gesamtdeutschen Sport Schluß zu machen".
Doch Daume entschied sich für die gemeinsame Olympiafahne und gegen Bonn. Mit seinem gelben Mercedes 300 SL fuhr er nach Leipzig und verhandelte weiter. Die ost-west-deutsche Mannschaft konnte starten.
Zu den Winterspielen in Squaw Valley verweigerte die US-Regierung allerdings einem Teil der ostdeutschen Begleitung die Einreise, darunter auch dem Trainer und Ehegatten der Ost-Berliner Eisschnelläuferin Helga Haase.
Rasch schlugen die fuhrungslosen Eisflitzer der DDR eine Telephonbrücke nach Ost-Berlin, Trainer Haase gab über den heißen Draht taktische Direktiven und sportlichen Rat. Frau Helga siegte überraschend im 500-Meter-Eissprint. Anschließend sprach sie in die Mikrophone: "Ich wollte es denen zeigen, und das habe ich geschafft."
Bei den Sommerspielen in Rom durfte der westdeutsche Teil der gesamtdeutschen Mannschaft wiederum wegen seines Übergewichts von 189 zu 139 Sportlern den Chef de Mission, den offiziellen Mannschaftsleiter, bestimmen: Gerhard Stück, den Speerwurf-Olympiasieger von 1936.
Der Nato-Boykott gegen die DDR schadet dem westlichen Sport.
Nach den Spielen gab DTSB-Chef Ewald im Emblem-Streit scheinbar nach. Bei innerdeutschen Wettkämpfen auf Vereinsebene sollten lediglich die Klubabzeichen getragen werden. Doch der innerdeutsche Sportverkehr, der in den letzten Jahren ohnehin schon auffallend abgenommen hatte, stagnierte immer mehr. Denn Chruschtschow und Ulbricht hatten die gewaltsame Abgrenzung schon beschlossen.
Nach dem Mauerbau im August 1961 fühlte sich die bundesdeutsche Sportführung gedrungen, von sich aus den gesamtdeutschen Sportverkehr abzubrechen: So übernahm der DSB freiwillig den Schwarzen Peter.
Im Einklang mit der Drei-Staaten-Theorie verlangte die DDR nun ein drittes Nationales Olympisches Komitee für West-Berlin. Zugleich boykottierte sie, unterstützt vom Ostblock, konsequent Westberliner Sportler.
Noch immer glaubte die Bundesregierung. sie könne den DDR-Sport isolieren. Sie bat die Nato-Verbündeten, einen Gegen-Boykott zu unterstützen -zunächst mit Erfolg. Aber das Verbot der DDR-Insignien in Nato-Ländern führte fortwährend zu Zwischenfällen. Denn bei vielen Weltverbänden hatte die DDR bereits ihre Anerkennung und das Recht auf eigene Embleme erlangt.
"Wegen der besonderen staatsrechtlichen Verhältnisse kann das Auswärtige Amt die Teilnahme der deutschen Eishockey-Mannschaft (an der Weltmeisterschaft) in der Schweiz nicht billigen", teilte AA-Sprecher Dr. Hille 1961 vor der Bundes-Pressekonferenz mit. Die Bundes-Equipe reiste dennoch.
Vor dem Spiel gegen die DDR schien den Funktionären die Situation zu mulmig. Ein Sieg war höchst ungewiß: nach einer Niederlage jedoch würde die Bundesmannschaft achtungsvoll die DDR-Hymne anhören und dazu die Hammer- und-Zirkel- Fahne aufsteigen sehen müssen. Im letzten Augenblick verzichteten die Westdeutschen und provozierten damit einen internationalen Skandal.
Wie das knifflige Problem zu lösen war, führten die DDR-Funktionäre bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 1963 in Stockholm vor: Das Bundes-Team siegte. Brüsk wandten die DDR-Spieler der aufsteigenden Bonner Fahne den Rücken zu. Ihre Funktionäre hatten schon vorher die Ausreden formuliert: Erschöpfung, Verwirrung nach dem Kampf hätten zum "Formfehler" (ADN) geführt.
Der Nato-Boykott gegen die DDR-Sportler bröckelte ab, schlimmer noch: hr traf die falsche Seite. So verlegte der Internationale Gewichtheber-Verband seine Welttitelkämpfe 1962 nach Budapest, weil die DDR-Riege nicht in Columbus (Ohio) hätte starten dürfen. Essen mußte auf die Kanu-Weltmeisterschaften verzichten. Bundesdeutsche durften nicht zur Europa- Meisterschaft der Schwimmer nach Leipzig und verpaßten sichere Medaillen. Willy Brandts Idee: Olympiade in Berlin.
Veranstalter in Nato-Staaten büßten ihre Chance ein, Welt- und Europameisterschaften zu organisieren. Dem Ostblock winkte dagegen ein Monopol, denn er ließ alle Equipen unbehelligt mit nationalem Klang und Gloria auftreten.
Daume handelte Bonn Kompromisse ab. Die DDR-Fahne "in einem Wald von Fahnen" wollte die Bundesregierung schließlich hinnehmen, allerdings dürften Bundes- Mannschaften keine DDR-Symbole ehren. Hätten die bundesdeutschen Sportleiter dem Wunsch der CDU-Regierung nachgegeben, wäre die Bundesrepublik international in eine Sackgasse geraten. Die DDR hätte Deutschland in Stadien und Radrennbahnen allein vertreten -- mit ihren Symbolen.
Anfang Dezember 1962 trafen sich die NOK-Vertreter aus Ost- und Westdeutschland am IOC-Sitz in Lausanne, Der Abbruch der gesamtdeutschen Sportbeziehungen lieferte der DDR ein stichhaltiges Argument für eine eigene Olympia-Mannschaft. Der Schweizer IOC-Kanzler Otto Mayer schlug vor, jedem der beiden deutschen NOK eine Mannschaft zuzubilligen, aber an gemeinsamen Symbolen festzuhalten. Er räumte fünf Wochen Bedenkfrist ein.
Zwölf Tage später stimmte das NOK -Ost zu. Daume dagegen fand sich mit der Spaltung nicht ab. Er jettete nach Chicago zum IOC-Präsidenten Brundage. Der hatte die gemeinsame deutsche Mannschaft als sein "liebstes Kind" und einen "Sieg des Sports über die Politik" bezeichnet. Zudem hatte ihn ein angebliches Interview im "Neuen Deutschland" verprellt:
"Die westdeutschen Sportler können nur unter dem Druck der Bonner Regierung gehandelt haben", so sollte der Amerikaner den Abbruch der Sportbeziehungen kommentiert haben, "wenn das der Fall ist, muß sich das IOC mit dieser Frage eingehend befassen." Brundage: "Voll und ganz erlogen."
So traf in Ost-Berlin nicht das erhoffte Plazet für eine unabhängige DDR-Equipe ein. Statt dessen mußte das NOK-Ost sich mit seinen westdeutschen Widersachern abermals für 1964 über ein gemeinsames Aufgebot verständigen, Im Berliner Hilton fand die erste Gesprächsrunde statt -- und die frostigste.
Da ließ Berlins Regierender Bürgermeister Brandt einen Publicity-Ballon steigen: Er bewarb sich für Berlin vorsorglich beim IOC um die Olympischen Spiele 1968. Dann müßte vorher die Mauer fallen. Doch Ulbricht zerstörte die Illusion mit einem barschen Nein.
So wurde denn weiter verhandelt. Schon den ersten Streit zwischen den beiden deutschen Olympia-Komitees. die Frage gesamtdeutscher Qualifikationen in West-Berlin, mußte Oberschiedsrichter Brundage schlichten. Er bestätigte West-Berlins Rechte, da die Sportler der Teilstadt in die bundesdeutschen Organisationen integriert seien, ähnlich West-Berlins Gewerkschaftern, die dem DGB angehören.
Auch den nächsten Zwist mußte Brundage entscheiden: Erst auf seine Intervention hin gab die DDR die Garantie, geflüchteten DDR-Sportlern freies Geleit zu Qualifikations-Wettkämpfen zu gewähren.
"Du wirst doch das republikflüchtige Schwein nicht begrüßen."
Die DDR-Delegation taktierte in fast allen Verhandlungen ähnlich: Ewald riß anfangs die Initiative durch Beschwerden und polemische Attacken an sich. In Ost-Berlin klagte er Daume -- angereist im Ferrari GT mit Bordtelephon -- an, weil in der Bundesrepublik Plakate mit der unkorrekten Aufschrift "NOKOst" geklebt hatten und weil die Akten des Ost-NOK-Präsidenten Schöbel einmal an der Bundesgrenze kontrolliert worden seien.
In der zweiten Phase breiteten die DDR-Funktionäre Maximalforderungen aus. Der ehemalige Feldwebel Alfred Heil, Sekretär für Westarbeit im DTSB, unterstrich die DDR-Ansprüche mit propagandistischen Argumenten. Daume bat ihn, zur Sache zu kommen. Da polterte Heil: "Unser sozialistisches System lebt länger als Ihr Kapitalismus."
Sobald sich die Unterhändler festgebissen hatten, lenkte Präsident Schöbel ein. Zeichnete sich dann ein nach SED-Linien unvertretbarer Kompromiß ab, unterbrach Ewald.
NOK-Ost-Generalsekretär Helmut Behrendt -- während des Dritten Reiches im KZ Sachsenhausen -- steuerte schließlich vertretbare Übereinkünfte an. Das letzte Machtwort sprach jedoch stets Ewald.
Bis 1964 die gesamtdeutsche Olympia-Mannschaft feststand, hatten die Fachverbände (96 Sitzungen) und Olympia-Komitees (15 Tagungen) der beiden deutschen Staaten insgesamt mehr als 1000 Stunden verhandelt.
In der Equipe für die Winterspiele in Innsbruck behaupteten die Bundesdeutschen noch eine Majorität von 68 zu 49 Teilnehmern. Nach Tokio flog eine DDR-Mehrheit: 194 Athleten gegenüber 182 Sportlern aus der Bundesrepublik. SED-Funktionär Manfred Ewald marschierte den gesamten Deutschen als Chef de Mission voran.
Unter der Kontrolle der DDR-Funktionäre vereiste das Klima zwischen beiden Mannschafts-Teilen. DDR-Langstreckler Siegfried Herrmann traf im olympischen Dorf den aus Leipzig nach Leverkusen emigrierten Professor Josef Nöcker. der ihm noch in Leipzig durch eine Achilles-Sehnen-Operation seine Karriere gerettet hatte. Als Herrmann auf seinen früheren Sportarzt zuging, pfiff ihn ein DDR-Funktionär zurück: "Du wirst doch das republikflüchtige Schwein nicht begrüßen:"
Noch einmal vertagte das IOC den Antrag seines sowjetischen Mitgliedes Andrianow auf volle Anerkennung der DDR. "Eine gemeinsame deutsche Olympia-Mannschaft", appellierte Brundage, "zeigt der streuenden Welt den humanitären Sinn der olympischen Bewegung."
Selbst die Bundesregierung setzte ihren diplomatischen Apparat nun für eine gemeinsame Olympia-Mannschaft
* Die DDR-Eishockey-Mannschaft (vorn) kehrt bei der Siegerehrung der bundesdeutschen Fahne den Rücken zu.
ein. Daurne warb im Olympialand Mexiko für eine deutsche Equipe, sein Konkurrent Schöbel agitierte in Mexiko. Chile. Uruguay und Brasilien dagegen.
Aber die meisten IOC-Mitglieder hatten die ost-west-deutschen Streitereien satt. Auf ihrer nächsten Session 1965 in Madrid gewährten sie der DDR von 1968 an eine selbständige Mannschaft. Doch beide deutsche Equipen sollten weiterhin Beethovens Hymne an die Freude und die schwarzrotgoldene Fahne mit den Olympiaringen benutzen. Daume klagte: "Wir standen ganz allein."
Anschließend löste auch der Internationale Ruder-Verband (Visa) die -- letzte -- gesamtdeutsche Mannschaft auf. Nach der endgültigen Trennung in Boot und Bassin nahm der DSB auch die Düsseldorfer Beschlüsse zurück, die einen Boykott des gesamtdeutschen Sports beinhalteten. Der Schwarze Peter für den unterbrochenen innerdeutschen Sportverkehr steckte wieder in Ost-Berlin.
Aber Sportdiplomat Daume tüftelte ein noch verblüffenderes Gegenmanöver aus: Zusammen mit Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vo gel betrieb er Münchens Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 1972. Das IOC wählte München.
Bundesdeutschland wurde für sechs Jahre zum Nabel der Sportwelt.
Die bundesdeutsche Justiz änderte nun auch ihren Kurs zugunsten eines Sportverkehrs mit der DDR. Das Landgericht Düsseldorf hatte 1966 den Kommunisten Arnold Bittner wegen Geheimbündelei und Verstoßes gegen das KP-Verbot zu neun Monaten Gefängnis mit Bewährung verurteilt. In der Revision hob der III. Strafsenat des Karlsruher Bundesgerichtshofes das Urteil auf. Das bedeutete: Die Zusammenarbeit nut der zuvor als verfassungsfeindlich eingestuften DDR-Sportorganisation DTSB. zu der Bittner Kontakt unterhalten hatte, blieb künftig straffrei.
Doch der ost-west-deutsche Sportverkehr kam nur sehr schleppend wieder in Gang. Nur 50 Wettkämpfe fanden in einem Jahr bis 1966 statt. 17 davon in der Bundesrepublik. Dagegen starteten allein 1966 von Mai bis Oktober 400 Sowjet-Athleten in Westdeutschland. 200 bundesdeutsche Sportler in der Sowjet- Union.
Umgekehrt beanspruchte die SED ebenfalls deutsches Exklusiv -- Recht. Die DDR-Repräsentativ-Mannschaften traten jeweils als "deutsche" Mannschaften auf. Die Bundesdeutschen erschienen in der DDR als "Westdeutschland/ West-Berlin". Über die Feldhandball-Weltmeisterschaft 1966 in Österreich hieß es offiziell: "Im Stadion von Linz konnte die deutsche Feldhandball-Nationalmannschaft ihren Weltmeistertitel nicht verteidigen." Titelverteidiger DDR hatte verloren. die Bundesrepublik war Weltmeister geworden. Der gesamtdeutsche Sportverkehr bleibt eine Einbahnstraße.
Starts in der Bundesrepublik genehmigte die SED fast nur, falls politisches Aufsehen oder Medaillen zu gewärtigen waren. Rodel-Olympiasieger und Volkskammer-Abgeordneter Thomas Köhler prahlte: "Es gefällt mir sehr, wenn ich den westdeutschen Leuten ins Gesicht sagen kann: Wenn ihr nicht die DDR anerkennt, wird es nie Beziehungen geheu."
In Mainz-Brettenheim mündete die Vorstellung der DDR-Turnerinnen in einen Skandal. Beamte des Verfassungsschutzes enterten die Bühne und zerrten die DDR Fahne herunter. Mit rotem Pinsel malte die SED-Presse nun das Bild der Gewalt gegen weltweit bekannte turnende Teenager.
Der Erfolg stand bei dieser Taktik in jedem Falle fest. Entweder schritt Bonn gegen die DDR-Symbole ein, dann begab sich das Land der Olympischen Spiele von 1972 in die Rolle des Störenfrieds. Oder Hammer und Zirkel deckten unbehindert die Bühnenwand. weil bundesdeutsche Veranstalter den jeweils letzten Stand der wechselnden Haltung von Bundes- und Länderregierungen nicht kannten.
In Mexiko marschierte die DDR 1968 endlich mit eigener Mannschaft in das Olympia-Stadion ein. Und am ersten Wettkampftag hob das IOC die letzten Einschränkungen auf: Künftig durfte die DDR auch ihre Fahne und Hymne ins Zeremoniell einbringen. Nun war nur noch eine Forderung der DDR unerfüllt. die Abtrennung der West-Berliner Sportler vom Bundessport.
Die sozialistischen Länder ignorierten, daß die internationalen Fachverbände und das IOC die Sportler West-Berlins den bundesdeutschen Organisationen zurechnen. 1965 weigerten sich etwa die sowjetischen Handball- Damen, ein Weltmeisterschafts-Spiel in West -- Berlin auszutragen; noch 1970 boykottierte die Hallenhandball-Mannschaft der (SsR die isolierte Stadt.
Im Zuge der Ostpolitik der Regierung Brandt folgten dem Treffen des Bundeskanzlers mit dem
DDR-Ministerrats-Vorsitzenden Stoph auch Besprechungen der beiden Sport-Spitzenverbände DSB und DTSB in Halle. Konkrete Ergebnisse fielen nicht ab. Die DDR-Zeitungen veröffentlichten ein Kommunique von viereinhalb Zeilen. Der Gegenbesuch im Münchner Arabella-Haus endete ebenso ohne sichtbares Resultat --
Erst die Moskauer Verträge öffneten endlich die Isolierung West-Berlins: Die Sowjet-Union akzeptierte auch im zweiseitigen Sportverkehr wieder West-Berliner Sportler in bundesdeutschen Nationalmannschaften.
Gesamtdeutscher Sportverkehr bleibt allerdings vorerst eine Einbahnstraße. Der Verkehrsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten spricht lediglich Wettkämpfe in der DDR an. Voraussetzung: eine Einladung aus der DDR.
Am 26. Januar 1972 trat dann erstmals eine souveräne DDR-Olympiamannschaft bei den Winterspielen in Sapporo an. Zum Empfang hißten die japanischen Gastgeber die Hammer- und-Zirkel-Fahne. Hinter der UdSSR kämpfte sich die DDR auf den zweiten Platz der Nationenwertung.
Im nächsten Heft
Das Geheimnis des DDR-Erfolgs: Die Olympia-Auslese beginnt im Kindergarten -- Wissenschaftler errechnen die Idealmaße für jeden Sportler -- Ideologie und Leistungsdruck treiben prominente Sportler zur Flucht

DER SPIEGEL 33/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Bei uns ist immer Olympia“

  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit