10.07.1972

„Große Begeisterung ist da nicht da“

Wie die Olympiastadt München hat das olympische Segelrevier Kiel „seine Jahrhundertchance wahrgenommen“ (Oberbürgermeister Bantzer), mit Hilfe der Zuschußflut aus kommunalem Tiefstand freizukommen. Sonst aber gibt es nur Gegensätze zwischen den beiden Sportstätten -- eine Milliarden-Gaudi dort, kühl Maritimes in der abgelegenen Förde-Residenz, deren Dachstuben-Dasein durch die Wasser-Spiele kaum verändert wird.
Wenn das Glockenspiel am Kieler Rathausturm bimmelt, summen die Bürger in Hörweite den Spottvers mit: "Kiel hat kein Geld, das weiß die Welt."
Falls die Welt sonst noch etwas von dieser Stadt weiß, so klingt das nach Seekrieg und Kriegsmarine. Auf der Kiellinie von Flotte und Flaggschiffen lag allemal, was die nordische Residenz außer Sprotten in aller Munde führte.
Schon immer am Rande von Reich oder Republik, noch immer wirtschaftlich im Windschatten, zehrt das graue Gemeinwesen an der Förde bis heute von der fixen Idee des Imperators Wilhelm, daß Deutschlands Zukunft auf dem Wasser liege.
Kiels Geschichte begann, als im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts die Stadt zum Reichskriegshafen gemacht wurde und reichsdeutsche Seestrategen den Bau des Nord-Ostsee-Kanals vorantrieben, als die Einwohnerzahl von 25 000 (im Jahre 1876) auf gut 200 000 (jetzt: 277 000) kletterte und der Volksmund auf den wassersüchtigen Herrscher reimte:
Der Kaiser steht am Steuerrad, Prinz Heinrich hält die Schot, Und hinten hißt Prinz Adalbert Die Flagge Schwarz-Weiß-Rot. (Und achtern, tief in der Kombüse. Brät Speck Viktoria Luise).
Und die Geschichte erreichte Kiel stets nur von der Wasserfront her -- 1914, als dem mit seiner Jacht "Meteor" vor der Förde schippernden Wilhelm II. vom Schnellboot "Hulda" die Nachricht über die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaars in Sarajevo überbracht wurde; 1918, als des Kaisers revoltierende Matrosen die Monarchie abtakelten; im Zweiten Weltkrieg, als an die hundert Bombenangriffe Hitlers Werft- und Flottenzentrum zu 80 Prozent zerstörten.
Diese Einheit von Kiel und Kriegsmarine scheint schicksalhaft. Denn im Olympia-Wettstreit zwischen der Landeshauptstadt und dem Ostseebad Travemünde waren es wieder die Seesoldaten, die das Festival in die Förde steuerten.
Wegen der nahen DDR-Grenze an der Lübecker Bucht, so mahnten damals die Mariner, sei organisatorischer Beistand durch die Bundeswehr nur begrenzt möglich. Und das Olympia-Organisationskomitee entschied: Ohne solchen Hilfsdienst sei ein passabler Ablauf der olympischen Segelwettbewerbe 1972 nicht denkbar.
Der "Torpedo der Bundesmarine" ("Lübecker Nachrichten") aber schob die Wasser-Spiele einer Kommune zu. die -- anders als Lübecks Travemünde -- auf Würden von Weltniveau nicht eingerichtet war.
Zwar gilt Kiel allenthalben als ideales Segelrevier. Vor einem halben Jahrhundert schon kreuzten dort Kaiser und Krupp, renommierten Reeder und Regenten -- wie Englands Edward VII. -- mit ihren Großjachten. Und seit 90 Jahren treffen sich am Hindenburgufer die Sportschiffer zu den Regatten der Kieler Woche,
Zwar verfügt die Stadt über einschlägige Erfahrung. Denn bei den Olympischen Spielen 1936 hatte sie schon einmal "das Ihrige dazu beigetragen ... um dem Auslande den wahren Eindruck eines Stücks vom neuen Deutschland zu übermitteln" (so das offizielle Olympia-Album). Und Adolf Hitler, sonst wasserscheu, sah von Bord der "Nixe" aus zu.
Doch für ein internationales Spektakel, wie es die Spiele heutzutage mit sich bringen, waren weder Kiel noch der als Olympia-Zentrum ausersehene Vorort Schilksee gerüstet.
"Hier können wir ja morgen starten", lobte vor fünf Jahren der Italiener Beppe Croce, damals Vizepräsident, heute Präses des Segler-Weltverbandes, nach einer Besichtigung in Travemünde: "In Schilksee muß außer dem Hafen ja alles gebaut werden."
Und dieses Schilksee war selbst den Kielern bis dahin nur als eine von vielen Ausflugsstätten an ihrer Bucht geläufig gewesen, mit kümmerlichem Strand und bescheidenen Lokalen, wo Familien Kaffee kochen konnten.
Vor dem abseitigen Fleck schlängelten sich schmale Straßen, vergrämte eine stets verstopfte Hochbrücke über dem Kanal die Wochenendfahrer. Hinter der Ortschaft, am Bülker Leuchtturm, ergossen sich die Fäkalien der Viertelmillion Kieler in die Ostsee -- und wurden bei nördlichen Winden in die Förde gedrückt.
Wie die Abwässerbeseitigung, war auch die Stadt nie ganz mit der Zeit. Sie wurde, in Glanz- und Gloria-Jahren, vor allem von ihren blauen Jungs alimentiert, und in vergangenen Jahrhunderten hatte sie nicht mal einen Namen, sondern nur eine Art Lagebezeichnung -"Tom Kyle": an der Bucht.
Bevor noch die Bomben fielen, war die Kommune nach dem Urteil des schleswig-holsteinischen Kulturhistorikers Professor Alfred Kamphausen "unwidersprochen der häßlichsten eine, ein hoffnungsloses Durcheinander von Posemuckeligem und Regierungsbaurätlichem". Was dann zum Vorschein kam, war nicht einmal mehr Durcheinander -- nur nordisch nüchtern, mit der, nach wissenschaftlichen Messungen. frischesten Luft der Republik und doch ohne Atmosphäre.
Zwar bauten die Kieler, immer mit der Ruhe und deshalb später als andere. ihre Verkehrswege breiter als ähnlich zerbombte Städte. Sie richteten ihre Holstenstraße zur ersten Fußgänger-Einkaufspromenade Westdeutschlands ein, die dem Besucher Theodor Heuß 1955 "fast südlich in der bewegten freien Anmut" erschien.
Doch von Posemuckel, das über Autobahnen überhaupt nicht, auf internationalen Bahnstrecken nur per Kurswagen erreichbar war, ist viel nachgeblieben. Und überlebt hat bis heute auch die soziale Zweiteilung, die schon im kaiserlichen Klassenstaat die Stadt in eine bürgerliche westliche und proletarische östliche Hälfte schied.
Im Westen, zwischen Scheerhafen und Sackbahnhof, stehen Universität (auf einem ehemaligen Rüstungsgelände) und das Landesparlament (in der früheren Marineakademie). Dort siedelten die oberen paar Hundert der Stadt rund um den Düsternbrooker Parkwald -- senkrecht und hölzern wie die Masten ihrer Boote. die im Fördewasser vor den plüschigen Salons des Kieler Yacht-Clubs dümpeln.
Am nahen Hafen -- Bratwurstduft und billige Damen -- gedieh nicht mal ein handfestes Amüsierviertel. Der Oslo-Kai ist nur Tor zum Norden, wo die Welt dem Ende zugeht.
Auf der anderen Seite, im Hinterland von Helgen und Trockendocks, hausen in trister Maurermeister-Architektur die Werftarbeiter, die einst auf der Kaiserlichen oder Kruppschen Germania-Werft an Deutschlands Größe nieteten, heute bei den Howaldts-Werken/Deutsche Werft (mit 9400 Beschäftigten größter Arbeitgeber und Steuerzahler) Großtanker und Container-Schiffe schweißen.
Dort, wo auch tagsüber alle Katzen grau wirken, wird Missingsch gesprochen, ein Idiom aus Hoch- und Plattdeutschem, wie es der im düsteren Kiel-Gaarden geborene SPD -Landeschef und Ostufer-Poet Jochen Steffen seinen literarischen Werft-Arbeiter Kuddel Schnööf schnacken läßt: "Ich bün einen vonnie Schtaatserhaltennenden."
Wirtschaftlich fast ausschließlich auf den krisenanfälligen Schiffbau ausgerichtet, als Handelshafen -- obschon an der meistbefahrenen künstlichen Seefahrtsstraße gelegen -- bedeutungslos. umgeben von landflüchtigem Bauernvolk und weitab von allen Industriezentren, geriet die sozialdemokratisch regierte Kommune zur ärmlichen Dependance der prosperierenden Republik.
Nun endlich will Kiel aus der Flaute herauskommen. Mit dem olympischen Feuer, so hofften die Stadtväter vor fünf Jahren, werde ihr mattes Gemeinwesen Glanz gewinnen, und jetzt, acht Wochen vor dem Startschuß der ersten olympischen Regatta, ist Oberbürgermeister Günther Bantzer sicher, "daß Kiel seine Jahrhundertchance wahrgenommen hat".
Mehr: Kiel manövrierte in der olympischen Zuschußflut so geschickt, daß dringend fällige Sanierungsprojekte ohne nennenswerten Eigenanteil verwirklicht werden konnten.
In bar: Die Stadt investierte in Bauten, die mit den sportlichen Spielen verbunden sind, 6,5 Millionen Mark; wenn das Feuer erloschen ist, bleiben Einrichtungen im Gegenwert von rund 90 Millionen Mark -- die durch Spenden von allen Seiten zusammengetragen wurden.
"Wer hierherkommt, darf glücklich sein."
"Darüber waren wir uns klar", so freut sich OB Bantzer nun, "daß wir einiges anstoßen würden, sobald wir die Spiele haben." Und das Olympia-Zentrum Schilksee wurde zum Musterfall dafür, wie sich kommunale Attraktion auf billige Weise herstellen läßt.
"Exzellent", fand IOC-Präsident Avery Brundage, was in dem hinfälligen Fischernest inzwischen entstanden ist. Auf einer "Moorlinse", die eine komplizierte Pfahlgründung in 13 Meter Tiefe notwendig machte, wurde ein monumentaler Betonkomplex gebaut -- mit 400 Appartements zwischen 30 und 54 Quadratmetern für Segler, Funktionäre und Journalisten, mit großzügigen Funktionsräumen für Presse und Organisatoren, mit einer 10 000 Quadratmeter großen Zuschauerterrasse samt Ladenstraße. Post und Restaurant.
Im Untergeschoß liegen Bootshallen für die Aktiven, ein Anbau beherbergt das Freizeitzentrum: Schwimmbad. Sauna. Mehrzweckhalle. "Wer hierherkommt", so schwärmte der sonst stets griesgrämige Brundage. "darf glücklich sein.
Dem Wohlbefinden der Segler sollen zudem 32 Bungalows des olympischen Dorfes dienen, die, hinter dem Kolosseum plaziert, mit Fernsehen und Teeküche ausgestattet sind. Die Funktionärsequipe wird in einem "Hotel Olympia" (11 Geschosse, 500 Betten) untergebracht: gegenüber liegen zwei weitere Wohntürme mit 168 Unterkünften.
Der Kostenpunkt dieser Mammut Anlage aber spielt für Kiel keine Rolle. Denn: Das 465 Meter lange Untergeschoß des Staffelbauwerks mit Bootshallen und Räumen errichtete für 17,2 Millionen Mark das Konsortium für die olympischen Regatten, das auch Schwimmhalle (9,4 Millionen) und Mehrzweckhalle (9,3 Millionen) bezahlte; die aufgesetzten Appartements und weitere Wohnungen baute die Neue Heimat für 38 Millionen; das Olympia-Hotel (zehn Millionen) wurde von der hannoverschen Unternehmensgruppe Engelhardt hochgezogen; die beiden Wohntürme gingen mit insgesamt 22 Millionen Mark zu Lasten der Kieler Wohnungsbaugesellschaft sowie der "Wobau Schleswig-Holstein": die 32 Bungalows des olympischen Dorfes finanzierte die landeseigene Nordmark Wohnungsbaugesellschaft.
Zwar werden nach dem Ende der Spiele Privatleute in die Appartements einziehen. Doch der beträchtliche Freizeitwert des olympischen Denkmals bleibt der Stadt Kiel erhalten. Und überdies gehen die Schwimmhalle sowie sämtliche Segel- und Mehrzweckeinrichtungen in den Besitz der Gemeinde über.
Während die Schilksee-Immobilien immerhin noch dem sportlichen Wettstreit verbunden sind, nutzte Kiel die Jahrhundert-Chance auch für Spaziergänger und Kulturabonnenten. So klaubte OB Bantzer für den Ausbau des Stadttheaters (in dem Stockholms Königliche Oper mit Verdis "Maskenball" und das Symphonieorchester Tokio mit Brahms und Strawinski gastieren werden) 12,8 Millionen aus dem Olympia-Topf. Und ungeniert finanzierte er davon auch die Neuanlage des Rathausplatzes -- der den Olympia-Finanziers als Theatervorplatz untergeschoben wurde.
"Uns bleiben 80 Prozent Schiet in altbewährter Form."
3,4 Olympia-Millionen zweigte sich die Kommune für den Ausbau der sogenannten Kiel-Linie ab -- einer 3360 Meter langen Uferpromenade mit Seehundbecken (Bewohner: Kielius und Olympia), Grünflächen und Fußgängerbrücke.
Weitere Millionen kassierten Kiel sowie die Förde-Anrainer Strande, Laboe und Heikendorf für die Anlage neuer Bootshäfen. Wertfreie Gegenleistung: Die Platzpächter müssen mit ihren Booten während der Spiel-Zeit in ferne Gewässer abziehen. um die Häfen für rund 1000 auf eigenem Kiel anreisende Olympia-Besucher freizumachen.
Gratis schließlich befreite der Bund Kiel olympischer Ehren halber aus dem Auto-Abseits: 110 Millionen Mark warf Georg Leber aus für die letzten noch fehlenden zehn Kilometer Anschluß an die Autobahn Hamburg -- Flensburg und weitere 125 Millionen für den Ausbau der Bundesstraße 503 nach Schilksee samt einer neuen Kanal-Hochbrücke -- mit 518 Meter Länge, 42 Meter Höhe und 20 000 Tonnen schweren Brückenpfeilern Kiels monumentalstes Straßenbauwerk.
Der einzige Rückstand aber, den Kiel aus eigener Kraft hätte aufholen müssen, wurde nur halbwegs bewältigt. Vor die Bülker Kloake wurde lediglich eine mechanische Klärstufe gesetzt. die biologische und chemische Klärung stehen noch aus. So protestierten denn jüngst auch die Bürger der an Schilksee grenzenden Gemeinde Strande vor dem Verwaltungsgericht Schleswig: "Die mechanische Anlage hält nur den gröbsten Dreck zurück. Uns bleiben 80 Prozent Schiet in altbewährter Form."
Kiels Bantzer freilich läßt sich durch derlei Stänkereien nicht den Frohsinn vertreiben. "Unsere Stadt", so sagt er. "ist durch die Spiele reicher und schöner geworden. Längst Fälliges kam zustande, auf das wir sonst noch ein Jahrzehnt gewartet hätten. Kein Zweifel: Wie München, das in ähnlicher Weise kommunale Probleme mit olympischer Hilfe zu beseitigen hoffte, hat die Förde-Residenz das sportliche Ereignis in eine städtische Sanierungsaktion umfunktioniert. Doch dieser gemeinsame Wille der nord- und süddeutschen Stadtverwalter wird das einzige Einheitliche bleiben zwischen der Schaustellung im Bayrischen und dem Spiele-Platz an der Ostsee.
Dort ein leicht retuschiertes Oktoberfest mit internationaler Beteiligung, ein Milliardending in einer lärmvollen Hauptstadt, deren Reize immer heimlicher werden und von der uneingeweihte Besucher gleichwohl erwarten, daß an der Frauenkirche auch die Auspufftöpfe jodeln.
Im Segelrevier eine eher beiläufige Erscheinung, wieder mal Maritimes in einer mittelklassigen Gemeinde, in der immer schon die bunten Fahnen wehten und die des olympischen Feuers wegen nicht gleich zu brodeln anfängt.
Daß in Kiel glatt gesegelt wird, garantiert -- wie anders -- die Kieler Marine.
Auf 15 Millionen Mark werden die Dienstleistungen geschätzt, die die Flotte mit Booten und Bootsleuten besorgt -- mehr als das Doppelte des stadteigenen Finanzaufwands. Ein Regatta-Regiment mit 1500 Matrosen der Marinedivision Ostsee, täglich frisch mit weißen Uniformen versehen, und rund 80 Wasserfahrzeugen soll während der zehn Olympia-Tage auf dem Kieler Kampfschauplatz aufmarschieren.
Mit 70 Marine-Köchen beispielsweise tritt an den Schilkseer Bratpfannen der Kapitänleutnant Siegfried Hader an, Leiter der Lehrküche an der Versorgungsschule der Bundesmarine in List auf Sylt und Inhaber von 14 goldenen Wettkochmedaillen.
Kaleu Hader will "vitaminreich. nicht wassertreibend, leicht verdaulich und dennoch kräftig" schmurgeln. Dazu benötigt er unter anderem 4,5 Tonnen Filetfleisch, fünf Tonnen Aufschnitt, 30 Tonnen Obst und 100 Tonnen Gemüse. Die rund 1200 Olympia-Helfer ("Kurzzeitpersonal) werden mit Feldküchen der 6. Panzergrenadierdivision abgespeist. Kulinarische Sonderwünsche meldeten bislang nur Amerikaner und Sowjetmenschen an: Sie möchten die Fourage abgepackt in Folie empfangen.
Die Marine ist jeder Lage gewachsen. Kiels Wehrbereichsverwaltung stellt für das Olympia-Zentrum 1415 Schaumstoff-Matratzen und überdies die gesamte Wohnausstattung -- 1600 Schränke und 2550 Polstermöbel, 690 Teppiche und 12 200 olympiablaue Frottierhandtücher, 1200 Eierbecher und 760 Abfalleimer.
Mariner besetzen einen mobilen Tower für die zehn Hubschrauber im Olympia-Einsatz, Mariner wickeln auf acht Frequenzen den gesamten Funksprech-Verkehr ab, Mariner transportieren mit Fahrkränen Segelboote, Männer ziehen die Flaggen auf. Marinebläser werden die Nationalhymnen spielen. und Marine-Bohrer sollen in der Zahnstation des Schilkseer Sanitätsreviers singen.
Stolz der Flotte aber ist ein Bergungszentrum, dessen Paradestück: vier Mehrzwecklandungsfahrzeuge vom Typ LCU. "Um eine möglichst schonende Bergung der empfindlichen Jollen zu garantieren", hat die Marine-Division Kampfschwimmer und Minentaucher mit einer speziellen Ausbildung versehen. Auf jeder der Regattastrecken sind vier bis sechs stabile Schlauchboote mit 40-PS-Motoren für eventuelle Havaristen stationiert.
Zu bergende Boote werden behutsam auf der mit Gummirollen und Hölzern gepolsterten Landungsklappe des LCU aufgeslippt. Und für Segler, die ins kalte Wasser fallen, stehen -- wie die Marine beteuert -- auf dem Landungsboot "eine warme Mahlzeit, trockene Kleidung und Decken" bereit. "So geborgen zu werden", fand der probeweise gerettete Vorsitzende des olympischen Segelausschusses, Berthold Beitz, "ist ein Genuß."
"Ohne unsere Marine", sieht OB Bantzer denn auch freimütig ein, "ware das alles gar nicht durchzuführen. Und bescheiden fügt Kapitän z. S. Siegfried Ammo Jürgens, Stellvertretender Kommandeur und Chef des Stabes der Marinedivision Ostsee, hinzu: "Weil wir das wissen, fühlen wir uns um so mehr verpflichtet. Das sind wir schon der Marine und Kiel schuldig."
Was sonst noch an seemännischen Pflichten und Dienstleistungen anfällt, erledigen die Wasserschutzpolizei und die dem Bund unterstellte Wasser- und Schiffahrtsdirektion -- die allein für das Verlegen von Sperr- und Fahrwassertonnen 400 000 Mark aufwendet.
Denn während der Segeltage wird die Freiheit der Meere eingeschränkt, um die Regattakurse freizuhalten. 15 000 Faltblätter, die im Raum Kiel und über diplomatische Vertretungen an ausländische Schiffahrtsgesellschaften verteilt werden, verklaren den Seefahrern Zwangskurse zwischen und außerhalb der Wettfahrtgebiete.
"Auf der Förde ein Verkehr wie am Piccadilly Circus".
Wer trotzdem in die olympischen Gewässer einläuft, wird mit 10 000 Mark Strafe und Beschlagnahme seines Bootes bedroht. Im Verdacht, in den olympischen Revieren nassauern zu wollen, stehen vor allem die Schweden, denn die segelsportbegeisterten Nordmänner haben bislang nur sieben Karten für Regattabegleitfahrten gekauft -- während im fernen Nigeria immerhin 60 Tickets abgesetzt wurden. Kieler Olympia-Organisatoren argwöhnen, daß viele Skandinavier den kurzen Weg in die Förde mit eigenem Boot zurücklegen und sich dann unter die Sightseeing-Flotte mischen wollen.
Vorsorglich mahnte Bonns Verkehrsminister Georg Leber die "lieben Seefahrer" zu "olympischer Fairneß". Denn: "Auf der Kieler Förde wird ein Verkehr herrschen wie Freitag nachmittags am Piccadilly Circus"
Doch Georg Leber kennt Kiel nicht. Während der Wettkämpfe mit 450 Seglern in sechs Bootsklassen, 200 Funktionären und 250 Journalisten werden allenfalls 150 000 Besucher erwartet -- nur ein Drittel mehr als bei gutem Wetter zur Kieler Woche in die Stadt strömen. Die 7000 Betten im Großraum Kiel sind nicht einmal ausgebucht.
Und auch der Zirkus. der vor Festen dieser Größenordnung unvermeidlich scheint, brachte bislang in Kiel nur kleine Nummern.
In Schilksee etwa, wo auch weibliche Teilnehmer dabeisein werden, sind die Damenduschen vergessen worden an Damentoiletten war Überschuß. Sie werden jetzt in Herrenklos umgebaut.
Und für das Restaurant im Olympia-Zentrum wollte sich der hohen Pacht wegen kein Gastronom finden. Bis zum 30. September sprang schließlich das Kaufhaus Karstadt ein und bannte damit die Gefahr "einer Olympiade der Bockwürste" (Bantzer).
Holsteinisches Format präsentierte die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft, als sie das Vorhaben blockierte, die Ladenöffnungszeiten während der Spiel-Zeit zu verlängern. Nun wird nur in Schilksee länger verkauft -- bis 21 Uhr. Stadt- und Olympia-Pressechef Werner Istel, der heiße Reibereien zwischen all den Beteiligten bislang umsichtig vermeiden konnte: "Wie schön, daß wir es nicht auch noch mit einer Segler-Gewerkschaft zu tun hatten. Die hätten dann die Fünf-Tage-Woche für ihre Aktiven gefördert.
Verdrängt haben die Kieler Bürger die in Fremdenverkehrs-Prospekten strapazierte Gastlichkeit des Landes. Fine Patenschaftsaktion für die Segler, bei der mit 700 Meldungen gerechnet worden war, fand nur 170 Familien. OB Bantzer: "Große Begeisterung ist da nicht da."
Und größeres Interesse auch hatte die Stadt bei ihren Bürgern vorausgesetzt, als sie den Eintrittspreis für die während des Olympia-Sommers eingerichtete Ausstellung "Mensch und Meer" -- in der die bislang kompletteste Schau über Wikinger und Entwicklung des Segelsports gezeigt wird -- auf zehn Mark pro Person festsetzte.
Inzwischen wurde der Preis zwar auf fünf Mark ermäßigt. Meist gesehenes Stück der Präsentation blieb gleichwohl das Ausstellungsplakat, gemalt von Salvador Dali. Der Künstler schmückte sein Werk mit einer prächtigen Kogge, deren Segel entgegen der Fahrtrichtung gebläht sind, der Venus seines Kollegen BOtticelli und dem Kieler Sporttaucher Krause ("Unterwasser-Krause"). 200 numerierte Drucke außerhalb der maschinell hergestellten Plakatausgabe, von Dali handsigniert, waren bald zum Preis von je 800 Mark abgesetzt und brachten bei weitem das 25 000-Dollar-Honorar ein, das der Meister für seine Arbeit gefordert hatte.
Derlei Nebenverdiensten zum Trotz: Kiel wird relativ teurer werden als die Superlativ-Schau zu München. Der Kostenaufwand für eine von 39 Segel-Medaillen liegt bei drei Millionen Mark, in München (1070 Medaillen) kommt das Edelmetall auf einen Stückpreis von 1,7 Millionen Mark. Doch alles andere, so scheint es, wird sich in schleswig-holsteinischen Grenzen halten.
Ohne Hofbräuhaushauch und ohne Jetsetsündiges, weder mit hinreichend Bärtigem noch einem einzigen Gamsbart in den Straßen, bleibt der Meer-Metropole kaum anderes, als sportlich zu sein.
So könnte Gestalt gewinnen, was SPD-Steffens Kuddel Schnööf über das Segeln in Kiel quasselte: "Keinen Prominenten ins Wasser gefalln, keine große Hauerei annie Küste, keine leeren Bierfassers innie Kneipen, selps die Preise blieben stabil. Wascha an sich 'ne Sensatschon is, abers nich as sochche emfunen wird."

DER SPIEGEL 29/1972
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DER SPIEGEL 29/1972
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