05.06.1972

PHILOSOPHENEin Hauch von Melancholie

Der Frankfurter Philosoph Alfred Schmidt will als Nachfolger von Jürgen Habermas die kritische Tradition der „Frankfurter Schule“ fortsetzen.
Hessens Kultusminister Ludwig von Friedeburg bestätigte jetzt, was für Eingeweihte längst sicher war: Alfred Schmidt. 41, ist das neue Oberhaupt der "Frankfurter Schule", der wohl einflußreichsten Philosophen- und Soziologenschule Nachkriegsdeutschlands. Schmidt übernimmt mit dem Lehrstuhl zugleich ein Lehramt mit beträchtlicher polit-philosophischer Tradition.
Die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno begründete kritische Gesellschaftstheorie der "Frankfurter Schule" war in den sechziger Jahren für die antiautoritären Studenten programmatisch und stilbildend gewesen. Sie faszinierte die Jugend mit einer Philosophie, die der technischen Zivilisation, deren Nützlichkeitsdenken, deren Verkaufs- und Unterwerfungstechniken kritisch und mit "spontaner Moralität" (Adorno) gegenübertrat.
Sie zündete bei den Intellektuellen im Lande, weil sie die innere Ziellosigkeit der bloß technologischen Perfektion zu entlarven schien.
Horkheimers und Adornos Schriften aus den dreißiger und vierziger Jahren wurden zu Zehntausenden als billige Raubdrucke an den Universitäten gehandelt. Sie waren die Mao-Bibeln einer Generation, die sich dem Leistungsdenken des industriellen Zeitalters widersetzte und in der Kritischen Theorie die Waffe sah, die Instrumente der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen zu zerstören.
Sammelpunkt war das von Horkheimer und Adorno geleitete Institut für Sozialforschung in Frankfurt. Von dort verbreitete sich das Vokabular der studentischen Agitation. Von dort bezogen Rudi Dutschke und Bernd Rabehl, die Gebrüder Wolff und Hans-Jürgen Krahl die Formeln ihrer aufsässigen Sprache, wie "Manipulation", "Repression", "falsches Bewußtsein", "Widerstand gegen die Macht des blind Objektiven".
Freilich bemerkten die Jungen anfangs nicht den Hauch von Melancholie angesichts der heraufziehenden "Verwalteten Welt", der den Schriften Horkheimers und Adornos innewohnte. Sie bemerkten auch nicht, daß revolutionäre Praxis keinen Platz mehr in der Theorie der "Schule" hatte. Vergebens warnte Horkheimer die Rebellen vor einer "unbedachten und dogmatischen Anwendung kritischer Theorie auf die Praxis
Doch als dieser resignative Gehalt der Lehre Ende der sechziger Jahre angesichts der anhebenden Studenten-Rebellion mehr und mehr zu Tage trat, wurden aus den Jüngern Rebellen -- Rebellen auch gegen die Väter, die sie Aufsässigkeit gelehrt hatten. Die Theorie war, wie die Studenten meinten, die wichtigste Antwort schuldig geblieben: eine revolutionäre Strategie.
Als Adorno im Juli 1967 im Auditorium Maximum der Berliner FU über "die Klassizität von Goethes Iphigenie" sprechen wollte, kam es zum ersten Eklat. Mit Spruchbändern und Flugblättern ("Er soll sich alleine zu Tode adornieren!") verspotteten SDS-Studenten die politische Enthaltsamkeit des Lehrers.
Jürgen Habermas, Nachfolger Horkheimers auf dem Frankfurter Lehrstuhl und ein entschiedener Verteidiger des studentischen Reformwillens, vollendete den Bruch zwischen Schülern und Lehrern, als er Dutschkes Ansichten als "linken Faschismus" brandmarkte und den SDS-Führern eine "Taktik der Scheinrevolution" und "Infantilismus" vorwarf.
Ein halbes Jahr später besetzten Studenten für neun Tage das Frankfurter Institut. Adorno sagte seine Vorlesung ab.
Im August 1969 starb er -- irritiert und ratlos ob der Tatsache, daß Leute sein "Denkmodell mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen". Und im Frühsommer 1971 verließ Habermas die Frankfurter Universität, um am "Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlichtechnischen Welt" "empirische Untersuchungen in Gang zu bringen". Damals fragte die "FAZ", ob nun "die Frankfurter Schule am Ende" sei.
Jetzt soll der Horkheimer- und Adorno-Schüler Schmidt der "Frankfurter Schule" neuen Glanz verleihen. Dabei weiß er, daß sie "keine Monopolstellung mehr innerhalb des theoretischen Angebots linker Strömungen in Westeuropa hat". Aber sie kann, meint er, "als Gegengift wirken, gegen die neuerliche Verweltanschaulichung des Marxismus durch Maoisten und Spartakisten".
Der kritische Ansatz der "Theorie" soll gewahrt bleiben -- nun auch anwendbar gegen die Jungen, die es nach Glaubenssätzen, Dogmen und Handlungsmaximen quasi religiöser Art verlangt.
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der "Frankfurter Schule" war die Beobachtung, daß die auf die Beherrschung der Naturkräfte angesetzte wissenschaftliche Kultur Europas auch die Gefahr der wissenschaftlichen Unterwerfung des Menschen einschloß, und daß es gilt diese Gefahr abzuwenden.
Das neue Schuloberhaupt Schmidt: "Es geht nicht mehr um Naturbeherrschung, sondern um die Beherrschung von Naturbeherrschung" -- also audi um die Beherrschung der Naturbeherrscher.

DER SPIEGEL 24/1972
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