15.05.1972

PRESSEZäher Lehm

Hamburgs „Morgenpost“ -- größte unter den hinfälligen Tageszeitungen der SPD -- verlor ihren Chefredakteur, der vor Auflagenschwund und redaktionellem Zwist kapitulierte.
Allmorgendlich bereitet sich Alfred Nau, Schatzmeister der SPD und zuständig für das Zeitungswesen seiner Partei, vorsätzlich Verdruß. Denn jeder Bonner Tag beginnt für ihn mit der Lektüre der drei größten sozialdemokratischen Tageblätter -- die von außen bedrängt sind durch die bürgerliche Konkurrenz, von innen bedroht durch redaktionellen Substanzverlust.
Um die Beihilfen aus der Parteikasse zu drücken, mußte zum Beispiel die "Neue Hannoversche Presse" unrentable Außenausgaben einstellen; der Chefredakteur des Blattes, der für den neuen Verlagschef und ehemaligen Springer-Manager Peter Krohn nicht das rechte Auflagenbewußtsein besaß, wurde auf den Bonner Korrespondentenposten abgestellt.
Dortmunds biedere "Westfälische Rundschau" (Auflage: 223 015), die binnen zwei Jahrzehnten vom soliden Ruhrblatt zur verarmten Konkurrenz anzeigenstarker Mammut blätter herunterkam, suchte jüngst per Verlags-Kooperation Zuflucht bei der CDU-frommen Ortsrivalin "Ruhr-Nachrichten".
Und letzte Woche verlor die "Hamburger Morgenpost" ihren Chefredakteur Wolf Heckmann, 43, der nach drei glücklosen Amtsjahren den "verfluchten Krempel" hinwarf. Seither wird die auflagenstärkste SPD-Zeitung (261 851 Exemplare) -- die einst Axel Springer zum Start der Bildzeitung inspirierte" jedoch laut Alfred Nau ihre "Chance nicht genutzt" hat und von "Bild" mit einer Hamburg-Auflage von 471 710 weit überrundet ist -- kommissarisch von einem Sportredakteur geleitet.
Heckmann, 1969 von der Münchner "Abendzeitung" zugewandert, resignierte nach einem Jahresverlust von über 18 000 Exemplaren. Und er kapitulierte vor einer Redaktion, die sich seinem journalistischen Konzept wie seinem impulsiven Führungsstil widersetzte. Der Ex-Chef: "Ich hatte das Gefühl, in zähem Lehm zu waten."
Seit letztem Herbst kündigten zwölf Heckmann-Untergebene" die redaktionelle "Konzeptionslosigkeit" und "Entpolitisierung" beklagten. Denn Heckmann übererfüllte ein von der Geschäftsführung ausgemachtes Leser"Bedürfnis nach Sicherheit, Ruhe und Geborgenheit", indem er unter anderem politische Themen von den ersten auf die letzten Seiten bugsierte.
Wo sich der "Morgenpost"-Leser bis dahin, wenn er die Zeitung aufschlug, mit einem Blick über die Tagesereignisse in Hamburg (Seite drei) und aller Welt (Seite zwei) informieren konnte. dehnt sich nun doppelseitig eine "Story des Tages" -- selten politisches, meist populäres Lesefutter ("Prominente zittern vor Porno-König").
Der verantwortliche Politik-Redakteur Claus Preller mochte die "seichte Unterhaltungskost" nicht verantworten und kündigte. Und auch Bonns Nau vermißt die "politischen Akzente einer guten Mischung". Politische Themen aber waren es, die das SPD-Blatt zuvor von Springers Lokalkonkurrenz und mithin von allen übrigen Hamburger Tageszeitungen abhoben. Denn gegen "Bild", "Welt" und "Hamburger Abendblatt" hat sich die "Morgenpost" als einzige der einst fünf Springer-unabhängigen Zeitungen im Stadtstaat behauptet -- in der Woche des konstruktiven Mißtrauensvotums in Bonn beispielsweise mit vorübergehendem Auflagenplus von 10 000 Exemplaren.
Daß kritisches Engagement und politische Linie immer geringeren Zuspruch fanden, lastet Verlags- Manager Alois Hüser vor allem den Blattmachern, weniger den Lesern an. Denn Hüsers Marktforscher ermittelten eine "positive Marktresonanz" von 90 Prozent der Hamburger Boulevardblatt-Käufer für eine Zeitung vom Typ der "Morgenpost". Statt diese Chance zu nutzen, trieb die Redaktion in Hüsers Sicht die "Morgenpost" mit einer falschen Mischung für die Hanseaten der Rentabilitätsgrenze zu (Auflagenschwund seit Mitte 1965: fast 100 000 Exemplare).
Hintenan gerieten durch diese Fehlentwicklung auch ehrgeizige Zukunftspläne bei der im letzten Jahr gegründeten SPD-Zeitungsholding, der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft in Hamburg. Dort sind laut Geschäftsführer Hüser "Neigungen vorhanden", mit "Morgenpost" -- nach Vorbildern in Süddeutschland ("Abendzeitung") und Rhein/Ruhr ("Express") -- der "Bild"-Konkurrenz in ganz Norddeutschland zu begegnen.
Derlei Ausdehnungsbedürfnis, das früher stets auf Widerstand kränkelnder Schwesterbetriebe wie der "Hannoverschen Presse" und der "Westfälischen Rundschau" gestoßen war, könnten die Holding-Herren nun mit zentraler Gewalt durchsetzen. Und um so frostiger stimmt das lokale "Morgenpost"-Tief den Holding-Gründer Nau: "Heckmann hat mich enttäuscht."
Ob Heckmanns vorläufiger Nachfolger, der Sportressort-Leiter Bodo Grosch, 46, dem Schatzmeister mehr Freude bereiten kann, ist fraglich. Kommissar-Chef Grosch machte sich zuvörderst ans Zählen: "Ich muß erst mal sehen, wen wir in der Redaktion überhaupt noch da haben."

DER SPIEGEL 21/1972
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