20.03.1972

MANAGERSCHULESelber backen

Eine Offenbacher Management-Akademie will mit den Universitäten konkurrieren. Die Studentenschaft rekrutiert sich aus Söhnen von Unternehmern und leitenden Angestellten.
Im Wirtschaftsblatt "Arbeitgeber" urteilte "ein junger Dipl.-Kaufmann" im Jahre 1969: "Die meisten Akademiker müssen in den Betrieben ganz von vorn anfangen, weil die auf der Universität gepaukte Theorie meist wenig mit der Wirklichkeit im Betrieb zu tun hat."
Ein ähnliches Unbehagen erspürte damals der Personalberater Ludwig Kroeber-Keneth bei seinen Wirtschaftskunden. Viele -- so der Unternehmer-Helf er -- beklagten sich "über Mitarbeiter, die, frisch von der Universität kommend, in unzähligen Diskussionen gelernt haben, Probleme zu zerreden und traditionelle Autoritäten zu zerstören". Der "Senior unter Deutschlands Personalberatern" ("Capital") empfahl der Industrie darum, "sich die Menschen, die sie braucht, selbst zu backen".
Unternehmervertreter wie der ehemalige Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Siegfried Balke, aber auch konservative Politiker wie der Mainzer CDU-Kultusminister Bernhard Vogel machten sich den Senioren-Rat zu eigen. Weil ihnen an den Hochschulen zu viel von Politik und zu wenig von Praxis die Rede war, entwarfen sie Modelle für Industrie-Akademien und Stiftungshochschulen, an denen Professoren und Studenten fernab vom Ideologienstreit lehren und lernen sollten.
Doch bislang mochten deutsche Kapitalgeber noch kein Geld in derlei Bildungsprojekte stecken. Arbeitgeber-Sprecher Winfried Schlaffke vom Deutschen Industrie-Institut zu Köln: "Das ist so ungeheuer teuer." So wurde die erste westdeutsche Manager-Akademie mit Franc finanziert.
Die "European Business School" in Offenbach (derzeit 28 Studenten, Planziel 450 Studenten), die vom hessischen Kultusministerium als Fachhochschule anerkannt werden möchte, bietet seit Oktober 1971 für 12 400 Mark ein vierjähriges Spezialstudium für künftige Führungskräfte in Wirtschaft und Industrie.
Schuldirektor und Teilhaber Klaus Evard, 36, einst Seminarleiter an der exklusiven Manager-Akademie "Insead" in Fontainebleau und Assistenzprofessor an der Pariser Universität über das Studienziel des Kapitalisten-Kollegs: "Unser Projekt ist ein qualifizierter, praxisreifer Führungsnachwuchs für multinationale Unternehmen, -etwa Marketing-Experten, Prokuristen und Personalchefs.
Fürs internationale Management will Evard seine Eleven ("hauptsächlich söhne von Unternehmern und leitenden Angestellten") mit Gastsemestern in Paris und London trainieren. In den dortigen Dependancen der "European Business School", die vor fünf Jahren gegründet wurde, sind schon 800 Managerstudenten eingeschrieben. In Frankreich berechtigt das Schuldiplom zum Weiterstudium an der Universität.
In der Bundesrepublik freilich ist dem industrienahen Bildungsinstitut die akademische Anerkennung bislang verweigert worden. Der hessische Kultusminister Ludwig von Friedeburg will die Zeugnisse der Manager-Akademie, die Im Gegensatz zu anderen Fachhochschulen von den Bewerbern das Reifezeugnis und Fremdsprachenfertigkeit verlangt, nicht akzeptieren. Begründung: Es werde "nur in einer Fachrichtung ausgebildet". Jetzt klagt die Bildungs-Firma gegen den Minister.
In der Tat ist der Fächerkatalog der business School strikt auf den künftigen Arbeitsbereich der Absolventen beschränkt. Gelernt werden Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Recht, Finanzen und Marketing. In den theoretischen Disziplinen unterrichten Assistenten von der Frankfurter Universität. Über die Praxis dozieren Mitarbeiter internationaler Unternehmen -- etwa von IBM, Pan Am, CBS oder Renault.
Von der theoriebefrachteten Universitäts-Ökonomie grenzt Evard den Studierplan seiner Business School vorsorglich ab: "Bei uns wird der Theoretiker Adam Smith in zwanzig Minuten abgehandelt, nicht in zwei Semestern." Im Gegensatz zu den 22 eher biederen Wirtschaftsfachschulen in der Bundesrepublik mit ihren rund 9000 Studenten ist der Lehrstoff international programmiert.
Unterrichtssprachen in Offenbach sind Englisch, Französisch und Deutsch. In Vorlesungen und Seminaren erfährt der "Nachwuchs für die Chefetage" (Evard) etwas über die "Gründung einer Filiale in Frankreich", "Probleme des Commonwealth" und "Vertragsrecht in den USA". Prüfungsaufgaben können lauten: "Setzen Sie eine deutsche Bilanz in eine amerikanische um" Auch Praktika im Ausland sind vorgeschrieben.
Solch enger Kontakt zur Wirtschaft soll die Studenten "berufsfit machen, wozu die Universitäten ja nicht in der Lage sind" (Evard). Aber auch "die Herren von der Industrie", die Praktika vermitteln und Gastvortrage halten, können profitieren: "Die haben dann eine Art Vorkaufsrecht auf die fertigen Absolventen." Derlei Kaufinteressen hat Evard schon beim Bosch-Imperium ausgemacht.
Damit sich die Manager-Elite aber nicht von vornherein in eine "kapitalistische Idylle eingräbt, (Evard), sollen nach dem Vorbild des französischen Stammhauses auch an der westdeutschen Akademie ab und an Gesellschaftsveränderer wirken. In der Pariser Rue de la Paix, "in einem Gebäude, in dem die Kammgarnanzüge der Studenten aufs wundervollste mit den grauen Plüschteppichen der Unterrichtsräume harmonieren" ("Nouvel Observateur"), doziert einmal im Monat Michel Rocart, der Generalsekretär der Linkssozialistischen Partei Frankreichs, vor den Jung-Kapitalisten.
Für seine Offenbacher Filiale möchte Evard demnächst einen Juso verpflichten, der über den Sozialismus referieren soll. Die Einführungsworte hat sich der Schul-Leiter schon zurechtgelegt: "Ich werde den Studenten dann sagen, hört euch den mal gut an, denn so könnte es später mal sein.

DER SPIEGEL 13/1972
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