20.03.1972

MUSIKSchrecken und Schauder

Der Essener Kirchenmusiklehrer Gerd Zacher hat die Orgel für die Komponisten Neuer Musik attraktiv gemacht. Jetzt führte Zacher erstmals seine reformierte Spielpraxis in den USA vor.
Kein Deutscher macht mehr Wind für die Neue Musik als der Essener Organist Gerd Zacher, 42.
Für Werke von Arnold Schönberg und Olivier Messiaen, für graphisch notierte Partituren von John Cage, Mauricio Kagel und Dieter Schnebel setzt er das Gebläse in immer mehr europäischen Kirchenorgeln in Gang. Mit Fingerkuppen, Handrücken, Daumenballen, Ellbogen, Fäusten und Füßen läßt er kühne Klänge durch die Gotteshäuser jaulen und dröhnen.
Dank Zacher ist auch die Orgel nicht mehr die alte. Sie heult auf, wenn er für György Ligetis "Volumina" erst die Tasten niederdrückt und dann das Gebläse einstellt, Sie wimmert, wenn er bei Kagels "Improvisation ajoutée" den Ventilator ausschaltet und die Tasten unten hält.
Zacher läßt in den "Sons brisés" des Chilenen Juan Allende-Blin die Pfeifen mittels schwankendem Luftdruck in grelle Obertöne durchschlagen oder zu fahlem Röcheln abschiaffen. Er duettiert bei Giuseppe Englerts "Vagans animula" mit der Orgelmusik eines vorfabrizierten Tonbandes, und in Ligetis "Etude No 1" ersetzt er den Orgelmotor durch einen pfeifenden Staubsauger.
Gerd Zacher, Kirchenmusiklehrer an der Folkwang-Hochschule in Essen und Organist an der Immanuelskirche in Wuppertal-Oberbarmen, hat Spielpraxis und Klangspektrum der Orgel radikal verändert und das Instrument für die Komponisten-Avantgarde wiederentdeckt.
Jahrhundertelang diente die Orgel vor allem der "zur Andacht erforderlichen Stimmung". Zacher hingegen benutzt sie als "Prothese" der Musik, der alten und neuen, und er hat es weit damit gebracht.
Längst ist ihm das komplette Orgelwerk von Bach und Brahms, Max Reger, Cäsar Franck und Felix Mendelssohn-Bartholdy geläufig. Doch den Ruhm eines "ganz singulären Mannes" ("Bremer Nachrichten") erspielte er sich vor allem mit der Ur- und Erstaufführung von über 60 zeitgenössischen Stücken und in der Hauptrolle des Organisten in Kagels Film "Hallelujah". Zeitgenössische Komponisten wie Sylvano Bussotti, Dieter Schönbach, Isang Yun, Ligeti, Schnebel und Kagel bedachten ihn mit Spezial-Partituren, sieben Orgelstücke schrieb sich Zacher selbst.
"Wie man sich früher nach Lübeck begab, Buxtehude die letzten Neuheiten der Orgeltechnik darbieten zu hören", schwärmte der französische Musikkritiker Claude Rostand, "so kommt man heute aus ganz Europa, Gerd Zacher zu hören."
Oder Peugeot-Fahrer Zacher kommt: zum Evangelischen Kirchentag in Stuttgart, zum Praetorius-Fest in Wolfenbüttel, zur "Woche für geistliche Musik" in Kassel. Er konzertierte bei den "Luzerner Festwochen" und beim "Maggio Musicale" in Florenz, in Straßburg, Paris und Madrid. Soeben debütierte er -- mit Konzerten und Seminaren -- in den USA.
Seine "höchst abenteuerlichen Klänge" ("Time") waren ihm vorausgeeilt. Auf insgesamt acht Stereo-Platten entfesselt Zacher, genau wie live, "alle Schrecken, die die modernen Stücke enthalten" ("Die Weltwoche"), und das mit einer "Virtuosität, die auch gewieften Organisten Schauder einflößt" ("FAZ").
Das liegt in der Familie. Ein Bruder von Zachers Großmutter mußte das Organistenamt quittieren, weil er die Gemeinde mit Phantasien von Max Reger verschreckt hatte; Zachers Großvater ("Unsere Familie hielt alle Organisten-Posten an der Bahnstrecke Köln -- Aachen besetzt") traktierte Kirchen- und Kinoorgeln gegen den Strich.
Spätestens am Ende der Realschulzeit stand deshalb auch für den im Emsland geborenen Gerd Zacher das Kirchenmusik-Studium fest. 1949 ging er an die Musikakademie in Detmold, schon fünf Jahre später bewarb er sich um die Organisten-Stelle an der Lutherkirche in Hamburg-Wellingsbüttel. Aber die Kirchenmänner wollten von einem Studenten ohne Examen nichts hören.
So folgte Zacher erst einmal einer privaten Einladung nach Santiago de Chile, wo er an der Deutschen Evangelischen Kirche seine "ersten Versuche mit serieller Musik auf der Orgel" startete, ganze Soireen mit Messiaen-Musik bestritt und sich als Dirigent versuchte: In einer Aufführung der Auferstehungshistorie von Heinrich Schütz sang der österreichische Kulturattaché einen Jünger, ein Waschmittel-Fabrikant den Evangelisten, eine Tankstellen-Inhaberin die Maria Magdalena.
Nach diesen "Jahren der fruchtbaren Praxis" (Zacher) durfte der gläubige Protestant 1957 dann doch in Hamburgs Lutherkirche einziehen, und die Gemeinde. deren "Verständnis mit meinen Fähigkeiten wuchs" (Zacher), belohnte ihn 1962 mit einer neuen Orgel.
1970 übernahm Zacher das Lehramt für Kirchenmusik an der Folkwang-Hochschule und versuchte fortan, die Gläubigen an Ruhr und Wupper zur Neuen Musik zu bekehren. "Aber Wuppertal". sagt Zacher, der wegen seiner Schock-Programme bereits vor den Kirchenvorstand zitiert wurde, "ist eben die Stadt der Glaubenskriege" da gibt es immer noch zwei Heerlager."
Die konservativen Gläubigen erwartet neues Ärgernis. und nicht nur durch Neue Musik. Schon beim Praetorius-Fest in Wolfenbüttel spielte Zacher den ganzen Abend nur unvollendete Kompositionen und ließ dabei auch die Lücken hören: Im "Tedeum" von Heinrich Scheidemann etwa legte er immer dann Pausen ein, wenn im Autograph Seiten fehlten. Zacher: "So sollten die Leute ihre eigene schöpferische Phantasie erkennen und nutzen."
Schöpferische Pausen will Zacher weiter popularisieren. Den "Contrapunctus I" aus Bachs "Kunst der Fuge" spielt er jetzt -- ohne eine Note des Originals anzutasten -- in neun nach Klangfarbe, Artikulation und Tempo verschiedenen Fassungen. Die zehnte Version ist stumm -- Zacher dirigiert sie schweigend auf der Orgelbank.
Zu dieser Pantomime fühlt er sich von Bach ermächtigt. "Bei einer andächtig Musik", schrieb der Thomaskantor, "ist allezeit Gott mit seyner Gnaden Gegenwart." Das, glaubt Zacher, genügt -- auch heute noch.

DER SPIEGEL 13/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 13/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MUSIK:
Schrecken und Schauder

  • Sozialer Brennpunkt Folsterhöhe: Kinderarmut in "Saarbrooklyn"
  • Kanada: Sturm sorgt für atemberaubenden Himmel
  • Mexikanischer Drogenboss: Lebenslange Haft für "El Chapo"
  • Neue Bahnansagen: Eine Stimme für 20 Millionen Fahrgäste täglich