24.04.1972

POLIZEIStoppende Wirkung

Deutsche Polizisten halten sich für unzureichend bewaffnet -- mit der dienstüblichen 7,65-Millimeter-Pistole. Sie fordern Revolver größeren Kalibers mit hoher „Aufhaltekraft“.
Spätestens seit der Serie ungewollter Exekutionen nach Art der Ballerei in Münchens Prinzregentenstraße -- bei der im August der Bankräuber Georg Rammelmayr von der Polizei getötet wurde -- sind die mangelhaften Schießkünste deutscher Polizeibeamter offenbar (SPIEGEL 34/1971).
Sechs Erschossene aus den eigenen Reihen in diesem Jahr -- und im letzten halben Jahr drei Opfer in Schießereien mit mutmaßlichen Angehörigen der auf Kaliber 9 spezialisierten Baader-Meinhof-Gruppe -- lassen deutsche Polizisten nunmehr auch an ihren Waffen zweifeln: Neun-Millimeter-Revolver mit "mannstoppender Wirkung" forderte unlängst bereits der Landesverband Hamburg des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) als Ersatz für die üblichen Polizei-Dienstpistolen Walther PP und PPK vom Kaliber 7,65 Millimeter.
Für Revolver und stärkeres Kaliber plädiert nach dem Law-and-order-beflissenen BDK ("Chicago darf nicht in der Bundesrepublik liegen") nun auch die "Deutsche Polizei", Monatsblatt der seit Jahren für polizeiliche Abrüstung und ziviles Polizei-Image streitenden Gewerkschaft der Polizei (GDP). Argument: Der Revolver sei funktionssicherer als die Pistole, das Neun-Millimeter-Kaliber im Vergleich zum 7,65-Pistolengeschoß sogar "humaner", so Rolf Hennig, 44, Fachbuchautor ("Pistole und Revolver"), Sportschütze und Schießlehrer-Ausbilder bei der niedersächsischen und Hamburger Kriminalpolizei.
Eine Reihe von technischen Vorzügen des Revolvers sind in der Tat unbestritten:
* Der Revolver gilt als unkomplizierter zu bedienen und sicherer als eine Selbstladepistole: Er kann aufgrund seiner Konstruktion entspannt und trotzdem schußbereit getragen werden; er ist nach jedem Schuß automatisch entspannt, und es kann sich deshalb nicht -- wie aus einer beispielsweise hinfallenden entsicherten Pistole -- ein unbeabsichtigter weiterer Schuß lösen.
* Aus ein und demselben Revolver lassen sich, im Gegensatz zur Pistole, verschiedene Munitionsarten (Blei-, Vollmantel-Geschosse verschiedener Form) sowie Munition der unterschiedlichsten "Laborierung" (Stärke) verschießen.
* Der Revolver ist schließlich erheblich zuverlässiger als die Pistole.
So gab es im letzten Frühjahr bei einem von Hennig geleiteten Schießausbilder-Kursus der niedersächsischen Kripo, bei dem jeweils rund 10 000 Schuß aus 7,65er Pistolen und Neun-Millimeter-Revolvern des amerikanischen Fabrikats Smith & Wesson verfeuert wurden, 149 "protokollierte Waffenstörungen". Sie waren ausschließlich bei den Pistolen aufgetreten.
Gleichwohl war der Revolver bei Deutschlands Polizisten bislang nicht sonderlich populär -- vor allem "aus Gründen der Tradition", wie Fachmann Hennig vermutet.
Die Ende des 19. Jahrhunderts erstmals von Deutschen in Serien gebaute Selbstladepistole gilt etwa durch die Fabrikate Walther und Mauser bis heute als ein Symbol deutscher Wertarbeit. Der 1835 von dem Amerikaner Samuel Colt erfundene Revolver dagegen wurde hierzulande vornehmlich unter Kinogängern als Western-Waffe und Ballermann von FBI-Agenten -- die freilich auch in Wirklichkeit nur Revolver tragen -- bekannt. Zweimal zogen die Deutschen mit der Standard-Armeepistole "08" in einen Weltkrieg. Deutsche Polizisten waren bis 1945 ausschließlich mit Pistolen bewaffnet.
Danach statteten die Sieger die anfangs nur mit Schlagstöcken bewaffneten westdeutschen Polizisten mit US-Armeerevolvern aus, unförmigen und schweren Schießgeräten, die Revolver nicht eben beliebt machten. Später rüstete die Polizei wieder auf die gewohnten Pistolen, überwiegend belgische FN- und spanische Star-Fabrikate vom Kaliber 9 (Schupo) und 7,65 (Kripo) uni und kehrte schließlich im Laufe der sechziger Jahre zu einheimischen Walther-Produkten mit dem einheitlichen Kaliber 7,65 zurück*.
Revolver des Kalibers neun Millimeter dagegen wurden erst in jüngster Zeit und nach zunehmender Konfrontation der Polizei mit bewaffneten Tätern vereinzelt und versuchsweise an Beamte
* Von Ausnahmen abgesehen. Die Bereitschaftspolizei der Länder ist beispielsweise mit der Neun-Millimeter-Pistole P 38 ausgerüstet, die unter der Bezeichnung P 1 auch von der Bundeswehr getragen wird
des Einzeldienstes ausgegeben -- und auch das nur unter großen Vorbehalten.
Denn, so wendet etwa Ministerialdirigent Adolf Gemmer, Leiter der Polizeiabteilung im hessischen Innenministerium, gegen den größerkalibrigen Revolver ein: "Wir sind Polizeibeamte und keine Henker. Wir töten nicht, wir machen nur fluchtunfähig" -- und zwar im Sinne der Ländergesetze über die Anwendung unmittelbaren Zwanges (UZwG), wonach Polizisten flüchtende oder Widerstand leistende Straftäter nur flucht- und kampfunfähig schießen dürfen.
Gerade aber das Argument, daß die Polizei die UZwG-Regeln mit der kleinkalibrigen 7,65-Dienstpistole zwangsläufig eher einhalten kann als mit einem Revolver größeren Kalibers, glaubt Hennig widerlegen zu können:
Während bei Verwendung einer stärkeren Patrone, etwa aus einem Neun-Millimeter-Revolver, so argumentiert Hennig, "meist ein einziger Treffer genügt, um den Angriff oder die Flucht zu stoppen", sind bei Gebrauch einer schwachen Patrone, etwa aus einer 7,65er, "oftmals mehrere oder gar zahlreiche Treffer erforderlich", weil sich der Angeschossene aufgrund der geringen "Augenblickswirkung" zunächst weiter zur Wehr setzen kann.
Hennig: "Mehrere Treffer sind aber in aller Regel lebensgefährlicher als ein einzelner." Denn psychologisch sieht Hennig beispielsweise die Lage eines Polizisten in Notwehr-Situation ohnedies so: "Zunächst schießt er auf Arme und Beine. Wenn er bei seinem Gegner keine Wirkung verspürt und dieser weiter zurückschießt, hält er eben voll drauf."
Nach Hennigs Vorstellungen kann aber auch ein in exponierte Körperregionen plazierter Schuß größeren Revolver-Kalibers weniger lebensgefährlich sein als ein an gleicher Stelle angebrachter Schuß aus einer 7,65er Pistole. Denn insbesondere zur Polizisten-Selbstverteidigung -- also für kurze Distanzen -- möchte Hennig die Polizei-Munition so "laboriert" sehen, daß mit ihr eine hohe Aufhaltekraft erzielt wird.
Das heißt: Durch Zusammenwirken eines möglichst großen Kalibers, einer möglichst ungünstigen aerodynamischen Geschoß-Form und eines möglichst hohen Geschoßgewichts wird die Munition so konzipiert, daß sie bereits beim Aufprall auf den Körper den größten Teil ihrer Energie abgibt -- deshalb nur noch geringe Durchschlagskraft hat -- und den Getroffenen so wie durch einen Schlag umwirft und außer Gefecht setzt.
Ein ideales Polizei-Geschoß wäre danach -- laut Hennig -- eine Kugel "mit Wirkung eines geschleuderten Sandsacks: Der Mann fällt um. Holt sich außer blauen Flecken aber gar nichts". Solche Pistolen-Munition ist freilich bis heute nicht erfunden.

DER SPIEGEL 18/1972
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