03.04.1972

KONZERNEChile am Rhein

In wirtschaftsimperialistischer Manier münzte der US-Konzern ITT wirtschaftliche Macht in politischen Einfluß um. Um in Chile der Verstaatlichung zu entgehen, soll ITT sogar Allendes Sturz geplant haben.
Die Späher des Konzerns schickten frohe Kunde.
Endlich, so kabelten sie an ihre Bosse in New York, habe der US-Botschafter in Santiago, Edward Korry, vom State Department "grünes Licht" bekommen, "alles nur Mögliche zu tun -- bis an den Rand einer Intervention wie in Santo Domingo -, um Allende an der Machtübernahme zu hindern".
Das war im September 1970 -- knapp zwei Wochen nach dem Wahlsieg des Marxisten Salvador Allende.
Für die Konzernherren an der Park Avenue, die Manager des gigantischen US-Mischkonzerns ITT (International Telephone and Telegraph Corporation), bedeutete das: Ihre Chile-Investitionen in Höhe von annähernd 200 Millionen Dollar, vor allem ihre Anteile an der chilenischen Telephon-Gesellschaft, waren möglicherweise noch vor einer drohenden Verstaatlichung zu retten.
Was die Firma alles unternommen hatte, um die Nixon-Administration gegen den Amtsantritt des chilenischen Volksfrontchefs zu mobilisieren, enthüllte in der vorletzten Woche der US-Kolumnist Jack Anderson anhand von 82 Photokopien geheimer Memoranden, Briefe und Fernschreiben, die angeblich aus den Giftschränken von ITT stammten.
Die Dokumente belegen: Auch heute noch, nach den Praktiken der legendären United Fruit Company in Guatemala, nach nordamerikanischer Wirtschaftsdiktatur in Lateinamerika, arbeiten US-Konzerne so wie in der Frühzeit des US-Interventionismus, als 1916 ein General Smedley Butler "für die Boys von der National City Bank" mit seinen Mannes in der Dominikanischen Republik gelandet war.
Nach einem der von Anderson veröffentlichten Briefe etwa besprach der Washingtoner ITT-Direktor William R. Merriam beim Lunch "mit unserem Kontaktmann bei der McLean Agency" -- dem allmächtigen US-Geheimdienst CIA den Plan, "Chile in ein wahres Wirtschaftschaos zu stürzen, um die Armee zur Machtübernahme aufzustacheln" (Anderson). Ihre Hoffnung sei dabei jener General Roberto Viaux gewesen, der inzwischen in Santiago einsitzt angeklagt wegen seiner Beteiligung an der Ermordung des loyalen chilenischen Generalstabschefs Rene Schneider.
Und den wichtigsten Präsidentenberater. Henry Kissinger, drängte Merriam, "die US-Politik in Lateinamerika zu verschärfen". Den Widerstand gegen Allende, so versicherte Merriams ITT-Kollege J. D. Neal einem Kissinger-Mitarbeiter, werde der Konzern "mit bis zu siebenstelligen Summen unterstützen".
Mit dem Chile-Komplott schockte der politisierende Gemischtwaren-Trust ITT innerhalb von drei Wochen zum zweitenmal die amerikanische Öffentlichkeit.
Erst Ende Februar hatte derselbe Anderson aufgedeckt, daß der Konzern im vergangenen Jahr 400 000 Dollar für den Parteikonvent der Republikaner anbot (tatsächlich aber nur 100 000 zahlte) -- und dafür fürstlich belohnt worden war: Nixons Justizminister Mitchell schlug durch persönliche Intervention drei Antitrust-Verfahren gegen ITT nieder.
Heute will niemand in der Nixon-Regierung und bei ITT die enge Verknüpfung von Geschäfts-, Partei- und außenpolitischen Interessen wahrhaben. Dennoch fragte die "Washington Post": "Was ist das für ein System, in dem eine mächtige Firma durch die Korridore staatlicher Macht wandeln darf, als wären es ihre eigenen?"
Es ist jenes System der Lobbyisten-Herrschaft und Industrie-Hörigkeit, das sich seit Generationen hinter der sauberen Fassade amerikanischer Demokratie verbirgt und das schon viele US-Regierungen in Gewissenskonflikte brachte.
Indem Nixons Mitchell der Firma ITT in ihrem Antitrust-Verfahren half, verhinderte er bislang, daß sein designierter -- und in das ITT-Geschäft verwickelter -- Nachfolger Richard Kleindienst den Chefsessel im Justizministerium übernehmen kann.
Das Glück des Präsidenten sei nur, so bewehleiden sich Amerikas Demokraten, daß die wichtigsten Politiker der Opposition im Augenblick nur darauf bedacht sind, sich im Vor-Wahlkampf selbst zu zerfleischen. "Sonst", so ein Senator der republikanischen (Nixon-) Partei, "wäre ITT der Skandal, über den Nixon fallen könnte."
"Der Zugang (der Firma) zu den Hebeln der Macht ist erschreckend", fand die "New York Times", "ITT scheint mehr eine Regierung als eine Privatfirma zu sein.
Einer Regierung gleich hat der Konzern eine eigene außenpolitische Abteilung und einen eigenen Nachrichtendienst. Er beschäftigt ehemalige US-Diplomaten, und auf seinen Gehaltslisten standen bereits ein früherer Uno-Generalsekretär und ein belgischer Ex-Premier. Neben internationalen Bankern sitzt im ITT-Aufsichtsrat auch der ehemalige CIA-Chef John McCone.
Ein eigener ITT-Spionage-Abwehrdienst soll verhindern, daß die Firmengeheimnisse nach außen dringen -- trotzdem gibt es offenbar gelegentliche Pannen, wie die Veröffentlichung der vertraulichen Papiere zeigte.
"Ich schätze", so scherzte der allmächtige ITT-Boß Harold Sydney Geneen, 62, "wir müssen als nächstes eine Firma kaufen, die Reißwölfe herstellt." Es ist möglicherweise die einzige Branche, in der ITT bisher noch nicht vertreten ist.
Denn Geneens Industrie-Imperium ist so groß, die Palette der angebotenen Produkte und Dienstleistungen so vielfältig, daß er kaum einen Schritt tun kann, ohne dabei auf den Namen ITT zu stoßen: Wenn Geneen morgens frühstückt, Fischstäbchen oder Kartoffel-Chips knabbert oder abends zu einem Buch greift, immer kann er auf Erzeugnisse aus dem eigenen Konzern zurückgreifen.
Geneen kann bei einer ITT-eigenen Bank einen Kundenkredit beantragen, sich dafür ein von ITT produziertes Fernsehgerät kaufen -- und dann Programme von Sendern empfangen, die sein Konzern installiert hat.
Ob Geneen im Flugzeug von Sicherheitssystemen zu Boden geleitet wird, ein Haus bauen will, in Avis-Leihwagen zu Konferenzen in Sheraton-Hotels fährt, Telephone bedient oder Radio hört, Spargroschen in Investment-Zertifikate oder Lebensversicherungen investiert, Zug fährt oder zu Hause in seiner New Yorker Appartement-Wohnung eine Glühbirne einschraubt -- immer bleibt der ITT-Boß im Reich seines Konzerns.
Und sogar wenn er nachts zum Himmel blickt, kreisen über ihm Satelliten, die sein Konzern mit elektronischen Geräten ausrüstete. Auch der Präsident der Vereinigten Staaten bedient sich bei seiner Weltpolitik -- selbst wenn er nicht an Chile denkt -- der Produkte von ITT: Der heiße Draht nach Moskau wird von Geneens Superfirma unterhalten.
Mit einem Umsatz von 23,6 Milliarden Mark im Jahr und 400 000 Beschäftigten gehört der New Yorker Konzern zu den zehn größten Industrie-Trusts der Welt. Allein seine deutschen Unternehmen, darunter die Stuttgarter Standard Elektrik Lorenz AG die Frankfurter Bremsenfabrik Alfred Teves GmbH ("Ate") und die Tiefkühlkostfirma Grönland erreichen einen Umsatz von über drei Milliarden Mark. ITT ist damit in Deutschland fast so groß wie beispielsweise der Waschmittel-Konzern Henkel. In Europa setzt ITT acht Milliarden Mark um -- die Prämieneinnahmen aus dem Versicherungsgeschäft nicht mitgerechnet.
Noch vor zwölf Jahren war ITT eine "farblose Gesellschaft" (so das britischamerikanische Magazin "International Management"), die kaum jemand kannte.
Doch nachdem 1959 Harold S. Geneen zum ITT-Boß avanciert war, trieb der ehrgeizige Manager die damalige Nachrichten- und Fernmeldeanlagen-Firma von Jahr zu Jahr "in neue Branchen. Geneen schreckte die Manager anderer Konzerne durch hemmungslose Expansion und den Aufkauf zahlreicher Industriebetriebe in aller Welt (siehe Graphik Seite 99).
So griff Geneen allein in den letzten Jahren nach rund 60 Unternehmen, darunter der sechstgrößten US-Versicherungsgesellschaft Hartford Fire mit jährlichen Prämieneinnahmen von rund einer Milliarde Dollar, der Sheraton-Hotelkette, der Autovermiet-Firma Avis und dem Nahrungsmitelkonzern Continental Baking.
In Deutschland erwarb der aggressive Manager etwa die Transatlantische Versicherungs AG in Hamburg (mit jährlichen Prämieneinnahmen von 78 Millionen Mark). die Armaturenfirma Grohe in Hemer (3000 Beschäftigte, 200 Millionen Mark Umsatz) und die SWF-Spezialfabrik für Autozubehör Gustav Rau GmbH in Bietigheim (7000 Beschäftigte, 300 Millionen Mark Umsatz) -- nicht ohne den Argwohn der deutschen Konkurrenz, etwa der Stuttgarter Allianz oder der Robert Bosch GmbH, zu erregen. "In Europa", so kommentierte "Time, "marschiert ITT voran wie Pattons Dritte Panzerarmee."
Der Aufstieg der Telephonfirma zum multinationalen Industrie-Trust ist das Werk eines Mannes, dessen steile Karriere einen ungewöhnlichen Ehrgeiz verrät: Geneen, 1910 als Sohn britischer Einwanderer geboren, begann als Börsenbote, schulte sich in Abendkursen zum Buchhalter und stieg dann immer schneller auf, bis er mit 46 Jahren 1956 als Vizepräsident der Raytheon Company ins Top-Management einbrach. 1959 verließ er voller Ärger das Unternehmen wegen Differenzen über die Geschäftspolitik und übernahm die Kontrolle bei ITT. Am selben Tag fielen die Raytheon-Aktien um sechseinhalb Punkte.
Heute ist Geneen mit jährlichen Bar-Bezügen von 766 000 Dollar der höchstbezahlte Manager der USA. Mit harter Hand zwang der stets dunkel gekleidete rundliche Mann der neuen Firma seinen Stil auf: das "open-management" (Geneen) mit monatlichen Treffs aller Spitzenmanager, monatlichen Rechenschaftsberichten und harten Diskussionen über Fehler oder Versäumnisse. Geneen liebt es, in diesen Mammutkonferenzen rund um die Uhr sich und seine Kollegen durch Herunterdrehen der Klimaanlage und solcherart künstlich erzeugte Kälteschauer fitzuhalten. Nichtraucher Geneen zu Beginn einer Konferenz: "Guten Morgen, meine Herren, wir werden für das Dinner etwa um Mitternacht eine kleine Pause einlegen."
So reist der hobbylose Manager auch einmal im Monat mit seinem 14sitzigen Jet (Marke: Grumman Gulfstream) in die Brüsseler ITT-Zentrale, das europäische "Sandwich-Zentrum" (Firmen-Slogan, da es dort statt des üppigen belgischen Essens nur dünnbelegte Brote gibt). Dort erstatten ihm in Non-stop-Konferenzen die zugekauften Manager über seine europäischen Dependancen Bericht. Solange sie jährlich den Gewinn um 15 Prozent steigern, läßt Geneen sie gewähren. Erreicht aber ein Manager diese Marke ohne ausreichende Erklärung nicht, wird er gefeuert oder auf einen abgelegenen Außenposten des ITT-Imperiums verbannt.
Seine Firmenkäufe finanzierte der Konzernschmied stets bargeldlos: Mit laufenden Kapitalerhöhungen holte er sich von den über 250 000 Aktionären das Geld für neue Akquisitionen -- und tauschte die Aktien der geschluckten Unternehmen in ITT-Anteilscheine um. Geneen stolz: "Wir haben keinerlei ungewöhnliche finanzielle Methoden benutzt."
Doch je gieriger Harold Geneens ITT eine Firma nach der anderen schluckte. desto größer wurden die Angriffsflächen, die der Konzern-Boß seinen Kritikern bot.
So mußte der Fusions-Stachanow im Januar 1968 den Plan aufgeben, seinem Unternehmen den US-Rundfunk- und Fernsehtrust American Broadcasting Company (ABC) anzugliedern. Der damalige Antitrust-Chef in Washingtons Justizministerium, Donald F. Turner, hatte erkannt: Mit Hilfe des größten Kommunikations-Kombinats aller Zeiten hätte ITT die ABC-Nachrichtensendungen "in unzulässiger Weise" manipulieren können.
In einem ähnlich spektakulären Antitrust-Verfahren versuchte vergangenes Jahr der Turner-Nachfolger im US-Justizministerium, Richard W. McLaren, die unheimliche ITT-Expansion zu stoppen. In der bisher größten Entflechtungsklage der Geschichte wollte er Geneen zwingen, die zwei Jahre zuvor gekaufte Versicherungsgesellschaft Hartford Fire sowie zwei weitere Firmen wieder abzustoßen.
Jedoch, der Kartellwächter scheiterte an Geneens Lobby-Trupp in Washington. Gegen harte Dollar durfte Geneen die Mammut-Versicherungsfirma mit jährlichen Prämieneinnahmen von mehr als drei Milliarden Mark behalten.
Immerhin: Dafür, daß ITT den Koloß Hartford Fire nicht zu verkaufen brauchte, mußte sich Geneen verpflichten, sechs andere ITT-Töchter -- darunter Avis Rent-a-Car -- zu veräußern. Außerdem wurde Geneen verboten, zehn Jahre lang größere US-Firmen zu erwerben
Da dem ruhelosen Manager mithin die Expansion in Amerika verwehrt ist, er andererseits aber annähernd zwei Milliarden Mark aus dem Zwangsverkauf der sechs Firmen erlösen wird, fürchten Europas Firmenchefs eine zügellose ITT-Invasion in Europa, die alle bisherigen Firmenkäufe in den Schatten stellt.
"Es wird nicht mehr lange dauern", unkte vergangene Woche ein westdeutscher Wirtschaftler unter Anspielung auf das jetzt aufgedeckte Aliende-Komplott, "dann haben wir Chile am Rhein."

DER SPIEGEL 15/1972
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