28.02.1972

JUMBO-ENTFÜHRUNGNeue Gelüste

Verkehrsminister Georg Leber vorsuchte, aus der Entführung eines Lufthansa-Jumbos Kapital zu schlagen.
Drei Tage lang hüteten Diplomaten des Bonner Außenamtes ein Geheimnis. Dann, am vierten Tag, wurde es verraten -- von einem Kabinettsmitglied.
Am Dienstag vergangener Woche hatten die Hintermänner der arabischen Entführer des Lufthansa-Jumbos "Baden-Württemberg" ihre Fünf-Millionen-Dollar-Forderung der deutschen Fluggesellschaft für die Freilassung der in Aden festgehaltenen Maschine und ihrer 188 Insassen präsentiert.
Am Mittwoch händigte Lufthansa-Sicherheitsbeauftragter Berger 15,5 Millionen Mark den Kassierern der arabischen Befreiungsfront aus, die 40 Kilometer außerhalb der libanesischen Hauptstadt Beirut auf die Sendung aus Westdeutschland warteten.
Am Donnerstag -- die "Baden-Württemberg" war bereits auf dem Rückflug nach Frankfurt -- beteuerte der Vortragende Legationsrat Erster Klasse Günther Schädel, Chef des nach der Entführung installierten Krisenstabs im AA: "Lösegelder haben wir noch nie bezahlt."
Und Nahost-Experte Wolfgang Bente, stellvertretender Krisenmanager, blieb verschwiegen: "Die Sache ist vertraulich, wir sagen nichts."
Leber selber verpflichtete noch am Donnerstag das Bundespresseamt zu *Auf dein Flughafen in Aden.
strengster Geheimhaltung und verbot jegliche Andeutung über die Lösegeldaffäre. Sogar die libanesische Regierung und die arabischen Guerillas übten mit den zugeknöpften Bonner Diplomaten Solidarität.
Sie dementierten entschieden einen Bericht der libanesischen Zeitung "AI Moharrer", Bonn habe drei Millionen Lösegeld lockergemacht. Bente: "Selbst wenn da was dran wäre, könnte man nichts sagen. Das würde nur neue Gelüste wecken."
Doch der weltweite Geheimhaltungspakt -- neben dem Libanon hatte Born" die USA, die Sowjet-Union, England, Frankreich und den Jemen um Hilfe für den Jumbo gebeten -- wurde gebrochen: Georg Leber, publizitätshungriger Bundesminister für Verkehr sowie für das Post- und Fernmeldewesen, konnte der Versuchung zu Schlagzeilen nicht länger widerstehen.
Verärgert über das Presseecho am Freitagmorgen. das die Freilassung der "Baden-Württemberg" dem Geschick des Auswärtigen Amtes und seines nach Aden entsandten Ministerialdirigenten Kurt Müller (AA-Kürzel: "Mamelucken-Müller") gutschrieb, entschloß sich der Minister zu seinem Überraschungs-Coup. Als oberster Dienstherr der Bundestochter Lufthansa (80 Prozent des LH-Kapitals gehören dem Bund) hatte Leber "alle Zuständigkeiten an sich gezogen" und die Regie bei der Lösegeldübergabe übernommen. Am Freitagvormittag verließ er die Bundestagsdebatte über die Ostverträge und präsentierte den Bonner Journalisten einen Hijacking-Krimi -- mit allen Details.
Vor der Presse produzierte sich der biedere Hesse als Retter der "Baden-Württemberg", der auch die Selbstverständlichkeit nicht zu erwähnen vergaß, daß ihm Menschenleben mehr wert seien als "schnöder Mammon".
Die Zufriedenheit des Ministers ist verständlich. An seinem Veto scheiterte kürzlich im Bundeskabinett ein Beschluß, nach dem Vorbild der Luftfahrtgesellschaften "PanAm" und "El AI" auch LH-Maschinen mit bewaffneten Sicherheitsbeamten notdürftig aufzurüsten.
Forsch setzte sich der Straßenbauer über kriminologische Weisheiten hinweg. Mit seinem Enthüllungssolo verstieß er gegen den Grundsatz, Lösegeldzahlungen möglichst diskret zu behandeln, um neue Erpresser nicht zur Nachahmung zu animieren. Mehr noch, der Minister lieferte mit seiner Schilderung eine minuziöse Gebrauchsanweisung, wie aus einem Lufthansa-Ticket fünf Millionen Dollar zu machen sind.
Was die am Ausgleich mit der arabischen Welt interessierten Bonner Diplomaten besonders verärgerte: Der redselige Minister unterließ es, die durch die erste Entführung einer Lufthansa-Maschine aufgerührten anti-arabischen Emotionen in der bundesdeutschen Bevölkerung zu dämpfen und deutlich zwischen extremistischen Terrororganisationen und den Regierungen arabischer Länder zu unterscheiden. Offen kritisierte er die Freilassung der Freischärler durch die Regierung des Jemen: "Es billigt niemand, daß man die freigelassen hat."
Unbedacht arbeitete der außenpolitische Laie Leber den arabischen Guerillas in die Hände. denen es bei der spektakulären Entführung nicht nur um Geld, sondern auch um politische Ziele gegangen war. Und den Minister focht auch nicht an, daß AA-Müller kurz zuvor im Namen der Bundesregierung der jemenitischen Regierung für die Vermittlung gedankt hatte.
Die von Bagdad aus gesteuerte Gruppe, so mutmaßen Bonner Nahost-Experten, habe versucht, entsprechend den Absichten der anti-bundesdeutsch eingestellten Regierung des Irak die sich anbahnende Normalisierung des Verhältnisses zwischen der Bundesrepublik und der Mehrzahl der arabischen Staaten zu stören.
So hatte Radio Bagdad zur Zeit der Jumbo-Entführung eine Bonn-feindliche Propaganda-Kampagne inszeniert und die amtliche irakische Nachrichtenagentur am vergangenen Mittwoch verbreitet, der Irak habe vollstes Verständnis für die Aktion, weil die Bundesrepublik Israel militärisch und finanziell unterstütze.
Dem Verkehrsminister freilich versagten sich derlei politische Zusammenhänge. Auch nach seiner Krimi-Show dachte er vor allem an sich selbst. Der Auslöser der "Baden-Württemberg": "Wenn so was schiefgeht, hilft Abdanken nichts, da hilft nur Auswandern."

DER SPIEGEL 10/1972
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