28.02.1972

BONNAlle verrückt

Weil der „Lange Eugen“ feuergefährlich ist, wollen ihn Bonns Parlamentarier umbauen.
Reichlich kurzatmig stolperten Feuerwehrleute über die letzte Treppe. Vom 29. Stockwerk des Bonner Abgeordnetenhauses bis zum Entree brauchten die schnellsten 9 Minuten.
Mit seinen Helfern untersuchte der Frankfurter Feuerwehrchef und Brandsachverständige Ernst Achilles in der vergangenen Woche den vor drei Jahren in Dienst gestellten Bonner Abgeordneten-Silo auf Feuersicherheit und Fluchtwege. In mehreren Etagen entzündete der Feuerwerker ("Ich kämpfe seit Jahren für eine wesentliche Verschärfung der Sicherheits-Bestimmungen in Hochhäusern") Rauchpulver, um Zugluft zu messen. Als der Qualm verzogen war, stand für Achilles fest: "Da muß etwas geschehen."
Spätestens seit der Hotel-Brandkatastrophe letzte Weihnachten im koreanischen Seoul (165 Tote) bangen Bonns Volksvertreter um ihr Leben. SPD-MdB Karl Bechert fühlt sich in "einer menschlichen Falle" gefangen, CDU-Kollege Ferdi Breidbach will "lieber heute als morgen hier raus", und Parlaments-Vize-Präsident Hermann Schmitt-Vockenhausen hat es schon immer gewußt: "Ich habe gleich nach meinem Amtsantritt den Bundestagsdirektor um eine Prüfung der Sicherheit im Langen Eugen gebeten."
Schon in den vergangenen Jahren mußten Bonns Parlamentarier häufig an ihren zwangsemeritierten Parlaments-Präsidenten Eugen Gerstenmaier denken, wenn sie in ihren Abgeordnetenstuben froren oder schwitzten, wenn es klemmte, wackelte oder zog. CDU-MdB Jürgen Wohlrabe über das 1965 von Gerstenmaier in Auftrag gegebene Gebäude: "Das ist ein ganz übler Bau, eine Fehlkonstruktion bis ins letzte, das ist Eugens Rache."
Seit die MdBs sich nun auch um ihre Sicherheit sorgen müssen, erörtern Präsidium und Ältestenrat des Bundestags" wie die Folgen einer Feuersbrunst in der Gronau vermindert werden können. Stand der Erkenntnis: Etwa jeder dritte der 1290 im Hochhaus tätigen Abgeordneten und Angestellten, Beamten und Arbeiter soll -- peu à peu -- evakuiert und in neuen Häusern untergebracht werden. Richtfest für die neuen Silos: 1976.
Ein anderer Fluchtweg öffnet sich nach den Parlamentarierplänen auch erst in einigen Jahren. Denn frühestens 1976 soll mit einem Aufwand von etwa zwei Millionen Mark neben dem Hochhaus ein Turm gebaut werden, der mit Feuerwehr-Aufzug und Treppe für zusätzliche Sicherheit sorgt. In jeder Etage soll der schmale Eugen durch Brücken mit dem langen Eugen verbunden sein.
Der geplante Neubau ist freilich nach Ansicht der Eugen-Architekten ebenso unschön wie überflüssig. Die Erben des verstorbenen Baumeisters Egon Eiermann beharren darauf, Bonns höchstes Haus (Kosten: 48 Millionen Mark) sei 1969 von der Bauaufsicht geprüft und für sicher befunden worden.
Eiermann-Schüler Georg Pollich, der einst den umstrittenen Bonner Wolkenkratzer konstruieren half und jetzt ein neues Kanzleramt entwirft, beruft sich auf den Meister: "Wenn er noch lebte, würde er sagen: Ihr seid alle verrückt geworden."

DER SPIEGEL 10/1972
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