21.02.1972

Poker und Spitzendeckchen

Als Richard Milhous Nixon, zur Zeit in Peking, am Ende des Zweiten Weltkrieges aus der Etappe des südpazifischen Kriegsschauplatzes nach Hause kam, da hatte er, obwohl er bloß Kapitänleutnant war, so um die 10 000 Dollar beisammen -- nicht eigentlich gespart und auch nicht eigentlich verdient, sondern gewonnen: beim Pokern. Unter den Nachschubspezialisten und den Kammerbullen seines Marine-Lufttransportkommandos in Neukaledonien war er mit Abstand der pfiffigste und der erfolgreichste Pokerspieler.
Seit er Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, arbeitet Richard Nixon in drei übers ganze Land verteilten "Weißen Häusern" -- Washington, Ost, San Clemente, West, Key Biscayne, Süd -- und, wenn er in Washington ist, nachmittags von drei bis sechs meistens in einem Zweitbüro, gut versteckt in der Zuckerbäckerfestung des "Executive Office Building" gleich neben dem Weißen Haus. Dort fand ihn einer seiner ungezählten Gehilfen neulich studierend in einem bequemen Armsessel, die Beine hochgelegt auf einen zugehörigen Fußschemel. Und zwischen seine Schuhe und den seidenen Bezug des Fußschemels hatte Präsident Nixon schützend ein Handtuch gebreitet.
Den amerikanischen Kolumnisten Stewart Alsop, der diese Geschichte in der Februar-Ausgabe des Magazins "The Atlantic" kolportiert, erinnert das Handtuch an ein Antimakassar, an jenes Tüchlein, häufig war es auch ein Spitzendeckchen, womit sorgliche Hausfrauen weiland die Kopfteile ihrer Ohrensessel vor den Spuren des (Makassar geheißenen) Haaröls der Herren zu bewahren suchten, und das so etwas wie das Wahrzeichen des respektablen amerikanischen Mittelklasse-Haushalts war.
Und ein Präsident der Vereinigten Staaten, der sich zum Schutz eines fiskalischen Fußschemels eigens ein Handtuch von der Toilette mitbringt. der ist, so Alsop, unzweifelhaft ein "square" -- einer aus der schweigenden Mehrheit der altmodischen, rechtschaffenen, gottesfürchtigen Kleinbürger des Middle America.
Ein "square", der pokern kann, notabene; ein gottesfürchtiger Kleinbürger, der beiläufig ein paar tausend Dollar bei einem Kartenspiel einnimmt, bei dem das Bluffen so unentbehrlich ist wie die heilige Maria beim Rosenkranzbeten.
Das ist ein Mann, der gewinnen will, weil es nun mal der Sinn der Sache ist, zu gewinnen beim Spiel, und der darum so lange nicht aufgibt, bis er besser (mindestens raffinierter) ist als seine Gegner.
Das ist ein Mann, den keine Theorie (und schon gar keine Ideologie) daran hindert, jeden Kniff und jeden Bluff anzuwenden, den das Spiel zuläßt, jeden Haken zu schlagen und jede Kehre zu machen, die den Gegner am Gewinnen hindern könnte -- solange dies in der rechten Gesinnung geschieht: für Familie, Flagge und Vaterland.
Das ist der junge Rechtsanwalt, der "alle fünfzehn Farben des Regenbogens annahm" (Nixon), als ihm zum erstenmal eine hübsche Klientin. die geschieden werden wollte, von ihren sexuellen Schwierigkeiten erzählte. Es ist aber auch der Absolvent einer beinharten Schule politischer Kampagnen. der weiß, wo man hinschlagen muß, damit es weh tut, und dessen "Instinkt ist, zurückzuschlagen" (Nixon), sobald er angegriffen wird.
Nur eines ist er nicht -- nie gewesen und auch im Amt des Präsidenten nicht geworden: ein "natural politician", ein Mann, der kraft seiner Persönlichkeit, * Im "Oval Office", seinem Arbeitszimmer im Weißen Haus.
jedenfalls durch persönliches Auftreten, die Unterstützung oder gar die Zuneigung der Wählermassen zu erwerben weiß. Er ist kein geborener, er ist ein gemachter Politiker, und so wirkt er auch: kalkuliert, künstlich -- eine sozusagen synthetische Figur.
"I just can't be a buddy-buddy boy", klagt er; auf neudeutsch etwa: "Ich hab" die Kumpel-Tour einfach nicht drauf." Und das ist noch geprahlt. Angesichts eines gestürzten, ernstlich verletzten Fahrers seiner Motorradeskorte zum Beispiel ist ihm nach wenigen Worten des Bedauerns nur noch die Frage eingefallen: "Macht Ihnen die Arbeit Freude?"
Dieser Präsident bleibt selbst für wohlwollende Betrachter (zum Beispiel für den Romancier und Reporter Allen Drury) ein kaum faßbares Phänomen: "scheu, einsam, oft verwundet, ehrgeizig, mutig und tief patriotisch" -- ein Mann, der fast verschwindet hinter seiner ehernen Selbstkontrolle, die das Fazit seiner Niederlagen ist, ein Mann, den die Präsidentschaft umgibt wie ein Cordon sanitaire.
Richard Nixon, vormals "Tricky Dick", hält die Würde des Amtes wie einen schützenden Schild vor sein narbenbedecktes Image, sein einwärts gewandtes Wesen, seine zähnebleckende Künstlichkeit. In Gegenwart des
Präsidenten (die Order erging noch vor seiner Amtseinführung) hat der Stab des Weißen Hauses jederzeit Schlips und Jackett zu tragen.
"Wenn ein Mann Präsident geworden ist" -- dies Präsident Nixons Selbstporträt -, "dann wird von ihm erwartet, daß er eine gewisse Würde zeigt, eine gewisse Distanz. Natürlich, er soll auch nett sein, aber die Leute wollen nicht, daß der Präsident der Vereinigten Staaten ein bißchen schlampig ist oder anzüglich oder vulgär."
Seit er Präsident ist, hat Richard Nixon niemand mehr vor Zeugen angeschrien oder auch nur harsch kritisiert. Er scheut "in kontroversen Fällen jede persönliche Konfrontation, geschweige denn feuert er jemanden. Es ist, als habe eine wundersame Wandlung aus dem geübten Tiefschläger der Kampagnen über Nacht einen Knigge der Nation gemacht.
Und was jenseits dieser gewollten Distanz als Selbstdarstellung sichtbar wird, das ist nichts anderes als ein Reflex des gesunden Volksempfindens, made in USA. Der Präsident als Titelblattfigur für "Ladies' Home Journal": Er schlemmt nicht, er ist Quasi-Nichtraucher, er mixt zwar (nach Nixons eigener Einschätzung) "die besten Martinis der Welt", trinkt aber selber höchstens am Wochenende mehr als einen davon. Er sieht unter der Woche noch nicht einmal fern (außer montags abends die zweite Halbzeit des Footballspiels), verbringt freie Zeit grundsätzlich in Familie, und wenn Weihnachtslieder gesungen werden, ist er der Mann am Klavier.
Im Weißen Haus haben die Nixons sonntägliche Morgenandachten eingeführt für maximal 350 geladene Gäste -- des Präsidenten Großmutter und seine Urgroßmutter mütterlicherseits waren ziemlich berühmte Wanderpredigerinnen. und den ambulanten Evangelisten Billy Graham zählt er zu seinen Freunden.
"Dies ist eine Krise der Gesinnung."
Ferner ist die Rock"n"Roll-Tendenz der Marine-~Band, die bei offiziellen Anlässen aufspielt" redressiert worden; es gibt jetzt wieder mehr Musical-Melodien und "light classics", wie der Präsident selber sie schätzt: Rachmaninow oder die Titelmelodie aus "Doktor Schiwago". Nur keine Extravaganzen.
Ein Präsident "muß leben wie ein Spartaner", verkündet Nixon. Er muß "sich bewahren" (wie ein keuscher Jüngling sich für die Ehe bewahrt), muß allzeit "körperlich und geistig diszipliniert sein, um ausgewogene Entscheidungen fällen zu können", wenn es um "die Zukunft von Krieg und Frieden" geht.
Nicht nur Nixons politische Strategie basiert auf der (wohl zutreffenden) Annahme, die Mehrheit der amerikanischen Wählerschaft bestehe aus Leuten wie ihm selbst, sondern offenbar auch sein Lebensstil.
Kein Zweifel: Er will der schweigenden Mehrheit "ihren" Präsidenten vorleben. Er will demonstrieren: Ich bin einer von euch, und ich habe es geschafft. Also seid stark im Glauben an euer amerikanisches Erbe, hört nicht auf die liberalen Zweifler. Dies ist immer noch das Land, in dem ein armer Junge aus Yorba Linda. Kalifornien, Präsident (und ein Tellerwäscher Millionär) werden kann. Der American Dream ist nicht ausgeträumt. Das System funktioniert.
"lt does work." Das ist Richard Nixons erster Glaubenssatz und zugleich der Kernsatz aller seiner Botschaften an die Nation: Das System funktioniert, es ist nicht am Ende, noch sind alle unsere Probleme lösbar, wenn wir sie nur in der rechten Gesinnung angehen. Die aber ist vielen abhanden gekommen. Also ist "das Wichtigste von allem ... Amerikas Gesinnung zu heilen (to restore the American spirit) ... Dies ist eine Krise der Gesinnung, vor der wir stehen".
Und ihr setzt Richard Nixon, Nachgeburt des American Dream, sein "It does work" entgegen wie eine Beschwörungsformel, wie ein vorweggenommenes Vermächtnis. "Was ich Amerika einmal hinterlassen möchte", sagt er zu Allen Drury, "das ist die wiederbelebte Überzeugung, daß das System eben doch funktioniert." Verräterischer Umgang mit einer Parole.
Ergo muß er es beweisen. Und das bedeutet nach Nixons Begriffen: Er muß gewinnen -- die Wahlen im November natürlich, er muß abermals Präsident werden; aber nicht nur das. Gewinnen heißt hier auch: Der Präsident muß Lösungen anbieten für die Probleme des Landes. Er muß überzeugender sein als seine Opponenten und erfolgreicher als seine Vorgänger. Kurzum, er muß "einen Unterschied machen". Und genauso formuliert Nixon selber seinen kategorischen Imperativ: "to make a difference".
Wenn ein armer Junge aus Yorba Linda den Reichen und den Wohlgeborenen ein so schweres Rennen geliefert hat wie Richard Nixon, wenn er so schlimm gebeutelt worden ist auf dem langen Marsch an die Macht, dann muß er wohl schon aus Gründen der seelischen Hygiene den Beweis versuchen, daß er tatsächlich besser ist als die anderen, tatsächlich ein bedeutender Mann, der imstande ist, "einen Unterschied zu machen".
Speziell die Cassius-Clay-Rhetorik dieses Präsidenten verrät das, seine heillose Hingabe an das Overstatement. Wenn man den Mann reden hört, dann muß man den Eindruck gewinnen, alle einigermaßen wesentlichen Ereignisse der Menschheitsgeschichte hätten in den letzten drei Jahren stattgefunden. Die Landung auf dem Mond zum Beispiel war in seiner Terminologie das größte
* Vizepräsident Agnew (l.), Evangelist Billy Graham (M.).
Ereignis "seit der Erschaffung der Welt", die Übereinkunft zur Abwertung des Dollars immerhin "die bedeutendste finanzielle Vereinbarung der Weltgeschichte".
Verräterisch auch der Umgang mit der Parole "Bring us together (etwa: Mach uns einig). Sie ist eine Fundsache aus dem Wahlkampf, genauer: aus Deshler, einer Kleinstadt im Bundesstaat Ohio, wo am 22. Oktober 1968 die (damals 13jährige) Pfarrerstochter Vicky Lynn Cole im Gedränge einer Wahlversammlung ihr "Nixon for President"-Schriftband verlor, statt dessen ein herumliegendes Plakat mit dem Text "Bring Us Together Again" aufnahm und hochhielt.
"Jetzt aber könnte
die Zeit gekommen sein."
Nixon sah den Slogan, war sogleich fasziniert von der Idee. als Einiger der Nation plakatiert zu werden, und ließ die Deshler-Geschichte von Ghostwriter Dill Safire in seine Wahlsieg-Rede hineinschreiben, sozusagen als Leitmotiv. Dabei ist "Bring us together" geradezu die Antithese zur Wahlstrategie. überhaupt zur politischen Strategie des Richard Nixon: nämlich Minderheiten (zum Beispiel die Schwarzen) links liegenzulassen, um des Beifalls.,. seiner" Mehrheit. der schweigenden Mehrheit willen.
Man muß das nicht gleich Betrug nennen. es hat mehr mit Bluff zu tun. "lt's all part of the game" (nicht von ungefähr heißen politische Entwürfe auf nixonesisch "game plans"). Wenn Nixon ein schwaches Blatt hat. wenn er einfach nur tut, was die Umstände ihm aufnötigen -- dann annonciert er das in einer besonders bombastischen Fernsehrede. Und wenn seine innenpolitischen Gegner Projekte entwerfen, die den Wähler überzeugen und dem Präsidenten mithin gefährlich werden könnten -- dann übernimmt er diese Projekte flugs in sein eigenes Programm. jedenfalls verbal.
Für Nixon sind das Fragen der Taktik, nicht des Prinzips. Selbst der Sprung über den eigenen Schatten fällt ihm mittlerweile so leicht wie eine morgengymnastische Lockerungsübung -- auch wenn die Position seiner Regierung dabei zeitweilig mehr nach links rutscht, als der klassischen Klientel dieses Präsidenten lieb ist. Denn seine rechte Gesinnung ist bei der Lawand-Order-Wählerschaft über jeden Zweifel erhaben. Und gelegentlich stellt er sie ja auch unter Beweis -- wenn er dem Richter in den Arm fällt zum Beispiel, der den Massaker-Leutnant Calley verurteilt hat
Das alles freilich hat nicht den "Unterschied gemacht", den zu machen Richard Nixon angetreten ist. Er hat noch nicht gewonnen, hat auch die Wiederwahl noch nicht in der Tasche. Bedenkt man. wieviel televisionäre Rhetorik. wieviel akrobatischen Aktionismus dieser Präsident in die zwölf Monate des vergangenen Jahres hineingepreßt hat. dann mutet die sinkende Zustimmungskurve. die Gallup ermittelt (siehe Graphik). fast wie ein Menetekel an. Und der Schatten. den Vietnam auf Nixons Wege wirft, ist für einen Mann wie ihn. der vor allem gewinnen will, wohl einfach zu breit zum Drüberspringen. Er weiß, daß Amerika (Mittelamerika eingeschlossen) sich aus der ruinösen Verstrickung lösen will, aber er kann (oder will?) offensichtlich nicht begreifen. daß dies auch eine moralische Verurteilung des Geschehenen bedeutet, bedeuten muß. Er sucht Amerikas Selbstachtung zu retten, indem er die Niederlage nicht eingestehen und nur einen "ehrenhaften" Frieden in
Südostasien akzeptieren will, aber er akzeptiert nicht, daß es keinen Konsensus mehr gibt in Amerika. was denn ein ehrenhafter Friede in Südostasien sei.
Er geht im Morgengrauen während einer der großen Vietnam-Demonstrationen in Washington zu den protestie-
* An Bord des Präsidenten-Flugzeigs "Air Force One".
renden Studenten am Lincoln Memorial, um mit ihnen zu diskutieren, findet dann aber die richtigen Worte nicht. landet beim Fußball und wundert sich. daß die Protestierer darüber nicht reden wollen.
Dennoch ist und bleibt er überzeugt von der "Möglichkeit. in der kurzen Zeit, die ich habe, etwas tun zu können. was jemand anders nicht hätte tun können", wovon "wir noch nicht einmal träumen konnten, als Eisenhower Präsident war. Die Zeit war noch nicht reif. Die Zeit war auch noch nicht reif, als Kennedy dran war, Jetzt aber könnte die Zeit gekommen sein" -- nämlich die Zeit für eine neue Balance of Power, für ein neues Gleichgewicht der Kräfte in einer nicht mehr nur zweigeteilten, in der multipolaren Welt.
Und "Nixon's the one": er ist dran, an ihm ist es. "den Augenblick zu nutzen
den Augenblick zu nutzen in unseren Beziehungen zu den Supermächten". Er hat, sagt er. "die größte Chance. die je ein Präsident in der Geschichte gehabt hat": Amerika einzuordnen in diese zeitgenössische Balance of Power" nach Peking zu reisen und nach Moskau in dem Versuch, eine "neue Struktur des Friedens" zu errichten und damit eine neue Epoche.
"Was zählt, wird sein, ob das, was wir getan haben, einen Unterschied gemacht hat, ob es eine Episode bezeichnet oder eine Epoche."
So wird es sein. Nur: Dieses letzte Zitat stammt gar nicht von Nixon. Es stammt von einem Mann, der wahrscheinlich mehr über Balance of Power weiß als irgend jemand sonst in Washington. Er ist Biograph Metternichs, Verehrer Bismarcks. Geheimdiplomat im Zeitalter der heißen Drähte und der totalen Information. Vordenker des Präsidenten, Wegbereiter der Reise nach Peking und dort zur Zeit der interessanteste Amerikaner. Der Mann heißt Henry Kissinger.

DER SPIEGEL 9/1972
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 9/1972
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Poker und Spitzendeckchen

  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung