07.11.2005

PHILOSOPHENGegen das fromme Dösen

150 Jahre nach seinem Tode erlebt der dänische Existentialist Sören Kierkegaard eine bemerkenswerte Renaissance.
Kopenhagens Bischof stand bleich hinter seinem Fenster an diesem Novembertag vor 150 Jahren und schaute hinab auf den Leichenzug mit den Marktweibern, den radikalen Studenten, den Hunden. Unten wurde lärmend der tote Kirchengegner gefeiert, als Held, ja, als Märtyrer: Sören Kierkegaard.
Ein junger Mann tritt vor und protestiert gegen das Kirchenzeremoniell. Es käme einer "Vergewaltigung" des Toten gleich. Ein letzter Tumult um diesen Mann, dessen ganzes geistiges Leben ein Aufruhr war. Dass ihn ausgerechnet der Pöbel zu einer Kultfigur machen würde, hätte er für ein vergnügliches Paradox gehalten.
Ein paar Wochen zuvor war er völlig erschöpft auf der Straße zusammengebrochen, im Alter von 42 Jahren. Er hatte gebrannt wie eine Fackel, dieser nordeuropäische Seelendichter, und in nur sechs Jahren das gewaltigste Werk aus sich herauslodern lassen - Kierkegaard, der Philosoph der Krise, der Analytiker der Angst.
"Man befürchtet im Augenblick nichts mehr als den totalen Bankrott in Europa", schrieb er. Man vergesse darüber aber "die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht". Es sind Sätze wie dieser, die ihn zu einem erkennbaren Zeitgenossen machen, weshalb eine regelrechte Kierkegaard-Renaissance zu verzeichnen ist. Kaum ein Verlag, der nicht seine Schriften ins Programm aufgenommen hätte.
Gerade wurde der erste Band der neuen, auf 55 Bände angelegten Gesamtausgabe herausgebracht*. Soeben auch erschien Joakim Garffs ungemein lesbare 1000-Seiten-Biografie als Taschenbuch**. Und Kierkegaard-Übersetzer Tim Hagemann lässt, nach den "Geheimen Papieren" im vorigen Jahr, nun die "Schriftproben" folgen, Tagebuchblätter und bisher unbekannte beißende Pressesatiren***.
Kierkegaard benötigte beträchtlichen Anlauf, um Kierkegaard zu werden. Das strengfromme Elternhaus stattet ihn zunächst mit einer robusten Antipathie gegen Religiöses aus. Er erwägt die Schauspielerei. Er studiert, bummelt, genießt, und sein Vater, ein vermögender Tuchhändler, begleicht die Schulden.
Dann dieses Erweckungserlebnis, das an Augustinus oder Pascal erinnert. Er notiert für den 19. Mai 1838 "zehneinhalb" Uhr "eine unbeschreibliche Freude". Kurz darauf verliebt er sich in ein junges Mädchen, Regine Olsen, hübsch und gebildet, aus allerbestem Hause.
Seine Briefe an sie sind ekstatisch, formvollendet, gedankentief, mit einem Wort: zu schön, um wahr zu sein. So schreibt man nicht, um ein Mädchen zu bezirzen. So schreibt man für die Ewigkeit.
Nach einem Jahr löst er die Verlobung. Er stößt Regine Olsen, die verzweifelt versucht, ihn zu verführen, regelrecht von sich. Er entscheidet sich fürs Zölibat. Er fühle sich unwürdig, behauptet er dem Mädchen gegenüber.
Er verdamme sich dafür, die junge Braut in "seine Strömung gerissen" zu haben, in sein dunkles Wesen, seine Verzweiflung, seine Schuld - tatsächlich rechnete Sören Kierkegaard von früh auf fest damit, jung zu sterben, wie die meisten seiner Geschwister, nach einem Fluch, der auf der Familie laste.
Er flüchtet erleichtert von Kopenhagen nach Berlin, um dem Großereignis jener Tage beizuwohnen, den Vorlesungen Schellings, gemeinsam mit Alexander von Humboldt, Leopold von Ranke, Bakunin, und urteilt schnell: "Schelling salbadert fürchterlich." Statt weiter zur nahen Universität zu pilgern, bleibt er in seinen komfortablen Räumen in der Jägerstraße 57 am Gendarmenmarkt und entwirft erste Skizzen zu jenem Buch, mit dem er alle bisherige Philosophie erschüttern wird, seinem ersten und letzten Bestseller zu Lebzeiten: "Entweder-Oder".
Ein Buch, das den Boden wanken lässt, auf dem wir durchs Leben trotten, auch heute noch, auf dem gleichen Gendarmenmarkt, vor Kierkegaards Wohnung, in der Herbstsonne, mit all den Touristen, den Geschäftsleuten, den Verliebten, den Musikern des nahen Konzerthauses.
Das Buch spielt auf verführerischste Weise mit literarischen Formen, mit Erzählung, Essay,
Brief. Es stellt Herrn A. vor, der von seiner "ästhetischen" Existenz berichtet mit ihren Sinnesfreuden, dem Theaterwirbel, den Mozart-Opern, dem sexuellen Genuss in den berühmten Ausführungen aus dem "Tagebuch des Verführers".
Dem gegenüber wird Herr B. gesetzt, der von der ästhetischen zur ethischen Existenz gefunden hat. Herr B. versucht Herrn A. von den Vorteilen seines Lebens zu überzeugen. Er hat gute Argumente. Zum Beispiel: Er ist nicht länger Spielzeug seiner Instinkte. Er kann wählen zwischen Gut und Böse. Er setzt sich selbst. "Man wählt sich selber in seiner ewigen Gültigkeit."
Das Problem für den Leser: Herr B. mag die besseren Argumente haben, aber er ist langweilig. Unendlich langweilig. "An ihm", so Tim Hagemann, "würde Reich-Ranicki scheitern." Herr A. mag vertiert sein und letztlich unglücklich in seiner Daseins-Leere, aber auf den ersten Blick sieht seine Existenz unbedingt reizvoller aus.
Kierkegaard scheint sich völlig herauszuhalten. Er ist kein Lebenshilfe-Guru. Er lässt dem Leser die Wahl. Die Kernfrage ist die: Was fängst du mit deinem Leben an? Lässt du dich treiben und schleifen, oder bohrst du die Hacken ein und findest die nur für dich bestimmte Wahrheit?
Mit den heute geläufigen Finde-dich-selbst-Ratgeberbüchern hat das nichts gemein. Die verhelfen nur zur reibungslosen Anpassung. Die verlangen nichts, gemessen an dem, was Kierkegaard fordert.
Seine Frage ist ja aktueller denn je. Eine Zeit lang nach dem Zusammenbruch des Kollektivismus konnte der Kapitalismus so tun, als ob er ein gutes Leben für alle garantieren könne und damit ein gesteigertes, sinnvolles Dasein - die ästhetische und die ethische Existenz waren kurz ineinander geblendet.
Dieser Lack ist nun ab. Die Erlebnisgesellschaft mit ihren Waren-Inszenierungen bildet keine Geländer mehr. Sie beruht ja ohnehin auf Ausbeutung, also himmelschreiender Ungerechtigkeit. Sie rutscht in die Krise, und die Frage nach dem Sinn konnte sie ohnehin nie beantworten.
Da ist "Entweder-Oder" die Lektüre der Stunde. Kierkegaard verlangt eine "grüne Primitivität", und die zu erlangen sind die Gebildeten und Privilegierten viel chancenloser als das "gemeine Volk". Er meidet gelehrte Besucher. Er lässt sich als "Bierhändler" verleugnen und treibt sich auf dem Markt herum, in der Fußgängerzone Ströget.
Er ist Sokrates. Er will Fragen stellen, Zweifel säen und alle Anlehnungsbedürfnisse durchkreuzen. Souverän spielt er mit Masken, Verstellungen, Pseudonymen, auch in seinen folgenden Schriften, in den "Philosophischen Brocken" oder in "Furcht und Zittern".
Seinem Bemühen um den Einzelnen entspringt das grundsätzliche Misstrauen gegen Mehrheiten und ihre Meinungen. Und damit der Kampf gegen die, die sie herstellen: die Zeitungen.
Das Satireblatt "Der Korsar" zeigte ihn als buckligen Gnom mit Zylinder, als verrutschte Figur auf dem Rücken der Regine Olsen. Das hilft: Empört nimmt er als einer der Ersten die moralischen Verwüstungen der Medien aufs Korn, die Mobilisierung des Mobs, die Konsenswut der Mittelmäßigen.
"Es leben in jeder Generation wohl kaum 10", schreibt er, "denen am meisten davor angst ist, eine unrichtige Meinung zu haben; aber es leben 1000 und Millionen, denen vor allem davor angst ist, mit einer Meinung allein zu stehen, und wäre es auch die richtigste."
In den letzten Jahren erweitert sich Kierkegaards Medienkritik zur Kirchenkritik - auch das ein Kampf gegen Denkfaulheit und gegen das selbstzufriedene bürgerliche Rülpsen der Pastoren. Nun gibt er selbst eine Zeitschrift heraus, um das protestantische Establishment herauszufordern.
Glauben, wie er ihn versteht, ist nicht das fromme Dösen mit der Gewissheit der Erlösung, nicht der "komfortable Nachahmungstrieb im ekklesialen Rahmen" (Sloterdijk) - den katholischen und evangelischen Happenings und Massen-Events der Stunde würde Kierkegaard erheblich misstrauen.
Glauben bedeutet Wahl, die radikale Existenzentscheidung, der Sprung ins Offene. In diesem Sinn, so Sloterdijk, beginne mit Kierkegaard "das Denken der radikalen, in Experimenten schwebenden Modernität".
Man muss nicht gläubig sein, um von Kierkegaard aufgewühlt zu werden. Heidegger und Camus sind ohne ihn nicht denkbar, Rilke, Brandes und Robbe-Grillet standen in seinem Bann. Nein, Kierkegaard verlangt lediglich, so Tim Hagemann, "ernst mit sich selber zu machen".
Doch das ist wohl zu allen Zeiten eine Ungeheuerlichkeit.
MATTHIAS MATUSSEK
* Sören Kierkegaard: "Journale und Aufzeichnungen - Journale AA-DD". Verlag Walter de Gruyter, Berlin; 616 Seiten; 198 Euro.
** Joakim Garff: "Kierkegaard". Aus dem Dänischen von Herbert Zeichner und Hermann Schmid. Deutscher Taschenbuch Verlag, München; 960 Seiten; 24,50 Euro.
*** Sören Kierkegaard "Schriftproben". Hg. von Tim Hagemann. Philo Verlag, Hamburg; 224 Seiten; 28 Euro.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 45/2005
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