07.11.2005

SCHARLATANETragödie am Kap

Der deutsche Vitaminhändler Matthias Rath propagiert seine Pillen als Therapie für Aids-Kranke in Südafrika. Mehrere seiner Patienten starben. Nun wollen ihn Aids-Aktivisten verklagen.
Als die ersten Tropfen fallen, halten sich die Demonstranten ihre Plakate über die Köpfe. "Rath, hör auf, uns zu verwirren" hat jemand mit rotem Filzer auf die Pappe gekritzelt. Der kalte Schauer, der von der False Bay herüberzieht, lässt die Schrift verlaufen. Aber die Schar, die sich vor der Polizeiwache von Khayelitsha versammelt hat, will nicht weichen. Nicht bevor sie ihrer Wut über den deutschen Doktor Luft gemacht hat. Und die Wut ist groß in den Cape Flats, den Slums vor den Toren Kapstadts.
Ein Jahr ist es her, dass der selbsternannte Vitaminguru Doktor Matthias Rath in Deutschland für Aufsehen sorgte: Allein mit der Kraft seiner "Zell-Vitalstoffe" könne der Knochenkrebs des kleinen Dominik Feld besiegt werden, versprach der Mediziner. Der Junge starb - an Knochenkrebs, wie gutachterlich festgestellt wurde. Wer jedoch behauptet, es gebe einen Zusammenhang zwischen seinem Tod und Raths Vitamintherapie, muss damit rechnen, von Raths Anwälten verklagt zu werden.
Nun scheint es, als wiederhole sich die Tragödie in den Townships am Kap. Seit Ende vorigen Jahres ist die Rath-Stiftung in Elendssiedlungen wie Khayelitsha tätig. Nach Informationen von Gesundheitsorganisationen gehen ihre Mitarbeiter von Tür zu Tür, verteilen viele Flugblätter und noch mehr kostenlose Vitamintabletten.
Diesmal wollen Raths Leute mit ihren Pillen und Pamphleten nicht Tumoren austreiben. Diesmal geht es um Aids. Schätzungen zufolge sind etwa sechseinhalb Millionen Südafrikaner HIV-infiziert. Jeden Tag fordert die virale Immunschwäche etwa tausend Opfer im Land.
Wie Dominik ist nun auch die Südafrikanerin Marietta Ndziba tot. Noch im Juni hatte Rath die 23-jährige Aids-Patientin zusammen mit etwa 15 Leidensgenossen in einem Kapstädter Hotel der Presse präsentiert. "Zum ersten Mal in der Geschichte haben sich hier Dutzende von Patienten zusammengefunden, um mit ihrem eigenen Leben zu dokumentieren, dass der Verlauf von Aids auf natürlichem Wege rückgängig gemacht werden kann", hatte der Guru verkündet. Dann sprach Marietta davon, wie sehr sich ihr Zustand dank des deutschen Doktors gebessert habe: "Ich danke Gott, dass er die Vitamine nach Südafrika geschickt hat."
Marietta verstarb Anfang Oktober. Woran? Das wisse man nicht, sagen die Vertreter der Stiftung. "An schlimmen Kopfschmerzen", behauptet ihre Tante. Jedenfalls nicht an Aids, denn die HI-Viren hätten ja dank der Vitamine inzwischen Mariettas Körper verlassen.
Wenige Tage nach Mariettas Tod traten zwei weitere von Raths Vorführpatienten an die Öffentlichkeit: Xaba und Ntombi aus den Cape Flats gestanden, dass ihnen die Rath-Leute für die Vitamineinnahme Geld, Lebensmittel und sogar Hütten zugesagt hätten.
"Wir wissen von vier Menschen, die bei eurem Doktor Rath in Therapie waren und in den letzten Monaten gestorben sind", sagt Nathan Geffen. Er ist Sprecher von TAC, der "Treatment Action Campaign", einer Nichtregierungsorganisation, die für die medizinische Versorgung Aids-Kranker kämpft. Vor drei Jahren zwang TAC die südafrikanische Regierung unter Präsident Thabo Mbeki mit einem spektakulären Gerichtsurteil dazu, endlich mit der Verteilung der so dringend benötigten antiretroviralen (ARV) Medikamente zu beginnen.
Glaubt man der Rath-Stiftung, handelt es sich bei TAC um den verlängerten Arm eines weltumspannenden "pharmazeutischen Kartells". Dabei vertreibt Rath selbst seine Präparate übers Internet und setzt damit schätzungsweise jährlich etwa 60 Millionen Euro um. Auch dass der ARV-Cocktail laut einer im Ärzteblatt "Lancet" publizierten Studie die Sterberate Aids-Kranker um bis zu 86 Prozent senkt, ficht die Rath-Leute nicht an: "Sehr fehlerhaft und völlig unzuverlässig" seien die Ergebnisse, heißt es auf ihrer Internet-Seite.
Aktivist Geffen hat nun endgültig genug. Gerade hat TAC angekündigt, Klage gegen den Vitaminhändler und seine Helfer einzureichen. Die Liste der Vorwürfe ist lang: Rath sei kein in Südafrika registrierter Mediziner, seine Stiftung verteile nichtzugelassene Medikamente - und sie führe ungenehmigt riskante klinische Tests an HIV-Infizierten durch. Die Rath-Stiftung weist alle Anschuldigungen zurück: Doktor Rath praktiziere in Südafrika nicht als Arzt, die Medikamente seien gar keine, sondern nur Nahrungsergänzungsmittel, und bei den klinischen Tests handele es sich lediglich um ein Ernährungsprogramm.
In einem Radio-Interview im Mai hörte sich das noch ganz anders an: Man habe gerade eine "klinische Pilotstudie" erfolgreich
beendet, frohlockte Rath. Den Teilnehmern habe man Mineralstoffe und Vitamine verabreicht und Blut entnommen, erklärte der Mann, der in Südafrika nicht als Arzt arbeitet. Eine Genehmigung für klinische Tests nach dem "Doctor Rath Cellular Programme" hat die zuständige Ethikkommission der University of Limpopo indessen verweigert - die Experten hatten insgesamt 34 Punkte des Forschungsprojekts beanstandet.
Nach Aussagen ehemaliger Teilnehmer dieses "Ernährungsprogramms" sprechen in Khayelitsha Helfer von Rath gezielt HIV-Infizierte an, lassen sie Fragebögen ausfüllen und entnehmen ihnen Blutproben. Anschließend werden die "Studienteilnehmer" nur in Unterwäsche fotografiert. Auch Nandipha Ntsholo musste sich dieser Prozedur unterziehen: "Die Leute haben mir erklärt, man mache die Fotos, damit man später der Regierung die Wirksamkeit der Rath-Behandlung vorführen könne."
Die Behandlung: Das sind im Wesentlichen Tabletten der Rath-Marke "Vita Cell", die den echten Anti-Aids-Medikamenten sehr ähnlich sehen und neben hohen Vitaminanteilen auch den genehmigungspflichtigen Wirkstoff N-Acetylcystein enthalten. Von diesen Tabletten müssen Raths Patienten bis zu 30 Stück am Tag einnehmen. In hoher Dosis aber, so warnte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz im März 2000, können Vitamine zu gesundheitlichen Schäden führen.
"Viel schlimmer aber ist die Verwirrung, die durch Raths Arbeit bei den Leuten entsteht", sagt Marta Darder von den "Ärzten ohne Grenzen". Seit vier Jahren verteilt die Hilfsorganisation in Khayelitsha den ARV-Cocktail. Seitdem ist die Sterberate unter den HIV-Infizierten des Gebiets drastisch gesunken. Doch immer wieder erleben Darder und ihre Kollegen, dass Aids-Kranke ihre Medikamente absetzen. Der kanadische Arzt Peter Saranchuk erinnert sich an eine wütende HIV-Patientin, die mit einer schweren Lungenentzündung zu ihm kam: "Sie hatte geglaubt, dass die Vitamine der Rath-Stiftung sie gegen alle Infektionen immun machen würden."
Für die Aids-Kranken können solche Fehlinformationen fatal sein. Die 37-jährige Rath-Patientin Sibongile (Name von der Redaktion geändert) etwa starb am 27. März an den Folgen von Aids - und möglicherweise an einer Therapie, die keine war. "Von dem Moment an, als sie die Rath-Leute traf, stoppte Sibongile ihre ARV-Behandlung", berichtet die Schwester der Patientin. Die Leute hätten der Kranken Lebensmittel und Vitamine gegeben und versprochen, dass es ihr bald besser gehen werde.
Doch stattdessen schwoll Sibongiles Körper an, sie begann zu halluzinieren. Voller Angst rief ihre Schwester bei den Rath-Leuten an. "Die sagten mir, ich solle keinen Notarzt holen." Vier Tage später brachten zwei schwarze Frauen und ein weißer Mann neue Vitamine. Die Todkranke erbrach die vermeintlichen Heilmittel sofort wieder. Eine Woche später starb sie.
Den Mitarbeitern des deutschen Arztes war ihre Arbeit wohl selbst nicht ganz geheuer. "Nach dem Tod meiner Schwester kam einer von ihnen, um alle Fläschchen und Pillen wieder einzusammeln", berichtet die Angehörige. Einige Tage vor der Beerdigung habe sie erneut Besuch bekommen: Zwei Frauen brachten ihr je zehn Kilogramm Reis, Gewürze und Zucker, außerdem ein Dutzend Milchtüten. Dann verschwanden sie.
Die Organisation verweigert jeden Kommentar zu den Todesfällen. Stattdessen teilt sie in einer Stellungnahme mit, man spende die Vitamine ja nur an eine südafrikanische Kommunal-Organisation, die dann ihrerseits die Pillen weitergebe.
Im Oktober lud die Rath-Stiftung dann zur Pressekonferenz nach Berlin. Dort präsentierten die Rath-Funktionäre Aleksandra Niedzwiecki und Lutz Kliche eine neue südafrikanische HIV-Patientin namens Monica. Auf allzu bohrende Fragen mochten die beiden jedoch keine Antwort geben und beendeten das seltsame Treffen schnell wieder.
Auch die südafrikanischen Gesundheitsbehörden geben sich verschlossen. "Wir haben die Polizei, das Gesundheitsministerium und das Medizinische Kontrollkomitee schon im Februar und März über die Aktivitäten von Rath informiert, und nichts hat sich getan", klagt TAC-Sprecher Geffen. Deshalb will TAC neben Rath jetzt auch die Gesundheitsministerin Südafrikas und einige weitere hohe Amtsträger verklagen. Geffen ist überzeugt: "Rath wäre nichts, wenn er nicht die Unterstützung der Ministerin und des Präsidenten hätte."
Tatsächlich profitiert der Vitamindoktor wohl von der eigenartigen Haltung, die Mbekis Regierung in Sachen Aids vertritt. Von einer Pandemie wollte der Staatschef lange Zeit nichts wissen. Die Ursache von Aids sei nicht HIV, sondern die Armut, behauptete Mbeki in der Vergangenheit. Nach internationalen Protesten schweigt er inzwischen hartnäckig, sobald ihn Journalisten auf die Aids-Problematik ansprechen. Die Oppositionspartei Democratic Alliance hat Mbeki auf Platz drei der Liste nationaler Aids-Verleugner gesetzt - zwei Plätze vor Matthias Rath.
Seine Stiftung genieße die volle Unterstützung der südafrikanischen Regierung, tönte der Deutsche in einem seiner Propaganda-Blätter. Inzwischen breitet er seine Aktivitäten auch in die ländlichere Ostkap-Provinz aus, wo das Netz aus Aids-Kliniken und Hilfsorganisationen grobmaschiger ist. Südafrikas Gesundheitsministerin Manto Tshabalala-Msimang ist offenbar unwillig, dem Treiben des ausländischen Heilsbringers ein Ende zu setzen.
Rath und die Regierung seien sich darin einig, dass Anti-Aids-Medikamente schwere Nebenwirkungen haben könnten und dass vitaminreiche Ernährung für HIV-Infizierte wichtig sei, erklärte die Politikerin im Juni. "Erst wenn man mir beweist, dass seine Vitamine giftig sind, werde ich mich von Rath distanzieren."
Im Übrigen, so die studierte Ärztin, empfehle sie ihr ganz privates Hausmittel gegen die Seuche: Besonders wirksam seien "roher Knoblauch, Olivenöl und Zitronenschalen". ROMAN HEFLIK
Von Roman Heflik

DER SPIEGEL 45/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 45/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHARLATANE:
Tragödie am Kap

  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung