17.01.1972

FILMZu Roß ins Freie

Drei deutsche Jungfilmer haben bei ihrem wichtigsten Partner, dem Fernsehen, erreicht, daß ihre jüngsten Filme erst nach der Kino-Premiere gesendet werden.
Der junge deutsche Film der siebziger Jahre, für das Kinopublikum gedreht, doch von ängstlichen Kommerz-Verleihern vom Kino ferngehalten, muß von der Fernseh-Konkurrenz leben: Weil Eigenkapital und staatliche Prämien oft nicht ausreichen, um die Kosten anspruchsvoller Lichtspiele zu decken, stopfen deutsche Filmemacher ihre Finanzierungslücken immer häufiger mit Fernsehgeldern.
Die TV-Anstalten, stets um Programmfüller verlegen, helfen auch gern mit stattlichen Summen aus, verlangen aber als Gegenleistung in der Regel das Recht zur Ur- oder Erstsendung auf dem Bildschirm.
Doch als Folge dieser kinofeindlichen Auflage schrumpfen die Auswertungs-Chancen der Jungfilme im Kino-Betrieb. So konnte beispielsweise der Produzent Edgar Reitz den WDR zur Mit-Finanzierung seines Argonautenfilms "Das goldene Ding" bewegen (Kostenanteil: 350 000 Mark), er findet aber nach der Erst-Ausstrahlung im frühen Abendprogramm nun keinen Kino-Verleih: Die Fernseh-Premiere, so eine unbewiesene Branchen-Behauptung, schreckt die Kinobesucher ab.
Solchen Vorurteilen zum Trotz ist es drei deutschen Filmemachern jetzt dennoch gelungen, sich zugleich Fernseh-Subventionen und Kinogänger-Gunst zu sichern. Durch Filmqualität und Literatenruhm erreichten die Schriftsteller Horst Bienek, Michael Lentz und Uwe Brandner erstmals kinofreundliche Geschäftsbedingungen.
Souverän konnte etwa der Prosa-Autor Brandner ("Innerungen") mit seinen Fernseh-Partnern verhandeln -- sein Farbspielfilm "Ich liebe dich, ich töte dich" war 1970 von einer Drehbuchprämie des Bundesinnenministeriums (300 000 Mark) "und ein paar Schulden" (Brandner) voll finanziert worden und hatte nach Festival-Aufführungen im In- und Ausland wochenlang die Pariser Kinokassen gefüllt.
"Ungewöhnlich brillant, klassisch, ohne akademische Allüren" (so das US-Fachblatt "Variety") filmte der Schriftsteller "eine Bildergeschichte aus der Heimat" (Untertitel), die zu den originellsten Spielfilmproduktionen der deutschen Nachkriegszeit gehört:
Stilisiert bis zur Abstraktion enthüllt Brandner die Mechanismen einer von Wölfen und Feudalherren bedrohten Dorf-Gesellschaft, die ihre Störenfriede mit Glückseligkeitspillen und unerwartete Konflikte -- so die Liebe eines Schullehrers zu einem ortsbekannten Jäger -- mit Gewehrschüssen erledigt.
Vom ARD-Fernsehen ursprünglich exklusiv für Februar 1972 gebucht (Sendehonorar: 80 000 Mark), fand Brandners deutsche Erstaufführung jetzt doch im Kino statt -- dank großen Andrangs konnte sich das Münchner "Cinémonde"-Kino sogar einen "Hausrekord" ausrechnen.
Gute Kasse im Münchner "Film-Casino" machte auch der "besonders wertvolle", schon mit einem Bundesfilmpreis ausgezeichnete Debüt-Spielfilm "Die Zelle" des Brandner-Kollegen Horst Bienek. Ihm hat die ARD für seinen mit einer Bundes-Drebbuchprämie finanzierten, sehr präzis gedrehten und sehr literarischen Gefängnisfilm -- Thema: Anonyme Macht eines anonymen Staates über politische Häftlinge -- vor der für November 1972 programmierten Fernseh-Premiere bei 80 000 Mark Sendehonorar ein volles Jahr Kino-Auswertung gestattet. Bienek: "Ich war selbst überrascht."
Noch mehr Grund zur Verwunderung hat ein Jungfilmer-Kollektiv" das sich mit häufig preisgekrönten Kurzfilmen über Marathon-Renner ("Im gleichen Schritt und Tritt") und gealterte Show-Girls ("Die beiden Weihers") im deutschen Westen etabliert hat.
In Essen und Umgebung drehte der jugoslawische Kameramann und Produzent Vlada Majic mit seinem Drehbuchautor Michael Lentz ("Alle Jahre wieder") und dem Theater-Regisseur Eberhard Pieper einen Spielfilm, dessen Weg zum Erfolg wohl keine noch so schwere Kinokrise aufhalten kann:
Denn für "Zoff", ihren "wertvollen" Erstlings-Spielfilm, hat die Essener Gruppe alle öffentlichen Finanzierungshilfen (200 000 Mark Bundes-Drehbuchprämie, 100 000 Mark für die Arbeit mit Nachwuchskräften) genutzt und zudem einen Kommerz-Verleih gefunden, der das Werk demnächst ins Kino bringt (Gloria).
Da sich der Ko-Produzent Junior-Film. eine Tochter-Firma des Hessischen Rundfunks (Kostenanteil: 250 000 Mark), bis zur vereinbarten Fernsehsendung wider alle Gewohnheit 18 Monate lang gedulden will, könnte sich auch das Eigenkapital der vereinigten Filmemacher (150 000 Mark) im Kino schnell verzinsen.
Anders als etwa die Kollegen aus München hat das "Zoff"-Team freilich Experimente vermieden und erstmals einen neu-deutschen Unterhaltungsfilm in realistischem Milieu riskiert:
Nach Tonband-Aufzeichnungen am Zocker-Tisch und an der Biertheke erfand Autor Lentz die Ruhrpott-Story von einer Arbeitertochter, die sich nach Erfahrungen mit einem kriminellen Rocker-Führer in den bürgerlichen Automatenaufsteller Joky verliebt. --
Romantische Schluß-Pointe: Nach Zoff (Streit) mit der Geliebten bringt Joky einen Schimmel in die Stammkneipe und reitet mit seinem Mädchen hoch zu Roß ins Freie.

DER SPIEGEL 4/1972
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