10.01.1972

„Sieg - Tor - uff - geschafft“

Das Olympia-Jahr ist angebrochen. Zum zweitenmal, nach 1936 in Berlin, richten die Deutschen ein Weltsportfest aus, das den einen als „Weitzirkus“, anderen als „Religion“ gilt. Zwei Milliarden Mark, mehr als je zuvor, werden in München für das sommerliche Zwei-Wochen-Ereignis ausgegeben. Die Isar-Metropole erhoffte sich von diesem Milliarden-Schub einen kommunalen „Investitionssprung von zwanzig Jahren“ -- doch schon jetzt wird sichtbar, daß der Vor-Sprung die Plagen von heute nicht beseitigt: Verkehrschaos, Luftverpestung“ City-Verödung, kurz -- so Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel -- den „steinernen Dschungel“.
Fünfhundert starke Männer brachten die zwölf Kolosse aus Stahl zum Stehen: Masten von 50 bis 80 Meter Höhe, bis zu drei Meter fünfzig dick, bis zu 320 Tonnen schwer, innen hohl, zur Mitte hin ausgebaucht. mit Aluminiumbronze bestrichen, auf Riesenkugeln gelagert.
Die zwölf Stützen, schräg aus dem Kiesboden des Münchner Oberwiesenfelds ragend, tragen 436 Kilometer Stahltrossen, 325 Tonnen Netzseile, 74 800 Quadratmeter durchscheinendes Acrylglas -- das größte Dach der Welt.
Wie die Phallussymbole des Altertums, die Obelisken, stehen die kugelgelagerten Mannesmann -Röhren für ein "säkulares Ereignis" (so rühmen ihre Erbauer), zeugend "vom Geist unseres Volkes im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts" (so die Urkunde im Grundstein des Bauwerks).
"Diese riesigen Gußkörper zum Festklemmen der Randseile, die sanft gewölbten Umlenksättel, die Mastenköpfe und Netzknotenschrauben" brachten eine Autorin der "Süddeutschen Zeitung" derart ins Schwärmen, daß sie meinte, "man sollte zumindest einzelne Musterstücke wie Plastiken aufstellen". Verzückt registrierte die Dame, was sie -- Geist im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts -- "nahezu trunken gemacht hatte: diesen schönsten der Masten, der den höchsten Zipfel des Daches hielt".
Das derart verklärte Riesendach mit seinen schrägen Pfeilern, von denen jeder mit allem Drum und Dran fünfzehn Millionen Mark kostet, gilt -- so der Dach-Architekt Professor Günter Behnisch beim Richtfest Anfang November -- als das "architektonische Zeichen für die Münchner Spiele", für die Spiele der XX. Olympiade München 1972.
Es überspannt hufeisenförmig das Olympiastadion (80 000 Zuschauerplätze), eine Sporthalle (11 000) und die Schwimmhalle (9000) auf dem Oberwiesenfeld im Norden der Bayern-Metropole. auf dem einst die königlichen schweren Reiter exerzierten, wo 1938 der Briten-Premier Neville Chamberlain landete und dem Führer das Münchner Abkommen darbrachte, und wo nach dem Weltkrieg 10,85 Millionen Kubikmeter Bombenschutt zu Bergen getürmt wurden.
Dort, unter dem Dach, wird zwei Wochen lang, vom 26. August bis 10. September, gehüpft wie gesprungen: Neuauflage eines altgriechischen Rituals, bei dem nackte Hellenen um Ruhm und Lorbeer stritten -- in spätkapitalistischen Zeiten den einen wahre "Religion" (so der französische Olympia-Wiederbegründer Pierre de Coubertin), den anderen ein "Krieg ohne Schießerei" (so der britische Futurist George Orwell).
Während das deutsche Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (TOC)" Georg von Opel, vor seinem Tod im Sommer 1971 statt wirklicher Spiele einen "Weltzirkus" heraufkommen sah, eine "internationale Show von Sensationssucht und nationalem Prestige", möchte der Präsident des Olympia-Organisationskomitees (OK), Willi Daume, 58, in München unverzagt "so etwas wie ein Gesamtkunstwerk" mit Fahnen, Fackeln und Fanfaren schaffen.
Die ganze Welt soll an dem Spektakel teilhaben. Mit einem Aufwand, der in der Rundfunkgeschichte ohne Beispiel ist (siehe Kasten Seite 32), werden über 2000 TV-Spezialisten Münchner Kunst und Münchner Kämpfe in alle Teile der Erde funken und kabeln. Kein Start und kein Finale, kein Foul und kein Knockout, keiner der 1100 Medaillengewinner und keine der 1500 olympischen Programmstunden werden ausgelassen.
Der Schatzmeister der 72er Spiele, Bayerns früherer Finanzminister Rudolf Eberhard, hat diese publizistische Betriebsamkeit längst in klingende Münze umgerechnet: "Die Zeitungsartikel. Funk- und Fernsehbeiträge. die ... vor den Spielen und in den Tagen während der Spiele in aller Welt erscheinen, würden in Anzeigenpreise umgerechnet viele Milliarden kosten."
Mehr noch: "Eine Vielzahl Probleme", meint Münchens Bürgermeister Albert Bayerle, auf Wirtschaftsfragen spezialisiert, "kann nur mit der Schubkraft Olympischer Spiele gelöst werden." Daß die Münchner Offerte, die 72er Schau auszurichten, nicht ganz uneigennützig dargebracht wurde, war schon bei der Bewerbung im Jahre 1966 offenes Geheimnis unter Eingeweihten:
Allzu verlockend schien die Chance, daß mit der aufwendigen Inszenierung der Spiele in wenigen Jahren für die Stadt bewerkstelligt werden könne. wozu man sonst Jahrzehnte benötigt haben würde: städtebauliche Sanierung alter City-Viertel, Finanzierung neuer städtischer Schnellstraßensysteme, beschleunigter Bau einer U- und S-Bahn. Errichtung längst notwendiger städtischer Sportstätten und einer citynahen Musterstadt mit Kirche und Kegelbahn. Facharzt-Zentrum und Fernsehturm.
Schatzmeister Eberhard fand, Olympische Spiele seien "preiswert", denn das Geld fließe "direkt in die Wirtschaft". und die "betroffenen Städte" würden stets "um ein gutes Jahrzehnt vorangebracht". Münchens Stadtplanungschef Hubert Abreß verdoppelte die Hoffnung, er sprach von einem "Investitionssprung von 20 Jahren".
Goldener Griff in die Zukunft also für eine Stadt. deren Gegenwart schon glänzte, als Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel die Spiele 1966 in die Isar-Metropole holte? München damals
das war für Amerikaner eine "spitzgiebelige, kopfsteingepflasterte Ecke des Himmels. überschäumend von Doppelbier und bekränzt mit Weißwürstln" (so "Time"). für die Deutschen, nicht weniger klischeehaft, mal "Millionendorf", mal "Weltstadt mit Herz", wenn nicht gar die "heimliche Hauptstadt" (SPIEGEL-Titel 39/1964).
1,8 Millionen Besucher aus dem In- und Ausland.
Nirgendwo sonst in Deutschland gab es eine so lebensfrohe Mischung von bäuerlicher Bierlust und urbanem Highlife, folgte Fronleichnam dem Fasching so fugenlos. war die Tracht dem Stresemann so ebenbürtig. Schon der
* Freigegeben durch Luftamt Hamburg, lfd. Nr. 2/72.
Stadtplan suggerierte Intimität: Da war das Kultusministerium neben der Theatinerkirche, wo Bayerns Monarchen -- sogar evangelische -- ruhen; da war Schwabing. wo Bierausschank heim i -- scher Brauer und Bilderaushang zugereister Künstler zusammengingen. Und wo sonst gab es einen Viktualienmarkt. wo Selleriesaft, gepreßt aus frischen Knollen, übernächtigten Passanten zur Wiederaufrichtung gereicht wird.
Die Segel-Seen nahebei. Berge zum Kraxeln vor der Tür und regelmäßig Föhn, der zu einer windigen Arbeitsmoral verhilft -- das machte den Freizeitwert der Isar-Metropole ebenso aus wie "17 Schauspielbühnen, vier symphonische und mehrere andere Orchester sowie zehn staatliche und städtische Kunstgalerien" (so OB Vogel 1966 in seiner Olympia-Präsentation).
Das kam an bei der olympischen Altherren-Riege vom IOC: daß München nicht nur "kurze Wege" zu den Olympiastätten offerierte, sondern sich darbot" "inmitten eines beziehungsreichen und strahlungskräftigen Zentrums europäischer Kultur". Und so werden sie denn, mit aller Neckermänner Segen, hereinbrechen über die Stadt. diese sogenannten Spiele:
Mit einer Invasion von 1,8 Millionen Besuchern aus dem In- und Ausland (die Preise zahlen zwischen fünf Mark an der Ruder-Regattastrecke Feldmoching bis zu 100 Mark bei der Eröffnungsfeier); mit einem beispiellosen Verkehrschaos am Boden und in der Luft (Militärpisten der Umgebung werden für den Olympia-Flugverkehr umfunktioniert); mit einem Massen-Zuzug von Prostituierten (denen das Olympia-Terrain vorsorglich versperrt wurde) und Taschendieben (gegen die Polizeipräsident Manfred Schreiber ein Sonderkommando zusammengestellt hat).
Bundeswehrsoldaten als Zuschauerkulisse.
Und alles, alles wird ganz anders sein als die Idee der ersten Stunde:
Angekündigt waren die billigen Spiele. Daumes Vize im Nationalen Olympischen Komitee (NOK), Max Danz, im Jahre 1966: "Wir müssen maßhalten, nichts überbewerten und nicht in Versuchung geraten, die größten und bombastischsten Spiele veranstalten zu wollen" -- nun wird die Münchner Olympiade mit einem Gesamtetat von zwei Milliarden Mark die teuerste, die es je gab, und allein die Entrümpelung nach den Spielen kostet 20 Millionen, fast
* Der offizielle OK-Bericht der XVIII. Olympischen Spiele von Tokio 1964 weist Gesamtkosten von 2,77 Milliarden US-Dollar. also rund zehn Milliarden Mark aus, doch werden dort als Olympia-Kosten auch allgemeine Sanierangsausgaben aufgeführt wie der Bau einer Schnellverkehrslinie von Tokio nach Osaka (eine Milliarde Dollar). Verbesserung des Fernstraßensystems (686 Millionen Dollar) bis hin zu Nebenkosten für Verbrennungsanlagen (27 Millionen) oder den Bau von Wohnungen für amerikanische Regierungsangehörige (28). Die spezifisch olympiabedingten Ausgaben beliefen sich in Tokio auf 1,3 Milliarden Mark.
soviel wie die ganzen Sommerspiele in Melbourne 1956 (24 Millionen)*.
Angekündigt waren "Spiele der Heiterkeit" und des "menschlichen Maßes" (Daume) -- nun mißt Bonns freidemokratischer Innenminister Hans-Dietrich Genscher allen Ernstes "unser Volk, unsere Lebensweise und unser Auftreten, ja unsere gesamte Gesellschaft" an "München und den Spielen".
Angekündigt war eine Olympia-Stadt "der Kunst und der Kultur" (OB Hans-Jochen Vogel) -- aber: nix Kunst, nix Kultur; in ihrem neuen Etat hat die Isar-Stadt die Kulturausgaben so drastisch eingeschränkt, daß sie -- prozentual -- unter den bundesdeutschen Großstädten an vorletzter Stelle rangiert; nur Bielefeld ist noch sparsamer (siehe Peter Brügge Seite 38).
Am Ende ist noch nicht einmal sicher, ob diese zweiten Spiele auf deutschem Boden tatsächlich imstande sind, wie OK-Chef Daume hofft, "Eindrücke zu verwischen, die von 1936 her noch als Flecken auf dem deutschen Ansehen übriggeblieben sind", als Adolf Hitler in Berlin Olympia ausrichten ließ -- mit sportlicher Perfektion (33 Goldmedaillen für die deutschen Athleten -- Nationen-Sieg) und verblasenem Pathos (Propagandachef Goebbels. "Heilige Flamme glüh, glüh und verlösche nie").
Olympia 1972: Statt des Berliner Zement-Monumentalismus und aufgetürmter Sandstein-Quader in München "leichte, beschwingte, fast zeltartige Konstruktionen" (Daume). Statt uniformierter Ordnung in Berlin nun knallige, poppige, orangefarbene Kostüme fürs Ordnungspersonal -- vom Pariser Modeschöpfer Courrèges entworfen. Und während in Berlin preußisches Militär den Marsch blies, sollen in München bei der Übergabe der Olympiafahne bayrische Schuhplattler auftanzen -- wenn auch nicht mit dem volkstümlichen Watschentanz; denn "das ist kein Brauch-, sondern Seppltum" (so Franz Xaver Paternoster, Vorsteher vom "Isargau Bayerischer Heimat- und Volkstrachtenvereine").
Doch gerade die Äußerlichkeiten, die München 72 von Berlin 36 so klar unterscheiden, machen in zumindest einer Beziehung Wesensverwandtschaft deutlich: in puncto Perfektion. Während in Berlin Flak-Scheinwerfer ihre Strahlkraft zu einem Lichtdom über dem Stadion bündelten, zeugen auf dem Oberwiesenfeld Wasserwände und ein Lichtsatellit vom "Kunstfleiß made in Germany" ("Die Zeit").
Im olympischen Dorf Berlin-Döberitz wurden die Athleten mit 100 Ochsen, 646 Hammeln und 252 000 Eiern planmäßig abgespeist -- in München sorgt eine Tiefkühlkette für reibungslosen Verzehr. Die Speisenfolgen (Fertig-Menü am ersten Tag: "Tomatencremesupppe, Putenoberkeule mit Früchten, Kartoffelbrei mit Blattspinat, Haselnußpudding und Eistorte") standen schon drei Jahre vor Spielbeginn fest.
Und im Olympia-Einsatz stehen in München 1972 sogar noch mehr deutsche Soldaten als in Berlin 1936. Zur "Erfüllung einer nationalen, freudigen Pflicht" kommandiert die Bundeswehr 13 000 Helfer aufs Oberwiesenfeld -- für Streckenposten und Parcoursdienst, als Elektriker, Sanitäter und Statisten bei "schlechtfrequentierten Wettbewerben" (so das Soldatenblatt "Die Bundeswehr").
"Planung der Improvisation" ist das für den stellvertretenden OK-Generalsekretär Hermann Reichart. Nicht eben bescheiden versteht sich die Olympia-Baugesellschaft GmbH -- abgekürzt: OBG, Gesellschafter: Bund, Bayern, Stadt München -- als "größter Bauherr seit König Ludwig 1.". So sicher sind sich die Olympia-Planer ihrer Bau- und ihrer Organisationstüchtigkeit wie ihrer planerischen Präzision, daß OBG-Chef Carl Mertz schon ein Jahr vor Spielbeginn jubelte: "Sieg -- Tor uff -- geschafft."
Verkehrschaos beim Marathonlauf.
Wer bis zu den Spielen wen geschafft hat, ist freilich ungewiß. Längst sind Erschöpfungserscheinungen spürbar in der Stadt an der Isar. die ursprünglich ausersehen war, die zum gigantischen Spektakel entarteten Spiele wieder zu bändigen und den Olympia-Kult ein wenig zu entzaubern.
Längst ist erkennbar, daß der unmittelbare kommunale Zugewinn für München wesentlich bescheidener ist. als die Olympia-Funktionäre weismachen möchten. Von unbezweifelbarem Nutzen sind nur die Ausgaben für Infrastruktur-Verbesserungen (Bau eines U-Bahn-Teilstückes von vier Kilometer Länge, Straßen- und Brückenbau); sie machen etwa zehn Prozent des Olympia-Budgets von rund zwei Milliarden aus -- und entsprechen damit in etwa den Kosten, die München selber für die Veranstaltung der Spiele zu tragen hat.
Und längst hat sich der Verdacht verdichtet, daß der von Olympia-Optimisten verheißene Vor-Sprung ins nächste Jahrzehnt und die Milliarden-Reklame der Spiele München nur noch schaden können. Seit München Olympiastadt wurde und alle kommunalen Kräfte auf das Zwei-Wochen-Ereignis konzentrierte, ist ihre Zukunft an der Gegenwart erkennbar geworden:
* München hat die ärgste Boden-Spekulation aller bundesdeutschen Großstädte -- Quadratmeterpreise bis zu 31 800 Mark, Spekulationsgewinne bis zu 27 000 Prozent (laut Feststellungen des städtischen Kommunalreferats). Eine im Dezember eröffnete zeitkritische Ausstellung mit dem Titel "Profitopolis" macht deutlich, daß eine "kleine Gruppe von Grundstücksbesitzern ohne einen Finger zu rühren jeden Tag aus Steuergeldern ca. vier Millionen DM geschenkt bekommt -- mehr als der tägliche Haushalt Münchens".
* München hat die größte Autodichte in der Bundesrepublik: Schon 0,7 Prozent der zugelassenen 430 000 Kraftfahrzeuge genügen. um die wichtigste Verkehrsader der Stadt, den 28 Kilometer langen Mittleren Ring. zu blockieren. Die Motorisierung. so OB Vogel. "sprengt alle Dämme und paralysiert die Stadt" -- in jedem Jahr kommen 30 000 Autos hinzu.
* München hat schlechtere Luft als selbst Industriereviere wie Ludwigshafen-Mannheim: 2350 Tonnen giftige Autoabgase und 100 000 Tonnen Industriestaub jährlich verpesten die Münchner. Atmosphäre und vermindern die Sonneneinstrahlung -- Folge: 300 Sonnenstunden weniger als das Umland. In der Innenstadt wurde letztes Jahr die gesundheitsamtliche Toleranzgrenze von 50 ppm (Teile pro Million) überschritten; die Stadt will ein Warnsystem, das Bayerische Ministerium für Umweltschutz einen Smogalarm-Plan für München entwickeln, damit, so Minister Streibl. "sich der Münchner in Zukunft nicht von Frischluftautomat zu Frischluftautomat durchkämpfen muß".
* München hat die höchste Krebssterblichkeit in der Bundesrepublik: Während Krebs im Bundesgebiet in 18,4 Prozent aller Sterbefälle die Todesursache ist, sterben in München 22,2 Prozent an dieser Krankheit. "Diese Ziffern gewinnen noch an Bedeutung", so Münchens Chef-Statistiker Egon Dheus, "wenn man berücksichtigt, daß München dem Altersaufbau nach eine verhältnismäßig junge Stadt ist."
Um in der luftverpesteten Stadt, in der Spazierengehen mitunter zur Anstrengung wird, eine Atem-Schneise für den kräftezehrenden olympischen Marathonlauf herzurichten, sperrte die Polizei bei einem Probelauf Mitte September 59 Straßen und Plätze: Sieben Stunden lang durften die, Autofahrer auf dieser Strecke nicht halten, damit die Abgaskonzentration möglichst gering
* Links: der inzwischen in München wegen versuchter schwerer Brandstiftung zu zwei Jahren Freiheitsentzug verurteilte Fritz Teufel als Modell für ein Jux-Poster: rechts: eines der neun offiziellen Plakate aus der Reihe Edition Olympia (von Oskar Kokoschka).
gehalten wurde; in der letzten Stunde vor Beginn herrschte absolutes Verkehrsverbot.
Während sich die Polizei auf diese Weise mühte, die Läufer vor Gesundheitsschäden zu bewahren, lud sie sich ein anderes Problem auf: Weil die Autos von der Marathonstrecke abgeleitet wurden, brach rundum der Verkehr zusammen -- es war Münchens bis dahin größtes Verkehrschaos. Prompt wurde ein zweiter Testlauf behördlich untersagt.
Aber noch wollen die Deutschen nicht wahrhaben, daß die Weltstadt mit Herz vom Infarkt bedroht ist. Nach einer Meinungsumfrage von 1971 würde ein Sechste! aller Bundesbürger -- über zehn Millionen Menschen -- nach München ziehen, wenn dazu die Möglichkeit bestünde.
Bis zu 50 000 Zuzügler jährlich finden eine solche Möglichkeit und kommen in die bayrische Landeshauptstadt -- obwohl München seit langem die teuerste Stadt der Bundesrepublik ist. Nach den Berechnungen des städtischen Amts für Statistik liegen die Preise in München um 22.2 Prozent höher als beispielsweise in der Ruhr-Stadt Essen.
25 000 verlassen jährlich die Innenstadt.
Niemand weiß, wem diese Ballung nützt, die bis zum Jahre 1990 eine Megalopolis von fast drei Millionen Menschen produzieren würde. Eine 54-Seiten -Studie des Investitionsplanungsamts der Stadt über kommunalpolitische Aspekte des Münchner Wanderungsgewinns" wagt es jedenfalls nicht mehr, "von "Kosten' und "Nutzen' oder von Vor- und Nachteilen zu sprechen", obschon bislang "gewohnheitsmäßig als Bewertungsmaßstab für eine erfolgreiche Kommunalpolitik ein möglichst großes Einwohner- und Wirtschaftswachstum gilt".
Und immer fragwürdiger wird es, ob Motive der Zuwanderer wie "tolerantes Sozialklima". "attraktive Freizeitmöglichkeiten" oder "kulturell-geistig anregende Umgebung" von der überfüllten Stadt noch erfüllt werden können. Denn die Neubürger orientieren sich an der Idylle eines "Millionendorfs", das es längst nicht mehr gibt.
Zwar steht Münchens Hofbräuhaus noch am alten Platzl (ein Olympia-Prospekt präzise: "Vom Rathaus zum Hofbrauhaus 380 Meter"). wo der "Rheinische Merkur" noch letzten Februar recherchierte: "Zur mehr oder minder gut eingeschenkten Maß holt man die Brotzeit aus der Tasche, ein anständiges Stück schwarzen Preßsack oder einen nicht minder großen Brocken Emmentaler, alles schön eingewickelt in Butterbrotpapier. Keineswegs verärgert über die Eigenversorgung, bringt die füllige Kellnerin Salz und Pfeffer ..."
Doch seit einem halben Jahr, so schnell entwickelt sich München, ist alles ganz anders: Statt fülliger Kellnerinnen bedienen im Hofbräuhaus mürrische Ober, die Maß Bier wurde binnen eines Jahres zweimal teurer, und das Brotzeitbesteck kostet neuerdings Extra-Geld. Solche Neuerungen, die noch vor einem Jahrzehnt in München einen mittleren Volksaufstand verursacht hätten, sind wohl nicht zuletzt deshalb möglich, weil die Renommierschwemme in der Altstadt fast nur noch von Fremden besucht wird.
Denn trotz des Massenzuzugs wird die Münchner Innenstadt immer mehr entvölkert. Jedes Jahr verlassen an die 25 000 alte Münchner die 15 Stadtbezirke der City -- Opfer einer Sanierungsdeportation, die die Stadtplaner unter dem Druck mächtiger Wirtschaftsunternehmen und ausufernder Behörden eingeleitet haben.
"Wie viele Banken braucht der Mensch?"
Im Lehel, einem Alt-Münchner Wohnviertel zwischen Isar, Haus der Kunst und Hofbräuhaus, wo die Bürger noch in Pantoffeln zum Krämer an der Ecke laufen und eine urbane Vielfalt aus Antiquitätengeschäften, Stehausschänken und Schuhmachern genießen können, werden ganze Häuserzeilen für Versicherungspaläste und Ministerien frei gemacht.
In der Maxvorstadt zwischen Feldherrnhalle und Siegestor. wo einst der "Simplicissimus" gegen Könige, Kultusbürokratie und Klerus focht und wo 1919 Bayerns rote Räterepublik ausgerufen wurde, fressen sich Universitätsinstitute in die Wohnblocks hinein die Frage, ob Münchens Universität. mit 25 000 Studenten die größte der Bundesrepublik, noch weiter expandieren sollte, wird permanent gestellt und permanent nicht beantwortet.
In Schwabing, dem weltweit gerühmten Quartier für Boheme und Münchner Freisinn, hat eine ungezügelte Kommerzialisierung die Künstler aus Dachkammern, die Kunst-Kinos aus Hinterhöfen und die Studenten aus Stammkneipen vertrieben. In Bürgerversammlungen klagen die Schwabinger über die "Versanktpaulisierung" ihres Stadtteils und verlangen eine "generelle Veränderungssperre" und "sofortigen Miet- und Kündigungsstopp".
Als "schleichenden Verlust vertrauter Funktionen in der Innenstadt" interpretiert auch eine Studie des Stadtentwicklungsreferats über den "Originalitätsverlust der Landeshauptstadt" diesen Ausverkauf hergebrachter Strukturen. Seit München der Olympischen Spiele sicher ist, wurden in der City 27 Cafés und 13 Kinos geschlossen und an die 100 Bankfilialen neu eröffnet, Werbeslogan der Vereinsbank: "Geldstadt mit Herz".
Die wuchernden Geldinstitute veranlaßten schließlich sogar die erzbischöfliche "Münchner Katholische Kirchenzeitung" zu der vorsichtigen Frage: "Wie viele Banken braucht der Mensch"?" Und als sich im Juli 1971 die Bürger der betroffenen Stadtviertel zu einem Sternmarsch in die Innenstadt formierten, marschierten Kommunisten und Klapläne einträchtig Seite an Seite. Kaplan Ralf Dantscher von St. Ludwig auf der Schlußkundgebung: "Eine menschenwürdige Stadt wird uns nicht geschenkt, wir müssen sie erkämpfen."
Besorgt über die Münchner Mutation zur unheimlichen Hauptstadt, verteidigen Bürger und Bürger-Aktionen meist zu spät und fast immer vergeblich -- Bauwerke und Bierkeller. Stadtviertel oder einzelne Straßenzüge. Im Münchner Osten, wo auch das Nobelviertel Bogenhausen von Ölfirmen und Versicherungen bedrängt wird, legte Uni-Physikprofessor Jorrit de Boer eine "Dokumentation gefährdete Möhlstraße" vor, im Westend protestierten Bürger der Schwanthaler Höh' gegen das Fällen der Kastanienbäume im Bavariakeller nahe der Oktoberfest-Wiese.
Vergeblich müht sich seit 1968 das "Münchner Diskussionsforum". das laut Satzung "zum Mitdenken und nach Möglichkeit auch zu aktiver Mitarbeit" führen möchte, um mehr Einfluß der Bürger auf die städtebauliche Entwicklung ihres Gemeinwesens. Obschon es von der Stadtverwaltung alle planungsbezogenen Beschlußvorlagen zugesandt bekommt, bleibt zweifelhaft, "ob der vielberufene Münchner Geist der Demokratisierung in Stadtplanungsdingen mehr ist als nur ein Hauch von Alibi" ("Süddeutsche Zeitung").
Hilflos nimmt sich aus, was nach über 800jähriger Stadtgeschichte inmitten einer Ära der Auto-Vorherrschaft als urbane Errungenschaft für ein kleines Stückchen München angeboten werden kann: "Man hat die Möglichkeit, die Menschen und Umgegend kennenzulernen, die Richtung zu wechseln, zu gehen oder stehenzubleiben, wann und wo man will" (so ein Buntprospekt über die Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz).
Trostlos mutet an, daß die jährlich 25 000 City-Vertriebenen wie die jährlich 50 000 Zuzügler dorthin gedrängt werden, wo die Stadt zerfällt -- in die Betonwüsten der Peripherie: nach Fürstenried, wo 30 000 Menschen mit einer Autobahn leben müssen, die ihre Siedlung zerteilt; nach Neu-Perlach, wo es für 80 000 Menschen noch nicht einmal einen Friedhof gibt; nach Hasenbergl (18 000 Einwohner). wo es kein Freibad, kein Theater und kein Kino gibt und weniger Schultypen und Ärzte als in vergleichbaren Mittelstädten auf dem Lande, beispielsweise im gleich großen niederbayrischen Deggendorf.
Nach den Spielen ein Geisterbahnhof.
Und während den Deggendorfern für den Feierabend 70 Gaststätten zur Auswahl stehen, müssen sich die Hasenbergler in der Bierstadt München in die drei stets überfüllten Wirtshäuser ihrer Siedlung zwängen, es sei denn, sie opferten von ihrer Freizeit fast eineinhalb Stunden für eine Fahrt mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in die Innenstadt -- mit der Straßenbahn.
Denn auf eine bequeme und schnellere U-Bahn -- meistgenanntes Beispiel für Münchens Olympia-Vorteil -- müssen die Leute vom Hasenbergl wie die Bewohner der anderen Schlafstädte an der Peripherie der Isar-Stadt noch lange warten. Die ersten zehn Kilometer der Münchner U-Bahn, 900 Millionen Mark teuer und letzten Oktober feierlich eröffnet, verbinden die Stadtmitte mit dem Peripherie-Stadtteil Freimann. wo außer einer Studentensiedlung (822 Bewohner) keine bevölkerungsreichen Wohnblöcke stehen.
Der nächste U-Bahn-Abschnitt. der fertiggestellt werden soll, erschließt das Olympia-Feld -- desgleichen eine von der Bundesbahn als S-Strecke ausgelegte Route; beide Verkehrsmittel sollen stündlich bis zu 25 000 Besucher auf das Oberwiesenfeld transportieren. Nach den zwei Olympia-Wochen wird freilich der S-Bahnhof "Olympiastadion" (Kosten: 15 Millionen Mark) wieder verwaisen und, so Bundesbahnrat Niedermeier, "eine gewisse Art von Geisterbahnhof" werden.
Die weißblaue Geisterbahn macht deutlich, wie absurd die Rechtfertigung der Olympia-Planer für ihre Milliarden-Ausgaben manchmal ist -- etwa das Argument von Olympia-Organisator Daume, die Ausgaben für die Verkehrswege seien "vertretbar, auch wenn es keine Spiele gäbe", da sie "natürlich auch nach den Spielen von dauerndem verkehrstechnischem Nutzen" seien.
Selbst manche der Sportstätten, die München nun bekommt, zeigen geisterhafte Züge. Die Sporthalle etwa (103,1 Millionen Mark) ist für vielseitige Verwendung (zum Beispiel Reitveranstaltungen oder Eishockey) nicht geeignet, gleichwohl aber "die teuerste ihrer Art in der Unterhaltung" -- so Werner Göhner, Geschäftsführer der "Münchner Olympiapark GmbH", verantwortlich für den nacholympischen Betrieb. Und die Schwimmhalle (86,7 Millionen Mark) wäre von der Stadt laut Göhner "mit Sicherheit an dieser Stelle nicht gebaut worden" und ist deshalb "zu 50 Prozent überflüssig".
"Unsere Sorge ist", so faßt Karl Eisgruber, der Olympia-Spezialist im Münchner Rathaus zusammen, "daß auf dem Oberwiesenfeld nicht olympische Ruinen entstehen." Sein Trost: "Der irrationale Schub der Spiele ist wohl auf lange Sicht der wertvollere Brocken."
Doch die Bürger Münchens glauben mittlerweile offenbar nicht mehr recht an den olympischen "Investitionssprung von 20 Jahren". Auf eine Umfrage des Godesberger Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) nannten 24 Prozent letztes Jahr als wichtigstes Problem die Wohnungsnot, nur zehn Prozent entschieden sich für Olympia. Vor vier Jahren war das Verhältnis noch umgekehrt: 17 Prozent für Olympia, sechs für die Wohnungsfrage.
In der Tat fehlen in München derzeit rund 40 000 Wohnungen -- nicht eingerechnet den Bedarf der Gastarbeiter, die es massenweise in die "nördlichste Stadt Italiens" zieht (wie Image-Pfleger OB Vogel einmal formulierte). 220 000 Ausländer sind derzeit in München tätig -- jeder zehnte Gastarbeiter der Bundesrepublik.
"Es gibt, so OB-Vogel, "bereits griechische Häuserblocks und türkische Straßen." Vogels Planungschef Abreß ergänzt: "Was die Neger für Amerika sind, sind die Ausländer für uns; wir müssen aufpassen, daß wir hier kein zweites Harlem heranziehen."
Computer "Golym" speichert 500 Millionen Daten.
Derartige Zukunftsängste und so reale Gegenwartsplagen wie Innenstadt-Verödung und Verkehrsdilemma, Luft-Verpestung und Trabantenstadt-Tristesse, Bodenwucher und Wohnungsnot sind zwar nicht gerade Münchner Spezialitäten. Aber als idealtypische Beispiele für die Misere aller Ballungsräume bekommen sie im Lichte der Olympischen Spiele 1972 gesellschaftliche Tiefenschärfe.
"Noch vor einigen Jahren", so Münchens Oberbürgermeister Vogel beim jüngsten Geburtstag der Stadt im Sommer 1971. "habe ich gesagt, München ist nicht New York. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher" Denn "auch Städte können sterben oder zumindest ihr Wesen so verändern, daß sie nicht mehr Orte des Friedens, des Wohlbefindens. des erfüllten Lebens sind, sondern sich in steinerne Dschungel verwandeln, in denen Gewalt, Haß. Verderben und Untergang herrschen".
Solche Apokalypse hat die Olympia-Planer. die sich nicht um ein erfülltes Leben. sondern um ein volles Programm kümmern, nie erreicht. Sie ließen 36 000 Kilogramm Grassamen (70 Prozent "Poa Pratense merion", je 15 Prozent "Cynosurus Christatus Credo" und "Phleon Nodosum") auf das Oberwiesenfeld streuen und mit einem haarsprayähnlichen Kunststoffilm übersprühen, "damit Samen und Deckschicht nicht vom Winde verweht werden" (für die kostspieligen Gräser sorgen überdies eine versenkbare Beregnungsanlage und eine fast 20 Kilometer lange unterirdische Warmwasserzentralheizung).
Sie ließen den neugebauten Olympiasee (88 500 Quadratmeter) mit alpenländischer Flora säumen: Weiden, Iris, Rohrkolben, Sumpfzonen, Wiesen mit Pfeifengras und Sumpfdotterblumen -- alles naturgetreu wie bei einem oberbayrischen Gebirgssee.
Besonders behaglich machten sie es den Turnierpferden. Die neugebauten Unterkünfte neben der Rennbahn in Riem sind vollklimatisiert. Bei Unpäßlichkeiten steht ein Pferdekrankenhaus zur Verfügung, und zum Einsatz werden die Tiere von Roßäpfelsammlern und einer fahrbaren Schmiede begleitet.
Was Wunder, wenn die "herrlichste Nebensache der Welt" (Genscher) für linke Ideologen zu einer Machenschaft gerät, "die das System erhält und die Menschen kaputtmacht" (so ein "Antiolympisches Komitee" in Frankfurt). Was Wunder auch, daß das "Münchner Evangelische Gemeindeblatt" in zeitgemäß globaler Verantwortung zürnt: Während "zu gleicher Zeit Menschen verhungern ... verfestigt man hier in unglaubwürdiger Freizügigkeit eine Kultstätte olympischen Geistes".
Nicht nur Kultstätte, sondern Kunstwerk. wenn es nach Willi Daume ginge, der sich mal darüber sorgt, ob die Fahnenmasten in München besser aus Holz oder aus Kunststoff sein sollten, und mal darüber, ob die Fahnen der Nationen im Olympiastadion auch ohne Windmaschine richtig flattern. Daumes Rechtfertigung: "Die olympische Völkerfamilie ist sonderbar konservativ, zum Teil konservativer als ihr 54jähriger Präsident."
Pedantisch wie sein Daume ist der IOC-Präsident Avery Brundage auf alle Fälle. Brundage-Problem: Sollen die den olympischen Frieden symbolisierenden Brieftauben vor den olympischen Böllerschüssen fliegen oder danach? Brundage-Lösung: danach.
Grund: Die Schüsse könnten die Tiere erschrecken und diese "etwas fallen lassen, was den anwesenden Zuschauern vorübergehend die Freude an den heiteren Spielen nehmen würde" ("Deutsche Zeitung"). So konsequent hat der deutsche Daume seine Protokollfragen noch nicht durchdacht. So ist sich der OK-Chef bis heute nicht klar, ob er es seinen konservativen Gästen zumuten kann, die traditionell hierarchisch abgestuften Siegertreppchen egalitär einzuebnen oder nicht. Daume möchte gern, denn er wünscht "aufgelockerte, von falschem Pathos ebenso wie von Resultatsbesessenheit freie Spiele".
Andererseits wird der Rekord- und Resultatswahn bei den Münchner Spielen durch eine elektronische Neuigkeit geradezu angefacht. Jeder Passant in der Münchner Innenstadt wird sich mittels Monitors. von denen in allen U-Bahn-Stationen und an wichtigen Plätzen der Stadt insgesamt 72 Stück installiert wurden, über die neuesten Spielergebnisse und die ältesten Champions orientieren können.
Das von Siemens installierte Computersystem "Golym", das rund 500 Millionen Daten aufnehmen kann, gibt überdies Auskunft über alle Olympia-Ergebnisse der Neuzeit sowie über mehr als 15 000 Sportler und Sportfunktionäre bis hin zu deren Hobbys, Familienstand und Religionszugehörigkeit.
Der gescheite "Golym" und die hinter ihm stehende Computer-Kapazität jagen den Einheimischen, die um Münchens Fluidum besorgt sind, denn auch schon Schrecken ein. "Scheiß Olympia". heißt es auf weißblauen Aufklebern, die Münchner Autofahrer an ihr Gefährt heften, "wir wollen unser Ruah und unsern König Ludwig wieder haben"
So richtig faßbar wird das irrationale Unbehagen erst, wenn die Finanzen abgerechnet werden -- und da macht "Golym" mit 20 Millionen Mark Kosten fast gar nichts aus. Daß Oberbürgermeister Vogel, im Jahre 1966, die Kosten der Spiele einmal auf 520 Millionen Mark veranschlagt bat, muß ihm selber mittlerweile wie eine Milchmädchen-Rechnung vorkommen.
* Nachdem sich Vogels Ziffer schon nach zwei Jahren auf 800 Millionen Mark gerundet hatte, fragte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" mißtrauisch: "Haben wir uns mit den Olympischen Spielen zu viel aufgeladen?"
* Ein Jahr später, 1969. präsentierte OBG-Chef Carl Mertz mit 1,15 Milliarden einen "einmaligen Schock, der aber dann das ganze Geschrei über weitere Kostenerhöhungen überflüssig" machen würde, wie Mertz meinte. OBG-Aufsichtsrat Konrad Pöhner damals kleinlaut: "Das Märchen von den bescheidenen Olympischen Spielen ist ausgeträumt."
* Weihnachten 1970 bescherte OBG-Mertz erneut eine "endgültig letzte Kostenerhöhung" -- diesmal auf 1,35 Milliarden Mark. Die letzte Kostenerhöhung war dies nicht, schon gar nicht die endgültig letzte. Im Oktober 1971 verkündeten die Münchner Olympioniken den neuesten Stand ihrer Ausgaben: 1.972 Milliarden Mark.
Täglich flossen nun 1,8 Millionen Mark auf das Münchner Oberwiesenfeld und in die Außenanlagen dieser Sommerspiele: die Segelstätten in der Kieler Förde, die Sportschießanlagen auf der Fröttmaninger Heide. das künstliche Wildwasserbett für die Kanuslalomwettbewerbe in Augsburg.
Staubsauger und Sauerkraut von der Industrie.
Mertz-Stellvertreter Otto-Hermann Grüneberg, kaufmännischer Direktor der Olympia-Baugesellschaft, freute sich, "daß es bisher den Konsorten (Bund, Land Bayern und Stadt München) möglich war, in dem Umfang, wie das Geld von uns benötigt wurde, es auch rechtzeitig vorher bereitzustellen".
Die Konsorten gaben und geben überdies mehr Geld aus, als sie selber bereitstellen. Denn die Vertreter der öffentlichen Hände, die die Entscheidungen im OBG-Aufsichtsrat treffen, müssen von jeder Mark, die sie für Olympia aufwenden. nur 39 Pfennig selber aufbringen -- aus Steuergeldern. Der Rest, 1,2 Milliarden Mark, wird den Münchner Spiel-Führern ins Haus geschwemmt. Sie kassieren die Einnahmen aus der vom Fernsehen gratis ausgestrahlten Glücksspirale in Höhe von 170 Millionen Mark, das Zusatz-Zehnerl auf jedem Lotto- und Toto-Schein (283 Millionen Mark), den Münzgewinn aus 80 Millionen neu geprägten Zehnmarkstücken (568 Millionen Mark), die Lizenz-Gebühren für die Verwendung des Münchner Olympia-Emblems, einer Strahlenspirale, für Kitsch und Couture, Bonbons, Senf und Reisekoffer (zehn Millionen Mark).
Hinzu kommen der Erlös aus dem Verkauf von viereinhalb Millionen Eintrittskarten (34 Millionen Mark), die Lizenzgebühren für Fernsehrechte (43 Millionen Mark) und die Spenden des "Vereins zur Förderung der Olympischen Spiele" (37 Millionen), dem die Industrie freigebig und mit beträchtlichem werblichem Eigennutz Staubsauger und Sauerkraut, Pfefferminz und Kaffeemaschinen, Mobiliar und Automobile zur Verfügung gab.
Diese Schwemme an Barem und Waren lähmte allenthalben das Kritikvermögen und lockerte die Milliarden-Mentalität der Olympia-Verantwortlichen. Für eine Ringer-Halle, die ursprünglich gar nicht gebaut werden sollte, forderten die Olympiabauer statt der zunächst veranschlagten sechs plötzlich 25 Millionen Mark.
Was dem "Bayernkurier" des Franz Josef Strauss wie eine "Art Naturgewalt von unbeeinflußbarer Eigengesetzlichkeit" vorkam, ließ sich bei genauerem Hinsehen mitunter als simple Kapitalisten-Masche ausmachen: Die privaten Bauunternehmer, die auf verbilligtem öffentlichem Grund das Olympische Dorf, Herberge für die erwarteten 12 000 aktiven Sportler und ihre Begleiter, errichteten, erhöhten im Oktober den Quadratmeter- Mietzins von ursprünglich 6,22 auf 14,35 Mark -- und ein Unternehmer-Sprecher schien von dieser Nachkalkulation selber überrascht: "Uns hat es auch förmlich vom Stuhl gerissen."
Da wirkt Olympia-Pressechef Hans Klein (Monatssalär: 12 500 Mark) gelassener, wenn er über den olympischen Kostenboom spricht: "Das ist, wie wenn sich einer für 60 Mark einen Anzug kaufen will, mit seiner Statur aber keinen von der Stange kriegt und sich halt dann vom Schneider einen Maßanzug für 680 Mark machen läßt."
Wen sollte es nach alledem noch überraschen, daß Olympias unförmige Statur auch keine Kopfbedeckung von der Stange vertrug. Das maßgeschneiderte Kunststoff-Dach, für die "Süddeutsche Zeitung" ein "visuelles Abenteuer", erwies sich als "verschwenderischste Inspiration der Welt" (so der Bund der Steuerzahler).
15 Millionen Mark hatte der Zeltdach-Architekt und Wettbewerbssieger der olympischen Ausschreibung 1967, Behnisch, veranschlagt, als er der Olympia-Baugesellschaft sein aus Damenstrümpfen gebasteltes Modell vorführte. Inzwischen stiegen die Kosten für das olympische Paradestück auf 165 Millionen Mark.
Bayerns Ex-Finanzminister und Strauß-Nachfolger im OBG-Aufsichtsrat Konrad Pöhner, als Bauunternehmer der traditionellen Beton-Industrie verbunden. wollte schon bei 130 Millionen als OBG-Aufseher aussteigen ("Ich kann mich ja nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen"), hielt aber bis heute seinen Posten -- und auch von keinem anderen Olympia-Verantwortlichen ist bekannt, daß er die elephantiastische Aufblähung der 72er Spiele nicht vertrüge.
Daß "nicht wir die Spiele, sondern die Spiele uns haben", wie die "Süddeutsche" schon 1966 schrieb -- es ist wahr geworden. In einer Stadt die ihren Charme zu verlieren hat und, wichtiger, bereits jetzt zusehends ihre Struktur als intaktes Gemeinwesen preisgeben muß, finden sie nun statt: doch die bombastischen, doch die perfektionistischen Spiele und die teuersten dazu.
Und kosten werden sie immerfort. Das tritt zutage, wenn vom Olympia-Budget auch der Posten "Unvorhergesehenes" ausgegeben sein wird, der derzeit mit 92 Millionen Mark zu Buche steht -- in Rom 1960 wurde für die ganzen Spiele nur das Doppelte ausgegeben. Als "olympischer Testamentsvollstrecker", aber auch als "lebenslanger Defizitär" fühlt sich jedenfalls schon jetzt Werner Göhner von der "Münchner Olympiapark GmbH". Er schätzt den Netto-Zuschußbedarf für den Unterhalt der Olympia-Anlagen auf jährlich zehn Millionen Mark und erklärt die hohen Kosten so: "Für die Olympischen Spiele ist zum Beispiel die Frage der Schneeräumung ohne Belang. Später stellt sie den Betreiber vor nicht unerhebliche organisatorische und finanzielle Probleme."
in Göhners Millionen-Defizit ist freilich "die Versicherung für das Dach noch gar nicht drin" (Göhner). Dabei kostet die Reparatur einer einzigen der 8300 Acryl-Platten des Daches, so Architekt Behnisch, gleich "rund 2000 Mark". Göhner: "Selbst bei der größten Sparsamkeit, beim besten Management werden wir doch nie aus den roten Zahlen herauskommen."
Statiker, Ornithologen, Glaceologen. Bakteriologen und Mathematiker haben derweil das Acryl-Dach begutachtet, doch niemand weiß bis heute genau, wie widerstandsfähig es gegen Schneelasten und ultraviolette Bestrahlung sein wird.
Da steht es, Zelt zweier Wochen, mit all seinen Gußkörpern, Umlenksätteln, Mastenköpfen und Netzknotenschrauben. Architekt Behnisch: "Wir haben alles so konstruiert, daß die Teile mit Anstand verstauben können."

DER SPIEGEL 3/1972
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