07.02.1972

„In die Bank und durchgeladen“

Im Ruhland-Prozeß treten jetzt die Zeugen auf. In der letzten Woche waren es Randfiguren der BM-Aktivitäten -- wie Peter Homann, der den Marsch in den Untergrund gar nicht erst mitmachte und die Gruppen-Praxis als „moderne Form des Ausgeflipptseins“ bezeichnet; wie Beate Sturm, die zwei Monate bei der Gruppe war und nun im SPIEGEL (Seite 57) schildert, wie ihre „politisch-heroischen Vorstellungen flötengingen“.
2. Fortsetzung und Schluß
Dis Anfang Dezember 1970 führte die Baader-Meinhof-Gruppe den "Volkskrieg" (Baader) an zwei Fronten: der Baader-Trupp in West-Berlin. der Meinhof-Trupp in Westdeutschland. Dann. am Nikolaustag, wurde Baaders Leuten der Untergrund in der Halbstadt endgültig zu heiß. Am 6. Dezember 1970 gab Andreas Baader vor der versammelten Stadtguerilla die Parole aus: "Man wolle in der Bundesrepublik weitermachen."
Mit Ulrike Meinhof, Karl-Heinz Ruhland. Heinrich Jansen und Jan-Carl Raspe, die schon in der BRD waren, sollten Autos gestohlen, Dokumente gefälscht, Banken überfallen, Gefangene befreit werden -- "Demonstrationen unserer militanten Gruppen"
so jedenfalls deutete die Physikstudentin Beate Sturm, die erst Mitte November 1970 zur Gruppe gestoßen war, die von Baader erläuterte "Zielsetzung".
Im Düsseldorfer Ruhland-Prozeß erläuterte vorige Woche die Dunkelhaarige, die sich auf dem Gymnasium "mit kommunistischer Ideologie" beschäftigt hatte, als Studentin zuerst in einer Kommune, dann in einer Wohngemeinschaft lebte ("In der Kommune kennt man sich besser") und ungeduldig auf die "revolutionäre Wendung" wartete: "Die ganze Geschichte ist ja nur aus der Berliner Situation zu verstehen."
Ulrich Wolf Scholtze. ebenfalls Physikstudent und Neuzugang, definierte, Baader wollte einen "militärischen Arm der Arbeiterklasse aufbauen", der "den Forderungen des politischen Arms den nötigen Nachdruck" verleihe. Scholtze selber, damals 22. hielt zeitweilig schon das Autoknacken für politische Demonstration: "Es sollte einmal der Zustand erreicht werden, wo jeder über jedes Kraftfahrzeug frei verfügen könne, sofern er damit nicht andere behindert."
Ähnliche Zusammenhänge erkannte auch Ulrike Meinhof, als sie erfuhr, daß Unbekannte einem Mercedes, mit dem ein Baader-Meinhof-Genosse einen Volkswagen rammte, alle vier Reifen zerstochen hatten. Während andere mutmaßten, das sei aus Ärger über den ramponierten VW geschehen, deutete Ulrike Meinhof das als Zeichen proletarischen Bewußtseins: VW-Besitzer gegen Mercedes- Besitzer.
Der Aufbruch in West-Berlin begann am 7. Dezember 1970. Beate Sturm, die damals gerade 19 war, und Holger Meins ("Rolf") setzten sich nach Frankfurt ab, Ilse ("Tinny") Stachowiak, die damals gerade 16 war, und "Ulli" Scholtze nach Nürnberg.
Beate Sturm erhielt, so erzählte sie als Zeugin im Ruhland-Prozeß. vier Briefumschläge mit fingierten Adressen; in einem waren, für "Anna", 3000 Mark -- von diesem Geld sollte sie auch ihren Flugschein bezahlen -, in den anderen waren gefälschte Bundespersonalausweise und Führerscheine.
Die Studentin, die eigentlich bei den Eltern in Leverkusen Weihnachtsferien machen wollte, verabschiedete sich von den Freunden in der Wohngemeinschaft, begab sich zum Flugplatz und flog mit einer BEA-Maschine von der Spree an den Main: "An Gepäck habe ich nur das Notwendigste mitgenommen.
In Frankfurt wartete sie am verabredeten Treffpunkt -- vor dem Restaurant "Aschinger", gegenüber dem Hauptbahnhof -- zwei Stunden auf Holger Meins, der mit einem gestohlenen Mercedes von Berlin unterwegs war. Als er dann eintraf, klappte es wie geplant: Beide fuhren nach Westend, dort setzte sich Beate Sturm in ein Café, der Genosse "Rolf" nahm vor einer Telephonzelle ein Rendezvous wahr, Erkennungszeichen: ein "Time"-Magazin.
Nach einer Weile kehrte er zurück, führte Beate Sturm zum Mercedes und stellte vor: "Anna". "Sie sah anders aus als auf den Photographien in der Presse". berichtete Beate Sturm, "sie erschien mir schlanker und jünger", doch sie erkannte sie sofort -- "an der charakteristischen Mundpartie".
In der Rückertstraße 26, bei den Bornheims, lernten die Gruppen-Neulinge aus Berlin "Kalle" Ruhland und "Fred" Raspe kennen. Noch am selben Abend erhielt Beate Sturm einen Decknamen "Jutta" -- und eine Pistole. Marke "Firebird" 9 mm.
"Aschaffenburg ist für Überfälle zu klein und zu eng."
"Holger meinte", so "Jutta", "daß man sich daran gewöhnen müsse, mit einer Waffe umzugehen." Später machten sie und Holger Meins Schießübungen in einem Wäldchen nahe des Frankfurter Flughafens -- auf Pappscheiben, die sie an einem Baum befestigten. "Aber geschossen wurde immer nur, wenn ein Flugzeug startete", sagte sie vorige Woche in Düsseldorf." Das Schießen dauerte etwa eine Stunde, dabei habe ich vielleicht vier- bis fünfmal geschossen. Die Pappscheibe habe ich nicht getroffen, aber den Baum."
Gegen 22 Uhr fuhr Frau Bornheim Beate Sturm -- die eigene Wohnung reichte nicht aus, zumal noch die Küsters aus Gelsenkirchen gekommen waren -- zu Freunden nach Neu-Isenburg zu Ulrich Schwarz, damals "Publik"-, heute SPIEGEL-Redakteur. "Jutta" nannte ihren richtigen Namen, den Schwarz "natürlich nicht mit den Baader-Meinhof-Leuten in Verbindung" brachte.
Schwarz zum SPIEGEL (als er noch nicht beim SPIEGEL war): "Es war ein Mädchen wie jedes andere, man hätte es auf 17 Jahre schätzen können, adrett gekleidet, mit langen Haaren, einem langen Lackmantel. Sie war immer sehr schweigsam."
Neuzugang "Ulli" Scholtze, Deckname "Peter Ursinus", verließ West-Berlin einen Tag später, am 8. Dezember. Quartier machte er bei seiner Mutter, der er Ilse Stachowiak als Isa Genzken vorstellte; sie sei zur Hochzeit einer Freundin nach Nürnberg gekommen. Tatsächlich waren "Ulli" und "Tinny" nach Nürnberg gekommen, um Banken auszukundschaften.
"Ulli" und "Tinny" mieteten sich einen BMW 1800 und fuhren durch die Stadt und, so ermittelte die Polizei, "besuchten nahezu alle Banken und Sparkassen". "Ich habe rund 100 Banken besichtigt", gab Scholtze selber vorige Woche im Ruhland-Prozeß zu Protokoll, und: "Wichtig war ein kleiner Vorraum, in dem man Kapuzen überziehen konnte."
Zu achten war laut " Ulli" Scholtze ferner auf:
Panzerglas, Größe der Kassenräume, Anzahl der Beschäftigten, Lage der Telephone, Lage der Nebenräume, den Leiter der Bank und dessen Charakteristik, Publikumsverkehr, Aufbau der Eingangstüren und deren Durchsichtigkeit, Lage von anschließenden Straßenbahnen oder Treffpunkten von größeren Menschenmengen, Lage des nächstgelegenen Polizeireviers, mögliche Fluchtwege und Behinderungen auf diesen Fluchtwegen, z. B. Ampeln.
Auch die anderen Baader-Meinhof-Genossen baldowerten Banken aus -- "zur Finanzierung unserer Aktivitäten". wie Baader begründet hatte. Beate Sturm beispielsweise wurde "nun deutlich. was bis dahin nur schemenhaft angedeutet war". Allerdings war nicht mehr die Rede davon, daß auf Flugblättern oder in "kurzen Reden" klargemacht werden sollte, wer und welche politischen Überlegungen hinter den Überfallen stünden. Sie hörte statt dessen, wie sie vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht aussagte: "Man mußte mit allen Mitteln verhindern. daß bekannt wurde, daß wir das gemacht haben"
Mit "Tinny" und "Rolf" ging sie in Aschaffenburg "von Geldinstitut zu Geldinstitut". Die drei machten drei Objekte ausfindig, zwei Sparkassen und eine Hypothekenbank. "Anna" war mit der geleisteten Arbeit zufrieden, doch "Hans" Baader verwarf den Plan: Die Stadt sei für Raubüberfälle ungeeignet, sie sei "zu klein und zu eng".
"Anna" Meinhof. "Fred" Raspe und "Kalle" Ruhland streiften durch Gießen und Umgebung. Als ihnen ein Geldtransport auffiel, der, mit nur zwei Mann Besatzung. über einsame Landstraßen in die Stadt ging, kam ihnen laut Ruhland der Plan, den Transport "zwischen zwei Dörfern anzuhalten, den Fahrer und seinen Begleiter mit Waffen in Schach zu halten und das Geld sodann in unsere Pkw umzuladen".
Die Stadtguerilla kalkulierte, für einen solchen Handstreich brauchten sie fünf bis sechs Mann, drei Autos und eine Fluchtwohnung nahebei. Sie kamen zu dem Schluß. die ihnen zur Verfügung stehenden "geringen Mittel" und "schwachen Kräfte" reichten nicht hin, und deshalb wollten sie "zunächst die geplanten Oberfälle auf Banken" durchführen.
Geplant war damals allerhand: Außer vier Aktionen in Nürnberg Überfälle in Oberhausen auf die Stadtsparkasse Marktstraße und Stadtsparkasse Schwarzstraße, nahe dem Rathaus; in Gladbeck auf die Commerzbank, Horster Straße 5. Und das alles an einem Tag: am 21. Dezember. Einige sollten sogar zweimal dabei sein: Gudrun Ensslin, Astrid Proll, Baader, Raspe und Ruhland sollten nach dem Raub in Oberhausen "unverzüglich nach Nürnberg fahren" (Ruhland).
Auch in ihrem Quartier -- sie waren inzwischen in der Wohnung des Schriftstellers Michael Schulte untergekommen (SPIEGEL 6/1972) -- bemühten sich die Genossen um konspiratives Gebaren. "Mir fiel gleich zu Beginn der Besprechung auf", erzählte Beate Sturm später der Polizei. "daß man sehr geheimnisvoll tat."
"Fred" Raspe durchschritt "mit einem mit Knöpfen und einer Antenne versehenen Gerät" (einem "Mini-Spionsucher", der nach Lektüre eines einschlägigen Artikels im "Zeit"-Magazin vom 20. November 1970 gekauft worden war) "die Räume und führte den Apparat an den Wänden entlang" -- um eventuell installierte Mikrophone zu entdecken. Doch zunächst entstand nur Verwirrung,
"Die Fensterklappe stand immer offen."
Denn, so schilderte Beate Sturm weiter: "Der Apparat gab ständig piepsende Geräusche von sich, so daß man sich nicht klar darüber war" ob nicht doch Mikrophone in den Wänden verborgen waren. Schließlich kam die Runde. so erinnert Ruhland. "einhellig zu der Überzeugung, daß das Prüfgerät wahrscheinlich auch auf normale Lichtleitungen reagierte". Raspe wurde beauftragt, eine Gebrauchsanweisung zu besorgen.
Was an jenem Abend, 13. Dezember, zur Sprache kam, vermag Ruhland nicht zu sagen. Er erinnert sich nur noch daran, daß Baader ein Tonband abspielte, das er selber besprochen hatte. Es waren Passagen aus den Ermittlungsakten der Polizei von der Baader-Befreiung im Mai 1970.
Beate Sturm weiß noch, daß "ganz allgemein" über die Beschaffung von Autos und Quartieren gesprochen wurde, und auch darüber, ob die 16jährige "Tinny" Stachowiak nicht "zu jung für die Gruppe sei".
Ulrike Meinhof. Gudrun Ensslin und Baader fürchteten, "Tinny" sei "infolge ihrer Jugend nicht zuverlässig genug"; bei polizeilichen Vernehmungen würde sie womöglich singen. Als die 19jährige "Jutta" darauf verwies, daß sie selbst "auch nicht viel älter sei als "Tinny". beendete Baader den Disput: Er sei ein "guter Psychologe"; er sehe es "meinem Gesicht an, daß ich vertrauenswürdig sei".
Das Lamento an diesem Abend wurde in einem Punkt doch noch konkret: Die Baader-Meinhof-Gruppe verlegte das Hauptquartier von der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Frankfurt nach Bad Kissingen, in ein ausgedientes 30-Zimmer-Sanatorium, Bergmannstraße 2.
Besitzer: Frau Monika Seifert. Tochter des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich ("Die Unfähigkeit zu trauern"). Ehefrau des Politologen Jürgen Seifert (der jetzt das "Komitee Solidarität mit Peter Brückner mit ins Leben rief und im Zusammenhang mit dem Ruhland-Prozeß von Gestapo-Methoden sprach), selber Psychologin. Sozialpädagogin und Initiatorin eines Frankfurter Kinderladens ("Selbstregulierung der kindlichen Bedürfnisse"). Sie schrieb auf (im Ruhland-Prozeß verlesenen) Ansichtskarten, die das Kissinger Haus zeigten: "Ich erlaube dem Inhaber dieser Karte, in unser Haus zu gehen"; Unterschrift: "Monika Seifert-Mitscherlich".
Monika Seifert hatte Ulrike Meinhof 1958 kennengelernt; sie war in Münster Kommilitonin ihres Mannes gewesen: "Wir mochten uns schon sehr."
"Fred" Raspe kannte sie auch schon länger; ob der jedoch im Dezember 1970 in ihrer Frankfurter Wohnung geschlafen hat (was er laut Ruhland öfter tat, "die Fensterklappe in der Küche stand immer offen"), kann sie "nicht einmal beschwören", und daß Raspe "dazu gehörte", zur Baader-Meinhof-Gruppe. wußte sie "überhaupt nicht": "Das habe ich", so Monika Seifert zum SPIEGEL. "erst bei der Frankfurter Schießerei im Februar (1971) erfahren."
Den Baader kennt Monika Seifert bis heute nicht, "Gott sei dank nicht", den Meins nur flüchtig. Daß sich die ganze Gruppe im Dezember 1970 in dem Kissinger Haus aufgehalten hatte, das erscheint ihr jedoch "keineswegs unmöglich", obgleich sie der Gruppe das Haus "nicht zur Verfügung gestellt" hat.
"Wir haben den Schlüssel wahllos jedem gegeben, der da hinfahren wollte". erklärte Monika Seifert dem SPIEGEL: "Ist ja auch wurscht; ich war froh, wenn da jemand im Haus war." Man komme übrigens auch ohne Schlüssel rein: "Ich weiß nicht, wie oft wir die Kellerfenster zunageln mußten."
Am 27. Januar 1971, morgens um 5.40 Uhr, standen 30 Polizisten vor der Seifert-Wohnung in Frankfurt "Sie klingelten wie die Irren."
"Drei Stunden lang haben sie phantastisch aufgeräumt", so Frau Seifert weiter: "Die haben die Doktor-Urkunde meines Mannes wiedergefunden, die wir verlegt hatten, und den langvermißten "Parker"; einmal im Leben hat sich mein Mann einen teuren Kugelschreiber gekauft, alles haben sie wiedergefunden."
Später, im Herbst 1971, rief dann plötzlich Bundesanwalt Alwin Kuhn bei Monika Seifert an. An das Telephonat erinnert sich die Sozialpädagogin "sinngemäß":
Kuhn: Sie wissen doch sicher, daß gegen Sie ein Ermittlungsverfahren läuft, Ich möchte Sie dazu mal hören.
Monika Seifert: Da kann ja jeder anrufen, normalerweise macht man so was doch wohl schriftlich.
Kuhn: Wenn ich nach Frankfurt fahre, muß ich wissen, oh Sie aussagen. Monika Seifert: Ich sage Ihnen nichts. Kuhn: Kann ich das amtlich nehmen? Monika Seifert: Das können Sie nehmen, wie Sie wollen.
Am 14. Dezember 1970 waren "Kalle" Ruhland und "Rosi" Proll nach Kissingen gefahren. um das Seifert-Haus "in einen halbwegs bewohnbaren Zustand zu versetzen". "Insbesondere sollte ich für Heizung und Licht sorgen", berichtete Ruhland: "Zu diesem Zweck kaufte ich Ölöfen nebst Zubehör, die ich im Hause installierte."
Als Ulrike Meinhof, Beate Sturm und Holger Meins zwei Tage später eintrafen, waren die übrigen Gruppenmitglieder schon da. "Sie schliefen", so Beate Sturm, "wir mußten sie wecken."
In dem Kissinger Quartier "fanden wir altes Bettzeug und verteilten das auf drei Zimmer", teilte Beate Sturm dem Düsseldorfer Gericht mit, und: "Ich mußte immer einkaufen gehen, weil ich so gut auf bürgerlich machen konnte."
Sie fand: Das ehemalige Sanatorium machte einen "verwahrlosten Eindruck", "der Garten war ungepflegt und verwildert, Möbel waren so gut wie gar nicht vorhanden". Im Sommer wurden Kinder des Frankfurter Kinderladens dort betreut. "man war also dort", folgerte Beate Sturm, "an das Auftreten seltsamer Gestalten gewohnt".
"Das stimmt schon, im Haus sah es sehr schlimm aus, es waren auch kaum noch Möbel drin", bestätigt Frau Seifert: "Und tatsächlich haben wir da eines Tages drei Ölöfen gefunden."
In Bad Kissingen wurden "Pläne für die Zukunft entwickelt, wobei auch viel "gesponnen" wurde" -- urteilt Beate Sturm. Unter anderem war die Rede davon, Prominente zu entführen, um politische Gefangene freizubekommen.
Dabei fiel der Name des Hamburger Verlegers Axel Springer ("Für den kriegen wir höchstens Geld"); dessen Entführung, so erinnert sich Beate Sturm, wurde "jedoch nicht als nützlich im Interesse der Freilassung von politischen Gefangenen angesehen". Ebenso wurde der bayrische Politiker Franz Josef Strauß ("Den will ja keiner wiederhaben") ins Gespräch gebracht. Aber auch seine Entführung erschien nicht sinnvoll, da man befürchtete, "man würde auf seine Freilassung keinen Wert legen" (Beate Sturm).
"Die Gruppe war eigentlich immer auf der Flucht."
Schließlich sei, so erzählte Ruhland, die Entführung von Bundeskanzler Willy Brandt als nützlich und unproblematisch zugleich bezeichnet worden. Der Entführte sollte in jener zur Jagdhütte umgebauten Scheune in der Eifel festgehalten werden, die Ulrike Meinhof und Ruhland Anfang November 1970 inspiziert hatten (SPIEGEL 6/1971).
"Das Thema wurde durchaus ernsthaft erörtert", fand Ruhland. "Ich habe das Ganze im Grunde für "Spinnereien" gehalten", dagegen Beate Sturm. Entführung das wäre ihr widersinnig erschienen: "Denn bis dahin hatte ich die Gruppe eigentlich immer nur auf der Flucht erlebt" Überfälle auf Banken, darin stimmten "Kalle" und "Jutta" überein, die wurden "ernsthaft in Erwägung gezogen".
Baader drang darauf, daß nun endlich was geschehe. "Das Zusammenraffen des geraubten Geldes", erzählte er Beate Sturm einmal, machte ihm "besonderen Spaß". Er fuhr selber nach Nürnberg. um die von "Ulli" und "Tinny" ausgespähten Objekte zu inspizieren. Ulrike Meinhof, Raspe und Ruhland machten sich mit den von "Ah" Jansen erkundeten Banken von Oberhausen vertraut,
Am Morgen des 19. Dezember brachen die Baader-Meinhof-Leute in fünf Pkw (ein Mercedes, ein Renault 16, ein Ford 17 M, zwei BMW) zu den geplanten Bankrauben nach Nürnberg, Gladbach und Oberhausen auf, um, so Ruhland, "eine Summe von zirka 500 000 Mark zusammenzubekommen".
Ruhland fuhr den Mercedes. neben ihm saß Beate Sturm. Sie sprachen über "persönliche Dinge", Ruhland darüber, daß er seine beiden Jungens schon lange nicht mehr gesehen habe, seine Frau an Leukämie leide, er dadurch in "schwierige finanzielle Verhältnisse geraten" sei.
Beate Sturm gab zu, sie habe Heimweh, sie sehne sich insbesondere nach ihrer jüngeren Schwester, der Gymnasiastin Annette. Als Ruhland erfuhr, daß die Sturms in Leverkusen wohnen, machte er "einen kleinen Umweg". was "keineswegs den konspirativen Regeln" entsprach. Beate Sturm stieg aus, um" so Ruhland, "nur einen kurzen Blick über den Zaun auf das Haus ihrer Eltern zu werfen". Im Düsseldorfer Prozeß sagt sie: "Es ist doch was Schönes, wenn man an zu Hause hängt."
Am späten Abend kamen die beiden im Tatort Oberhausen an. Sie fuhren ins "Rex"" wo der Genosse "Ali" Jansen, der "wieder getrunken hatte" (Ruhland). schon auf sie wartete. Dann machten sie eine Rundfahrt zu den Autos, die "Ah" für die Gruppe ausgemacht hatte. "Wir konnten feststellen", so Beate Sturm später zur Polizei, "daß er in der Tat gute Arbeit geleistet hatte."
Noch in der Nacht sollte ein Wagen gestohlen werden. Um an eine Bohrmaschine zu kommen, die Ruhland dafür brauchte, fuhren die drei erst noch einmal ins "Rex" zu einem Jansen-Freund, der aushelfen konnte.
Auf der Fahrt in die Wohnung des Freundes merkte Ruhland plötzlich, daß ihnen ein Streifenwagen folgte; der ließ auch nicht ab, als "Kalle" um mehrere Ecken fuhr. "Wir haben zu Ruhland gesagt", erzählt Beate Sturm im Prozeß, "fahr schneller." Jansen sagte: "Lade die Knarre durch." Beate Sturm lud durch. Was dann geschah, schilderte Ruhland den Ermittlern so:
Schließlich wurde ich zum Halten aufgefordert. Ich mußte mich ausweisen. Ich übergab den beiden Beamten meinen gefälschten Reisepaß, der zwar meinen wirklichen Namen enthielt, in dem aber ein anderer Geburts- und Wohnort angegeben war. Jansen machte den Vorschlag von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Ich forderte die anderen Wageninsassen auf abzuhauen. Alle drei verschwanden daraufhin in der Dunkelheit. Ich habe sie nicht wiedergesehen.
Die kontrollierenden Beamten forderten mich schließlich auf, mit ihnen in den Funkstreifenwagen zu kommen, wo sie bei ihrem Revier Rückfrage hielten. Als sie mir eröffneten, daß ich mit zur Wache müsse, habe ich ihnen zu ihrem Erstaunen meine geladene und entsicherte Pistole übergeben, die ich vorn im Hosenbund stecken hatte. Auf dem Revier wurde mir mitgeteilt. daß ich vorläufig festgenommen sei.
Zuerst hatte Jansen gedacht. Ruhland würde doch noch schießen. Als dann jedoch weitere Polizisten auftauchten, wurde ihm klar. "daß die Sache schiefgeht".
"Anna" lieferte der Polizei ein neues Fahndungsphoto.
Beate Sturm verschwand zusammen mit Jansens Freund in einem Taxi. Aus einer Telephonzelle rief sie in Schultes Wohnung an. Telephon 65 28 99. "Ich habe nur noch vier Mark und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll", schilderte sie ihre Lage. Baader riet" sie solle sich von Jansens Freund Geld leihen und nach Gelsenkirchen fahren, zu Küsters, Mentzelstraße 2a.
Um 2 Uhr nachts traf Beate Sturm in Gelsenkirchen ein; Jansens Freund hatte sie zum Hauptbahnhof gefahren; dort nahm sie ein Taxi. Frau Küster. die sie bereits bei den Bornheims in Frankfurt kennengelernt hatte, machte ihr ein Bett zurecht: "Und ich konnte schlafen gehen."
Am Morgen, in aller Frühe, erschienen auch Ulrike Meinhof und "Fred" Raspe -- "sehr aufgeregt", wie Beate Sturm beobachtete. Auch die ·beiden waren in eine Polizeikontrolle geraten, ebenfalls als sie ein Auto ausspähten.
"Anna" reichte dem Polizisten Ausweis, Führerschein und Wagen-Zulassung, sämtlich gefälscht. Dann bekam sie es plötzlich mit der Angst, gab Gas und fuhr los -- ohne die Dokumente: So lieferte Ulrike Meinhof der Polizei ihr jüngstes Fahndungsphoto.
Als Ulrike Meinhof alias Marion Schmitz am 2. Dezember 1970 zum erstenmal Quartier bei den Küsters bezogen hatte, genügten "Grüße von Bornheims". Frau Ursula Küster, 32, zum SPIEGEL: "Das reicht bei mir." Sie wußte nicht, sagt sie, daß Marion Schmitz Ulrike Meinhof sei; sie hat es aber "doch vielleicht irgendwie geahnt".
Seitdem diente auch die Küster-Wohnung, so der Stand der Ermittlungen, der Baader-Meinhof-Gruppe hin und wieder als Anlaufstelle und Deckadresse, wo auch hohe Geldbeträge, wie üblich als Büchersendungen getarnt, angekommen sein sollen. Und bald drängte es Frau Küster, "etwas Gutes" zu tun für die Frau, die einen "sehr großen Eindruck" auf sie gemacht hatte: Am 5. Dezember reiste Frau Küster nach Berlin und mietete im Neubau Leibnizstraße 35a angeblich eine Zweitwohnung, tatsächlich eine Baader-Meinhof-Zuflucht.
Wohnungsschlüssel und Mietvertrag übergab sie Gudrun Ensslin alias Grete
* Abbildung aus "Zeit"-Magazin vom 20. November 1970, nach der das Gerät (oben Mitte) angeschafft wurde.
Weitemeier, mit der sie sich zweimal in einem Straßen-Café am Kurfürstendamm traf. Die durch die Wohnungsbeschaffung entstandenen Kosten, 2800 Mark, erhielt Frau Küster einen Monat später zurück -- Geldscheine, zwischen einigen "Kursbuch"-Bänden versteckt, zu einem Paket verpackt. Das fand wenig später die Polizei.
Als die Polizei am 23. Januar 1971 kam, früh um sechs, klopfte und klingelte sie zunächst vergeblich: "Wir haben so fest geschlafen", erinnert sich Frau Küster. Ein Mitbewohner des Zweifamilienhauses öffnete schließlich die Tür. Zehn, elf Beamte drangen in die Wohnung ein, so Frau Küster, "draußen stand noch eine Hundertschaft".
Ehemann Küster, Hans-Dieter, 35, Ingenieur, durfte die Kinder in einem Polizeiwagen zu Bekannten fahren. Frau Küster mußte mit aufs Polizeipräsidium. Bis neun Uhr abends wurde sie vernommen: "Da hatten die in ihrer Photo-Sammlung noch kein Bild von "Kalle" drin", erzählte sie dem SPIEGEL. Am 17. Dezember 1971 wurde das Ehepaar für den 1. März 1972, 9.30 Uhr, als Zeugen im Prozeß gegen "Kalle" Ruhland vor das Düsseldorfer Oberlandesgericht geladen.
Nach der Ruhland-Verhaftung hatte Beate Sturm nur eine Nacht, die zum 20. Dezember 1970, in der Küster-Wohnung geschlafen. Am Mittag traf sie sich, wie verabredet, mit "Ah" Jansen vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof. Die Nacht verbrachte sie in Köln bei einem Freund -- "da ich infolge der zurückliegenden Ereignisse völlig übermüdet und ruhebedürftig war".
Der Kölner Freund fuhr sie und Jansen am 21. Dezember nach Frankfurt, wo sich die Gruppe in der Wohnung des Schriftstellers Schulte versammelte. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Ilse Stachowiak und Marianne Herzog (eine Neue, die Beate Sturm erst jetzt kennenlernte), Baader, Meins und Raspe waren schon da. Astrid Proll und "Ulli" Scholtze waren bereits wieder nach Nürnberg unterwegs; dort sollten die ausbaldowerten Banken in den nächsten Tagen doch noch überfallen werden.
"Man kann nicht Banken überfallen und zugleich studieren."
Zuvor waren Baader und Scholtze aneinander geraten: es ging, so schilderte Scholtze als Zeuge in Düsseldorf, um die "Frage der Illegalität der Gruppenmitglieder". Scholtze warf Baader verantwortungsloses Handeln. Baader dem Scholtze "Inkonsequenz" vor. Baader: "Man kann nicht an einem Tag an einem Banküberfall teilnehmen und am nächsten Tag wieder zur Diplomarbeit zurückkehren" -- was Scholtze freilich für vereinbar gehalten hatte. Nach seiner Festnahme sagte er der Polizei: "Ich habe als studentischer Tutor in Berlin monatliche Einkünfte von 670 Mark. Diese Position aufzugeben, ist mir nicht in den Kopf gekommen."
In einem weißen Beute-Ford 17 M fuhren "Anna" Meinhof und "Jutta" Sturm, "Ali" Jansen und "Rolf" Meins noch am 21. Dezember nach Nürnberg. Im "Trattoria"-Restaurant Färberstraße/Ecke Josephsplatz kamen noch "Rosi" Proll und "Ulli" Scholtze hinzu.
Gegen 22 Uhr trennten sie sich. Ulrike Meinhof und Astrid Proll wohnten im "Esso"-Hotel, "Jutta" und "Rolf" stiegen in einer kleinen Pension in der Comeniusstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs ab. Sie lagen bereits im Bett, als "Ulli" in ihrem Zimmer erschien; er holte zwei Nummernschilder, die "Rolf" verwahrt hatte. "Offensichtlich". so vermutete Beate Sturm. "wurden die zum Umfrisieren eines Kraftfahrzeugs gebraucht."
Ulrike Meinhof, Astrid Proll, Jansen und Scholtze gingen noch nicht ins Bett; sie wollten noch ein Auto stehlen. In zwei Wagen, einem Ford und einem BMW, fuhren sie los. Gegen 1 Uhr fanden sie auf einem Parkplatz in der Watzmannstraße den Mercedes, den Ulrike Meinhof für die Gruppe ausgesucht hatte.
"Anna" und "Ah" knackten den Wagen, doch der Mercedes sprang nicht an. Da ertönte, schilderte Scholtze im Ruhland- Prozeß. "ein markerschütterndes Geschrei": offenbar war es der Mercedes-Besitzer. "der sich so aufführte".
Ulrike Meinhof und Astrid Proll fuhren davon -- ins "Esso"-Hotel. Scholtze ließ seinen Ford langsam anrollen, Jansen sprang zu ihm in den Wagen. Als sie auf dem Parkplatz vor der Meistersinger-Halle anhielten, stoppte neben ihnen, in einem VW, eine Zivilstreife, wenige Augenblicke später erschienen auch noch uniformierte Polizisten.
Die Uniformierten nahmen Jansen mit, die Zivilisten kümmerten sich um Scholtze; beide wurden getrennt dem Mercedes-Besitzer gegenübergestellt und festgenommen.
In einem Café berichtete Ulrike Meinhof anderntags, was vorgefallen war. Sie wäre am liebsten sofort nach Frankfurt zurückgefahren, doch das wollte Baader nicht, mit dem sie telephoniert hatte. Er sagte: "Auch in Frankfurt herrscht völliges Chaos. Ich habe einen Unfall gebaut."
Ulrike Meinhof und Beate Sturm fuhren in die Roonstraße 3, zu dem Politologen und Wirtschaftswissenschaftler Elmar Altvater. Der kannte die Meinhof -- "Ich habe sie 1967 mal auf einem Kongreß gesehen" -, doch er erkannte sie nicht -- "Immerhin war sie erblondet und kurzgeschoren" -, gleichwohl verschaffte er ihr Quartier: "Sie hat sich auf Münchner Genossen berufen."
In einer leerstehenden Wohnung in Erlangen-Spardorf -- die Besitzer waren verreist, Altvater besorgte den Schlüssel -- fanden Ulrike Meinhof und Beate Sturm Unterschlupf. "Die Wohnung war prima", so Beate Sturm, "es war die schönste, die wir hatten." Ulrike Meinhof mäkelte jedoch, vor allem an den "Röhl-Möbeln" -- eine Anspielung auf den Geschmack ihres früheren Ehemannes Klaus-Rainer Röhl ("Konkret").
"Weihnachten haben wir uns eine polnische Gans gebraten."
Sie blieben zwei Tage und zwei Nächte. Dann, am Heiligabend, bezog die Gruppe wieder eine gemeinsame Unterkunft in Stuttgart. Hauptmannsreute 16. im Souterrain einer alten Villa. "Dies war immer ein offenes Haus. Hier haben schon -zig Leute übernachtet. auch viele. die ich überhaupt nicht kannte", sagte Wohnungsinhaber Werner Stoller zum SPIEGEL: "Die Sache liegt mir schwer auf dem Magen."
Die Baader-Meinhof-Leute hielten die Stoller-Wohnung für eine "sichere Unterkunft. da lebten wir dann äußerlich in aller Ruhe", berichtete Beate Sturm dem SPIEGEL: "Weihnachten haben wir uns eine polnische Gans gebraten. Baader hatte eine Flasche geleert und fluchte auf die Mädchen"
Wohnungsinhaber Stoller "trat nie in Erscheinung". Er war, so der Kunsterzieher zum SPIEGEL, gerade in Urlaub. Er wußte nicht, "daß die hier wohnen". Er "lernte nie einen von diesen Typen kennen", nur Marianne Herzog kannte er. Sie war früher mal mit seinem Bruder verlobt gewesen: nun gehörte sie der Gruppe an und hatte einen Wohnungsschlüssel (am 2. Dezember 1971 wurde sie in Köln verhaftet). In Stuttgart "entwickelte die Gruppe nur eine geringe Aktivität", erinnert sich Beate Sturm. Und Baader meinte einmal: "Nie wieder wird es die Gruppe so gut haben wie in dieser Stuttgarter Zeit."
Am ersten Weihnachtstag gab es allerdings Krach in der Gruppe. Ulrike Meinhof und Baader zankten sich ums richtige Guerilla-Konzept. "Hier kam es zu einer großen Auseinandersetzung", so Beate Sturm (siehe Seite 57).
Sie selber mußte sich auf Beschluß der Gruppe die langen Haare kürzer schneiden lassen, um auf Fahndungsphotos nicht so leicht erkannt zu werden. Aber sie durfte ihre Haare, wie sie dem SPIEGEL erzählte, "auch nicht auf Streichholzlänge stutzen lassen, damit sie notfalls erneut gekürzt werden könnten". Beate Sturm: "Ich habe drei Tage mit mir gekämpft, dann bin ich zum Friseur gegangen, zu einem in der ersten Etage. die sind meistens am besten."
Einvernehmen herrschte in der Gruppe, als die aus Kassel stammende Astrid Proll vorschlug, nun in Kassel Banken auszuräumen. Sogleich schickte Baader die ortskundige "Rosi" und den Genossen Meins an den Tatort, damit sie mit den notwendigen Vorarbeiten -- Ausbaldowern geeigneter Objekte und Anmieten von Wohnungen -- unverzüglich beginnen konnten. "Was die vorhaben,
ist hier gar nicht zu machen."
Auch Beate Sturm erhielt einen Sonderauftrag: Sie sollte in Nürnberg Kontakt mit Ulrich Scholtze aufnehmen, der, wie die Gruppe aus der Zeitung wußte, aus der Haft entlassen worden war. Baader wollte, daß "Ulli" wieder für die Gruppe arbeitet. Beate Sturm sollte ihn "entsprechend beeinflussen". Außerdem sollte sie die 1000 Mark zurückfordern, die "Ulli" aus der Gruppenkasse bekommen hatte, was "Jutta" allerdings vergaß.
Der Kontakt kam zustande, am 30. Dezember, in der Wohnung von Scholtzes Mutter. Doch "Ulli" wollte nicht mehr, und "Jutta" wußte selber, daß sie "ihn nicht überzeugen kann". "Für mich gibt es jetzt nur völlige Legalität oder völlige Illegalität", sagte Scholtze den Ermittlern. Er wählte die Legalität.
Beate Sturm verließ die Wohnung. Aus einer Telephonzelle rief sie ihre Mutter an. Sie wollte "ein Lebenszeichen geben" und erfahren, wie die "Eltern das Weihnachtsfest verbracht hatten". Sie erfuhr von ihrer Mutter, die Polizei sei dagewesen. habe nach der Tochter gefragt, weil "bei jemandem, der geschossen hatte, ein Brief von ihr gefunden" worden sei, Die Tochter vermutete, es handele sich um Jansen, und deshalb fürchtete sie, in Nürnberg würde nach ihr gefahndet: "Daher mein nervöses Verhalten."
Die Nacht auf Silvester verbrachte Beate Sturm in Nürnberg beim Politologen Altvater -- als "Gisela" -- "Hätte sie ihren richtigen Namen genannt", so Altvater zum SPIEGEL, "hätte ich damit auch nichts anfangen können."
"Gisela" war "erkältet, sie fühlte sich nicht gut", erinnert der Politologe: "Ich glaube, sie hatte auch irgendwelche Hautgeschichten" Am Morgen nahm sie ein Bad und fragte den Gastgeber. ob er sie wohl nach Augsburg fahren könnte.
Altvater zum SPIEGEL über "Gisela": "Es stellte sich heraus" daß sie kein Geld mehr hatte. Ich wollte sie mit meinem Wagen zum Trampen bis zur Autobahn bringen, aber dann -- es war herrliches Wetter an diesem Tag -- bin ich einfach weitergefahren bis Augsburg. In einer Pizzeria in der Stadt haben wir noch zu Mittag gegessen, dann habe ich mich von ihr verabschiedet"
Altvater zum SPIEGEL über die Baader-Meinhof-Gruppe: "Was hat das, was die machen, denn mit politischer Aktion zu tun? Vieles, was in der Gruppe geschieht. muß man unter persönlichen Gesichtspunkten sehen."
Altvater zum SPIEGEL über den Ruhland-Prozeß: "Da erweist es sich doch, daß das, was die vorhaben, hier gar nicht zu machen ist. Wenn die für ihre Aktionen Handwerker brauchen und diese Handwerker wie Ruhland fangen an zu quatschen, dann zeigt das doch, daß diese Aktionen eben keinen Sinn haben"
Gleich im neuen Jahr 1971 schickten Ulrike Meinhof und Andreas Baader die damals gerade 19 Jahre alte Beate Sturm zur Bankraub-Vorbereitung nach Kassel "Jutta" beobachtete zwei Sparkassen, die in der Akademiestraße und die am Stockplatz (beide wurden am 15. Januar tatsächlich ausgeraubt, Beate Sturm war nicht mehr dabei; Beute: 114 530 Mark)
Sie achtete auf den Betrieb am Kassenschalter, notierte die Straßenbahn-Haltestellen, skizzierte Fluchtwege Welche Rolle sie bei dem Überfall spielen sollte, wußte sie noch nicht, aber sie konnte sich das "ausmalen".
Als Fahrerin für einen Fluchtwagen kam sie nicht in Frage, "mangels Schulung". Der Sprung über den Banktresen und der Griff in die Kasse wurden ihr ebensowenig zugetraut: "Ich wurde für zu lahm gehalten." Es wäre ihre Aufgabe gewesen, "mit der Waffe in der Hand" dabeizusein.
Sie konnte sich nicht an das "gewöhnen". was sie sich da ausgemalt hatte. Zugleich erkannte sie "schlagartig das Kriminelle an unserem Vorhaben". Es wurde ihr deutlich. "daß hier in Wirklichkeit nicht der Klassenfeind getroffen wird, sondern das Volk in Gestalt der Sparkassenangestellten. die dabei möglicherweise zu Schaden kämen".
Sie erkannte "die Fehler und Lücken in den ideologisch-theoretischen Überlegungen unserer Gruppe". Sie entschloß sich, "die Gruppe zu verlassen und nicht mehr mitzumachen". Sie urteilte: "Die Gruppe tritt in ihren Aktionen dem Volke nur als Feind gegenüber"
Ulrike Meinhof. die "immer soviel redete", merkte, so Beate Sturm zum SPIEGEL, "daß ich völlig verwirrt war": "Politisch war alles vollkommen weg."
Am 8. Januar 1971 rief Beate Sturm zu Hause in Leverkusen an; ihre Mutter war am Apparat. Beate Sturm sagte. "daß ich nach Hause kommen wolle". Frau Sturm sagte, "daß ich nur kommen solle". Ende

DER SPIEGEL 7/1972
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