07.02.1972

AUTOMOBILEStoß ins Wasser

Amerikanische Ingenieure testeten Stoßfänger des Automobil-Jahrgangs 1972. Das Resultat war niederschmetternd.
Rumms, tönte es von der Testbarriere - lauter und folgenschwerer, als die Ingenieure erwartet hatten. Der Wagen, ein 72er Cadillac Calais, war im gemächlichen Spaziergängertempo von vier Kilometern pro Stunde gegen das massive Hindernis gelenkt worden. Reparaturkosten: 222 Dollar.
"Das sollen verbesserte Stoßstangen sein?" spottete einer der Testingenieure. Die Stoßfänger des lädierten Luxusautos und anderer, gleichfalls getesteter Typen des Jahrgangs 1972 seien "für die Katz". Schauplatz der unlängst abgehaltenen Aufpralltests war das Verkehrssicherheits-Institut der US-Versicherungsgesellschaften in Washington.
Amerikas Autofahrer haben in den letzten Jahren Kosten von über einer Milliarde Dollar pro Jahr durch Bagatellschäden verursacht, die durch zweckmäßiger gestaltete Stoßfängersysteme vermeidbar gewesen wären in der Bundesrepublik sind es jährlich rund 400 Millionen Mark.
Schuld an dem Übel sind die Designer der Autofabriken. Sie zogen die einst freistehenden Stoßstangen bei fast allen Typen an die Karosserie heran und verwandelten sie in verwundbare Ornamente. Erst die US-Sicherheitsbehörde in Washington, die Sicherheitsstandards genannte Bauvorschriften verfügte, konnte Amerikas Automode-Macher ernüchtern: Vom 1. Januar 1973 an dürfen auf dem US-Markt nur noch Personenwagen verkauft werden, die beim Tempo von acht Kilometern pro Stunde einen Aufprall auf ein festes Hindernis dank besonderer Stoßfänger ohne nennenswerte Schäden überstehen können. Später sollen die Anforderungen dann auf eine Aufprallsicherheit von 16 km/h erhöht werden. Außerdem wollen die Washingtoner Sicherheits-Beamten eine einheitliche Stoßstangenhöhe von 20 Zoll (50,8 Zentimeter) vorschreiben.
"Es ist verdammt schwierig, mit einer Stoßstange den Sicherheitsstandard einzuhalten, ohne sie häßlich zu machen", murrte Richard Teague, Stylingchef der American Motors Corporation, kleinster aller US-Autofirmen. Aber der Größte ging voran. Schon etliche seiner 72er-Modelle, so kündigte General Motors den Einbau "verbesserter Stoßstangen" an, würden zumindest einen Aufprall mit vier km/h schadlos überstehen. Doch bei den Tests im Versicherungs-Institut zu Washington, wo der neue Cadillac mit vier km/h sein 222-Dollar-Debakel erlebte, schlug die Stunde der Wahrheit. Nur einer, der Pontiac Catalina, kam beim Schleichtempo-Aufprall von vier km/h unbeschädigt, der Buick LeSabre immerhin mit einer Acht-Dollar-Reparatur davon. Bei Tempo acht, der eigentlichen Standard-Testgeschwindigkeit, schepperte es schon ärger: der Pontiac kam auf 61, der Buick auf 231, der Cadillac auf 378 Dollar Reparaturkosten. Bei Tempo 16 flogen die Fetzen: der Pontiac litt für 758. der Buick für 804 und der noble "Caddie" für 1067 Dollar.
Stoßstangen anderer Fabrikate, die gleichfalls als "verbessert" propagiert worden waren, erbrachten noch schlechtere Testergebnisse: Scheinwerfer zerkrümelten, und "die Autos weinten". wie ein Testingenieur das aus gerissenen Kühlem tropfende Wasser umschrieb. Stoßfänger mit flüssigem Dämpfungsmaterial oder mit Spiralfedern (wie etwa die US-Raumfahrtfirma North American Rockwell sie entwickelte) wurden von den Autoherstellern aus Kostengründen bisher verschmäht.
Ein europäisches Auto, Schwedens Saab 99, hat indes den Sicherheitsstandard für 1973 schon erfüllt. Seine Stoßfänger enthalten elastische Plastikblöcke in Waben. Nicht ganz so weit reicht die Widerstandskraft eines ebenfalls unorthodox beschirmten neuen französischen Winzig-Autos namens Renault 5. dem man die Eleganz eines Neckermann-Kühlschranks nicht absprechen kann. Der Wagen hat anstelle einer herkömmlichen Stoßstange eine Art elastische Schürze, die Renault "Stoß. fläche" nennt -- bis Tempo sieben soll er heil bleiben.

DER SPIEGEL 7/1972
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